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Donnerstag, 7. April 2022

Rönne, Ronja von - Wir kommen


4 von 5 Sternen


Popliteratur mit psychisch instabilen Figuren und herausragendem Sprachstil

In dem Roman „Wir kommen“ von Ronja von Rönne steht die Protagonistin Nora, die stets nachts von Panikattacken heimgesucht wird, mit ihren drei Freunden Karl, Leonie und Jonas im Mittelpunkt. Sie führen eine offen-sexuelle Beziehung zu viert und fahren eines Tages gemeinsam ans Meer, wo sie recht sorglos in den Tag hineinleben und ihre seltsame Viererbeziehung zu kitten versuchen. Geschildert wird das Geschehen personal in Form eines Tagebuchs aus der Sicht von Nora, die von ihrem Therapeuten die Aufgabe erhalten hat, die nächsten Tage zu protokollieren, um den Grund ihrer Panikattacken genauer in Erfahrung zu bringen. Das Alter der vier Freunde wird leider nicht konkretisiert. Alle vier zeichnen sich dadurch aus, dass es um ihren psychischen Zustand nicht allzu gut bestellt ist. Begleitet wird das Quartett noch von der fünfjährigen Emma-Lou, der schweigsamen Tochter von Leonie, die immer am Rande erwähnt wird und an deren Beispiel deutlich wird, dass es sich auch um eine sehr verantwortungslose Truppe handelt, die die Bedürfnisse des Kindes gar nicht wahrnimmt und die nach meinem Empfinden zudem sehr gleichgültig im Umgang miteinander ist. Sie treten einander auf den Gefühlen herum, ohne sich großartig daran zu stören, das Leben begreifen sie als eine Art Schauspiel, bei dem sie situationsangemessen bestimmte Rollen zu spielen haben. Die angebliche Freundschaft von Nora, Karl, Leonie und Jonas wirkte auf mich oberflächlich. Das alles war für mich beim Lesen etwas befremdlich.

Bei ihrem Trip ans Meer wohnen sie in einem Strandhaus, das scheinbar Karl gehört. Geldsorgen scheinen ihnen fremd zu sein. Um ihre Alltagsroutine zu durchbrechen, planen sie die Veranstaltung einer großen Party, auf der dann später rund 100 Leute aus der Medienbranche anwesend sind. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, wie wenig Nora von ihrer Umwelt mitbekommt. Vieles, was sie beschreibt, bleibt nebulös, schwammig und undetailliert. Sie ist sozusagen das Gegenteil einer guten Alltagsbeobachterin. Zudem offenbart sie merkwürdige Ansichten auf die Welt. Man könnte vermuten, dass auf diese Weise ihr gedämpfter psychischer Zustand zum Ausdruck gebracht werden soll. Das habe ich in der Form so noch nie gelesen, fand es innovativ. Es macht das Lesen und das Textverständnis aber nicht immer einfach. Zu erwähnen ist auch, dass Nora häufiger an ihre tote Freundin Maja denken muss, die für sie eine Art Idol war, zu der sie aufgesehen hat, die sie aber auch stark negativ beeinflusst hat. Sie tut sich unheimlich schwer damit, Majas Tod zu akzeptieren. Und am Ende des Romans wird dann letztlich auch klar, was der Grund für Noras Panikattacken ist. Das fand ich plausibel gelöst.

Positiv hervorzuheben ist in diesem Roman vor allem aber die sprachliche Gestaltung. Von Rönne hat einen eigentümlichen Stil, der sie auszeichnet, sie verwendet eine poetische Sprache mit kreativen Sprachschöpfungen. Kurze, abgehackte Sätze, einfache Parataxe, sehr pointiert vorgetragen. Das hat das Potential zu einem Wiedererkennungswert zu werden. Das hat mir sehr gut gefallen. Auch erfüllt das Werk die klassischen Kriterien eines Popliteratur-Romans, nicht nur die schnodderige Sprache auch die Verarbeitung typischer Themen von Popliteratur finden sich wieder.

Fazit

Ein Roman mit Popliteratur-Merkmalen und herausragendem, kreativem Sprachstil, in dem vor allem anschaulich der „brüchige“ psychische Zustand der Protagonisten thematisiert wird. Kein Buch, das sich schnell und flüssig herunterliest, sondern bei dem man immer wieder stockt und nachdenkt.

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