Popliteratur mit psychisch instabilen Figuren und herausragendem Sprachstil
In
dem Roman „Wir kommen“ von Ronja von Rönne steht die Protagonistin Nora, die
stets nachts von Panikattacken heimgesucht wird, mit ihren drei Freunden Karl,
Leonie und Jonas im Mittelpunkt. Sie führen eine offen-sexuelle Beziehung zu
viert und fahren eines Tages gemeinsam ans Meer, wo sie recht sorglos in den
Tag hineinleben und ihre seltsame Viererbeziehung zu kitten versuchen. Geschildert
wird das Geschehen personal in Form eines Tagebuchs aus der Sicht von Nora, die
von ihrem Therapeuten die Aufgabe erhalten hat, die nächsten Tage zu
protokollieren, um den Grund ihrer Panikattacken genauer in Erfahrung zu
bringen. Das Alter der vier Freunde wird leider nicht konkretisiert. Alle vier
zeichnen sich dadurch aus, dass es um ihren psychischen Zustand nicht allzu gut
bestellt ist. Begleitet wird das Quartett noch von der fünfjährigen Emma-Lou,
der schweigsamen Tochter von Leonie, die immer am Rande erwähnt wird und an
deren Beispiel deutlich wird, dass es sich auch um eine sehr verantwortungslose
Truppe handelt, die die Bedürfnisse des Kindes gar nicht wahrnimmt und die nach
meinem Empfinden zudem sehr gleichgültig im Umgang miteinander ist. Sie treten
einander auf den Gefühlen herum, ohne sich großartig daran zu stören, das Leben
begreifen sie als eine Art Schauspiel, bei dem sie situationsangemessen
bestimmte Rollen zu spielen haben. Die angebliche Freundschaft von Nora, Karl,
Leonie und Jonas wirkte auf mich oberflächlich. Das alles war für mich beim
Lesen etwas befremdlich.
Bei
ihrem Trip ans Meer wohnen sie in einem Strandhaus, das scheinbar Karl gehört. Geldsorgen
scheinen ihnen fremd zu sein. Um ihre Alltagsroutine zu durchbrechen, planen
sie die Veranstaltung einer großen Party, auf der dann später rund 100 Leute aus
der Medienbranche anwesend sind. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, wie
wenig Nora von ihrer Umwelt mitbekommt. Vieles, was sie beschreibt, bleibt
nebulös, schwammig und undetailliert. Sie ist sozusagen das Gegenteil einer
guten Alltagsbeobachterin. Zudem offenbart sie merkwürdige Ansichten auf die
Welt. Man könnte vermuten, dass auf diese Weise ihr gedämpfter psychischer
Zustand zum Ausdruck gebracht werden soll. Das habe ich in der Form so noch nie
gelesen, fand es innovativ. Es macht das Lesen und das Textverständnis aber
nicht immer einfach. Zu erwähnen ist auch, dass Nora häufiger an ihre tote
Freundin Maja denken muss, die für sie eine Art Idol war, zu der sie aufgesehen
hat, die sie aber auch stark negativ beeinflusst hat. Sie tut sich unheimlich
schwer damit, Majas Tod zu akzeptieren. Und am Ende des Romans wird dann
letztlich auch klar, was der Grund für Noras Panikattacken ist. Das fand ich
plausibel gelöst.
Positiv
hervorzuheben ist in diesem Roman vor allem aber die sprachliche Gestaltung. Von
Rönne hat einen eigentümlichen Stil, der sie auszeichnet, sie verwendet eine
poetische Sprache mit kreativen Sprachschöpfungen. Kurze, abgehackte Sätze,
einfache Parataxe, sehr pointiert vorgetragen. Das hat das Potential zu einem
Wiedererkennungswert zu werden. Das hat mir sehr gut gefallen. Auch erfüllt das
Werk die klassischen Kriterien eines Popliteratur-Romans, nicht nur die
schnodderige Sprache auch die Verarbeitung typischer Themen von Popliteratur
finden sich wieder.
Fazit:
Ein Roman mit Popliteratur-Merkmalen und herausragendem, kreativem Sprachstil, in dem vor allem anschaulich der „brüchige“ psychische Zustand der Protagonisten thematisiert wird. Kein Buch, das sich schnell und flüssig herunterliest, sondern bei dem man immer wieder stockt und nachdenkt.
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