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Freitag, 22. Mai 2026

Lally, Megan - That's not my name




Mädchen ohne Vergangenheit




Eine Ich-Erzählerin wacht verletzt und erinnerungslos in einem Straßengraben auf. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert ist, und wird rein zufällig von einem Polizisten aufgelesen. Auch an ihren Namen kann sie sich nicht erinnern. Die Suche des Gesetzeshüters in einer Vermisstenkartei führt zu keinem Ergebnis. Und noch während er versucht, die Sache aufzuklären, erscheint ein Mann im Polizeirevier, der seine Tochter sucht und behauptet, dass das verletzte Mädchen zu ihm gehört. Sie heiße Mary Boone. Seine Identität beweist er u.a. damit, dass er alte Fotos von ihr auf seinem Handy hat. Er will dem Beamten auch die Geburtsurkunde und den Sozialversicherungsnachweis vorlegen, wenn er die beiden nach Hause begleitet (was er auch tut). Alles wirkt plausibel und glaubhaft. Der Beamte hat keinen Zweifel daran, dass es sich um den Vater des Mädchens handelt. Doch die Ich-Erzählerin erinnert sich nicht an ihn. Sie hat ein ungutes Gefühl und es fällt ihr schwer, Vertrauen zu fassen. Ihre Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Verunsicherung werden gut greifbar. Doch sie will ihrem Vater glauben. Sein Verhalten gibt zunächst keinen Anlass zur Sorge (bis auf die Tatsache, dass er nicht mit ihr ins Krankenhaus fährt?!). Er verhält sich fürsorglich und freundlich. Doch ohne zu viel zu verraten: Das wird nicht so bleiben. Schon bald wird Mary misstrauisch. Sagt ihr Vater wirklich die Wahrheit?


In einem weiteren Blickwechsel lernen wir Drew kennen, dessen Freundin Lola seit fünf Wochen als vermisst gilt. Verzweifelt verteilt er Flyer in der Stadt, in der Hoffnung die Polizei bei der Suche nach ihr zu unterstützen. Nach seiner Ansicht ergreifen die Gesetzeshüter keine ausreichende Initiative. Sie halten Lola bereits für tot und glauben sogar, dass Drew etwas mit dem Verschwinden von Lola zu tun hat. Sie gehen davon aus, dass zwischen beiden etwas vorgefallen ist, das Drew verheimlicht. Sie machen ihm Vorwürfe, weil er Lola nach einem Treffen allein nach Hause gehen lassen hat und sich erst am nächsten Tag danach erkundigt hat, ob sie sicher zu Hause angekommen ist. Auf genau diesem Rückweg ist sie verschwunden. Er macht sich selbst große Vorwürfe deswegen, aber die Anschuldigungen belasten ihn. Auch andere Leute in der Stadt halten ihn für schuldig, u.a. auch Lolas beste Freundin mit Namen Autumn. Drew fühlt sich falsch behandelt. So wird ihm vorgehalten, dass er nicht genügend mit der Polizei kooperiert. Er selbst weiß, dass er kein Mörder ist, aber viele halten ihn dafür. Verheimlicht er wirklich etwas? Oder liegt die Polizei mit ihren Verdächtigungen falsch?


Was mir gut an diesem Thriller gefallen hat: Das Urteil zu den Figuren wird mit allerlei erzählerischen Kniffen gut gelenkt. Man fragt sich irgendwann, wer die Wahrheit sagt und wer lügt – und das bei beiden Erzählperspektiven. Darüber hinaus will man erfahren, wie die beiden Handlungsstränge zusammenhängen. Die Spannungskurve flacht kaum ab und nimmt am Ende sogar noch an Intensität zu. Ich war während der gesamten Lektüre neugierig auf die Auflösung. Die Sprache ist klar und direkt. Der Text leicht zugänglich. Das Tempo hoch. Die Auflösung raffiniert. Was man noch wissen sollte: Es handelt sich um einen Jugendthriller. Das merkt man v.a. daran, dass es sich bei den Protagonisten um Jugendliche handelt und die Themen eher an jugendlichen Lesern ausgerichtet sind (Coming-of-Age-Merkmale).


Abschließend zwei Kritikpunkte (Spoilergefahr!): Stellenweise wirkt die Handlung auf mich auch mal zu weit hergeholt (z.B. Drews Einbruch bei der Polizei und sein anschließendes Eingeständnis) oder doch zu vorhersehbar (warum bringt Wayne seine Tochter nicht ins Krankenhaus?). Aber dennoch insgesamt eine runde Sache, das Buch.


