Dieses Blog durchsuchen

Mittwoch, 14. Oktober 2026

McFadden, Freida - Die verschlossene Tür




Der Handyman




Dr. Nora Davies, die Tochter des Serienmörders Aaron Nierling, informiert uns zu Beginn, was vor 26 Jahren passiert ist. Der Tag, an dem ihr Vater wegen des mehrfachen Mordes an jungen Frauen verhaftet worden ist, war für sie ein einschneidendes, traumatisches Erlebnis. Sie war damals elf Jahre alt. Ihre Mutter wurde damals der Beihilfe beschuldigt und brachte sich noch in U-Haft um. Aaron landete in einem Hochsicherheitsgefängnis.


Heute ist Nora Allgemeinchirurgin in einer Gemeinschaftspraxis. Zum Vater hat sie seit seiner Verhaftung keinen Kontakt mehr, auch wenn er ihr aus der Haft regelmäßig Briefe schreibt (die sie jedes Mal vernichtet). Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf, deren Nachnamen sie angenommen hat, um nicht mit den Taten ihres Vaters in Verbindung gebracht zu werden. In einer Bar wird sie von einem ehemaligen Patienten angesprochen, der sie wiedererkennt. Er bedankt sich ausgiebig dafür, dass sie ihn gerettet hat. Doch dann schlägt die Stimmung um und aus Dank wird Aufdringlichkeit. Der Barkeeper greift helfend ein und vertreibt den Mann. Als Nora die Bar verlässt und mit dem Auto nach Hause fährt, wird sie von einem Unbekannten verfolgt. Doch sie schüttelt ihn ab. Es wird nicht die einzige Verfolgung bleiben…


Im weiteren Handlungsverlauf erleben wir den alltäglichen Praxisbetrieb mit, in dem Nora agiert. In der Praxis weiß niemand etwas von ihrer tragischen Vergangenheit. Wir lernen missmutige Patienten und Arbeitskolleginnen und -kollegen kennen. Dabei offenbart Nora einen scharfen Blick für ihr Gegenüber. Ihren Mitmenschen gegenüber verhält sie sich aufmerksam und oft charmant (eine Gabe ihres Vaters, wie sie uns wissen lässt). Wir erfahren auch, dass Nora Single ist und wenig Interesse an Dates mit Männern hat. Sie will ihre Gene nicht weitergeben und bevorzugt das Alleinsein.


Eines Tages wird eine ehemalige Patientin von Nora in einem Fluss tot aufgefunden. Der Tathergang ähnelt den Vergehen ihres Vaters. Dem Opfer wurden die Hände abgetrennt. Auch der Opfertypus ist gleichartig. Nora gerät in Kontakt mit der Polizei. Hat sie etwas mit dem Mord zu tun? Gibt es eine Verbindung zu Aaron Nierling? Haben wir es mit einem Nachahmungstäter zu tun? Das sind die Fragen, die durch das Auftauchen der Polizei entstehen. Nora ihrerseits weiß nicht, warum der Verdacht der Polizei auf sie fällt. Sie fühlt sich hilflos und hat Angst davor, wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.


Eingeschoben sind auch Rückblickskapitel, in denen wir mehr darüber erfahren, was vor 26 Jahren passiert ist und wie Nora ihr damaliges Familienleben wahrgenommen hat. Ihr Vater verbrachte häufig Zeit im Keller, wo er vorgab, in einer selbst eingerichteten Werkstatt zu tischlern. Dort war er regelmäßig allein und die Tür zum Keller blieb stets verschlossen. Die Mutter achtete darauf, dass der private Bereich des Vaters ungestört blieb. Nora durfte den Keller nicht betreten.


