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Montag, 31. August 2026

Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer




Trendy!




Bali


Vor ihrem Umzug nach Berlin macht Samara zum ersten Mal alleine Urlaub, und zwar auf der Insel Bali. Samara ist eine Freundin von Ida, so dass eine lose inhaltliche Verbindung zu den ersten beiden Büchern der Autorin besteht. Auf Bali fühlt sich Samara allerdings nicht wohl. Sie wird belagert von Einheimischen, die ihr Souvenirs verkaufen wollen und die sie immer nur schwer loswird. Das Klima ist ihr zuwider. Und ins Wasser geht sie auch nicht, schließlich könnte sie von einem Hai attackiert werden. Mit dem Scooter baut sie regelmäßig kleinere Unfälle und wird von der Rezeption mit Pflastern versorgt. Noch dazu übernachtet sie in einem Achtbettzimmer, was sich als schlimmer herausstellt, als sie im Vorfeld gedacht hat. Die Zimmergenossen und die ständigen Konversationen nerven sie. Kurzum: Ein Menschenfreund ist die Protagonistin nicht gerade. Sie beschwert sich über viele Dinge, scheut den engeren Kontakt zu anderen Urlaubern und fühlt sich als Außenseiterin, die nirgendwo dazugehört. Ihr sind nur wenige positive Erfahrungen auf Bali vergönnt: So genießt sie die Sonnenuntergänge und mit der Rezeptionistin Mulan freundet sie sich sogar ein wenig an. In gewisser Weise ist der Urlaub eine Flucht vor ihren Pflichten, die ihr bevorstehen. Sie wird bald umziehen und in Berlin in einer PR-Agentur beginnen.
Der erste Teil des Buchs besteht aus der ausführlichen Schilderung von Selbstreflexion und ähnelt einem Erlebnisbericht. Samara kreist viel um sich selbst und wirkt orientierungslos. Sie weiß nicht so recht, was sie mit ihrer Zukunft anfangen will. Der Schreibstil ist lebendig und klar sowie direkt. Auch zeigt sich große Lebensweltnähe. So wird regelmäßig deutlich, was Samara so auf Social-Media-Kanälen konsumiert und was sie davon hält.


Berlin


In der PR-Agentur, in der sie arbeitet, betreut Samara Künstler. Wir erhalten einen Einblick in ihre Aufgabenbereiche und lernen etwas über die Welt von Influencern So wird stets überlegt, welche Themen „gepusht“ werden sollen. Die Mechanismen von Social-Media werden gut offengelegt (eine für mich fremdartige Welt). Die Angestellten der Agentur atmen in ihren Meinungen und Ansichten den typischen Zeitgeist. Ihre Gespräche drehen sich mantraartig um nichts anderes als die typischen Influencer-Themen, die auch auf den Kanälen immer wieder gepostet werden: toxische Männlichkeit, feministische Inhalte, Bodyshaming, Lebenscoaching, Carshaming, Nachhaltigkeit etc. Die Trends werden von außen vorgegeben und gezielt gesetzt. Influencer werden gezielt aufgebaut und engagiert, um die entsprechenden Botschaften zu verbreiten. Schließlich entschließt sich Samara dazu, ihren Job zu kündigen und in die Allgäuer Alpen zu fahren. Für mich wurde die Welt von Influencern in diesem zweiten Erzählabschnitt gehörig auf die Schippe genommen, hat mir gut gefallen.