Querverweise:

Weitere Thriller mit Amnesie-Motiv, die ich rezensiert habe: 

Bentow, Max: Rabenland
Bentow, Max: Rotkäppchens Traum
Fitzek, Sebastian: Mimik
Nisi, Sarah: Haltlos 
Poznanski, Ursula: Aquila


Sonntag, 17. Mai 2026

Stuckrad-Barre, Benjamin von - Panikherz


Kämpferherz



Zu Beginn möchte ich erst einmal loswerden, dass ich vor dem Autor Stuckrad-Barre größten Respekt habe. In dem Buch „Panikherz“ schildert er, aus welcher tiefen Lebenskrise er sich herausgekämpft hat. Sein Erfolg als Autor hat ihn anfällig für die Verlockungen von Drogen werden lassen, die er auf selbstzerstörerische Art konsumierte. Und als Leser erleben wir mit, wie Stuckrad-Barre sich immer wieder auf Neue in Entzugskliniken begibt und doch wieder rückfällig wird. Es ist ein harter Kampf, aus dem er am Ende als Sieger hervorgeht. Er befreit sich letztlich von seiner Drogensucht. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Kraftakt! Sein autobiographisches Buch „Panikherz“, in dem der Autor sehr offen mit seinen „Dämonen“ umgeht, hätte auch „Kämpferherz“ heißen können.

 

Der Titel „Panikherz“ ist nach meinem Verständnis aber auch eine Anspielung auf ein großes Vorbild von Stuckrad-Barre. In seinem Buch verneigt er sich vor Udo Lindenberg, der ihn bei seinem Kampf gegen die Sucht großartig unterstützt hat. Das wird immer wieder deutlich. Udo war für Stuckrad-Barre schon in der Jugend ein Idol, als er dessen Platten für sich entdeckte und die Texte auswendig lernte. Kurzum: Die Bewunderung für den Sänger wird nur allzu deutlich. Die Musik von Udo zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Autors und wird immer wieder zum seelentröstenden Fluchtpunkt. An vielen Stellen im Buch findet man Passagen aus Udos Liedern, die passend in den inhaltlichen Kontext eingefügt werden.

 

Darüber hinaus gewährt Stuckrad-Barre den Lesern einen sehr persönlichen, offenherzigen Einblick in seine Biographie als Pastorensohn, und das auf humorvolle, selbstironische Art und Weise in einem angenehm plauderhaften Ton. Die sprachgestalterische Seite ist dabei oft kreativ und spielerisch. Die Lektüre macht Spaß, trotz der Tragik der geschilderten Lebenskrise. Es ist absolut kein trauriges, selbstmitleidiges Buch.

 

Für mich als Göttinger waren besonders Stuckrad-Barres Göttinger Jahre interessant zu lesen. So beschreibt er z.B., wie er als Plattenkritiker im Göttinger Stadtmagazin „Nightlife“ tätig war und schildert seine schicksalshafte Begegnung mit dem damaligen Herausgeber des Magazins, Christoph Reisner, der später Begründer des Göttinger Literaturherbstes werden sollte. Mit der Zeit „rutscht“ er immer mehr hinein in diese Welt von Musik, Kultur und Künstlertum, er entwickelt sein eigenes Schreibhandwerk weiter und wird schließlich selbst Autor („Soloalbum“). Dabei wird auch deutlich: Alkohol und Drogen sind ständige Begleiter.

 

Das „rauschhafte“ Leben nach der ersten Buchveröffentlichung findet ebenfalls Erwähnung. Und es wird deutlich, dass Stuckrad-Barre mehr will. Er wird regelrecht „erfolgshungrig“ und genießt das Rampenlicht. Er sei in ein Karussell eingestiegen, das sich immer schneller gedreht und ihn schließlich aus der Bahn geworfen habe, so der Autor. Ein weiteres zentrales Thema, über das er ganz offen und unverblümt spricht, ist seine Essstörung, die sich bis hin zur Bulimie entwickelt. Wir tauchen ein in die Gedankenwelt der gefährlichen Selbstwahrnehmung eines Magersüchtigen und Junkies. Und Stuckrad-Barre ist hart in seiner Selbstanalyse, beschönigt nichts. Vor den Augen der Leser entspinnt sich ein Akt der Selbstzerstörung. Viele Klinikaufenthalte bringen keinen Erfolg. Niemand kann den Autor vor sich selbst schützen.