Insgesamt ist der Thriller packend erzählt. Man kann auch gut miträtseln, was die Frage betrifft, wer hinter dem Mord an der ehemaligen Patientin von Nora steckt. Es gibt viele Verdächtige, die in Frage kommen, und es werden einige Fährten gelegt. Auch das Ende überzeugt. Es ist plausibel und durchdacht, auch wenn dieses Mal ein größerer Plot-Twist fehlt. Überraschend fand ich die Auflösung aber trotzdem. Es gab für mich aber auch eine Stolperstelle, die mich irritiert hat. So fand ich es unglaubwürdig, dass sie sich an den Barkeeper nicht mehr erinnern kann, obwohl sie einst mit ihm zusammen war (wenn auch nur für drei Monate).


Querverweise:

Weitere Thriller von Freida McFadden, die ich rezensiert habe:

- Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
- Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
- Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
- Die Kollegin (2025)
- Der Lehrer (2025)
- Der Freund (2025)
- Die Ehefrau (2026)
- Häftling (2026)

Weitere "Serienmörder-Thriller", die ich rezensiert habe:

- Bentow, Max: Engelsmädchen 
- Bentow, Max: Eulenschrei 
- Bentow, Max: Rabenland 
- Bentow, Max: Puppenherz
- Carter, Chris: Der Totenarzt
- Carter, Chris: Blutige Stufen
- Eva Geßner: Verlorene Seelen
- Eva Geßner: Seelenkalt
- Katzenbach, John: Die Komplizen
- King, Stephen: Mr. Mercedes
- Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 
- Piskulla, Christian: Die Suche nach dem Route 66 Killer

Montag, 12. Oktober 2026

Poznanski, Ursula - Das Signal

 


Überwachung



Viola Decker wacht ohne Erinnerung im Krankenhaus auf. Ein Arzt teilt ihr mit, dass man einen Großteil des linken Beins amputieren musste. Sie hatte einen Unfall, bei dem ein Felsen ihr Bein zertrümmert hat. In einem baufälligen Weinkeller ihres Anwesens ist die Decke eingestürzt, als sie sich darin befand. Sie kann sich aber nicht mehr daran erinnern, was sie im Keller wollte. Diese Informationslücke wird erst viel später gefüllt.


Emotionslos und sachlich betrachtet Viola ihren Stumpf. Sie kann das Geschehen mit dem Verstand nicht begreifen. Ihr Mann Adam und ein weiterer Facharzt machen ihr aber Hoffnung, dass sie trotz der Amputation bald wieder ein eigenständiges Leben führen kann. Doch Viola macht sich nichts vor. Sie kennt ihren Mann und ist sich ziemlich sicher, dass er ihr schon bald den Laufpass geben wird.


Adam ist erfolgreich und tritt im Fernsehen auf. Er arbeitet als Meinungsforscher und führt ein Leben in der Öffentlichkeit. Seine Social-Media-Kanäle haben zahlreiche Follower. Während Viola noch im Krankenhaus ist, organisiert Adam für seine Frau eine Pflegerin: Otilia (die aus Rumänien stammt). Sie soll Viola in den ersten Monaten unterstützen.


Ohne Rücksprache mit seiner Frau zu halten, hat Adam schon einen klaren Plan vor Augen. Viola soll im Gästezimmer im Erdgeschoss schlafen, in der Nähe von Otilia, die im Arbeitszimmer unterkommen wird, während Adam weiter das Obergeschoss bewohnen wird. Die Treppe ohne Geländer will er Viola ebenso wenig zumuten wie das gemeinsame Schlafzimmer.


Als Viola aus dem Krankenhaus entlassen wird, stellt sie ernüchtert fest, dass die Chemie zwischen ihr und Otilia nicht stimmt. Sie fühlt sich in ihrer Gegenwart äußerst unwohl. Otilia verhält sich distanziert und wortkarg. Doch ohne die Unterstützung ihrer Pflegerin kann Viola ihr Leben nicht bewältigen. Sie hat noch mit Einschränkungen zu kämpfen. Doch sie unternimmt alles, um möglichst bald wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.


