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Donnerstag, 2. April 2026

Prödel, Kurt - Salto




Lebensentwürfe




Marko hat erst kürzlich sein Abitur abgelegt (das beste Abitur seines Jahrgangs) und träumt von einem Medizin-Studium. Zu Beginn des Buchs wohnen wir den Feierlichkeiten der Abiturentlassung bei. Dabei lernen wir auch Claire kennen, die Freundin von Marko, mit der er schon seit der 7. Klasse zusammen ist, sowie Markos Vater, der emotional immer etwas unbeholfen wirkt. Seine Mutter hat Marko schon früh verloren. Er denkt noch oft an sie und vermisst sie.


Marko ist ein Arbeiterkind und stammt anders als Claire nicht aus einem Elternhaus, das mit viel Geld gesegnet ist. Während sie ein Studium in München plant und sich auf Papas Kontakte verlassen kann, muss Marko hoffen, dass er überhaupt einen Studienplatz erhält (ohne zu wissen, wo er überhaupt landen wird). Und Claire zeigt sich kompromisslos. Sie will unbedingt nach München, unabhängig davon, ob Marko mitkommt oder nicht. Dabei sollte ihr klar sein, dass ein Leben in München Markos finanzielle Möglichkeiten deutlich übersteigen dürfte. Claires und Markos Lebensentwürfe sind völlig unterschiedlich. Claire kann viel befreiter und sorgenloser agieren. Pierre Bourdieu lässt grüßen!


Zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Studienplatz absolviert Marko ein Praktikum im medizinischen Bereich. Sein privates Glück muss zurückstehen. Zunächst einmal muss er einen Studienplatz bekommen, egal wo. Regelmäßig wirft er einen Blick ins Bewerbungs-Portal, um zu erfahren, ob sich sein Wunsch eines Medizinstudiums erfüllt. Wenig später erfahren wir, dass Marko sich von seinen Plänen verabschieden kann. Und das trotz seiner Bestnoten! Er erhält nur Absagen. Doch Markos Vater will nicht aufgeben und ermuntert seinen Sohn dazu, nach Budapest zu gehen, um dort zu studieren. Für die Finanzierung des Studiums will er auf das ausgezahlte Geld der Lebensversicherung von Markos Mutter zurückgreifen. Widerwillig lässt Marko sich schließlich darauf ein. Es ist zwar nicht das, was er sich gewünscht hat, aber besser als nichts. Letztlich wird hier auch eine Kritik an der Studienplatzvergabe deutlich. Als junger Mensch muss man teils harte Kompromisse eingehen und Opfer bringen…


Die Wege von Marko und Claire trennen sich. Marko folgt nicht seinem Herzen. Und wenig später wird klar, dass Claire die Trennung und die Lebensveränderung nicht gut verkraftet. Sie entwickelt eine Psychose und findet Hilfe in der Psychiatrie. Sie muss den Beginn ihres Studiums verschieben. Fortan ist sie auf Medikamente angewiesen, die ihr Leben stabilisieren. Und Marko geht ungeachtet dieser Geschehnisse nach Budapest. Und wir begleiten seinen weiteren Lebensweg. Claire rückt in den Hintergrund und wir erfahren nur punktuell durch Telefonate und durch kurze Heimaturlaube von Marko etwas über sie (u.a. erlebt sie eine zweite Krise und muss in die Tagesklinik). Stattdessen erfahren wir, wie Marko sich in Budapest einlebt und dort sein Studium bestreitet. Für ihn geht der Alltag weiter. Er kann nur aus der Distanz verfolgen, was mit Claire passiert. Er nimmt zwar Anteil an ihrem Schicksal, kann aber wenig machen. Seine universitären Pflichten haben für ihn Priorität. Die Erkrankung von Claire wird relativ knapp und nicht aus der Betroffenensicht thematisiert, sondern eher punktuell aus der Außenperspektive von Marko. Ich hätte gern noch mehr über die Einschränkungen erfahren, die Claires Erkrankung mit sich bringt. Auch finde ich die Darstellung der Ursache für ihre Psychose als zu knapp abgehandelt.


Marko erscheint uns als Einzelgänger. Auf Partys ist er derjenige, der abseitssteht. In sozialen Situationen mit vielen Menschen fühlt er sich unwohl. Und auch die Beziehung zu seinem Vater ist eine Betrachtung wert. Die Kommunikation zwischen beiden verläuft unbeholfen und nicht offen genug. Das sorgt im weiteren Handlungsverlauf für Probleme. Der Vater gesteht Marko gegenüber nicht ein, dass ihn finanzielle Sorgen plagen. Später zeigt Marko Leistungseinbrüche. Unbewusst scheinen ihn doch mehr Dinge zu belasten, als er selbst erkennt. Der Druck, der von verschiedenen Seiten auf Marko lastet, scheint zu hoch. Und irgendwann streikt dann Markos Gesundheit und sein Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Bei ihm wird Diabetes Typ I diagnostiziert. Er kehrt nach Deutschland zurück.


Und von diesem Zeitpunkt an verschieben sich Markos Prioritäten komplett. Er muss lernen, mit der Krankheit zu leben und einen Weg finden, damit umzugehen. Hier wird nun eine Betroffenensicht deutlich. Und das auf eindrückliche Art und Weise. Symptome und Einschränkungen kommen sehr, sehr gut zum Ausdruck. Marko hat Schwierigkeiten damit, Akzeptanz gegenüber der Diagnose zu entwickeln. Seine Lebensqualität ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Ein Klinikaufenthalt und Besuche bei einem Diabetologen helfen ihm dabei, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Trotzdem muss er Rückschläge verkraften und zahlreiche Ängste überwinden. Was ich hier nicht verraten möchte: Finden Claire und Marko wieder zueinander? Kommt es zwischen beiden zu einer Aussprache? Eines ist jedenfalls klar. Ihr Leben hat sich völlig anders entwickelt, als beide gedacht hätten. Was ich mir zusätzlich noch gewünscht hätte: Klarere Konturen beim Handlungsort Budapest. Abschließend: Ich halte „Salto“ für eine geeignete Schullektüre (z.B. für die Einführungsphase). Dieses Buch bietet viele Themen, die Heranwachsende interessieren könnten. Es knüpft in meinen Augen sehr gut an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern an und fördert die Empathie-Entwicklung.


Ein weiteres Buch von Kurt Prödel: Klapper 


Mittwoch, 1. April 2026

Andor (Staffel 2)



Star Wars-Agenten-Thriller




Die zweite Staffel von Andor setzt ein Jahr nach den Ereignissen der ersten Staffel an. Das Imperium ist weiterhin dabei, seinen Machtbereich auszubauen. Die Rohstoffe eines fremden Planeten (Gorman) sollen ausgebeutet werden. Dafür nimmt man sogar in Kauf, dass der Planet instabil und unbewohnbar werden könnte. Unter der Bevölkerung des Planeten zettelt man mit Hilfe von Doppelagenten einen Konflikt an, um ein imperiales Eingreifen zu rechtfertigen und die Bewohner anschließend unterdrücken zu können. Zugleich sorgt Propaganda dafür, dass der Planet in ein schlechtes Licht gerückt wird. Für diesen Plan spielt Deidra Meero eine Schlüsselrolle. Sie trägt für die Aktion, Gorman zu unterwandern, die Verantwortung. Sie steht unter großem Druck. Das Imperium verzeiht keine Fehler!


Darüber hinaus gibt es weitere Handlungsstränge, die in den ersten Folgen angelegt werden. 1) Cassian dringt in eine Basis des Imperiums ein und kann einen hochgerüsteten TIE-Fighter erbeuten. Doch bei der Aktion läuft nicht alles nach Plan (was passiert eigentl. Im Anschluss mit dem TIE-Fighter?), 2) Mon Mothma sorgt dafür, dass ihre Tochter eine arrangierte Ehe eingeht, um die Rebellion weiterhin finanziell unterstützen zu können. 3) die Überlebenden von Ferrix sind auf einem fremden Planeten untergetaucht und arbeiten dort als Handwerker. Sie leben in Sorge davor, von imperialen Kräften kontrolliert und so entdeckt zu werden. Darunter befindet sich auch Bix, die wegen ihrer Verhöre durch den imperialen Geheimdienst immer noch unter massiven Albträumen leidet. 4) Wir begleiten das Schicksal der aufstrebenden Geheimdienstlerin Deidra Meero weiter und lernen dabei auch eine private Seite von ihr kennen. Sie ist bereit, alles dem Erfolg unterzuordnen, und agiert völlig verblendet. Sie hintergeht sogar ihren Partner und nutzt ihn nur als Mittel zum Zweck.


Insgesamt ist die zweite Staffel politischer als die erste. Ich empfand sie als tiefgründiger und bedeutungsschwerer. Die Rebellion muss einige Rückschläge verkraften und zeigt sich noch längst nicht geeint und schlagkräftig. Sie hat mich aber nicht so gepackt wie die erste Staffel.


Mein Ranking: 

Platz 1: Obi-Wan Kenobi
Platz 5: Andor (Staffel 2)
Platz 6: The Acolyte
Platz 7: Ahsoka
Platz 9: Skeleton Crew
Platz 10: Boba Fett


Montag, 16. März 2026

Cavanagh, Steve - Kill for me



Spannend, originell und wendungsreich




Amanda ist verzweifelt und wütend. Sie hat ihre sechsjährige Tochter Jess und ihren Mann Luis verloren. Die kleine Jess wurde ermordet und kurz darauf hat sich ihr Mann Luis selbst getötet. Den potentiellen Mörder (Wallace Crone), der wegen des Mangels an Beweisen nie verurteilt wurde, will sie eigenhändig zur Rechenschaft ziehen. Sie will ihn in der Bahn erschießen. Doch kurz bevor sie ihre Tat durchführen kann, wird sie von ihm erkannt und anschließend von der Polizei verhaftet. Amanda hat (wieder einmal) gegen die Auflage einer einstweiligen Verfügung verstoßen (eigentlich darf sie sich Crone nicht nähern). Ihr Fall wird verhandelt und ihr wird der Besuch einer Trauma-Therapie auferlegt. Dort lernt sie Wendy kennen, die ebenfalls einen schweren Verlust erlebt hat und auf Rache sinnt. Beide Frauen freunden sich an, trösten sich gegenseitig und schließen einen Pakt. Sie wollen die verdächtigen Männer, die sie des Mordes für schuldig halten, töten und ihre Morde tauschen. So wollen sie sich gleichzeitig ein wasserdichtes Alibi verschaffen…


In einem weiteren Blickwinkel lernen wir Ruth und ihren Mann Scott kennen. Ruth ist Immobilienmaklerin, Scott ist Staatsanwalt. Beide hegen einen Kinderwunsch und wollen eine Familie gründen. Eines Abends geht Scott mit Freunden aus und Ruth bleibt allein zu Hause. Nachts wird sie von einem Geräusch geweckt. Sie will nachsehen, ob ihr Mann zurück ist und wird dabei von einem Einbrecher überrascht und schwer verletzt. Sie überlebt nur knapp und mit viel Glück. Als sie im Krankenhaus erwacht, steht sie unter Schock. Sie erfährt, dass sie an der Gebärmutter verletzt wurde und keine Kinder mehr zur Welt bringen kann. Ruths Leben ist zerstört. Sie leidet und ist nicht mehr dieselbe. Sie kann kein normales Leben mehr führen und sie nimmt Beruhigungsmittel, um das Trauma zu bewältigen. Ihr Mann Scott fühlt sich schuldig und machtlos. Er will ihr irgendwie helfen. Bei einem Restaurantbesuch glaubt Ruth eines Abends am Nebentisch den Täter zu erkennen. Dreht sie nun völlig durch? Spielt ihr ihre Wahrnehmung einen Streich? 


Dieser Thriller hat mich gefesselt, und zwar von Anfang bis Ende. Das kommt bei mir selten vor. Leider gibt es nach meiner Leseerfahrung auf dem Markt nur wenige Thriller, die das schaffen. Zu viele Thriller bedienen sich (leider, leider) immer wieder gleichartiger Muster und sind wenig originell konzipiert. Ich habe momentan kein Interesse mehr daran, das x-te Team von Ermittlern zu begleiten, so dass ich inzwischen seltener zu diesem Genre greife (v.a. zu den klassischen Ermittlungs-Thrillern). Doch bei Cavanagh ist das anders. Der Plot ist durchdacht und wendungsreich. Auch das Ende hat mich überrascht. Wie die beide Handlungsstränge ineinandergreifen, das fand ich kreativ gelöst. Und die Einbindung der Opfer- und Täterpsychologie fand ich ebenfalls gelungen. Noch dazu steht die Perspektive der Ermittler glücklicherweise nicht so sehr im Vordergrund. Kurzum: Der Autor hat mich wieder einmal begeistert. Das haben auch schon viele Bücher aus der Serie um Eddie Flynn geschafft. Cavanagh weiß einfach, wie man an der Spannungskurve dreht. Es gab einige Passagen, in denen ich förmlich den Atem angehalten habe. Für mich ein Buch, das aus der schieren Masse an Thrillern herausragt. Das Einzige, was man bemängeln könnte, ist der Umstand, dass die Handlung stellenweise etwas weit hergeholt wirkt. Das hat mich erstaunlicherweise aber überhaupt nicht gestört, weil die Spannungskurve so überzeugend gestaltet war. Wer aber auf sehr realistische Thriller Wert legt, in dem es keinen unwahrscheinlichen Zufall zu viel geben darf, der könnte auch bei diesem Buch etwas auszusetzen haben.


Querverweise:

Cavanagh, Steve: Thirteen (Band 4/2022)
Cavanagh, Steve: Fifty-fifty (Band 5/2022)
Cavanagh, Steve: Zu wenig Zeit zum Sterben (Band 1/2023)
Cavanagh, Steve: Gegen alle Regeln (Band 2/2023)
Cavanagh, Steve: Liar (Band 3/2023)
Cavanagh, Steve: Seven Days (Band 6/2024)
Cavanagh, Steve: Die Komplizin (Band 7/2025)


Donnerstag, 12. März 2026

Kessler, Verena - Gym

 

Fitnesstraining als krankhafte Obsession



Die Ich-Erzählerin arbeitet in einem Fitnessstudio, schenkt Protein-Shakes aus und ist sich ihrer weiblichen Reize durchaus bewusst. Sie liebt ihren Job. In einem Rückblick erfahren wir mehr über das Vorstellungsgespräch. Darin muss sie auf eine Notlüge zurückgreifen, als der Chef des Studios (Ferhat) ihr äußerliches Erscheinungsbild bemängelt. Sie strahle nicht das aus, was das MEGA-GYM verkörpere. Daraufhin erfindet sie die Ausrede, dass sie gerade erst entbunden hat. Sie sei alleinerziehend. Ferhat gibt sich als Feminist zu erkennen und zeigt sich gnädig. Er stellt sie ein.


Im weiteren Handlungsverlauf wird uns dann die (Persönlichkeits-)Entwicklung der Protagonisten nähergebracht, angefangen vom ersten Arbeitstag bis hin zur beliebten Stammkraft hinter dem Tresen. Wir lernen ihren Arbeitsalltag, ihre Aufgaben, ihre Kolleginnen und ihr Umfeld kennen (dazu zählt z.B. auch eine Fitness-Influencerin, die herrlich durch den Kakao gezogen wird). Sie gewöhnt sich schnell ein (auch daran, wieder unter Menschen zu sein) und lässt ihren „Sofa-Couch-Körper“ hinter sich. Mit den neuen Arbeitsaufgaben fühlt sie sich rundum wohl. Sie lernt ihre Kundschaft kennen und mustert diese sorgfältig.


Doch schon bald ergeben sich peinliche Situationen, wenn die Protagonistin auf ihren Nachwuchs angesprochen wird. Damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt, lässt sie sich einiges einfallen. So schließt sie sich regelmäßig im Büro ihres Chefs ein und tut so, als ob sie Milch abpumpt. Sie zieht die Show konsequent durch und verstrickt sich immer mehr in ein Lügengebilde. Und sie gerät immer dann in die Bredouille, wenn sie sich nicht sicher ist, wie sie die an sie gerichteten Fragen zu ihrem Kind beantworten soll. Wird ihr Konstrukt noch auffliegen?


Im weiteren Handlungsverlauf wird die Protagonistin von Ferhat dazu ermuntert, ins Fitnesstraining einzusteigen. Er arbeitet für sie ein passendes Programm aus und was anfangs harmlos beginnt, wird später zu einer Obsession. Die Ich-Erzählerin entwickelt einen sehr starken Ehrgeiz und setzt sich immer neue Ziele. Dabei agiert sie sehr diszipliniert und engagiert. Ihr Selbstbewusstsein wächst zusehends. Später stellt sie auch ihre Ernährung um. Sie verfällt völlig dem Fitnesswahn.


Irgendwann beobachtet sie die durchtrainierte und äußerst muskulöse Vick beim Training. Sie ist völlig fasziniert von ihr. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stellt man sich als Leser die Frage, wie weit die Ich-Erzählerin ihren Fitnesswahn noch betreiben wird. Vick scheint für sie zu einem Vorbild zu werden, dem sie nacheifern möchte, ja das sie sogar übertrumpfen möchte. Dabei überschreitet sie bald Grenzen und geht ein großes gesundheitliches Risiko ein, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern…


Das Buch ist humorvoll und mit einem Augenzwinkern erzählt, thematisiert aber bei aller Ironie auch einen ernsten Hintergrund. Angeprangert wird der exzessiv betriebene Körperkult, bei dem die eigene Gesundheit teils auch aufs Spiel gesetzt wird. Der Selbstoptimierungswahn kennt keine Grenzen und kann schlimme Folgen haben. All das wird in diesem Buch aufgezeigt. Was als harmloses Training beginnt, kann sich zu einem krankhaften Wahn auswachsen. Am Beispiel der Ich-Erzählerin wird ein solches Schicksal verdeutlicht. Ein interessantes Buch, mit einem ausgefallenen Setting, das ich gerne gelesen habe. Der Schreibstil ist flüssig, der Erzählton kreativ.



Montag, 9. März 2026

Eschbach, Andreas - Eine Trillion Euro


Wie viel ist Europa wert?



Der Klimawandel hat Europa fest im Griff. Es kommt zu Überschwemmungen, Missernten. Seen verschwinden. Permafrostböden tauen auf. Der Golfstrom kippt und Europa droht eine Eiszeit. Migrationsströme entstehen und wirtschaftliche Verwerfungen kommen zustande. Doch dann geschieht das Unvorstellbare: Ein Raumschiff landet in der Nähe von Straßburg. Es kommt zum Erstkontakt. Die Außerirdischen sprechen fließend Französisch :-) Sie geben sich als Vertreter einer intergalaktischen Firma zu erkennen und schlagen den Europäern ein Geschäft vor.


Die Außerirdischen bieten Europa an, den Kontinent 1:1 auf dem Mond nachzubauen und alle Europäer umzusiedeln. Es soll eine identische Kopie entstehen, bis ins kleinste Detail. Von Seiten der Europäer gibt es da natürlich einige Fragen zu klären. Ihnen erscheint das Angebot zunächst wenig verlockend. Wie wird es nun weitergehen? Werden sie sich einigen? Die Aliens geben jedenfalls so schnell nicht auf. Sie werben um ihr „Projekt“ und möchte die Europäer davon überzeugen.


Die Kurzgeschichte liest sich grotesk-amüsant. Für die Erbringung der Leistung fordern die Aliens natürlich eine Entschädigung. Ihnen schwebt eine hohe Geldsumme vor. Alles wird von ihnen genau durchkalkuliert. Erfasst werden Straßen, Häuser, Autos etc. Wie viel ist Europa wert? Die Aliens wollen aus der Notsituation der Europäer Kapital schlagen. Für die Europäer ist es eine ungewohnte Situation, nicht am längeren Hebel zu sitzen und in der Rolle des schwächeren Verhandlungspartners zu sein. Eine schöne Kritik, die hier zugleich deutlich wird. Insgesamt eine lustige-kurzweilige Lektüre mit einer tieferen Sinnebene.


Querverweise:

Eschbach, Andreas: Solarstation (1996)
Eschbach, Andreas: Perfect Copy. Die zweite Schöpfung (2002)
Eschbach, Andreas: Der Letzte seiner Art (2003)
Eschbach, Andreas: Die seltene Gabe (2004)
Eschbach, Andreas: Ausgebrannt (2007)
Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt Bd. 3, Bd. 4 und Bd. 5 (2006-2008)
Eschbach, Andreas: Freiheitsgeld (2022)
Eschbach, Andreas: Der schlauste Mann der Welt (2023)
Eschbach, Andreas: Die Abschaffung des Todes (2024)


Sonntag, 8. März 2026

Korol, Natascha - Einfach Rügen und Hiddensee!



Kompakt und aufs Wesentliche reduziert



Mit diesem Reiseführer zu Rügen kann man sich einen guten Überblick über mögliche Ausflugsziele auf der Urlaubsinsel verschaffen. Der Aufbau des Buchs ist übersichtlich und gut strukturiert. Insgesamt sind 30 Tipps enthalten, die jeweils auf einer Doppelseite präsentiert werden und in einem interessanten Info-Text kompakt nähergebracht werden (s. Auflistung unten).


Wichtig sind in diesem Zusammenhang v.a. die Hinweise, wie man das Ziel erreicht. Es werden Anfahrtmöglichkeiten aufgezeigt. Eine schöne Übersicht enthält der Reiseführer am Ende. Dort gibt es ein Best-Of mit den zehn lohnenswertesten Ausflugszielen (vgl. S. 92) der Insel, sozusagen die Top 10. Diese Übersicht dürfte v.a. für Urlauber hilfreich sein, die Rügen zum ersten Mal bereisen und sich schnell einen Überblick verschaffen wollen und dabei priorisieren möchten.


Neben den Ausflugszielen findet man auch thematische Seiten, die jeweils vier Seiten umfassen. Thema 1: „Einfach erleben!“ Hier werden Veranstaltungstipps und Hinweise auf kulturelle Veranstaltungen gegeben, die zu verschiedenen Jahreszeiten auf der Insel stattfinden. Thema 2: „Einfach genießen!“ Hier werden Tipps für kulinarische Highlights präsentiert. Thema 3: „Einfach shoppen!“ Wenn man nach besonderen Souvenirs oder Mitbringseln sucht, ist man auf dieser Themenseite gut aufgehoben. Thema 4: „Einfach entspannen!“ Hier werden Tipps für Spa-Angebote aufgelistet. Thema 5 „Einfach wandern!“ Wer gerne Wanderungen auf der Insel unternehmen möchte, der kann sich mit diesen thematischen Seiten einen guten Überblick verschaffen.


Was ich mir noch gewünscht hätte: a) Tipps für Indoor- und Outdoor-Aktivitäten und b) eine spezielle Seite für Familien mit Kindern (hier hätte man doch z.B. Freizeitparks oder Museen erwähnen können). Auch eine Sortierung von Ausflugszielen nach Städten hätte ich hilfreich gefunden. Mir fehlte hier z.B. auch Stralsund. Und zu Binz hätte man bestimmt mehr als nur eine Doppelseite präsentieren können. Fazit: Der Reiseführer ist gut, um einen ersten Überblick zu erhalten, und das auf schnelle, unkomplizierte Art und Weise. Als erste Orientierungshilfe ist er gut einsetzbar. Aber er ist sehr kompakt und ist wirklich nur auf das Wesentlichste reduziert. Aber das ist ja auch so gewollt und das Konzept hinter dem Reiseführer. Auf dem Klappentext selbst heißt es: „Fokussiert: Kurz und knackig beschrieben“. Manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze. Bei aller Kompaktheit habe ich für mich persönlich jedenfalls noch Anregungen für einen nächsten Rügen-Urlaub entnehmen können.


1. Rügenbrücke
2. Bergen auf Rügen
3. Putbus
4. Rasender Roland
5. Insel Vilm
6. Jagdschloss Granitz
7. Ostseebad Mönchgut
8. Ostseebad Baabe
9. Ostseebad Göhren
10. Seebrücke Sellin
11. Ostseebad Binz
12. Müther-Turm
13. Die Prora-Bauten
14. Baumwipfelpfad Rügen
15. Feuersteinfelder bei Mukran
16. Stadthafen Sassnitz
17. Skywalk Königsstuhl
18. Nationalpark Jasmund
19. Die Schaabe
20. Großsteingrab Nobbin
21. Fischerdorf Vitt
22. Kap Arkona
23. Dranske und der Bug
24. Gingst
25. Ralswiek
26. Leuchtturm Dornbusch
27. Kloster
28. Karusel – das Asta-Nielsen-Haus
29. Vitte
30. Neuendorf


Freitag, 6. März 2026

Bondarew, Boris - Im Ministerium der Lügen



Kurzrezension



Am Beispiel des Autors erhält man einen Einblick in die inneren Strukturen und in die Arbeitsweise des russischen diplomatischen Dienstes. Grundsätzlich handelt es sich um einen persönlichen Erlebnisbericht. Boris Bondarew beschreibt u.a. seinen eigenen Arbeitsalltag, das von ihm bearbeitete Tätigkeitsfeld und v.a. seinen eigenen beruflichen Werdegang. Man findet im Buch kritische Bestandsaufnahmen dazu (die ja aus erster Hand stammen). Das finde ich interessant. Z.B. würden sich Diplomaten bzw. Bürokraten davor drücken, Verantwortung zu übernehmen:


„Machtgier und Verantwortungsflucht sind die beiden wichtigsten Eigenschaften des russischen Bürokraten. So rechtfertigt der einfache Staatsdiener sein Handeln ausschließlich mit dem Willen eines Abteilungsleiters oder Departementdirektors, stellvertretende Minister berufen sich auf die Anweisungen ihres Ministers – und dieser wiederum auf Putins Befehle. Die Folge: Niemand übernimmt Verantwortung für irgendwas, und jeder hat über sich einen Chef, ‚dem man nicht widerspricht‘. (S. 48)


Auch schildert er kritisch, wie der berufliche Aufstieg funktioniert:


„Wenn ein junger Mann mit gerade mal 27 Jahren einen leitenden Posten übernehmen darf, erwartet man von ihm, dass er als Gegenleistung die ‚richtigen‘ Dokumente unterzeichnet und Entscheidungen trifft – natürlich im Interesse derer, die ihm diesen Posten verschafft haben. Mit anderen Worten: Obwohl sein Status eigentlich unabhängiges Handeln nicht nur zulässt, sondern sogar erfordert, ist ihm dies völlig unmöglich: Er muss die Erwartungen seiner ‚Paten‘ erfüllen und darf sich keine ‚Eigeninitiative‘ leisten.“ (S. 80)


„Duckmäusertum“ wird befördert:


„Hast du einmal das Außenministerium verklagt, kannst du deine Sachen packen. Trittst du für deine Rechte ein und weigerst dich, Ungerechtigkeit zu akzeptieren, bist du für die russländische Diplomatie nicht mehr zu gebrauchen. An dieser Stelle greift die berüchtigte ‚negative Selektion‘. Oder wie eine literarische Figur der Brüder Strugatzki sagt: ‚Kluge Leuten brauche wir nicht. Wir brauchen Gläubige.‘ (S. 119).



Ich habe das Buch mit Interesse gelesen, aber leider keine neuen Erkenntnisse daraus gewonnen. Was die politischen Einordnungen bestimmter historischer Ereignisse betrifft, so bin ich mit den Ausführungen nicht immer ganz einverstanden. Auch finde ich die Darlegungen nicht immer ausreichend differenziert und ausführlich genug. Stellenweise ist mir die Betrachtung zu einseitig oder zu verkürzt. Da habe ich schon andere Bücher gelesen, die ich deutlich besser fand (z.B. „Die russische Tragödie“ von Vladimir Esipov oder „Das Land, das ich liebe“ von Jelena Kostjutschenko). Insgesamt geht mir das Buch auch zu sehr in Richtung „Memoiren“. Es ist weniger eine gesellschaftspolitische Analyse. In den Text fließen viele persönliche Erinnerungen ein.


Nachdem der Krieg ausbrach, zog der Autor persönliche Konsequenzen und quittierte den Dienst. Er beschreibt die letzten Wochen im Dienst nach Kriegsausbruch und erläutert, dass der diplomatische Dienst von diesem Zeitpunkt an mit reichlich Propaganda „geflutet“ wurde. Die diplomatischen Beziehungen zu anderen Ländern verschlechterten sich daraufhin drastisch.


Querverweise:

Weitere Russlandbücher: