Atemberaubende Hetzjagd
In dem Wissenschaftsthriller „Probe 12“ entwickeln die Autorinnen Lange und Thiele die Idee, dass man multiresistente Keime und beginnende Antibiotikaresistenzen mit Hilfe einer Bakteriophagen-Therapie erfolgreich behandeln kann. Im Zentrum der Handlung stehen die Forschungsergebnisse des georgischen Wissenschaftlers Georgy Anasias, der zu Beginn des Romans brutal ermordet wird und um dessen Erkenntnisse dann eine intensive Hetzjagd beginnt, denn sein Laborjournal und seine Ampullarien mit 12 Bakteriophagen konnte er noch rechtzeitig an seinen früheren Assistenten Dr. Max Seifert nach Deutschland schicken. Der Handlungsstrang der actionreichen Verfolgungsjagd wird ergänzt um weitere: einerseits um das Schicksal von Tom Morell und seiner 15-jährigen, todkranken, an Mukoviszidose leidenden Tochter Sylvie, die bereits eine Antibiotikaresistenz entwickelt und nun auf alternative Behandlungsmöglichkeiten hoffen muss, andererseits um die außerparlamentarische Gruppierung der „pandemic fighters“ und ihren Forderungen nach angemessener Bekämpfung von Pandemien, multiresistenten Keimen und beginnenden Antibiotikaresistenzen sowie nicht zuletzt um den Bioterroristen Prometheus, der Anschläge mit multiresistenten Keimen auf Altersheime verübt, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die verschiedenen Handlungsstränge sind intelligent miteinander verflochten und bis zum Ende bleibt offen, wie alles nun miteinander zusammenhängt. Das ist raffiniert, geschickt erzählt und gut gemacht, es tröstet auch darüber hinweg, dass das erzählerische Tempo an manchen Stellen in der ersten Hälfte des Buches für meinen Geschmack doch etwas zu dynamisch und in erster Linie im Hinblick darauf gestaltet worden ist, Action zu erzeugen.
Was
gut gelungen ist, ist die Ausgestaltung der Figurencharakteristik und der
Beziehungsverhältnisse zueinander. Positiv hervorzuheben ist hier in meinen
Augen v.a. der wagemutige und gleichzeitig fürsorgliche Tom und sein Verhältnis
zu seiner kränklich-leidenden Tochter Sylvie, mit der man als Leser viel
Mitleid empfindet, sowie zu der gefühlvollen und aufgeweckten Wissenschaftsjournalistin
Nina Falkenberg, für die der ermorderte Georgy Anasias ein väterlicher Mentor
war. Zwischen Tom und Nina entsteht im Laufe der Geschehnisse sehr zaghaft eine
romantische Beziehung, das wird sehr feinfühlig erzählt. Auch die Figur der
Kommissarin Christina Voss finde ich gelungen dargestellt, eine intelligente,
empathische und professionelle Frauenfigur, die stets den Durchblick behält und
klare Ansichten hat. Und auch der Bösewicht, der Auftragskiller Jegor, wird in
seiner ganzen Gefühlskälte und Brutalität überzeugend gezeichnet und ruft
Empörung sowie Abscheu beim Leser hervor. Das Figurenensemble ist also gut
aufeinander abgestimmt
Eine weitere Stärke des Romans ist es, dass viele wissenschaftliche Hintergründe sowie Abläufe zur Gesetzgebungsverfahren geschickt und nachvollziehbar in die Handlung integriert werden. Dabei ist positiv hervorzuheben, dass der Inhalt fundiert recherchiert ist. Im Anhang findet man nämlich neben dem Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen auch ein Literaturverzeichnis mit weiterführenden Lektürehinweisen sowie ein aufschlussreiches Nachwort mit Hintergrundinformationen. Und für mich hätte das interessante Nachwort im Anhang sogar noch etwas ausführlicher ausfallen dürfen. Denn ich hätte es spannend gefunden zu erfahren, ob es z.B. für die Partei GPD ein reales Vorbild gab und ob die Absichtserklärung der Bundesregierung „DART 21“ wirklich existiert.
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