Adam verhält sich seiner Frau gegenüber übervorsichtig. Sie traut sich selbst viel mehr zu, als er ihr zugesteht. Was steckt hinter diesem sonderbaren Verhalten? Als Leser bekommt man das Gefühl, dass Adam die Fortschritte seiner Frau ausbremsen möchte. Doch warum?


Da Viola ein ungutes Gefühl hat, was ihren Mann angeht, bestellt sie sich im Internet ein paar Mini-Tracker, von denen sie einen im Schuh von Adam verschwinden lässt. Auf diese Weise möchte sie ihn stärker überwachen. Auch Otilia stattet sie mit einem Gerät aus. Per App verfolgt sie die Wege der beiden. Sie macht sich sogar einen Spaß daraus, ihren Mann anzurufen und ihn zu fragen, was er gerade treibt. Dabei stellt sie fest, dass er nicht immer die Wahrheit sagt. Ihr Misstrauen ihm gegenüber wächst. Gleichzeitig muss sie aufpassen, dass sie sich ihren Informationsvorsprung nicht anmerken lässt und sich nicht verplappert. Viola malt sich in Bezug auf ihren Mann jede Menge Szenarien aus, die zutreffen können oder eben auch nicht. Das alles ist geschickt arrangiert. Folgende Fragen treiben die Handlung voran: Wo wird die Überwachung von ihrem Mann noch hinführen? Was wird sie über ihn herausfinden?


Das Buch beginnt wirklich spannend und lange Zeit dachte ich, dass es das beste Werk sein könnte, das ich bislang von Ursula Poznanski gelesen habe. Zwar hat das Buch zwischendurch auch immer mal wieder Längen, wo nichts Aufregendes passiert, aber darüber konnte ich hinwegsehen. Ich war wirklich neugierig, wie es weitergeht und worauf das Ganze hinausläuft. Man kann sich gut in die Lage von Viola hineinversetzen, die genau weiß, dass ihr Mann ihr gegenüber unehrlich ist. Gleichzeitig wird man als Leser dazu herausgefordert, das Vorgehen von Viola zu verurteilen. Doch leider haben die letzten 100 Seiten diesen insgesamt positiven Eindruck wieder zerstört. Ziemlich unvermittelt spielt auf einmal eine weitere Figur eine zentrale Rolle, von der man vorher nicht ein einziges Mal etwas gelesen hat. Es ereignet sich eine Wendung, die die Handlung in eine neue Richtung treibt. Das fand ich unglücklich. Weiterhin bin ich zum Ende hin über logische Ungereimtheiten gestolpert. Und noch etwas: Das Ende war mir zu kompliziert und zu chaotisch gestaltet, nicht leichtfüßig genug. Ich bin eine gewisse Zeit gar nicht mehr mitgekommen, welchen Plan Viola eigentlich verfolgt. Vorsicht Spoiler: Auch dass Viola ungeschoren davonkommt, war für mich nicht schlüssig. Kurzum: Das Ende des Buchs war eine Katastrophe! Sehr, sehr schade…


Querverweise:

Weitere Thriller mit einem ähnlichen Setting:

- Freida McFadden: Die Ehefrau
- Riley Sager: Hope's End
- Sophie Stava: Eine falsche Lüge

Weitere Thriller von Ursula Poznanski, die ich rezensiert habe:

- Aquila (2017)
- Stille blutet (2022)
- Die Burg (2024)
- Scandor (2024)


Samstag, 10. Oktober 2026

Strobel, Arno - Rachespiel



Rache



Frank erhält einen Briefumschlag mit einem Memory-Stick. Neugierig wie er ist, schaut er sich an, was darauf zu finden ist. Er entdeckt eine Textdatei mit einer mysteriösen Botschaft: „Gehe morgen, Sonntag, um Punkt zwölf auf diese Seite. Und kein Wort. Zu niemandem. Es geht um ein Leben. http://www.das-spiel.to (S. 13).“ Frank hält die Sache zunächst für einen Scherz oder für eine Werbeaktion. Seiner Frau Beate erzählt er nichts davon. Als er die Seite am nächsten Tag besucht, sieht er, wie ein Mann auf bestialische Weise gequält wird. Frank soll eine Aufgabe erfüllen, damit der Mann freikommt. Er soll auf einem Brückengeländer balancieren. Scheitert er daran oder lehnt er die Aufgabe ab, so wird der Mann sterben.


Frank nimmt die Sache nicht ernst und tatsächlich wird der Mann kurz danach ermordet. Derjenige, der den Mord begangen hat, gibt sich daraufhin als Festus zu erkennen. Dieser Name löst bei Frank etwas aus. Festus kennt er aus seiner Vergangenheit. Doch was es mit ihm auf sich hat, erfahren wir als Leser zunächst nicht. Das wird in eingeschobenen Rückblickskapiteln nach und nach aufgelöst. Dabei wird klar, dass Frank im Alter von 13 Jahren rücksichtslos agiert hat. Zusammen mit anderen Bandenmitgliedern hat er Festus, einen behinderten Jungen, der in die Bande aufgenommen werden wollte, eine Mutprobe abverlangt, die für Festus schwerwiegende Konsequenzen hatte. Doch was ist genau passiert? Was haben sich die Freunde von damals zuschulden kommen lassen? Warum soll an ihnen Rache verübt werden? Und wer steckt hinter dem Racheplan?


Im Folgenden wird Frank dazu genötigt, Bedingungen zu erfüllen, damit weitere Menschen nicht ihr Leben verlieren. Dafür wird er an einen abgelegenen Handlungsort gelockt (einen ehemaligen Atombunker). Und er stellt fest, dass er nicht alleine an diesem „Rachespiel“ teilnimmt, sondern auch die drei Bandenmitglieder von früher: Jens, Thorsten und Manuela. Sie werden im Bunker eingeschlossen und sollen Anweisungen von Festus abwarten. Wenn sie diese nicht befolgen, wartet eine Strafe auf sie. Dabei wird deutlich, dass die vier Freunde sich inzwischen nicht mehr so gut verstehen. Sie haben sich jahrelang nicht gesehen und sich voneinander entfremdet. Vor allem Thorsten tanzt aus der Reihe und verhält sich unberechenbar. Er will bei dem „Spiel“ nicht mitmachen. Es kommt zu Streitereien. Jede und jeder ist sich dabei selbst der nächste. Sie gehen nicht ehrlich miteinander um. Und der Täter, der hinter dem Racheplan steckt, hetzt die Freunde weiter gegeneinander auf und versetzt sie bewusst in Konkurrenzsituationen.


Ich habe diesen Thriller gelesen, weil ich ihn mit „Happy Weekend“ vergleichen wollte. Der Inhalt wies für mich erkennbare Parallelen auf. Auch hier geht es um Rache, auch hier spielt ein abgelegener Handlungsort eine Rolle, auch hier werden Aufgaben gestellt, die bewältigt werden müssen. Doch durch das Zusammenspiel der vier Freunde entsteht eine ganz andere Dynamik als in „Happy Weekend“. Und die Atmosphäre des Bunkers wird gut eingefangen. Mit den Handytaschenlampen, die nach und nach ihren Geist aufgeben, wird auch gut die Spannung forciert. Ich fand „Rachespiel“ inhaltlich deutlich besser gelungen als den aktuellen Thriller von Strobel, den ich erst kürzlich rezensiert habe. Interessanterweise spielt hier der Grad an geschildertem Sadismus auch keine große Rolle. Für mich ein Beweis dafür, dass man darauf verzichten kann, ohne dass die Spannungskurve darunter leidet. Insgesamt ist das Buch in sich rund. Der Abschluss ist gelungen. Gehört für mich zu den besseren Büchern des Autors.


Querverweise:

Weitere Bücher von Arno Strobel, die ich rezensiert habe:

- Das Wesen (2010)
- Das Dorf (2014)
- Tiefe Narbe (2017)
- Stalker (2024)
- Gegenspieler (zusammen mit Ingo Bott / 2024)
- Welcome Home (2025)
- Happy Weekend (2026)

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Merchant, Judith - Loreley singt nicht mehr

 


Tödliche Geheimnisse am Rhein




Der Hobbyangler Hannes Menzenbach findet eines Morgens im Rhein eine Leiche. Um der Polizei die Arbeit zu erleichtern, versieht er sie mit Knicklichtern. Jan Seidel, Kriminalhauptkommissar und leitender Ermittler, ist darüber wenig erfreut. Denn damit hat Hannes (unabsichtlich?) Spuren verwischt.


Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei der Leiche um den Bruder des Nachbarn von Menzenbach handelt (Gernot Schirner). Als die Polizei der Ehefrau die Todesnachricht überbringt, teilt diese den Beamten mit, dass Gernot schwer krank gewesen sei. Er hatte nur noch wenige Monate zu leben. Ein Selbstmord scheint also ebenfalls nicht ausgeschlossen. Irritierend daran ist aber, dass er keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat und man ihn unbekleidet gefunden hat.


Bei der Obduktion findet man heraus, dass die Leiche vorher in der Badewanne gelegen hat und das Opfer sediert war. Doch wer hat sie dann von dort zum Fluss transportiert? Der Fall gibt Rätsel auf. Hinzu kommt, dass es für Menzenbach nicht das erste Opfer ist, das der Rhein an sich genommen hat. Vor vier Jahren ist sein fünfjähriger Sohn ebenfalls im Fluss umgekommen. Kann das ein Zufall sein? Oder gibt es da einen Zusammenhang?


Neben Jan tritt auch seine Partnerin Elena wieder als Figur auf. Sie wird herrlich schräg dargestellt. Sie ist eine bekennende Feministin, die ihre Meinung selten für sich behält und lautstark nach außen vertritt – z.B. zur Kindererziehung. Auch Edith, Jans Großmutter, ist dieses Mal wieder mit von der Partie. Sie steht aber nach meinem Gefühl weniger im Vordergrund als noch in Band 1. Sie beweist oft den richtigen Riecher und sorgt in Gesprächen dafür, dass Jan auf neue Ideen bei den Ermittlungen kommt.


Für mich ist der Krimi solide, weist aber nicht die Finesse des ersten Teils auf. Mir fehlte auch der Humor des vorangegangenen Bands. Es wird viel Ermittlungsarbeit geschildert. Viele Verdächtige aus dem Umfeld des Opfers werden in Befragungen vernommen. Nach und nach kommen verwickelte Familienverhältnisse ans Tageslicht. Kurzum: Ein klassischer Krimi. Die Ermittlungen werden aber ereignisreich vorangetrieben. Sie stocken nicht oder drehen sich im Kreis. Für einen Krimi ist das Tempo hoch.


Querverweise: 

Merchant, Judith: Nibelungenmord (2011)
Merchant, Judith: Die Lügen jener Nacht (2014)
Merchant, Judith: Atme! (2019)
Merchant, Judith: Schweig! (2021)

Sonntag, 4. Oktober 2026

Merchant, Judith - Aprikosenkind



Ruby - ein besonderes Kind




Nathalie bringt ihre Tochter Ruby wie jeden Tag in den Kindergarten und muss darauf achten, pünktlich zu sein. Sie hat einen Gesprächstermin mit der Leiterin, um über das Verhalten ihrer Tochter zu sprechen. Ruby zeigt Verhaltensauffälligkeiten, ist wenig am Kontakt mit anderen Kindern interessiert und bleibt für sich. Am Morgenkreis nimmt sie nicht aktiv teil, Rollenspiele machen ihr keinen Spaß. Ruby hat ihren eigenen Kopf und ihr eigenes Tempo. V.a. was das Malen angeht, zeigt sie Entwicklungsverzögerungen. Die Leiterin bezeichnet sie als ein besonderes Kind, das Förderbedarf hat. Sie empfiehlt Nathalie Ergo- und Kunsttherapie für Ruby.


Die Situation erzeugt auf Nathalie gehörig Druck. Sie ist ratlos, was sie tun soll. Dass ihr Kind nicht altersgemäß entwickelt ist, bereitet ihr große Sorge. Ihrem Mann Gabriel wäre es am liebsten, wenn niemand an Ruby „herumzerrt“. Sie soll sich nicht anders als andere Kinder fühlen und nicht das Gefühl bekommen, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Er betreibt Realitätsverweigerung. Er will nicht wahrhaben, dass Ruby Unterstützung braucht und er versucht seine Frau zu beruhigen, dass mit Ruby alles normal ist. Er ist der Überzeugung, dass sich niemand in ihr Familienleben einmischen soll. Und auch Nathalie würde dem „Optimierungswahn“ am liebsten entkommen. Doch wie soll das funktionieren?


Eines Morgens erreicht Nathalie ein Anruf aus dem Kindergarten. Ruby verhalte sich komisch und habe eine Art hysterischen Anfall. Jemand von den anderen Kindern hat auf ihr Bild gemalt. Daraufhin ist Ruby außer sich. Der Verdacht einer Autismus-Spektrums-Störung oder ADHS steht im Raum. Der Kindergarten will den Eltern einen Kontakt zu einem Kinder- und Jugendpsychiater vermitteln. Nathalie spielt mit dem Gedanken, mit Ruby zum Facharzt zu gehen, ohne Gabriel zu informieren. Sie weiß, dass er dagegen ist. Dabei hat sie jedoch das Gefühl, ihre eigene Tochter zu verraten. Der Gewissenskonflikt, in dem sie sich befindet, kommt gut zum Ausdruck. Nathalie will auf ihr Kind keinen Druck ausüben, tut es dann aber doch.


Um den Kindergarten davon zu überzeugen, dass mit Ruby alles in Ordnung ist, fordert Nathalie ihre Tochter auf, ein schönes Bild zu malen. Doch als sie zu Hause sieht, was Ruby gemalt hat, ist sie geschockt und irritiert. Es macht den Eindruck, als hätte Ruby Gewaltphantasien. Doch was steckt dahinter? Warum hat Ruby dieses Bild gemalt? Und warum hat sie ihr Talent fürs Malen bislang vor allen verborgen? Gabriel erkennt in der Zeichnung nichts Dramatisches und will sie nicht überinterpretieren. Doch Nathalie will hinter das Geheimnis der Zeichnung kommen und sucht Hilfe. Nach und nach erfahren wir als Leser mehr über die Vorgeschichte zu Gabriels und Nathalies Ehe. Und durch diese Informationen, die offenbart werden, erscheint die Lage irgendwann in einem gänzlich anderen Licht. Die Familiensituation ist viel komplexer als man es anfangs vermuten konnte. Und der Eindruck, den man von der Beziehung zwischen Gabriel und Nathalie hat, verändert sich im weiteren Handlungsverlauf.


Von Judith Merchant habe ich bereits einige Bücher gelesen. Ich mag ihren Schreibstil sehr. Und auch der aktuelle Thriller konnte mich überzeugen. Der Plot ist durchdacht konstruiert und wendungsreich konzipiert. Ich habe das Werk von Anfang bis Ende mit großem Interesse gelesen und fand den Inhalt spannend aufbereitet. Die Auflösung ist in sich schlüssig und das Buch endet zwar unspektakulär, aber plausibel.


