Krankheit, Autismus und Solidarität
Zu Beginn des Buchs begleiten wir die tägliche Morgenroutine von Pina und ihrem Sohn Leo. Und schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Leo ganz bestimmte Eigenheiten und Verhaltensweisen an den Tag legt. So müssen z.B. ritualisierte Abläufe penibel eingehalten werden. Leo ist Autist und sehr auf Pina angewiesen. Sie kümmert sich um alles und hilft ihm dabei, das Leben zu bewältigen. Auch macht sie sich um ihn stets große Sorgen und will ihn vor möglichem Unheil beschützen. Ans Alter oder an eine Krankheit will sie gar nicht denken, schließlich muss sie Leo engmaschig betreuen und die Verantwortung für ihn übernehmen. Das Leben mit Leo fordert Pina sehr. Es unterscheidet sich stark von dem anderer Menschen. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, kann sie nicht einfach abschalten und entspannen, sondern sie muss Leo versorgen und auf seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Aus diesem Grund kommt Pina kaum zur Ruhe. Pausen sind für sie ein Fremdwort. Sie fühlt sich oft erschöpft.
Neben Pina und Leo spielen weitere Figuren in diesem Roman eine wichtige Rolle. Da ist z.B. die betagte Inge, die ab und zu auf Leo aufpasst, wenn Pina einkaufen geht. Und da ist die rebellische Zola, die zu Beginn des Romans unfreundlich, mürrisch und unsozial wirkt. So beschwert sie sich über die Lautstärke des Busses, der Leo jeden Morgen abholt und zur Werkstatt bringt. Und nicht zuletzt ist da der zurückgezogene Nachbar Wojtek, der mit Leo nur wenig anfangen kann.
Die Lebensumstände von Pina führen dazu, dass sie ihre Gesundheit vernachlässigt. Obwohl sie sich mit Magenschmerzen plagt, findet sie keine Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Sie selbst kommt eindeutig zu kurz. Leo steht immer an erster Stelle. So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages bricht Pina auf dem Rückweg vom Einkaufen zusammen. Und selbst in diesem Moment gilt ihr erster und einziger Gedanke ihrem Sohn. Und Inge steht plötzlich allein mit Leo da, der zunehmend ungeduldig wird. Inge muss Leo irgendwie beruhigen und ist schnell mit dem Jungen überfordert. Wie wird es nur weitergehen? Kommt Pina wieder auf die Beine? Und wird Leo den Ausfall seiner Mutter verkraften?
Im weiteren Handlungsverlauf bilden die erwähnten Nachbarn eine „Notgemeinschaft“ (Inge, Zola und Wojtek) und durchlaufen ausnahmslos eine Wandlung. Sie müssen sich auf Leo und seine Eigenheiten einstellen und den Ausfall von Pina irgendwie auffangen. Dabei wächst vor allem Zola über sich hinaus und findet einen emotionalen Zugang zu Leo, der ab und zu unvorhersehbar agiert und auch mal für unangenehme Situationen sorgt. Aus dem widerspenstigen Mädchen wird ein soziales. Und die Nachbarn merken erst jetzt, welche Kraft, Geduld und Disziplin Pina jeden Tag auf Neue abverlangt wurden. Gleichzeitig erleben wir mit, wie es Pina im Krankenhaus geht. Sie kämpft darum, schnell wieder fit zu werden und ist in Gedanken immer bei ihrem Sohn. Auf mich wirkte sie völlig rastlos. So kann es für sie nicht weitergehen…
Für mich ein Buch, das wichtige Themen anspricht. Es wird gezeigt, wie die unerwartete Krankheit von Pina sich auf ihr eigenes Leben, das ihres Sohnes und das ihrer Nachbarn auswirkt. Der Ausfall von Pina führt dazu, dass Inge, Zola und Wojtek Verantwortung für Leo übernehmen und sich solidarisch zeigen. Gleichzeitig wird problematisiert, dass das Zusammenleben mit einem autistischen Kind auch herausfordernd ist, und es wird eine Lösung demonstriert, wie ein Leben unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts von Leo glücklich gestalten werden kann, ohne dass Pina überfordert wird. Ein wichtiges Buch mit wichtigen Botschaften. Ich war am Geschehen emotional beteiligt und habe das Werk von Vera Zischka gerne gelesen.






