Vertrauen und Täuschung
Der Tauchlehrer Sven holt seine neue Kundschaft am Flughafen von Lanzarote ab: den Schriftsteller Theodor Hast und die Schauspielerin Jolante Augusta Sophie von der Pahlen. Beide haben eine teure, vierzehntägige Exklusivbetreuung gebucht. Mit dem VW-Bus bringt Sven Theo und Jola in ihre Unterkunft und unterwegs bestaunen diese die karge Vulkanlandschaft der Insel. Und schon bald wird deutlich, dass zwischen Theo und Jola eine angespannte Stimmung herrscht. Ihr Zusammenspiel als Paar wirkt alles andere als harmonisch. Theo verteilt gern verbale Seitenhiebe und Jola provoziert Theo gern mit ihrem Verhalten. Und auch beim Tauchen agieren beide verantwortungslos und beachten Svens Sicherheitsregeln nicht. Keine einfache Kundschaft! Der Urlaub scheint der Versuch, die Beziehung zu retten und eine gemeinsame Annäherung zu erreichen.
Eingeschoben in die Handlung werden auch Tagebuchaufzeichnungen von Jola, so dass wir als Leser einen Einblick in ihre Gedankenwelt erhalten. Wir erfahren, dass sie auf eine neue Rolle als Schauspielerin hofft. Das Tauchtraining ist für sie die Vorbereitung auf ein zukünftiges Engagement. Auffällig ist zudem, dass sie ihren älteren Mann Theo in ihrem Tagebuch nur abfällig als „alten Mann“ bezeichnet (er ist 42 Jahre alt). Es wird deutlich, dass sie keine hohe Meinung von ihm hat. Stattdessen schwärmt sie von ihrem attraktiven Tauchlehrer (der übrigens 40 Jahre alt ist :-) So gefällt ihr besonders, dass er sich unter Wasser um sie kümmert und sich ihr gegenüber fürsorglich verhält. Zudem hält sie Urlaubseindrücke fest und beschreibt, wie sie Situationen erlebt. Und schon bald wird dem Leser klar, dass Jolante den Ablauf von Ereignissen abweichend zu Sven beschreibt. Sie erscheint als unzuverlässige Erzählerin (wenn wir Svens Erzählung Glauben schenken). Als Leser wissen wir nicht mehr, welche Version des Geschilderten stimmt. Das ist geschickt arrangiert und macht neugierig auf die Auflösung…
Auch auf den beruflichen Aussteiger Sven macht Jolas Erscheinung Eindruck. Und es bleibt nicht aus, dass sie sich unter Wasser nahekommen, wenn Sven helfend eingreift. Obwohl er eigentlich mit Antje zusammen ist, die ihn auch beruflich unterstützt und die Buchführung sowie die Logistik übernimmt, hat er häufiger sexuelle Gedanken, die Jola betreffen. Was die Beziehung von Antje und Sven betrifft, so erfahren wir u.a., dass Sven sich gern seine Freiheiten bewahrt, anders als Antje keinen Kinderwunsch verspürt und zwischen beiden ein Altersunterschied von zehn Jahren existiert (eine auffällige Parallele zu Jola und Theo). Doch auch wenn Sven die kriselnde Beziehung zwischen seinen Kunden wahrnimmt, will er eisern an seinem professionellen Prinzip festhalten, sich nicht in die Belange von anderen einzumischen. Doch Jola und Theo machen es ihm nicht leicht. Und schon bald kommt es zu einer ersten Konfrontation, als Theo Sven fragt, ob er auf Jola steht…
Die Beziehungsverhältnisse der Figuren sind so angelegt, dass psychologische Spannung entsteht. Zwischenmenschliche Reibungen und Machtspiele werden greifbar. Vertrauen und Täuschung hängen eng zusammen. Intrigen und Manipulation erscheinen möglich und verlaufen subtil. Die Figuren werden durch andere in bestimmte Rollen hineingezwängt und in gegenseitige Abhängigkeiten gedrängt. Theo, Jola, Antje und Sven weisen Tiefe auf, so dass die Charakterzeichnung ebenfalls als sehr gelungen bewertet werden kann. Besondere Beachtung verdient in meinen Augen z.B. auch der Vaterkomplex von Jola. Als Leser weiß man irgendwann nicht mehr, wem man was glauben kann. Verhält sich Jola aufdringlich oder ist Sven derjenige, der es auf Jola abgesehen hat? Spinnt Jola eventuell eine durchdachte Intrige? Verfälscht sie in ihrem Tagebuch bewusst Dinge (ggf. um Theo wiederum zu beeinflussen, der dieses zu lesen scheint)? Wird Sven evtl. nur als Mittel zum Zweck in die toxische Beziehung von Jola und Theo hineingezogen? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zu Beginn v.a. an Jolas Version gezweifelt habe, was daran liegen mag, dass Sven als Erzähler auftritt und damit vielmehr Raum einnimmt. Zum Ende hin wurde ich dann aber doch wieder unsicher Es könnte genauso gut sein, dass Sven die Unwahrheit behauptet und Abläufe von Geschehnissen verdreht. Beides ist möglich. Auch Sven ist kein zuverlässiger Erzähler. Letztlich zeigt sich, dass objektive Wahrheit nicht existiert. Wahrheit entsteht aus Narrativen. Dem Leser wird am Ende selbst überlassen, ein Urteil zu den Geschehnissen zu fällen. Fazit: Ein ausgezeichnetes Buch, über das man noch lange nachdenkt. V.a. der Titel „Nullzeit“ (= eine Phase während des Auftauchvorgangs) erhält am Ende eine besondere Bedeutung.
Querverweise:
Weitere Rezensionen zu Werken von Juli Zeh:
- Spieltrieb,
Ähnliche Werke wie "Nullzeit": z.B. Kristina Hauff (In blaukalter Tiefe)