Querverweise:

Weitere Bücher von Judith Merchant, die ich rezensiert habe:

- Nibelungenmord (2011)
- Die Lügen jener Nacht (2014)
- Atme! (2019)
- Schweig! (2021)



Donnerstag, 1. Oktober 2026

Regener, Sven - Frankie und Freddie




Die vergessene Tasche




Frankie ist seit kurzem in Westberlin und will seinen Bruder Freddie, der an einer Medikamentenstudie für Psychopharmaka teilnimmt, mit dem Auto abholen. Doch sein Opel Kadett springt nicht an, die Batterie ist leer. Er bittet seinen Mitbewohner und Freund Karl Schmidt um Hilfe. Dieser bringt Frankie mit einer Kastenente, die ihm bei seinem neuen Job als Dienstfahrzeug zum Schneeräumen dient, zum vereinbarten Treffpunkt (ein Hotel am Ku‘damm). Als Frankie seinen Bruder in Empfang nehmen will, muss er zunächst noch ein Gespräch mit einem Arzt führen. Dieser würde Freddie gern noch länger in der Studie behalten, aber beide Brüder lehnen das Angebot rigoros ab. Denn Freddie plant, schon bald nach New York zu ziehen. Daraufhin erhalten sie vom Arzt eine Telefonnummer für Notfälle. Zeitlich ist die Handlung einen Tag vor Heiligabend angesiedelt.


Als die Brüder zurück in ihrer WG sind, geht es drunter und drüber. Die Gedankenführung der Gespräche ist sprunghaft. Die Themenwahl ist skurril. Nebensächlichkeiten werden oft spontan in den Mittelpunkt gerückt und ausführlich sowie tiefsinnig diskutiert, bevor man zum eigentlichen Kern des Gesprächs zurückkehrt. Absurde Dinge werden mit einer großen Ernsthaftigkeit besprochen. Kurzum: Die Dialoge sind amüsant gestaltet worden und sehr nah an der Alltagssprache. Es entsteht hin und wieder Situationskomik (u.a. gibt es ein witziges Verkaufsgespräch mit antikapitalistischen Weltanschauungen in einer Apotheke oder die Schilderung einer grotesken Tankstellensituation). Hinzu kommen eine besondere Berliner Milieu-Atmosphäre und der typische, schnodderige Berliner-Charme. Die Figuren agieren herrlich „verpeilt“ und haben alle ihre eigenen kleinen Probleme zu lösen. Auch Franks Schlagfertigkeit wird wieder deutlich. Und Freddie hat noch mit Nachwirkungen der Studie zu kämpfen. Er erlebt Gefühlsausbrüche und hat Angst vor Zusammenkünften mit vielen Menschen. Fahrten mit der U-Bahn sind ihm ein Graus…


Irgendwann fällt Freddie auf, dass er eine Tasche mit wichtigen Reiseunterlagen im Hotel vergessen hat. Die Freunde müssen mitten im Schneetreiben noch einmal aufbrechen, um sie zu holen. Da Karl Schmidts Einsatz beim Schneeräumen gefragt ist, müssen die WG-Bewohner zusehen, wie sie ohne die Kastenente nochmal zum Ku’damm kommen. Eine schräge Tour durch Berlin nimmt ihren Lauf. Dabei ist es immer wieder lustig zu lesen, wie Freddie und Frankie miteinander umgehen. Die Brüder geigen sich auch mal die Meinung, weisen sich gegenseitig zurecht und liefern sich verbale Schlagabtausche. Ich musste oft Schmunzeln. Insgesamt lebt der Roman von seinen Konversationen. Diese suchen ihresgleichen. Fazit: Ein spaßiger Trip durch Berlin, den ich gern verfolgt habe.


Sonntag, 27. September 2026

Lapena, Shari - The couple next door

 


Unglaublich clever konstruierter Krimi




Marco und Anne sind bei ihren kinderlosen Nachbarn zu einer Dinner-Party eingeladen. Ihre kleine Tochter Cora haben sie mit Babyphon zu Hause gelassen. Sie ist erst vor sechs Monaten auf die Welt gekommen und Anne hat noch immer mit den Symptomen einer postnatalen Depression zu kämpfen. Sie fühlt sich in ihrer Haut unwohl. Das Abendessen bei den Nachbarn kann sie nicht genießen. Sie ist unentspannt und wäre viel lieber in der Nähe ihrer Tochter. Doch Marco scheint das wenig zu stören. Er flirtet ungeniert mit seiner attraktiven Nachbarin. Und erst als Anne heftig insistiert, um 1 Uhr nachts endlich nach Hause zu gehen, gibt Marco nach.


Als die beiden nach Hause kommen, bemerkt Anne sofort, dass die Tür zum Haus einen Spalt offensteht. Sofort rennt sie zum Kinderzimmer und muss feststellen, dass von ihrer Tochter jede Spur fehlt. Ein Schockmoment für Anne und Marco! Sie wählen den Notruf. Detective Rasbach, ein sachlicher, intelligenter und analytischer Typ, nimmt daraufhin die Ermittlungen auf. Er verspricht den Eltern, ihre Tochter ausfindig zu machen. Mit präzisen Nachfragen versucht er einen möglichen Tatablauf zu rekonstruieren. Seiner äußerst aufmerksamen Beobachtungsgabe entgeht dabei nichts. Rasbach zieht alles in Betracht und ist versessen darauf, die Wahrheit ans Tageslicht zu zerren. Sogar die Eltern werden von ihm genauer unter die Lupe genommen. Die Umgebung wird abgesucht, Nachbarn und mögliche Zeugen werden befragt, das Haus wird von Kriminaltechnikern untersucht. Auch die Medien werden eingeschaltet. Kurzum: Nichts wird unversucht gelassen.


Anne macht sich selbst und ihrem Mann große Vorwürfe. Wie konnten sie Cora nur allein zu Hause lassen? Als die Medien ins Spiel kommen, werden sie von einer Welle an Anteilnahme, aber auch an Vorwürfen konfrontiert. Im weiteren Handlungsverlauf zeigt sich, dass der Schwerpunkt v.a. auf den Befragungen liegt. Auf diese Weise kann man sich als Leser zu verschiedenen Figuren ein Urteil erlauben und gut miträtseln. Die Darstellung der Innenwelten der Figuren ist gut gelungen (das ist mir schon bei dem Thriller „Was sie nicht weiß“ aufgefallen). Was ich an diesem Werk besonders toll fand, war der Umstand, dass sich der Krimi von einem „whodunit-“ zu einem „howcatchem-Krimi“ entwickelt hat und eine überraschende Wendung bereithält. Irgendwann weiß man als Leser mehr als die Figuren. Das ist geschickt arrangiert.


Insgesamt war dieses Buch wirklich ein Kracher, der unglaublich clever konstruiert ist. So wie dieses Buch muss meiner Ansicht nach ein herausragender Krimi sein. Je weiter man liest, desto vertrackter wird der Fall. Die Innenperspektiven sind klasse aufeinander abgestimmt. So erfährt man beispielsweise auch, was die Figuren jeweils übereinander denken, welche Schlüsse sie ziehen und wie sie sich teils auch irren. Der Verdacht zu den Figuren wird immer wieder in verschiedene Richtungen gelenkt. Man wird als Leser immer wieder in die Irre geführt und verunsichert, und das gleich mehrmals (vor allem am Ende). Irgendwann weiß man gar nicht mehr, was stimmt und was nicht. Nach diesem Buch hätte es mich eigentlich nicht gewundert, wenn die Autorin ähnlich einschlägt wie eine Freida McFadden. Ich muss unbedingt noch mehr von Lapena lesen.


Querverweise:

Ein weiteres Buch von Lapena, das ich rezensiert habe: "Was sie nicht weiß"

Weitere Thriller, in denen ein verschwundenes Kind eine Rolle spielt:

- Bestgen, Sarah: Happy End
- Faber, Heni: Kaltherz
- Getz, Kristine: Poppy 
- Logan, T. M.: The Parents