 

Und mitten in dieser schweren Zeit wird Udo Lindenberg zu einer wichtigen Stütze für Stuckrad-Barre. Er unternimmt einiges, um „Stuckimann“ aus seinem Loch herauszuziehen. Die Schilderungen des Autors über den Sänger sind herzergreifend. Udo wirkt warmherzig, sympathisch, hilfsbereit. Er hat das Herz am rechten Fleck, hält zu Stuckrad-Barre, fängt ihn auf. So einen Freund kann sich jede und jeder, die oder der in einer Lebenskrise steckt, nur wünschen. Und auch der Bruder des Autors hat großen Anteil daran, dass es Stuckrad-Barre letztlich gelingt, seine Sucht zu besiegen und einen Lebenswandel zu vollziehen. Noch mal gut gegangen…


Neben Udo finden auch viele weitere Prominente Erwähnung, auf die Stuckrad-Barre im Laufe seines ereignisreichen Lebens trifft. Dabei plaudert der Autor offen aus dem Nähkästchen. So findet z.B. der amerikanische Autor Bret Easton Ellis häufiger Erwähnung, aber auch Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk kommen vor. Fazit: Wer an einem sehr, sehr persönlichen Bericht des Autors über seine bewegte Biographie interessiert ist und sich von den Themen „Drogensucht“ und „Essstörung“ nicht zu sehr getriggert fühlt, der kann mit diesem Buch in meinen Augen nichts falsch machen. Stuckrad-Barre schreibt mit viel Ironie, offenherzig und originell. Hat mir sehr gut gefallen!



Donnerstag, 14. Mai 2026

Scalzi, John - Krieg der Klone




Vom Rentner zum Elitesoldaten




Im Alter von 75 Jahren sucht John Perry das Grab seiner Frau auf, mit der er 42 Jahre verheiratet war, und geht anschließend zur Armee. Er will Mitglied der sogenannten KVA (= Koloniale Verteidigungsarmee) werden, erhofft sich eine Lebensverlängerung von mindestens 10 Jahren und will so noch ein sinnvolles Lebensende verbringen.


Die Armee ist in der Lage, den Alterungsprozess aufzuhalten. Wie genau sie das anstellt, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Die Armee agiert weitestgehend im Verborgenen und lässt die Menschen auf der Erde im Unklaren über das, was sie treibt. Mit der Unterschrift unter den Rekrutierungsvertrag gibt John viele persönliche Rechte auf. Von seinem bisherigen Leben muss er sich völlig verabschieden.


Perry begegnet den Rekrutierungsprozess ziemlich gleichgültig. Ihm ist egal, was aus ihm wird. Er hat im Leben keine großen Ziele mehr. Mit weiteren Mitstreiter:innen verlässt er schließlich die Erde und macht sich auf den Weg zu einem neuen Einsatzort. Und an Bord des Raumschiffs lernen sich die hochbetagten Rekruten besser kennen. Sie durchlaufen jede Menge medizinische Checks und psychologische Tests. Unterwegs zerbrechen sich die zukünftigen Soldaten den Kopf darüber, was sie wohl erwartet und auf welche Weise sie verjüngt werden.


Irgendwann wird klar, was mit John Perry und den anderen passieren soll. Ihr Bewusstsein soll in einen jüngeren, genetisch optimierten Klonkörper transferiert werden. Blut, Augen und andere Sinnesorgane, Muskelkraft und Reaktionszeit, das alles wurde verbessert. Regelmäßige „Wartungen“ des Klonkörpers sorgen dafür, dass er in Topform bleibt. Der alte und nutzlos gewordene Körper hingegen wird entsorgt.


Nachdem der Transfer abgeschlossen ist, wird John mit Hilfe einer Broschüre :-) auf das Leben in seinem neuen Körper eingestimmt. John gewöhnt sich schnell an die neuen Vorzüge und sieht v.a. die Vorteile, die der neue Klonkörper mit sich bringt. Und die Armee gewährt den Rekruten anfangs gewisse Freiheiten. Doch schon bald wird es ernst und den neuen Soldaten werden ihre zukünftigen Aufgaben erklärt. Sie sollen existierende menschliche Kolonien schützen, sie sollen nach neuen Planeten suchen, die sich für eine Kolonisation eignen, und sie sollen Planeten, die von fremden Aliens bereits bevölkert sind, für eine menschliche Kolonisierung vorbereiten.


Die zukünftigen Soldaten durchlaufen eine harte Ausbildung. Sie werden gnadenlos gedrillt, lernen dabei ihre Waffen sowie ihre neuen Fähigkeiten und ihre außerirdischen Gegner kennen (Assoziationen zu Full Metal Jacket und Starship Troopers stellen sich ein). Zwei Jahre müssen sie als Infanteristen stumpf Befehle befolgen und irgendwie hoffen am Leben zu bleiben (so lange haben sie sich verpflichtet). Und der Ausbilder beschönigt nichts. Er macht den neuen Soldaten klar, dass die Überlebensquote bei den Einsätzen gering ist. Drei Viertel der Rekruten würden im Einsatz voraussichtlich sterben. Doch Perry entpuppt sich als raffinierter Soldat und macht schnell durch besondere Leistungen auf sich aufmerksam. In brenzligen Situationen bewahrt er einen kühlen Kopf und ergreift auch einmal Eigeninitiative, um Situationen zu lösen. Auch ist er in der Lage, zu improvisieren. Was wird aus ihm? 


Auffällig sind die lebhaften, teils witzigen Dialoge, die mich sofort für sich eingenommen haben. Viel Ironie und Sarkasmus wird deutlich (und das auf trockene Art und Weise). Das Buch ist dem „Military-Science-Fiction“ zuzuordnen. Die Schrecken des interstellaren Krieges werden gut deutlich. Diplomatie ist für die Armee ein Fremdwort. Sie kennt mit ihren Gegnern keine Gnade und agiert aggressiv-imperial. Und mit der Zeit findet John einiges heraus, was ethisch bedenklich ist. So wird z.B. massenweise Genozid verübt. Eine klare Kritik an Militarismus, Propaganda, Kriegsverbrechen und der Austauschbarkeit von Menschen in Kampfeinsätzen. Der Krieg wird als etwas Entmenschlichendes dargestellt. Es wird nichts glorifiziert. Letztlich nimmt man an dem Schicksal von John Anteil und verfolgt interessiert, welche Entwicklung er nimmt. Man hofft, dass er überlebt. Als Protagonist hat er Zugkraft. Die Handlung wird ereignisreich vorangetrieben. Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und fand es stark.


Querverweise:

Weitere "Military-Science-Fiction", die ich rezensiert habe:

Peterson, Phillip P.: Das schwarze Schiff
Dittert, Christoph: Fallender Stern
Brandhorst, Andreas: Splitter der Zeit


Sonntag, 10. Mai 2026

Harpman, Jacqueline - Ich, die ich Männer nicht kannte




Feministische Parabel




Eine Ich-Erzählerin hält in einem Bericht ihre Erinnerungen an ihre Gefangenschaft fest. Zusammen mit 39 anderen Frauen wird sie in einem Käfig unter der Erde festgehalten und von männlichen Wärtern mit Peitschen beaufsichtigt. Sie ist das jüngste Mitglied der Gruppe. Zwischen beiden Geschlechtern herrscht absolute Kommunikationslosigkeit. Die Männer reden nicht mit den Frauen (und zwar über das ganze Buch hinweg). In ihrer Fantasie flüchtet sich die Ich-Erzählerin in amouröse Abenteuer mit einem der Aufseher, behält diese intimen Gedanken aber für sich. Ihr gefallen die Empfindungen, die sie dabei verspürt. Später ereignet sich eine überraschende Wendung. Die Männer ergreifen eines Tages die Flucht und verschwinden. Die Frauen bleiben allein mit einem Schlüsselbund zurück. Sie befreien sich und lernen erstmals die Welt außerhalb des Käfigs kennen. Dabei werden sie von der permanenten Angst vor einer Rückkehr der Wärter begleitet. Doch von den Männern fehlt jede Spur. Fortan müssen die Frauen allein zurechtkommen und man fragt sich, wie es mit ihnen weitergehen wird und was sie entdecken werden.


Der Kontext des Ganzen bleibt nebulös. Das Wissen der Ich-Erzählerin ist auf das Hier und Jetzt und einen kleinen Handlungsspielraum beschränkt. Und als Leser wissen wir genau so wenig wie die Protagonistin. Man weiß nicht, warum die Frauen gefangen sind, wie es dazu kam und warum es gerade ausschließlich Männer sind, die sie überwachen. Auch weiß man nicht, warum die Männer eines Tages die Flucht ergreifen und wohin sie verschwunden sind. Das alles eröffnet jede Menge Interpretationsspielräume. Leider gibt der Text selbst aber kaum Hinweise, um den Inhalt in eine bestimmte Richtung zu deuten, was ich schade finde (oder leben die Frauen etwa auf einem anderen Planeten, wie sie selbst oft mutmaßen?). Dadurch bleibt der Interpretationsspielraum, was den Kontext des Geschehens betrifft, ungewöhnlich groß. 


