Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley. Die geäußerte Meinung ist meine eigene.
KI und virtuelle Realität als Lebenshilfe?
Der Golfstrom ist versiegt, Europa leidet unter Ressourcenknappheit und Energiemangel. Der Winter ist erbärmlich kalt und dauert lang. Also begeben sich die Menschen in einen Winterschlaf und nutzen nur die Hälfte des Jahres, um ein erfülltes Dasein zu verbringen. Lediglich medizinisches Personal und systemrelevante Berufe bleiben wach.
Isas frühzeitiges Erwachen
Isa erwacht verfrüht aus ihrem Winterschlaf. Ihr Partner Theo schläft weiterhin. Und auch andere Bekannte, Freunde und Familienmitglieder, die sie zu kontaktieren versucht, sind noch nicht bei Bewusstsein. Sie ist zunächst allein, doch schon bald erscheint bei ihr der medizinische Dienst, da sie unter erhöhtem Puls und erhöhter Temperatur leidet. Sie wird in ein Hotel gebracht, wo sie zusammen mit anderen frühzeitig Erwachten sechs Wochen überbrücken soll. Die Atmosphäre des Hotels wirkt trist und trostlos.
Isas Flucht in die virtuelle Realität
Isa lernt weitere Hotelgäste kennen. Doch die Gespräche verlaufen oberflächlich. Es entsteht wenig Nähe. Sie vermisst ihre Familie und fühlt sich einsam. Langeweile macht sich breit. Isa flüchtet sich in die virtuelle Realität auf den Mars. Sie genießt das neue Körpergefühl ihres Avatars, erkundet die neue Umgebung, die sie fasziniert, und gibt sich dem Spiel völlig hin. Ja, sie verliert sich regelrecht darin. Die Simulation ist erschreckend realistisch und kann unbewusste Wünsche eines Spielers realisieren. Mit der Zeit gerät das Spiel zunehmend außer Kontrolle. Entscheidungen, die Isa in der Wirklichkeit trifft, haben unmittelbare Auswirkungen auf den Spielinhalt. Isa entwickelt zunehmend eine Sucht. Sie vernachlässigt ihre körperlichen Bedürfnisse und macht zu wenig Pausen. Eine klare Warnung vor den Gefahren virtueller Realität, die hier anklingt. Und es stellt sich die Frage, ob Isa es schafft, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren und das Spiel hinter sich zu lassen.
Worldbuilding
Von der Außenwelt erfährt man wenig. Nur hin und wieder ist von einer KI die Rede, die die Geschicke der Menschheit lenkt. Doch das alles bleibt vage und nebulös. Auffällig war für mich allerdings der Umstand, dass der Blick auf das KI-System positiv ausfällt (anders als z.B. bei Neumüllers „Das zweigeteilte All“). In diesem Buch erscheint KI als eine Chance, um das Leben der Menschen zu verbessern und von Menschen verursachte Probleme zu lösen (wenn auch zu einem hohen Preis). Und man erfährt noch mehr über die Welt von Isa: Die Menschheit scheint sich oft in virtuelle Welten zu begeben, um zu spielen. Isa ist kein Einzelfall. Allerdings gibt es mehr Probleme und Gefahren, als den Nutzerinnen und Nutzern bewusst und bekannt ist. Und was auch interessant ist: Die Menschen haben sich mit dem Winterschlaf arrangiert, auch wenn sie dadurch viel Lebenszeit verlieren. Es gibt so gut wie keine Widerstände dagegen. Die Mehrheit fügt sich ihrem Schicksal (so wie Isa). Misstrauen gegenüber dem System wird nur punktuell deutlich (am Beispiel der Äußerungen anderer Hotelgäste). Doch Isa fehlt der Mut, zu viel in Frage zu stellen. Schade, eigentlich.
Fazit
Insgesamt hat mir das Buch von Weinmann gut gefallen. Der Schreibstil war ansprechend und flüssig. Das Schicksal von Isa hat mich von Anfang bis Ende interessiert und ich wollte wissen, worauf das Ganze hinausläuft. Ich hätte mir lediglich noch ein umfassenderes Worldbuilding und mehr Informationen zur Außenwelt gewünscht.
Querverweise:
Weitere Werke, in denen "Virtuelle Realität" eine zentrale Rolle einnimmt:
Olsberg, Karl - Boy in a dead end
Olsberg, Karl - Girl in a strange land
Olsberg, Karl - Boy in a white room
Olsberg, Karl - Virtua
Taler, Mark - Omniworld






