Nächtliche Rachefeldzüge
Die Ich-Erzählerin Luca Palmer sorgt mit gezielten Aktionen für Gerechtigkeit. Tagsüber ist sie Anwältin in einer Berliner Kanzlei, nachts sucht sie Leute auf, an denen sie Rache übt. Sie sorgt stets dafür, dass sie keine Spuren hinterlässt, um nicht aufzufliegen. Würde sie erwischt, verlöre sie ihre anwaltliche Zulassung. Bevor sie sich zur Durchführung einer Aktion entschließt, recherchiert sie sehr penibel Informationen zu ihren Opfern, lotet auf diese Weise Schwachstellen aus und beschattet sie, um ihre Routinen kennenzulernen.
Zu Beginn trifft es Claudia Sauer, die Chefredakteurin des größten Boulevard-Blattes des Landes, die für Hetzkampagnen verantwortlich ist. Luca weiß um ihre Spinnenphobie und setzt aus Rache für deren Boshaftigkeit Vogelspinnen in ihrer Villa aus. Dabei wird sie fast auf frischer Tat ertappt. Sie kann in letzter Sekunde fliehen und muss eine Tasche mit Utensilien zurücklassen. Vielleicht ein Fehler, der ihr zum Verhängnis wird…
Luca ist Single, 34 Jahre alt und ein Workaholic. In ihrem Job als Anwältin geht sie auf. Ein treuer Weggefährte und Mitwisser um ihre Aktionen ist Walther (78 Jahre), mit dem sie sich vertrauensvoll austauscht und der sie berät. Nach einer weiteren Racheaktion entdeckt Luca Plakate mit einer Botschaft, die an sie gerichtet scheint: „Geheimnisvolle Fremde. Eines Tages kamst du in mein Leben – schwarzer Jumpsuit, Sturmhaube, Combat Boots und dunkle Augen. Seither denke ich an dich. Tag und Nacht. Ich verspreche Dir, ich werde dich finden, und all deine Geheimnisse werden mir gehören“ (S. 38). Wer steckt dahinter? Hängt das Auftauchen der Plakate etwa mit ihrer Aktion gegen Claudia Sauer zusammen?
Als Luca wenig später auch noch eine Nachricht auf ihr Handy erhält, nimmt die Gefahr zu. Jemand hat sie enttarnt und weiß um ihre nächtlichen Rachefeldzüge. Und dieser jemand meint es ernst. Er will sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Fortan muss Luca um ihr Leben fürchten und herausfinden, wer es auf sie abgesehen hat. Sie erstellt eine Liste mit möglichen Verdächtigen. Doch ihr fehlen Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht. V.a. diese zentrale Informationslücke sorgt für Spannung. Ansonsten wird aber an wenig „Stellschrauben“ gedreht, um die Spannung weiter zu forcieren. Gelungen ist darüber hinaus die Einbindung einer weiteren undurchschaubaren Figur, über die ich hier aber nicht mehr verraten will.
Sporadisch werden zudem Kapitel mit der Überschrift „Vor siebzehn Jahren“ eingeschoben. Darin erfahren wir mehr über Lucas Vergangenheit und darüber, was sie erlebt hat. Warum wurde sie zu einer nächtlichen Rächerin? U.a. war sie Zeugin eines Autounfalls mit Schwerverletzten. Und schon damals hat sie sich als junges Mädchen für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit eingesetzt. So setzt sie sich gegen Mobber zur Wehr.
Insgesamt hat mich der Thriller gut unterhalten. Figurenzeichnung und die Atmosphäre, die darin erzeugt wird, können überzeugen. Was mir aber weniger gut gefallen hat, war der Grad an Spannung. Dieser ließ nach meinem Empfinden zu wünschen übrig. Eine richtige Spannungsspitze entsteht erst auf den letzten 30 Seiten. Für einen Thriller ist mir das zu wenig. Das Buch ähnelt mehr einem Roman als einem Thriller. Darüber hinaus gab es einige Textstellen, die mir zu konstruiert erschienen. Ein durchschnittliches Werk.
Querverweise:
Ein weiteres Buch von Melanie Raabe, das ich rezensiert habe: Die Falle