Allgäu


Die Autofahrten der Protagonistin werden sehr humorvoll beschrieben. Es geht vorbei an Kempten direkt nach Oberstdorf. Dort genießt sie die Idylle und die Gastfreundschaft in einem Gasthof. Doch sie beginnt im Kontakt mit den Menschen unehrlich zu werden und falsche Identitäten vorzugeben (vielleicht eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung :-). Sie denkt sich Geschichten über sich selbst aus. Im Gasthof gibt sie sich als Lena aus, die Medizin studiert hat und von Rügen stammt. Und ich fand amüsant zu lesen, wie sich Samara selbst in Teufels Küche begibt mit ihren kleinen Lügen. Sie ist immer kurz davor aufzufliegen und kann sich immer noch gerade so aus Situationen herauswinden. V.a. kritische Nachfragen bringen sie jedes Mal gehörig ins Straucheln. Und bevor es für sie zu unangenehm wird, fährt sie weiter nach St. Moritz. Dort gibt sie sich als Künstlerin aus. Sie beobachtet den Reichtum und die gut betuchten Menschen im Ort. Sie hat Spaß daran, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich Hintergrundgeschichten zu ihnen auszudenken, was auf eine starke Imaginationsfähigkeit und Kreativität hindeutet. Ihre Rollen spielt Samara sehr glaubwürdig und zieht sie konsequent durch. Bei vielen hinterlässt sie bleibenden Eindruck (doch es gibt auch ein paar wenige Menschen, die sie zu durchschauen scheinen). Es kommt sogar soweit, dass ihr angeboten wird, ihre Fotos bei einer Ausstellung zum Kauf anzubieten. Wird sie dort auffliegen? Was mir gut gefallen hat, waren die eingebauten intermedialen Bezüge, die immer mal wieder einfließen. So wird hin und wieder auf Romane, Filme oder Serien verwiesen, die Samara konsumiert.


Fritz


Samara hat Fritz schon in Berlin zum ersten Mal gesehen und fand ihn direkt sympathisch. Er stellt ihr später seine Wohnung in St. Moritz zur Verfügung, wo sie günstig unterkommt. Später besucht er sie dort. Zwischen beiden funkt es. Und natürlich weiß er, dass sie eine falsche Identität vorgibt. Doch es stört ihn nicht. Problem bei der Beziehung zwischen beiden: Fritz ist schon vergeben und Vater einer vierjährigen Tochter. Kann aus beiden trotzdem etwas werden? Zum Ende erreicht die Liebesgeschichte ihren Höhepunkt…


Hochstapler-Motiv 


Warum tritt die Protagonistin als Hochstaplerin auf? Diese Frage habe ich mir während des Hörens häufiger gestellt. Ist es wirklich nur eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung? Oder steckt mehr dahinter? Es fällt auf, dass Samara Schwierigkeiten damit hat, Nähe zuzulassen. Will sie sich schützen und hinter den vorgegaukelten Identitäten verstecken? Und eine Erklärung wird im Buch selbst vorgegeben: Samara möchte nicht sie selbst sein, sondern lieber jemand anderes. Und nur auf diese Weise gelingt es ihr ja, Kontakt zu den wohl situierten Menschen herzustellen. Auch das könnte eine gute Erklärung sein. Wer mag kann auch noch intertextuelle Bezüge zu anderen Hochstapler-Geschichten herstellen (v.a. zu Felix Krull von Thomas Mann, was ich leider nie gelesen habe) oder sich zum Motiv selbst genauer informieren (vgl. z.B. Frenzel: Motive der Weltliteratur). Auf diese Weise erhält das Buch noch eine tiefere Sinnebene. Mein Fazit: Ich habe das Buch gern gehört, fand es kurzweilig und trendy.


Querverweise:

Weitere Bücher der Autorin: 



Star Trek - Starfleet Academy (Staffel 1)

 


Desaströs




Mit der Star Trek Serie „Starfleet Academy“ bin ich leider nicht warm geworden. Ich möchte hier nur zentrale Kritikpunkte äußern, die mich gestört haben, so dass ich mir die 2. Staffel nicht anschauen werde. Für mich ist es auch kein Wunder, dass die Serie nach Staffel 2 bereits wieder eingestellt wird. Ich hätte die Serie nicht an das Universum von Star Trek Discovery angelehnt, die für mich zweifelsfrei das schlechteste Format des Franchise ist. Man merkt der Serie an, dass sie zu bewusst mit bekannten Mustern der Vergangenheit brechen will (das wirkt zu gewollt). Ich bin ja eigentlich offen für Neues, aber die Richtung, die mit dieser Serie eingeschlagen wird, überzeugt mich überhaupt nicht. Die Macher der Serie haben aus den Fehlern, die bei Discovery gemacht wurden, leider nichts gelernt.


