Dieses Blog durchsuchen

Montag, 9. März 2026

Eschbach, Andreas - Eine Trillion Euro


Wie viel ist Europa wert?



Der Klimawandel hat Europa fest im Griff. Es kommt zu Überschwemmungen, Missernten. Seen verschwinden. Permafrostböden tauen auf. Der Golfstrom kippt und Europa droht eine Eiszeit. Migrationsströme entstehen und wirtschaftliche Verwerfungen kommen zustande. Doch dann geschieht das Unvorstellbare: Ein Raumschiff landet in der Nähe von Straßburg. Es kommt zum Erstkontakt. Die Außerirdischen sprechen fließend Französisch :-) Sie geben sich als Vertreter einer intergalaktischen Firma zu erkennen und schlagen den Europäern ein Geschäft vor.


Die Außerirdischen bieten Europa an, den Kontinent 1:1 auf dem Mond nachzubauen und alle Europäer umzusiedeln. Es soll eine identische Kopie entstehen, bis ins kleinste Detail. Von Seiten der Europäer gibt es da natürlich einige Fragen zu klären. Ihnen erscheint das Angebot zunächst wenig verlockend. Wie wird es nun weitergehen? Werden sie sich einigen? Die Aliens geben jedenfalls so schnell nicht auf. Sie werben um ihr „Projekt“ und möchte die Europäer davon überzeugen.


Die Kurzgeschichte liest sich grotesk-amüsant. Für die Erbringung der Leistung fordern die Aliens natürlich eine Entschädigung. Ihnen schwebt eine hohe Geldsumme vor. Alles wird von ihnen genau durchkalkuliert. Erfasst werden Straßen, Häuser, Autos etc. Wie viel ist Europa wert? Die Aliens wollen aus der Notsituation der Europäer Kapital schlagen. Für die Europäer ist es eine ungewohnte Situation, nicht am längeren Hebel zu sitzen und in der Rolle des schwächeren Verhandlungspartners zu sein. Eine schöne Kritik, die hier zugleich deutlich wird. Insgesamt eine lustige-kurzweilige Lektüre mit einer tieferen Sinnebene.


Querverweise:

Eschbach, Andreas: Solarstation (1996)
Eschbach, Andreas: Perfect Copy. Die zweite Schöpfung (2002)
Eschbach, Andreas: Der Letzte seiner Art (2003)
Eschbach, Andreas: Die seltene Gabe (2004)
Eschbach, Andreas: Ausgebrannt (2007)
Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt Bd. 3, Bd. 4 und Bd. 5 (2006-2008)
Eschbach, Andreas: Freiheitsgeld (2022)
Eschbach, Andreas: Der schlauste Mann der Welt (2023)
Eschbach, Andreas: Die Abschaffung des Todes (2024)


Sonntag, 8. März 2026

Korol, Natascha - Einfach Rügen und Hiddensee!



Kompakt und aufs Wesentliche reduziert



Mit diesem Reiseführer zu Rügen kann man sich einen guten Überblick über mögliche Ausflugsziele auf der Urlaubsinsel verschaffen. Der Aufbau des Buchs ist übersichtlich und gut strukturiert. Insgesamt sind 30 Tipps enthalten, die jeweils auf einer Doppelseite präsentiert werden und in einem interessanten Info-Text kompakt nähergebracht werden (s. Auflistung unten).


Wichtig sind in diesem Zusammenhang v.a. die Hinweise, wie man das Ziel erreicht. Es werden Anfahrtmöglichkeiten aufgezeigt. Eine schöne Übersicht enthält der Reiseführer am Ende. Dort gibt es ein Best-Of mit den zehn lohnenswertesten Ausflugszielen (vgl. S. 92) der Insel, sozusagen die Top 10. Diese Übersicht dürfte v.a. für Urlauber hilfreich sein, die Rügen zum ersten Mal bereisen und sich schnell einen Überblick verschaffen wollen und dabei priorisieren möchten.


Neben den Ausflugszielen findet man auch thematische Seiten, die jeweils vier Seiten umfassen. Thema 1: „Einfach erleben!“ Hier werden Veranstaltungstipps und Hinweise auf kulturelle Veranstaltungen gegeben, die zu verschiedenen Jahreszeiten auf der Insel stattfinden. Thema 2: „Einfach genießen!“ Hier werden Tipps für kulinarische Highlights präsentiert. Thema 3: „Einfach shoppen!“ Wenn man nach besonderen Souvenirs oder Mitbringseln sucht, ist man auf dieser Themenseite gut aufgehoben. Thema 4: „Einfach entspannen!“ Hier werden Tipps für Spa-Angebote aufgelistet. Thema 5 „Einfach wandern!“ Wer gerne Wanderungen auf der Insel unternehmen möchte, der kann sich mit diesen thematischen Seiten einen guten Überblick verschaffen.


Was ich mir noch gewünscht hätte: a) Tipps für Indoor- und Outdoor-Aktivitäten und b) eine spezielle Seite für Familien mit Kindern (hier hätte man doch z.B. Freizeitparks oder Museen erwähnen können). Auch eine Sortierung von Ausflugszielen nach Städten hätte ich hilfreich gefunden. Mir fehlte hier z.B. auch Stralsund. Und zu Binz hätte man bestimmt mehr als nur eine Doppelseite präsentieren können. Fazit: Der Reiseführer ist gut, um einen ersten Überblick zu erhalten, und das auf schnelle, unkomplizierte Art und Weise. Als erste Orientierungshilfe ist er gut einsetzbar. Aber er ist sehr kompakt und ist wirklich nur auf das Wesentlichste reduziert. Aber das ist ja auch so gewollt und das Konzept hinter dem Reiseführer. Auf dem Klappentext selbst heißt es: „Fokussiert: Kurz und knackig beschrieben“. Manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze. Bei aller Kompaktheit habe ich für mich persönlich jedenfalls noch Anregungen für einen nächsten Rügen-Urlaub entnehmen können.


1. Rügenbrücke
2. Bergen auf Rügen
3. Putbus
4. Rasender Roland
5. Insel Vilm
6. Jagdschloss Granitz
7. Ostseebad Mönchgut
8. Ostseebad Baabe
9. Ostseebad Göhren
10. Seebrücke Sellin
11. Ostseebad Binz
12. Müther-Turm
13. Die Prora-Bauten
14. Baumwipfelpfad Rügen
15. Feuersteinfelder bei Mukran
16. Stadthafen Sassnitz
17. Skywalk Königsstuhl
18. Nationalpark Jasmund
19. Die Schaabe
20. Großsteingrab Nobbin
21. Fischerdorf Vitt
22. Kap Arkona
23. Dranske und der Bug
24. Gingst
25. Ralswiek
26. Leuchtturm Dornbusch
27. Kloster
28. Karusel – das Asta-Nielsen-Haus
29. Vitte
30. Neuendorf


Freitag, 6. März 2026

Bondarew, Boris - Im Ministerium der Lügen



Kurzrezension



Am Beispiel des Autors erhält man einen Einblick in die inneren Strukturen und in die Arbeitsweise des russischen diplomatischen Dienstes. Grundsätzlich handelt es sich um einen persönlichen Erlebnisbericht. Boris Bondarew beschreibt u.a. seinen eigenen Arbeitsalltag, das von ihm bearbeitete Tätigkeitsfeld und v.a. seinen eigenen beruflichen Werdegang. Man findet im Buch kritische Bestandsaufnahmen dazu (die ja aus erster Hand stammen). Das finde ich interessant. Z.B. würden sich Diplomaten bzw. Bürokraten davor drücken, Verantwortung zu übernehmen:


„Machtgier und Verantwortungsflucht sind die beiden wichtigsten Eigenschaften des russischen Bürokraten. So rechtfertigt der einfache Staatsdiener sein Handeln ausschließlich mit dem Willen eines Abteilungsleiters oder Departementdirektors, stellvertretende Minister berufen sich auf die Anweisungen ihres Ministers – und dieser wiederum auf Putins Befehle. Die Folge: Niemand übernimmt Verantwortung für irgendwas, und jeder hat über sich einen Chef, ‚dem man nicht widerspricht‘. (S. 48)


Auch schildert er kritisch, wie der berufliche Aufstieg funktioniert:


„Wenn ein junger Mann mit gerade mal 27 Jahren einen leitenden Posten übernehmen darf, erwartet man von ihm, dass er als Gegenleistung die ‚richtigen‘ Dokumente unterzeichnet und Entscheidungen trifft – natürlich im Interesse derer, die ihm diesen Posten verschafft haben. Mit anderen Worten: Obwohl sein Status eigentlich unabhängiges Handeln nicht nur zulässt, sondern sogar erfordert, ist ihm dies völlig unmöglich: Er muss die Erwartungen seiner ‚Paten‘ erfüllen und darf sich keine ‚Eigeninitiative‘ leisten.“ (S. 80)


„Duckmäusertum“ wird befördert:


„Hast du einmal das Außenministerium verklagt, kannst du deine Sachen packen. Trittst du für deine Rechte ein und weigerst dich, Ungerechtigkeit zu akzeptieren, bist du für die russländische Diplomatie nicht mehr zu gebrauchen. An dieser Stelle greift die berüchtigte ‚negative Selektion‘. Oder wie eine literarische Figur der Brüder Strugatzki sagt: ‚Kluge Leuten brauche wir nicht. Wir brauchen Gläubige.‘ (S. 119).



Ich habe das Buch mit Interesse gelesen, aber leider keine neuen Erkenntnisse daraus gewonnen. Was die politischen Einordnungen bestimmter historischer Ereignisse betrifft, so bin ich mit den Ausführungen nicht immer ganz einverstanden. Auch finde ich die Darlegungen nicht immer ausreichend differenziert und ausführlich genug. Stellenweise ist mir die Betrachtung zu einseitig oder zu verkürzt. Da habe ich schon andere Bücher gelesen, die ich deutlich besser fand (z.B. „Die russische Tragödie“ von Vladimir Esipov oder „Das Land, das ich liebe“ von Jelena Kostjutschenko). Insgesamt geht mir das Buch auch zu sehr in Richtung „Memoiren“. Es ist weniger eine gesellschaftspolitische Analyse. In den Text fließen viele persönliche Erinnerungen ein.


Nachdem der Krieg ausbrach, zog der Autor persönliche Konsequenzen und quittierte den Dienst. Er beschreibt die letzten Wochen im Dienst nach Kriegsausbruch und erläutert, dass der diplomatische Dienst von diesem Zeitpunkt an mit reichlich Propaganda „geflutet“ wurde. Die diplomatischen Beziehungen zu anderen Ländern verschlechterten sich daraufhin drastisch.


Querverweise:

Weitere Russlandbücher:

Montag, 2. März 2026

Zeh, Juli - Nullzeit



Vertrauen und Täuschung



Der Tauchlehrer Sven holt seine neue Kundschaft am Flughafen von Lanzarote ab: den Schriftsteller Theodor Hast und die Schauspielerin Jolante Augusta Sophie von der Pahlen. Beide haben eine teure, vierzehntägige Exklusivbetreuung gebucht. Mit dem VW-Bus bringt Sven Theo und Jola in ihre Unterkunft und unterwegs bestaunen diese die karge Vulkanlandschaft der Insel. Und schon bald wird deutlich, dass zwischen Theo und Jola eine angespannte Stimmung herrscht. Ihr Zusammenspiel als Paar wirkt alles andere als harmonisch. Theo verteilt gern verbale Seitenhiebe und Jola provoziert Theo gern mit ihrem Verhalten. Und auch beim Tauchen agieren beide verantwortungslos und beachten Svens Sicherheitsregeln nicht. Keine einfache Kundschaft! Der Urlaub scheint der Versuch, die Beziehung zu retten und eine gemeinsame Annäherung zu erreichen.


Eingeschoben in die Handlung werden auch Tagebuchaufzeichnungen von Jola, so dass wir als Leser einen Einblick in ihre Gedankenwelt erhalten. Wir erfahren, dass sie auf eine neue Rolle als Schauspielerin hofft. Das Tauchtraining ist für sie die Vorbereitung auf ein zukünftiges Engagement. Auffällig ist zudem, dass sie ihren älteren Mann Theo in ihrem Tagebuch nur abfällig als „alten Mann“ bezeichnet (er ist 42 Jahre alt). Es wird deutlich, dass sie keine hohe Meinung von ihm hat. Stattdessen schwärmt sie von ihrem attraktiven Tauchlehrer (der übrigens 40 Jahre alt ist :-) So gefällt ihr besonders, dass er sich unter Wasser um sie kümmert und sich ihr gegenüber fürsorglich verhält. Zudem hält sie Urlaubseindrücke fest und beschreibt, wie sie Situationen erlebt. Und schon bald wird dem Leser klar, dass Jolante den Ablauf von Ereignissen abweichend zu Sven beschreibt. Sie erscheint als unzuverlässige Erzählerin (wenn wir Svens Erzählung Glauben schenken). Als Leser wissen wir nicht mehr, welche Version des Geschilderten stimmt. Das ist geschickt arrangiert und macht neugierig auf die Auflösung…


Auch auf den beruflichen Aussteiger Sven macht Jolas Erscheinung Eindruck. Und es bleibt nicht aus, dass sie sich unter Wasser nahekommen, wenn Sven helfend eingreift. Obwohl er eigentlich mit Antje zusammen ist, die ihn auch beruflich unterstützt und die Buchführung sowie die Logistik übernimmt, hat er häufiger sexuelle Gedanken, die Jola betreffen. Was die Beziehung von Antje und Sven betrifft, so erfahren wir u.a., dass Sven sich gern seine Freiheiten bewahrt, anders als Antje keinen Kinderwunsch verspürt und zwischen beiden ein Altersunterschied von zehn Jahren existiert (eine auffällige Parallele zu Jola und Theo). Doch auch wenn Sven die kriselnde Beziehung zwischen seinen Kunden wahrnimmt, will er eisern an seinem professionellen Prinzip festhalten, sich nicht in die Belange von anderen einzumischen. Doch Jola und Theo machen es ihm nicht leicht. Und schon bald kommt es zu einer ersten Konfrontation, als Theo Sven fragt, ob er auf Jola steht… 


Die Beziehungsverhältnisse der Figuren sind so angelegt, dass psychologische Spannung entsteht. Zwischenmenschliche Reibungen und Machtspiele werden greifbar. Vertrauen und Täuschung hängen eng zusammen. Intrigen und Manipulation erscheinen möglich und verlaufen subtil. Die Figuren werden durch andere in bestimmte Rollen hineingezwängt und in gegenseitige Abhängigkeiten gedrängt. Theo, Jola, Antje und Sven weisen Tiefe auf, so dass die Charakterzeichnung ebenfalls als sehr gelungen bewertet werden kann. Besondere Beachtung verdient in meinen Augen z.B. auch der Vaterkomplex von Jola. Als Leser weiß man irgendwann nicht mehr, wem man was glauben kann. Verhält sich Jola aufdringlich oder ist Sven derjenige, der es auf Jola abgesehen hat? Spinnt Jola eventuell eine durchdachte Intrige? Verfälscht sie in ihrem Tagebuch bewusst Dinge (ggf. um Theo wiederum zu beeinflussen, der dieses zu lesen scheint)? Wird Sven evtl. nur als Mittel zum Zweck in die toxische Beziehung von Jola und Theo hineingezogen? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zu Beginn v.a. an Jolas Version gezweifelt habe, was daran liegen mag, dass Sven als Erzähler auftritt und damit vielmehr Raum einnimmt. Zum Ende hin wurde ich dann aber doch wieder unsicher Es könnte genauso gut sein, dass Sven die Unwahrheit behauptet und Abläufe von Geschehnissen verdreht. Beides ist möglich. Auch Sven ist kein zuverlässiger Erzähler. Letztlich zeigt sich, dass objektive Wahrheit nicht existiert. Wahrheit entsteht aus Narrativen. Dem Leser wird am Ende selbst überlassen, ein Urteil zu den Geschehnissen zu fällen. Fazit: Ein ausgezeichnetes Buch, über das man noch lange nachdenkt. V.a. der Titel „Nullzeit“ (= eine Phase während des Auftauchvorgangs) erhält am Ende eine besondere Bedeutung. 


Querverweise:
Weitere Rezensionen zu Werken von Juli Zeh: 
Ähnliche Werke wie "Nullzeit": z.B. Kristina Hauff (In blaukalter Tiefe)


Montag, 23. Februar 2026

Hein, Jakob - Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste

 


Drogenhandel als Klassenkampf




Grischa Tannberg, Absolvent der DDR-Hochschule für Ökonomie Bruno Leuschner, Sektion Außenwirtschaft, zieht zu Hause aus und tritt seinen ersten Job an. Als Jungaktivist steht er nun auf eigenen Beinen, bezieht seine erste eigene Wohnung in einer Platte in Berlin und macht sich zu Beginn des Buchs mit seinen neuen Aufgaben vertraut. Er arbeitet nun bei der Staatlichen Plankommission und soll Überlegungen dazu anstellen, wie man mit dem Bruderland Afghanistan erfolgreich Handel treiben kann.


Grischa ist ein pflichtbewusster DDR-Bürger, der die bestehenden Strukturen nicht in Frage stellt, sondern sein Bestes gibt, um seinen Platz darin zu finden. Sein Vorgesetzter Ralf, der seinen Aufgabenbereich nicht mit Leben zu füllen weiß, muss Grischas Engagement zunächst erst einmal bremsen. Eine mögliche Zusammenarbeit zwischen der DDR und Afghanistan gestaltet sich Ralfs Ansicht nach schwierig: „Die Afghanen haben nichts. Man könnte es so zusammenfassen: Die wollen alles und haben nichts“, S. 16.


Grischa wird von Ralf im Folgenden in die Kunst des kunstvollen Wartens eingeführt. Nach außen geben sich beide Afghanistan-Experten geschäftig, aber eigentlich haben sie nichts zu tun. Ihr wichtigster Aufenthaltsort wird fortan die Kantine :-) Gleichzeitig lässt Ralf alle fleißigen Vorschläge des Jungaktivisten zum Bruderland ins Leere laufen. Doch damit gibt sich Grischa nicht zufrieden. Er will sich nicht an die Vorgaben seines Vorgesetzten halten und sucht eigenständig nach Lösungen für das Afghanistan-Problem. Schließlich hat er als Jahrgangsbester einen Ruf zu verlieren.


Im stillen Kämmerlein erarbeitet Grischa letztlich seinen „Afghanistan-Plan“. Als Schlüssel zum Erfolg betrachtet er den Handel mit Hanf. Er gibt nicht auf, seinen Vorgesetzten von der Idee zu überzeugen und darf seinen Plan bald auch höherrangigen Beamten der Plankommission vorstellen. Zunächst stößt er auf Skepsis und taube Ohren. Doch Grischa ist einfallsreich und legt sich ordentlich ins Zeug, den Handel mit Hanf attraktiv erscheinen zu lassen. Er führt viele Argumente ins Feld, um seine Gesprächspartner zu überzeugen (v.a. der Verdienst von Westgeld erscheint dabei reizvoll :-)


Und tatsächlich gelingt es ihm, die Genehmigung für die Durchführung eines Pilotprojekts zu erhalten. Schon bald fliegt er im Auftrag der Staatssicherheit mit Ralf nach Kabul, um entsprechende Kontakte herzustellen und die Sache „anzuleiern“. Was werden sie dort erleben? Und wie wird der Westen auf das Pilotprojekt reagieren? Das sind die zentralen Fragen, die man sich zu diesem Zeitpunkt stellt.


Eines kann ich jedenfalls versprechen: Leserinnen und Leser erwartet ein amüsanter und kreativer Plot mit vielen humorvollen Ideen und lustigem Erzählton. Die Schilderung des Aufenthalts in Kabul und das, was danach passiert, habe ich schmunzelnd verfolgt (z.B. auch die Darstellung der politischen Hinterzimmergespräche). Ohne zu viel zu verraten: Schon bald eröffnet ein Deutsch-Afghanischer-Freundschaftsladen in der Nähe eines Grenzübergangs. Und es spricht sich schnell herum, welche Ware man dort erwerben kann. Das Angebot erfreut sich schon bald immer größerer Beliebtheit. Und im Westen ist man davon gar nicht begeistert. Der Fall beschäftigt rasch Juristen und die höchste politische Ebene… Fazit: Ein tolles Buch!


Querverweise:
Ein weiteres amüsantes Buch mit Ost-West-Thematik: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße von Maxim Leo 


Freitag, 20. Februar 2026

Andor (Staffel 1)



Der Beginn der Rebellion




Was mir an der Serie „Andor“ gefällt, ist, dass man einen Einblick in die Geheimdienst-Strukturen des Imperiums erhält. Wir lernen z.B. eine Geheimdienstmitarbeiterin kennen, die äußerst ehrgeizig ist und unbedingt innerhalb des Systems aufsteigen will. Wir erfahren etwas über die Hierarchien und sehen Konflikte sowie Konkurrenz auf Kommando-Ebene.


Insgesamt wirkt das Imperium sehr mächtig und kaum angreifbar. Es ist dabei, seinen Einflussbereich zu vergrößern und die totalitären Elemente immer weiter auszubauen. Überall gibt es Spione, verdächtige Bürgerinnen und Bürger werden überwacht. Fremde Welten werden für eigene Zwecke ausgebeutet und die ansässigen Spezies unterdrückt, vertrieben oder ermordet.


Und gleichzeitig ist man dabei, wie die beginnende Rebellion versucht, Nadelstiche gegen das Imperium zu setzen und zu einer größeren Gemeinschaft zusammenzufinden. Sie agiert im Untergrund und noch sind die Versuche, gegen das Imperium aufzubegehren zaghaft. Aber die Unzufriedenheit mit der Diktatur wächst. In diesem Zusammenhang spielt z.B. die Politikerin und Senatorin Mon Mothma eine zentrale (Doppel-)Rolle, die im Verborgenen versucht, Geld für die Rebellion aufzutreiben. Die Verfechter der Rebellion begeben sich in große Gefahr und führen Missionen unter Einsatz ihres Lebens durch.


Im Zentrum der Handlung steht die Durchführung eines Überfalls auf das Imperium. Man will etwas entwenden und bereitet sich akribisch auf den Einsatz vor. Spannung entsteht in der ersten Hälfte der Serie dadurch, dass man sich fragt, ob das Vorhaben gelingt und ob das Team, das den Einsatz durchführt, zusammenhält. Die zweite Hälfte der Serie schlägt dann noch einmal eine neue Richtung ein. Es geht v.a. um die Auswirkungen des Überfalls. Die Überwachungs-, Verhör- und Strafmaßnahmen durch das Imperium werden noch einmal deutlich verschärft. Es will mit allen Mitteln versuchen, eine drohende Gefahr auszuschalten. Am Beispiel von Cassian Andor werden die menschenverachtenden Haftbedingungen geschildert.


Letztlich wird mit dieser Serie ein wichtiger Beitrag zum „Worldbuilding“ des Star Wars Universums geleistet, und das auf eine sehr realistische Art und Weise. Die Serie kommt gänzlich ohne Fantasy-Elemente aus. Es tritt kein einziger Jedi-Ritter auf. Das hebt den Stil dieser Serie noch einmal deutlich von dem anderer Serien aus dem Franchise ab und macht sie zu etwas Besonderem.


Hier mein Star-Wars-Serien-Ranking:

Platz 2: Andor (Staffel 1)
Platz 5: The Acolyte
Platz 6: Ahsoka
Platz 8: Skeleton Crew
Platz 9: Boba Fett


Montag, 16. Februar 2026

Bronsky, Alina - Essen


Kulinarische Biographie



Im Vorwort ihres Buchs stellt die Autorin Überlegungen zum Thema „Essen“ an und betont dabei, dass dieses zugleich eine private sowie intime, aber auch öffentliche Angelegenheit sei. Jede Person könne etwas zu diesem Thema sagen. Aber nicht jeder mag darüber Auskunft geben, wie der eigene Kühlschrank befüllt ist, und nicht jeder mag sich gern beim Essen beobachten lassen, so Bronsky. Gleichzeitig werde Essen aber auch als Ereignis zelebriert und inszeniert, so z.B. auf Social Media. Das Essverhalten verrate viel über einen Menschen. Es finde in der Literatur häufig Erwähnung. Auch im Sprachgebrauch schlage es sich in Form verschiedener Metaphern nieder. Letztlich möchte die Autorin einen höchst privaten Einblick in zwölf Gerichte und Getränke geben, die sie selbst in irgendeiner Form geprägt haben. Sie verrät auf diese Weise etwas über ihre eigenen Vorlieben, ihre Herkunft und ihren Geschmack. Darüber hinaus finden Rezepte in diesem Buch Berücksichtigung (am Ende eines jeden Kapitels).


1. Porridge

Die Autorin erinnert sich an ihre erste Klassenfahrt in den frühen 90er Jahren (kurz nach ihrer Einwanderung nach Deutschland) und an das sonderbare Frühstück, das sie dort serviert bekommen hat (= Brot und Brötchen :-). Wehmütig erinnert sie sich an die Vorzüge eines Getreidebreis. Dessen Verzehr löse bei ihr direkt ein Heimatgefühl aus. Am Beispiel des Märchens „Brei aus der Axt“ geht sie auf die Bedeutung dieses Gerichts in ihrem Heimatland ein.


2. Borschtsch

Bronsky beschreibt die erfolgreiche Zubereitung dieser Suppe augenzwinkernd als Reifeprüfung fürs Erwachsenwerden. Auf sehr amüsante Art und Weise erwähnt sie sowohl regionale als auch individuelle Besonderheiten der Zubereitung. Es existieren verschiedenste Variationen.


3. Schokokuss

Die Autorin erinnert sich, wie sie als 13-jährige Jugendliche Frau Müller kennen lernte, bei der sie ab und zu aushalf und ein wenig Taschengeld dazuverdiente. Dort probierte sie zum ersten Mal Schokoküsse und wurde in die verschiedenen Möglichkeiten eingeführt, diese zu sich zu nehmen. Durch Frau Müller lernte sie dann noch weitere typisch deutsche Süßwaren kennen: Gummibärchen, Smarties etc. Das Überangebot an Süßigkeiten war für sie ein Kontrast zur sowjetischen Mangelwirtschaft von damals.


4. Eiswürfel

Bronsky gibt zu, dass ihre fremde Sozialisation immer wieder durchscheint. Typisch für sie ist beispielsweise, dass sie stets aus den Getränken die Eiswürfel herausfischt. Künstliche Abkühlung findet sie nämlich absurd. Das liege vermutlich daran, dass sie bei -40 Grad geboren wurde. Im Folgenden beschreibt sie noch weitere persönliche Eigenheiten, die aus ihrer Migrationserfahrung resultieren.


Um im Rahmen dieser Rezension nicht zu viel vorwegzunehmen, beschränke ich mich auf die Skizzierung dieser vier Kapitel. Die weiteren Kapitelüberschriften lauten wie folgt: Grüne Soße (Kapitel 5), Kaffee (Kapitel 6), Frikadellen (Kapitel 7), Quarkauflauf (Kapitel 8), die Stulle (Kapitel 9), Napoleon-Torte (Kapitel 10), Johannisbeeren (Kapitel 11), Früchtebrot (Kapitel 12). Dabei haben mir besonders solche Passagen gefallen, in denen die Autorin etwas über ihre eigene Sprachbiographie verrät und Überlegungen zur eigenen Identität anstellt. 


In den verschiedenen Kapiteln werden weitere Informationen zur Biographie der Autorin deutlich. Der Inhalt ist dabei oft persönlich. Bronsky gibt viel Privates über sich preis. Der Schreibstil ist dabei locker-beschwingt, stets unterhaltsam und häufig humorvoll. Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist essayistisch und streift verschiedenste Themen. Insgesamt ist es ein kurzweiliges und warmherziges Buch über Essen als Teil von Identität und Erinnerung, das vor allem solche Leserinnen und Leser interessieren dürfte, die an autobiographischen Auskünften der Autorin interessiert sind.


Querverweise:
Bronsky, Alina: Scherbenpark
Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina: Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina: Das Geschenk
Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Bronsky, Alina: Pi mal Daumen