Das Buch ist vermutlich als Parabel zu verstehen. Dahinter steckt (unter anderem, aber nicht nur) die feministische Idee, dass Frauen in einer von Männern dominierten Welt nur Gefangene sind, die überwacht und kontrolliert werden. Die Männer machen die Regeln, die Frauen haben diese zu befolgen und werden unterdrückt. Die Frauen sind nur vom Wohlwollen der Männer abhängig und können nicht selbstbestimmt leben. Das Patriarchat lässt grüßen. Doch auch das Fehlen der Männer führt nicht zu einem glücklichen Zustand der Frauen. Fortan irren sie ziellos durch die Welt und sind auf der Suche nach ihrem Lebenssinn und sich selbst. Für mich eine undifferenzierte Sichtweise, was das Patriarchat betrifft, aber nun gut. Die komplexen gesellschaftlichen Machtverhältnisse werden hier auf zu vereinfachende Weise und zu schematisch heruntergebrochen. Vielleicht bin ich aber auch der falsche Adressat und verstehe einfach zu wenig von den feministischen und philosophischen Ideen, die in diesem Buch stecken und die ich übersehen habe (Stichwort: Platonische Höhle, Existentialismus etc.)


Zu Beginn erwartet die Leserinnen und Leser ein ausufernder Erzähler(innen)bericht mit vielen (öden) Beschreibungen zu Alltagsverrichtungen. Spannung kommt nicht auf. Die Frauen leben unter widrigen Umständen. Die hygienischen Zustände sind miserabel. Ihr Dasein ist völlig sinnentleert. Die Abläufe der Tage sind monoton und ähneln einander. Sie leben unter permanenter Beobachtung und Kontrolle. Es herrscht Zeitlosigkeit. Die Frauen wissen weder, wie spät es ist, noch wissen sie, wie viel Zeit bereits vergangen ist oder welcher Tag oder Monat ist. Insgesamt verläuft die Handlung ereignisarm. Stattdessen liest man viel innere Handlung. Erst die Wendung, als die Männer verschwinden, bringt etwas Schwung ins Buch. Die Frauen entschließen sich, die Umgebung zu erkunden. Sie packen Proviant ein und hoffen, anderen Menschen zu treffen und mehr über sich und ihr Dasein zu erfahren (und als Leser hofft man ebenfalls darauf).


Nach dem Aufbruch der Frauen werden zahlreiche existenzielle Fragen aufgeworfen (wo komme ich her, wer bin ich, warum bin ich hier etc.). Und der Tod wird zum ständigen Begleiter. Die Jahre vergehen und nach und nach versterben immer mehr der ehemaligen Gefangenen (teils natürlich, teils durch Suizid). Doch auf Dauer liest sich auch dieser Teil des Buchs über weite Strecken öde. Der Inhalt wiederholt sich oft, die innere Handlung dreht sich häufig im Kreis. Es passiert wenig. Das Geschehen stagniert. Ereignisarmut prägt den Plot. Schon gar nicht darf man darauf hoffen, dass man irgendeine Antwort auf eine der vielen Fragen erhält, die man als Leser bei der Lektüre mit sich herumträgt. Aber das ist ja bewusst so gestaltet (Stichwort: Parabel). Stattdessen liest man viel distanzierten Erzähler(innen)bericht mit viel (philosophischer) Selbstreflexion der Ich-Erzählerin. Und darüber hinaus: Thematisierung von Vergänglichkeit, Schilderung von Alterungsprozessen und Sterbebegleitung, Darstellung von körperlichem Verfall. Kurzum: Das Buch konnte mich inhaltlich nicht abholen und spannend war es leider auch nicht. Die feministische Lesart, die vom Buch eröffnet wird, bleibt mir zu symbolisch und ist nicht differenziert gesellschaftsanalytisch. Und der kreierte Interpretationsspielraum zum Kontext des Geschehens bleibt mir insgesamt zu offen und zu unbestimmt.


Mittwoch, 6. Mai 2026

Taler, Mark - Der Administrator von Eden




Über totalitäre Kontrolle und Freiheitsdrang




Mera muss zusammen mit 200 weiteren Kindern einen Ritus vollziehen. Ausgestattet mit einem Schutzanzug sollen sie die schützende Kuppel von Eden verlassen und eine Pilgerstätte in der Außenwelt aufsuchen. So soll der eigene Glaube gestärkt werden. Wenn die Prüflinge diese Reifeprüfung bestanden haben, werden sie als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft der Kuppel aufgenommen. Das Vertrauen in den sog. Administrator soll ihnen auf ihrer Mission Kraft verleihen. Hüten müssen sie sich vor so genannten Kriechern – das sind außerirdische Lebensformen, die den Menschen gefährlich werden können. Schnell wird deutlich, was für Glaubenssätze Mera vertritt. Sie ist sehr fromm und stellt zu Beginn wenig in Frage.


Nach ihrer bestandenen Reifeprüfung entschließt sich Mera dazu, Priesterin zu werden. Auf diese Weise hofft sie, verborgenes Wissen zu erlangen. Sie möchte mehr über die Kuppel und das Leben darin erfahren und die Vergangenheit der Kolonie verstehen. Die Regeln des Kollektivs hinterfragt sie nicht. Sie will innerhalb des herrschenden Systems ihren Platz finden. Sie durchläuft eine Ausbildung zur Priesterin und als Leser erleben wir mit, welche Inhalte sie erlernt. U.a. muss sich Mera als Tugendwächterin betätigen, was die strengen Regelungen des Zusammenlebens gut verdeutlicht.


Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung wird Mera vom Administrator höchstpersönlich für den inneren Kreis ausgewählt. Sie erhält einen neuen Namen und gehört fortan zu einer elitären Gesellschaftsschicht, die nur den wenigsten vorbehalten ist. Ihr Traum wird wahr. Sie erlangt Wissen, das nur den Mitgliedern des inneren Zirkels vorbehalten ist. Sie genießt Privilegien, von denen andere Bewohner nur träumen können. Und mit der Zeit wird sie immer neugieriger. Ihr Wissensdurst ist immens. Sie studiert zahlreiche Bücher. Bald schon findet sie einen Vertrauten, der ihr bisheriges Weltbild ins Wanken bringt. Ihr Blick auf Eden verändert sich. Mehr und mehr durchschaut sie, was in der Kuppel vor sich geht. Sie beschließt etwas zu unternehmen, um eine Veränderung des Systems herbeizuführen. Wird das gelingen?


Während der Lektüre erfahren wir als Leser nach und nach mehr Hintergründe über Eden. Die Gemeinschaft befindet sich auf einem fremden Planeten. Man hat die Erde einst mit Sternenschiffen verlassen und lebt seit mehreren Generationen innerhalb der Kuppel. Die Kolonisten fanden keinen fruchtbaren Planeten vor, sondern eine karge, lebensfeindliche Welt, in der nichts gedieh. Von den Opfern, die vorangegangene Generationen erbracht haben, kursieren mündlich tradierte Legenden. Die Strukturen des Zusammenlebens machen einen totalitären Eindruck. Menschen, die vom Glauben abweichen, werden bestraft, indem sie aus der Kuppel verbannt werden (ein sicheres Todesurteil). Abweichendes Verhalten soll von den Einwohnern der Kuppel gemeldet werden und wird sanktioniert. Dem Administrator gegenüber verhalten sich die Menschen ehrfürchtig. Er ist das unangefochtene Oberhaupt. Um ihn wird ein regelrechter Personenkult betrieben. Überall hängen Bildnisse von ihm. Insgesamt ist das Buch gut, flüssig und spannend geschrieben. Die Neugier wird beim Lesen permanent befeuert. Ich war gespannt auf die Auflösung und wurde nicht enttäuscht. Aber an „Omniworld“ reicht das Buch nicht heran.


Querverweise:

Taler, Mark - Omniworld


Freitag, 1. Mai 2026

Eschbach, Andreas - Ins fahle Herz des Sommers

 


Mysteriös und undurchschaubar




Fausto lebt in einer wenig hoffnungsvollen postapokalyptischen Welt, in der eine Seuche die Menschen heimgesucht hat und die Hitze der Sonne den Menschen große Probleme bereitet (dem Klimawandel sei Dank). Die südlichen Länder sind unbewohnbar geworden. Viele hat es bereits in den Norden (nach Nordkanada, Grönland und Sibirien) gezogen, sofern sie das nötige Geld für die Ausreise aufbringen konnten. Doch Fausto harrt in der trostlosen, lebensfeindlichen Umgebung (irgendwo in Frankreich) weiter aus und kämpft jeden Tag ums Überleben.


Das Dorf, in dem er lebt, ist weitestgehend verlassen. Es sind nur noch einige wenige Nachbarn übriggeblieben (u.a. ein Pfarrer), zu denen Fausto nach wie vor Kontakt hat. Nachts macht er sich mit seinem Fahrrad auf den Weg, um die umliegende Gegend nach Vorräten und anderen nützlichen Dingen abzusuchen. Allerdings haben zahlreiche Plünderungswellen dafür gesorgt, dass nicht mehr viel vorhanden ist.


Der triste Alltag von Fausto wird uns Lesern nähergebracht. Er versucht das Beste aus seiner Situation zu machen und ist darum bemüht, nur an die Zukunft zu denken. Große Pläne macht er jedoch nicht. Eingeflochtene Kindheitserinnerungen zeugen davon, dass er noch eine andere Welt kennen gelernt hat. Doch die Erinnerungen verblassen.


Eines Tages zieht eine fremde, mysteriöse Frau namens Valérie in das verlassene Nachbarhaus von Fausto ein. Die Hitze macht ihr wenig aus. Fausto findet sie überaus attraktiv und in ihm erwacht ein Beschützerinstinkt. Das erste Kennenlernen verläuft sonderbar. Valérie äußert sich nur sehr zurückhaltend und bleibt wortkarg. Sie gibt sehr wenig von sich preis und behauptet, dass sie nicht wisse, wo sie herkomme. Auch aus diesem Grund hat sie eine rätselhafte Ausstrahlung. Sie wirkt geheimnisvoll und als Leser möchte man mehr über sie erfahren.


Fausto hat die Hoffnung, dass er nicht länger allein durchs Leben gehen muss. Und tatsächlich kommt es schon bald zu einer Annäherung zwischen ihm und Valérie. Fausto stört sich nicht daran, dass er so gut wie nichts über sie weiß. Er lernt ein neues Gefühl kennen: Verlustangst. Auch Körperlichkeit und Begehren spielen eine große Rolle. Doch in der Nachbarschaft erregt die Beziehung der beiden schon bald Aufsehen. Wie wird es mit den beiden weitergehen? Werden sie evtl. doch noch in den Norden ziehen?


Das Buch weist durchgängig eine besondere Atmosphäre auf, was v.a. auch daran liegt, dass Valérie als Figur sehr mysteriös daherkommt. Das hat mir gut gefallen. Die Welt, in der Fausto lebt, bleibt für den Leser undurchschaubar und wirkt kafkaesk. Strukturen, die das Gemeinwesen aufrechterhalten, werden angedeutet, bleiben aber nebulös. Später treten Figuren auf, die Fausto nur als Fremde bezeichnet. Auch ihre Herkunft bleibt unklar. Kontextualisierungen und Erklärungen werden bewusst ausgelassen. Man erfährt nur punktuell etwas über die zukünftige Welt, in der Valérie und Fausto leben. Der Kreis der Personen, die in diesem Buch auftreten, ist auf eine überschaubare Anzahl begrenzt. Doch man erfährt nur wenig Hintergründe zu den Nebenfiguren. Schade! Das Ende hat mich leider unbefriedigt zurückgelassen. Ich wollte noch so viel mehr erfahren. Insgesamt bleibt die Idee der futuristischen Welt ausbaufähig. Vielleicht ja ein einem weiteren Buch? Wer weiß…


Querverweise:

Eschbach, Andreas: Solarstation (1996)
Eschbach, Andreas: Perfect Copy. Die zweite Schöpfung (2002)
Eschbach, Andreas: Der Letzte seiner Art (2003)
Eschbach, Andreas: Die seltene Gabe (2004)
Eschbach, Andreas: Ausgebrannt (2007)
Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt Bd. 3, Bd. und Bd. (2006-2008)
Eschbach, Andreas: Freiheitsgeld (2022)
Eschbach, Andreas: Der schlauste Mann der Welt (2023)
Eschbach, Andreas: Die Abschaffung des Todes (2024)

Mittwoch, 22. April 2026

Clarke, Arthur und Stephen Baxter - Sonnensturm



Kosmische Gefahr




Wir befinden uns im Jahr 2037. Der Sonnenforscher Michail Martynov lebt in einer Forschungsstation auf dem Mond und überwacht die Sonne. Er lebt dort allein, nur unterstützt von einer KI (by the way: Oberflächen- und Lichtverhältnisse am Südpol des Mondes werden bildhaft beschrieben. Man kann sich alles gut vorstellen). Eines Morgens beobachtet Michail eine neue aktive Region auf unserem Heimatstern. Wenig später erhält er Besuch von einem Neutrinoforscher, der ebenfalls auf dem Erdtrabanten stationiert ist. Er erforscht den Kern der Sonne und überbringt Michail eine beunruhigende Nachricht: Die Auslöschung der Erde stehe bevor. Es blieben noch 5 Jahre Zeit, um sich gegen die Katastrophe zu wappnen.


Auch auf der Erde stellt man Auffälligkeiten fest. Ein geomagnetischer Sonnensturm sucht unsere Heimatwelt heim. In London kommt es zu Aurorae und die Energieversorgung wird beeinträchtigt. Z.B. werden die elektronischen Leitsysteme für PKWs empfindlich gestört. Verkehrsprobleme sind die Folge. Auch Satelliten werden beschädigt. Kommunikationssysteme fallen aus. Inmitten dieses Chaos bewegt sich die Physikerin Siobhan. Sie findet schnell heraus, dass die Ereignisse nicht lokal auf London beschränkt sind. Die gesamte Erde ist betroffen und versinkt im Chaos. Und keiner weiß, wie lange das Phänomen anhält. Siobhan wird um Rat gefragt, was man gegen die Folgen des koronalen Massenauswurfs tun kann. Doch angesichts der riesigen Dimensionen der Sonne gibt es zunächst wenig, was ihr dazu einfällt.


Nachdem die Menschheit den ersten Sonnensturm überstanden hat, wird schnell klar, dass dieser nur der Anfang war. Der Erde droht schon bald eine gewaltige Katastrophe. Ideen sind gefragt. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, plant man schließlich einen gewaltigen Schutzschild zu konstruieren (mit einem Durchmesser von 13.000 km) - ein Projekt, das die Einheit der Menschheit und eine Zusammenarbeit verschiedener Nationen erfordert. Die Ressourcen des Planeten müssen gebündelt werden, um den Bau des Schilds zeitnah abzuschließen. Viele (v.a. technischen) Herausforderungen müssen bewältigt werden. Das Schicksal der Erde steht auf dem Spiel. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Und die Frage bleibt, ob diese Maßnahme ausreichen wird und was danach passiert. Für mich ein gelungenes Ausgangssetting.


Eine weitere Perspektive betrifft Leutnant Bisesa Dutt, die während eines Helikopterflugs im Afghanistan-Einsatz für eine gewisse Zeit spurlos verschwindet. Während für sie fünf Jahre vergehen, ist auf der Erde nur ein Tag vergangen, als sie zurückkehrt. Sie ist von einer fremden Macht entführt worden, die sie als „Erstgeborene“ bezeichnet. Sie glaubt, dass die fremde Intelligenz hinter den Ereignissen auf der Sonne steckt. Für sie ist es kein Zufall, dass das Schicksal der Erde durch die Sonne bedroht wird. Doch warum sollten die Erstgeborenen die Menschheit auslöschen wollen? Was ist ihr Motiv?


Besonders gefallen hat mir, dass einiges an Wissen zur Sonne in diesem Buch beiläufig vermittelt wurde. So erfahren wir etwas über Protuberanzen, über Sonnenflecken, über den Aufbau, über die Aktivitäten und über die Prozesse, die im Inneren der Sonne ablaufen. Weniger gefallen haben mir die Längen, die v.a. vor dem eigentlichen Eintritt der Katastrophe spürbar waren. Hier hätten Zeitsprünge für mehr Dynamik gesorgt. Mir waren die Schilderungen zur Konstruktion des Schildes insgesamt zu langatmig und zu detailverliebt. Erst das letzte Drittel widmet sich den Ereignissen rund um den heftigen Sonnensturm, der dann das Schicksal der Menschheit bedroht. Der Ablauf der Katastrophe wird ausführlich und aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben. Die Spannung war beim Lesen spürbar. Enttäuscht hat mich dann wieder, was nach der Katastrophe geschildert wurde. Da hatte ich deutlich mehr erwartet. Schade fand ich auch, dass die Erstgeborenen nicht auftauchen. Damit ist erst in Band 3 dieser Trilogie zu rechnen ("Wächter"). 


Querverweis:

Ein weiteres Buch von Stephen Baxter, das ich rezensiert habe: "Die Wiege der Schöpfung"