1. Zu viel Teen-/College-Drama


Für mich überwogen Coming-of-Age-Themen, die nicht zu Star Trek passen. Der Ausbildungs- und der Akademiealltag stehen stark im Vordergrund. Es ging um Romanzen, um Rivalität und Streitigkeiten zwischen den Kadetten und darum, wie sich die einzelnen Protagonisten zu reiferen Persönlichkeiten entwickeln. Anfangs agieren sie noch ungestüm und unreflektiert, doch sie lernen mit der Zeit immer mehr dazu. Darüber hinaus wird eine sehr starke Psychologisierung der Figuren deutlich, die alles andere, was ich an Star Trek kenne und schätze, zu sehr an den Rand drängt. Das hat mich sehr an Star Trek Discovery erinnert, wo Emotionalität, Beziehungsdramen und „Gefühlsduselei“ meiner Ansicht nach ebenfalls zu stark im Vordergrund standen. Das Politische, Philosophische oder Wissenschaftliche wird davon völlig überlagert. Viele Folgen ähneln einer Therapiesitzung. Das ist zu viel Tränendrüse! Keine einzige Episode hat mich richtig abgeholt. Viele Folgen kommen absolut belanglos und unspektakulär daher, ohne größere Tiefe. Dazu noch die oft melodramatische Musikuntermalung...


2. Jay-Den Kraag


Der Klingone, der in dieser Serie als Kadett eine Rolle spielt, bricht für mich zu stark mit dem Bekannten. Er wirkt unsicher, sensibel, friedfertig und hat kein Interesse daran, sich als Krieger auszuzeichnen. Für mich ist er zu stark als Kontrast zum traditionellen Bild eines Klingonen angelegt. Das passt einfach nicht zusammen. Hier wird Kontinuität von Figurenzeichnung einfach über den Haufen geworfen. Alle Ecken und Kanten wurden „glattgebügelt“. Mir war das zu experimentell und zu wenig glaubwürdig.


3. Nahla Ake


Die Kanzlerin der Akademie zeigt einen unkonventionellen Führungsstil, der für mich ebenfalls stark mit dem bricht, was man aus der Vergangenheit kennt. Sie besitzt die Ausstrahlung einer „Yoga-Lehrerin“. Kurzum: Die Figurenzeichnung hat mich auch hier nicht überzeugt.


4. Humor


Die humorvolle Gestaltung, die oft deutlich wird, fand ich oft überdreht und albern (v.a. die Kadettin Sam). Die Lehrpersonen verhalten sich oft skurril und sind für mich überzeichnet. Auch die Dialoggestaltung kommt zu flapsig daher. Das ist nicht mehr Star Trek...


Freitag, 28. August 2026

Huber, Christian - Solange ein Streichholz brennt




„Wie entgleitet ein Leben?“




Bohm lebt in Köln auf der Straße. Er ist 36 Jahre alt und seit fünf Jahren obdachlos. Er hat ein Alkoholproblem und die widrigen Wetterbedingungen machen ihm stark zu schaffen. Wir erleben mit, wie sein Schlafsack von jemandem entsorgt wurde, und er nun nicht mehr zu gebrauchen ist. Für Bohm ist das ein ärgerlicher Verlust. Der Schlafsack gehört für ihn zu den wenigen Dingen, die er besitzt, und ist für ihn überlebenswichtig, um sich vor Kälte zu schützen. Bohm muss zwangsweise in einer Notschlafstelle unterkommen. Bei der Bahnhofsmission hofft er darauf, einen neuen Schlafsack zu erhalten. Weiterhin läuft Bohm ein Hund zu, den er auf den Namen „Fuchs“ tauft.


In einem weiteren Blickwinkel lernen wir Alina kennen. Sie ist Journalistin und auf dem Weg zu einem Meeting. Sie hat bereits einige journalistische Erfolge vorzuweisen, doch ihre erfolgreiche Zeit liegt bereits etwas zurück. Die zuletzt von ihr produzierten Formate stießen beim Publikum auf wenig Gegenliebe. Sie tritt beruflich auf der Stelle und vermisst die Aufmerksamkeit, die ihrer Arbeit früher zuteilwurde. In einem Feedback-Gespräch bekommt Alina dann eine neue Chance. Sie soll eine Reportage drehen, die berührt. Sollte dieses Format allerdings erneut fehlschlagen, steht Alinas berufliche Zukunft auf dem Spiel. Alina schlägt vor, eine Reportage zum Thema „Wie entgleitet ein Leben?“ zu gestalten.


Die Wege von Bohm und Alina kreuzen sich. Sie bietet, ihm eine Aufwandsentschädigung an, wenn er einem Dreh zustimmt und sie ihn begleiten darf. Sie gibt nicht auf, ihn von einer Teilnahme zu überzeugen, auch wenn Bohm zunächst skeptisch reagiert. Doch eine unvorhergesehene finanzielle Notsituation sorgt dafür, dass Bohm schließlich zustimmt.


Wir begleiten als Leser die Dreharbeiten und sind dabei, wie Alina wirkungsvolle Bilder kreiert. Und Alina selbst wundert sich darüber, dass sie Bohm mit der Zeit nett findet. Sein Blick auf ihn verändert sich im weiteren Verlauf der Handlung. Es entwickelt sich sogar eine zaghafte Romanze. Mit seiner Art hinterlässt er immer wieder Eindruck bei ihr. Er ist selbstsicher, warmherzig und witzig. Gleichzeitig hat sie aber auch immer wieder davor Angst, dass er sie hängen lässt und die Dreharbeiten abbricht. Im Internet versucht sie weitere Informationen zu ihm zu recherchieren. Was wird sie herausfinden?


Bohm ist die Arbeit vor der Kamera unangenehm. V.a. Fragen zu seiner Vergangenheit sind ihm zuwider. Diese bleibt bis zum Ende des Buchs ein großes Rätsel und sorgt dafür, dass man neugierig weiterliest. Ich wollte mehr über Bohm erfahren und wissen, welche Geschichte hinter seinem Schicksal steckt. Und ohne zu viel zu verraten: Ich war doch überrascht, über das, was am Schluss ans Tageslicht kommt. Jedenfalls wurde ich nicht enttäuscht. Die Ursachen der Obdachlosigkeit werden glaubhaft verdeutlicht. Insgesamt habe ich das Buch mit Interesse gehört und fand es gelungen.


Montag, 24. August 2026

Lapena, Shari - Was sie nicht weiß




Das perfekte Verbrechen?




Bryden ist auf dem Weg zur KiTa und verspätet sich. Sie hat es eilig und ist gestresst. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit verursacht sie einen Auffahrunfall. Sie ruft in der KiTa an und teilt mit, dass sie später kommt. Mit dem Geschädigten einigt sie sich derweil auf das weitere Vorgehen.


Bryden ist Buchhalterin. Eines Morgens (einige Wochen nach dem Autounfall) möchte sie im Home-Office arbeiten, bringt ihre Tochter noch persönlich in die Betreuungseinrichtung und verabschiedet sich von ihrem Mann Sam. Später erhält Sam dann einen Anruf aus der KiTa. Seine Frau habe die kleine Tochter nicht abgeholt. Sam versucht seine Frau zu erreichen, doch seine Anrufe bleiben erfolglos. Er springt ein und holt die Tochter ab. Er macht sich große Sorgen um seine Frau, lässt sich der Tochter gegenüber aber nichts anmerken. Zu Hause angekommen, stellt er fest, dass der Wagen von Bryden noch in der Tiefgarage steht. Doch in der Wohnung ist sie nicht auffindbar. Sie hat auch keine Nachricht hinterlassen. Handy und Handtasche sind noch da. Was ist da los? Auch die befreundete Nachbarin kann nicht weiterhelfen. Sam ruft die Schwester und die beste Freundin von Bryden an. Doch auch sie wissen nichts. Schließlich bittet Sam die Polizei um Hilfe…


Die Polizei fackelt nicht lang und tut alles, um Bryden zu finden. Alle Möglichkeiten werden in Betracht gezogen. Hat sie ihren Mann verlassen? Ist sie gestürzt und bewusstlos? Oder wurde sie von jemandem verschleppt? Nichts davon ist ausgeschlossen. Eine fieberhafte Suche beginnt. Befragungen der Nachbarn sind der erste Anhaltspunkt. Wird man Bryden finden? Leitende Ermittlerin ist die Beamtin Jane, die ihrem Job mal wieder den Vorrang vor ihrem Privatleben gibt.


Die Gefühlslagen der Figuren kommen gut zum Ausdruck. Sam ist z.B. in großer Sorge und angespannt. Man kann sich gut in ihn hineinversetzen. Die Erzählweise ist temporeich. Kurze Kapitelabschnitte und flotte Perspektivwechsel sorgen für Dynamik. Der Inhalt entwickelt sich in Richtung eines Ermittlungsthrillers, bei dem man gut miträtseln kann. Es werden viele Verdachtsmomente kreiert. Der Schwerpunkt des Thrillers liegt auf polizeilichen Vernehmungen verschiedener Zeugen und potentieller Verdächtiger. Dabei wird auch immer die Gedankenwelt der Befragten in den Blick genommen. Wir erleben mit, wie sie die Verhöre wahrnehmen und wie sie sich auf das Innenleben der Figuren auswirken. Das ist gut arrangiert. Besonders gut hat mir gefallen, wenn die Blickwinkel während der Vernehmungen wechseln. So schlüpft man als Leser mal in das innere Erleben der Ermittler, mal in das der Vernommenen. Aktion und Reaktion werden auf diese Weise gut deutlich. Die Ermittlungen werden darüber hinaus gut vorangetrieben und drehen sich nicht zu sehr im Kreis. Es treten immer wieder neue Erkenntnisse zutage. Kurzum: Ich habe keine Längen bei der Lektüre verspürt. Insgesamt ist das Buch eine runde Sache, bei dem am Ende auch alles schlüssig aufgelöst wird. Hat mir gut gefallen.


Donnerstag, 20. August 2026

Carter, Chris - Du kriegst mich nicht




Eine neue Seite von Chris Carter




Die Protagonistin Sam ist Opfer häuslicher Gewalt geworden. Wir erleben zu Beginn des Buchs ihr Gerichtsverfahren mit, bei dem sie schildert, wie sie von ihrem Mann verprügelt und ans Waschbecken gekettet wurde. Sie erklärt dem Richter, wie sich die Partnerschaft innerhalb weniger Monate unheilvoll veränderte. Den Geschworenen wird Sams Notruf vorgespielt, um ihre leidvolle Erfahrung zu veranschaulichen. Und kurz vor dem Ende des Prozesses präsentiert die Anklage noch eine Überraschungszeugin. Die Aussage dieser Zeugin bringt die entscheidende Wende im Verfahren. Der angeklagte Ehemann, Nelson Stewart, wird für schuldig befunden und wird für mindestens zehn Jahre im Gefängnis landen. Doch als er den Gerichtssaal verlässt, schwört er seiner Frau Rache und spricht eine Drohung aus.


Nach der Verurteilung ihres Mannes plant Sam, die Scheidung einzureichen. Da ihr Mann Millionär ist, winkt ihr ein großes Vermögen. Noch dazu erwägt sie, einen Wechsel der Identität vorzunehmen, damit ihr Mann sie nach der Haftentlassung nicht finden kann. Der Staatsanwalt berät sie fachkundig in dieser Angelegenheit. Sam erhält so die Chance, alle Spuren ihres bisherigen Lebens zu verwischen. Sie kann ihren Namen ändern, den Wohnort und das Geburtsdatum. Die Wahrscheinlichkeit, ausfindig gemacht zu werden, ist sehr gering.


Wir sind dabei, wie Sam abtaucht und ein neues Leben beginnt. Doch ihr ist keine lange Ruhe vergönnt. Ein Unbekannter spürt sie auf und verfolgt sie. Sam erkennt in letzter Sekunde die Warnzeichen und ergreift die Flucht (Spannung und Tempo sind hoch!). Sie ist auf einen solchen Ernstfall gut vorbereitet und hat bereits Vorkehrungen getroffen, um schnell verschwinden zu können. Sie ist nicht auf den Kopf gefallen und verhält sich sehr geschickt. Im Anschluss fragt sie sich, welchen Fehler sie begangen hat, dass sie jemand finden konnte. Gelingt ihr die Flucht?


Doch wer jetzt denkt, dass ein furioses Katz- und Maus-Spiel beginnt, wie es auch auf dem Klappentext angedeutet wird, der irrt. Der Plot entwickelt sich lange Zeit in eine völlig andere und ruhigere Richtung. Das hat meine Erwartung doch gehörig durchbrochen. Ich rechnete damit, dass die Perspektiven zwischen Sam und dem Verfolger regelmäßig wechseln, und dass wir noch mehr über die Ehe mit Nelson erfahren. Doch dem ist nicht so. In welche Richtung es genau geht, möchte ich aber hier nicht verraten. Das mögen die Leser selbst herausfinden. Nur so viel: Es wird erst einmal ordentlich auf „die Bremse“ getreten, was das Tempo betrifft.


Und als ich schon daran zweifelte, ob es sich überhaupt noch um einen Thriller handelt, ereignet sich abermals eine Wendung, die das bisherige Geschehen wieder in einem neuen Licht erscheinen lässt. Clever! Ab diesem Zeitpunkt nimmt die Spannung wieder zu und wird im letzten Drittel schier unerträglich (so ging es mir zumindest). Mit anderen Worten: Das letzte Drittel war das Spannendste, was ich in diesem Jahr gelesen habe (wirklich!). Ein starker Kontrast zum ruhigeren Mittelteil. Wie am Ende alles aufgeht und ineinandergreift, ist einfach sehr durchdacht (wenn auch vielleicht nicht ganz realistisch, aber egal, dafür war es spannend!). Noch etwas: Was mir besonders gut während der Lektüre gefiel, war der Umstand, wie das Urteil zu den Figuren gelenkt wird, indem neue Informationen preisgegeben werden. Auch das ist geschickt angelegt. Das Einzige, was ich mich gefragt habe: Sind Menschen wirklich so ausrechen- und vorhersehbar? Sind wir so manipulierbar?


Für mich zeigt Chris Carter hier eine neue Seite als Autor, die mir deutlich besser gefällt, als das, was ich bisher von ihm kenne. Ich brauche es nicht so grausam, blutrünstig und v.a. sadistisch, wie es in der Hunter- und Garcia-Reihe üblich ist. Ich wünsche mir in Zukunft mehr Stand-Alones vom Autor, die in eine ähnliche Richtung gehen.


Querverweise:

Weitere Bücher von Chris Carter: "Blutige Stufen" und "Der Totenarzt"


Sonntag, 16. August 2026

Geßner, Eva - Verlorene Seelen

 


Der Fall „Aschenputtel“




Betty lebt seit kurzem auf der Straße und schlägt sich so durch. Sie lebt von finanziellen Reserven, stellt sich aber schon darauf ein, bald betteln zu gehen. Ihren Mann, einen Rechtsanwalt, hat sie verlassen, weil sie häusliche Gewalt erlebt hat. Für Betty wäre es ein Albtraum, zu ihm zurückkehren zu müssen. Und es wird nur allzu deutlich, dass sie als obdachlose Frau ein großes Risiko für Leib und Leben auf sich nehmen muss. Die Gefahr von sexuellen Übergriffen ist allgegenwärtig. Begleitet wird sie von einem Hund, der ihr Gesellschaft leistet und sie beschützt. Das Leben am Rande der Gesellschaft wird insgesamt sehr gut eingefangen.


Gleichzeitig begleiten wir als Leser die Ermittlerin Franziska, deren 16-jährige Tochter sich in Kanada aufhält und dort kurz vor Ausbreitung der Corona-Epidemie neue Lebenserfahrungen sammelt. Von ihrem Mann Heiner hat sie sich erst kürzlich getrennt. Und sie fühlt sich bereits zu einem neuen Mann hingezogen, auch wenn die Trennung noch nicht lange zurückliegt. Die Tochter weiß von der Trennung der Eltern noch nichts. 


Schon bald wird Franziska zu einem Tatort gerufen. Man hat ein weibliches Opfer gefunden, dem ein Fuß abgetrennt und teure Unterwäsche sowie hochhackige Schuhe angezogen wurden. Bei der Klärung der Identität des Opfers stellt sich heraus, dass es sich um die 21-jährige Obdachlose namens Lina handelt, die schon länger auf der Straße lebte und drogenabhängig war. Sie ist bereits im Alter von 12 Jahren von zu Hause ausgerissen, weil sie dort Missbrauch erleben musste. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Beamten schon bald auf ähnliche Mordfälle in der Vergangenheit. Die Cold Cases werden neu aufgerollt. Schon bald wird vermutet, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt…


Eingeflochten werden punktuell auch Blickwinkel des Täters. Bei ihm wird ein zutiefst sadistischer Charakter deutlich. Er erfreut sich daran, seine Opfer zu quälen. Bei den weiteren Ermittlungen der Polizei tritt auch Betty wieder auf den Plan. Sie hält ihren Mann, den sie verlassen hat, für einen möglichen Mörder und traut ihm eine solche Gewalttat, wie sie an Lina ausgeführt wurde, ohne weiteres zu. Wird sich ihr Verdacht bestätigen?


Insgesamt ist der Schreibstil packend. Ich blieb an den Zeilen durchweg haften. Die Spannung ist hoch. Nur das Tempo ließ mir zu wünschen übrig. Das Privatleben von Franziska nahm mir zu viel Raum ein (inkl. Friseurbesuch und Typveränderung). Aber das ist meiner persönlichen Lesevorliebe geschuldet. Grundsätzlich steht in diesem Thriller viel Ermittlungsarbeit im Zentrum. Wir erleben Recherchearbeit und polizeiliche Team-Besprechungen mit. Weiterhin wird die rechtsmedizinische Begutachtung des Opfers geschildert. Hinzu kommt die Schilderung von sadistischen Gewaltphantasien des Täters und entsprechende Folterszenen. Das ist nichts für zarte Gemüter. Und auch die widrigen Lebensumstände auf der Straße kommen gut zum Ausdruck. Obdachlose werden oft Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Die Schicksale der Figuren haben mich emotionalisiert. Es ist heftig zu lesen, wie tief ein Mensch fallen kann und welcher Grad an Verwahrlosung möglich ist. Und es kann jede(n) treffen…


Was mich bei der Lektüre überzeugt hat, war die Wahl des Settings und der Schreibstil. Man merkt, dass die Autorin zum Leben auf der Straße sehr gut recherchiert hat. Die Darstellung wirkt realistisch und authentisch. Und wie die Autorin selbst im Nachwort festhält, ist die Wahl der Perspektive einer obdachlosen Frau eher ungewöhnlich und selten in Thrillern zu finden. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem. Es wird deutlich, dass hinter jedem Schicksal eine Geschichte steckt! Insgesamt also eine runde Sache. Am Ende zieht die Spannung auch nochmal deutlich an. Das Buch ist für solche Leser geeignet, die die Darstellung von Ermittlungsarbeit mögen und dabei nicht so viel Wert auf hohes Tempo legen (Stichwort: Privatleben). Auch sollte man sich für die Themen „Obdachlosigkeit“ und „Serienmörder“ begeistern können.


Querverweise:

Ein weitere Thriller von Eva Geßner: Seelenkalt

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Bentow, Max: Engelsmädchen 
Bentow, Max: Eulenschrei 
Bentow, Max: Rabenland 
Bentow, Max: Puppenherz
Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 

Mittwoch, 12. August 2026

Bentow, Max - Puppenherz




Der Mann mit dem roten Regenschirm




Der erste Mord


Die 14-jährige Lucy arbeitet bei ihrem verwitweten Nachbarn Alex als Babysitterin für die kleine Sophie, um ihr Taschengeld aufzubessern. Alex hat seine Frau vor zwei Jahren verloren und muss oft lange arbeiten. Lucy fühlt sich mit dem Job überfordert, weil Alex oft seine Trauergefühle bei ihr ausschüttet und mit seinen ausgedehnten Arbeitszeiten wenig Rücksicht darauf nimmt, dass sie noch zur Schule geht und früh raus muss.


Als Lucy mal wieder länger auf Sophie aufpassen muss, geht ihre alleinerziehende Mutter schon mal ins Bett. In dieser Nacht wird sie dann grausam ermordet. Lucy merkt erst am nächsten Morgen, dass etwas nicht stimmt und steht unter Schock, als sie ihre Mutter bestialisch zugerichtet auffindet. Ihr linker Unterschenkel wurde abgetrennt und der Täter hat eine geschnitzte Knochenfigur hinterlassen.


Nils Trojan und Carlotta Weiss werden zum Tatort gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Schon bald stoßen sie auf einen Cold Case, der zehn Jahre zurückliegt und eine Verbindung zum aktuellen Fall aufweist. Derweil gibt der Killer keine Ruhe und steigert sich regelrecht in einen Blutrausch. Viele weitere Opfer folgen. Die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Und das Muster hinter den Morden bleibt stets das gleiche…


Weitere Perspektiven


In unregelmäßigen Abständen werden auch Kapitel eines Unbekannten eingestreut, der sich selbst als Diener bezeichnet. Er führt ein unterwürfiges Leben und ist einem Herrn zu Diensten, den er unterhält, indem er singt und tanzt. Für seinen Herrn ist er sogar bereit, einen Mord zu begehen, wie er die Leser wissen lässt…


Ein weiterer Blickwinkel betrifft einen kleinen Jungen, der aus nächster Nähe miterlebt, wie seine Mutter umgebracht wird. Er versteckt sich in einem Schrank und fürchtet um sein Leben. Er hofft, dass er vom Täter nicht entdeckt wird…


Nils Trojan und Carlotta Weiss


Das Private von Carlotta und Nils spielt in diesem Thriller nur punktuell mal eine Rolle, v.a. zu Beginn und am Ende des Buchs. So erfahren wir, dass Carlotta sich oft einsam fühlt und sich in One-Night-Stands flüchtet, obwohl sie eigentlich ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat. Sie verbietet sich aber selbst, die Beziehung zu Nils zu vertiefen, damit ihre professionelle Arbeitsbeziehung nicht darunter leidet. Auch wird deutlich, dass Carlotta im Zwischenmenschlichen Schwierigkeiten hat. Sie erscheint als Einzelgängerin, die nur ungern Nähe zulässt. Um Distanz zu wahren, verhält sie sich oft abweisend. Über Trojan erfahren wir, dass seine Tochter womöglich in seine beruflichen Fußstapfen treten möchte. Sie spielt mit dem Gedanken, ebenfalls Kommissarin zu werden. Ich finde es gut, dass das Privatleben der Ermittler keinen allzu großen Raum einnimmt. So wird das Geschehen nicht zu sehr "ausgebremst".


Leseeindruck


Das Tempo des Thrillers ist außerordentlich hoch. Es passiert ständig etwas Neues. Ein Ereignis jagt das nächste. Langeweile muss man also nicht befürchten. Eine hohe Dialoghaftigkeit sorgt für Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Das alles überzeugt.


Im Zentrum des Geschehens steht ein Serienmörder, der sein Unwesen treibt (das kennt man auch bereits von vergangenen Bänden aus der Reihe). Die Schilderung der Morde ist auch deshalb von einer gewissen Formelhaftigkeit geprägt. Bei Bentow weiß man, was man bekommt. Wie man das findet, muss jede und jeder selbst für sich bewerten. Da es mein fünftes Buch von Bentow ist, kann ich behaupten, dass seine Thriller stets einem ähnlichen Muster folgen und etwas schematisch konstruiert sind. Das sollte man mögen. Sonderlich innovativ ist das nicht, aber spannend bleibt es trotzdem. Einmal im Jahr lese ich das ganz gern, muss ich zugeben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Autor inhaltlich auch mal etwas anderes ausprobiert.


Nun zur psychologisch-psychiatrischen Ausgestaltung der Täterpsyche: Es ist mal wieder so, dass eine psychologische Störung zu Gewalttätigkeit führt. Nun ja... Insgesamt hinterließ die Darstellung des psychischen Zustands des Killers bei mir einen unrealistischen Eindruck (aber ich bin auch kein Experte). Auch wird (wie so oft in Thrillern) mal wieder das Klischee bedient, dass psychische Störungen mit großer Gefahr und Unberechenbarkeit verbunden sind - aber nun gut, es handelt sich schließlich nicht um eine reale psychiatrische Fallstudie. Für das Genre braucht es dramatische Zuspitzung. Da ist Realismus immer so eine Sache. Man sollte sich einfach klar machen, dass es sich bei der psychologischen Gestaltung um ein fiktives Element handelt.


Querverweise

Bentow, Max: Rotkäppchens Traum (2019)
Bentow, Max: Engelsmädchen (2023)
Bentow, Max: Eulenschrei (2024)
Bentow, Max: Rabenland (2025)

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Geßner, Eva: Seelenkalt
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer