Kurzrezension
Am Beispiel des Autors erhält man einen Einblick in die inneren Strukturen und in die Arbeitsweise des russischen diplomatischen Dienstes. Grundsätzlich handelt es sich um einen persönlichen Erlebnisbericht. Boris Bondarew beschreibt u.a. seinen eigenen Arbeitsalltag, das von ihm bearbeitete Tätigkeitsfeld und v.a. seinen eigenen beruflichen Werdegang. Man findet im Buch kritische Bestandsaufnahmen dazu (die ja aus erster Hand stammen). Das finde ich interessant. Z.B. würden sich Diplomaten bzw. Bürokraten davor drücken, Verantwortung zu übernehmen:
„Machtgier und Verantwortungsflucht sind die
beiden wichtigsten Eigenschaften des russischen Bürokraten. So rechtfertigt der
einfache Staatsdiener sein Handeln ausschließlich mit dem Willen eines Abteilungsleiters
oder Departementdirektors, stellvertretende Minister berufen sich auf die Anweisungen
ihres Ministers – und dieser wiederum auf Putins Befehle. Die Folge: Niemand
übernimmt Verantwortung für irgendwas, und jeder hat über sich einen Chef, ‚dem
man nicht widerspricht‘. (S. 48)
Auch schildert er kritisch, wie der berufliche Aufstieg funktioniert:
„Wenn ein junger Mann mit gerade mal 27
Jahren einen leitenden Posten übernehmen darf, erwartet man von ihm, dass er
als Gegenleistung die ‚richtigen‘ Dokumente unterzeichnet und Entscheidungen
trifft – natürlich im Interesse derer, die ihm diesen Posten verschafft haben.
Mit anderen Worten: Obwohl sein Status eigentlich unabhängiges Handeln nicht
nur zulässt, sondern sogar erfordert, ist ihm dies völlig unmöglich: Er muss
die Erwartungen seiner ‚Paten‘ erfüllen und darf sich keine ‚Eigeninitiative‘ leisten.“
(S. 80)
„Duckmäusertum“ wird befördert:
„Hast du einmal das Außenministerium
verklagt, kannst du deine Sachen packen. Trittst du für deine Rechte ein und
weigerst dich, Ungerechtigkeit zu akzeptieren, bist du für die russländische Diplomatie
nicht mehr zu gebrauchen. An dieser Stelle greift die berüchtigte ‚negative
Selektion‘. Oder wie eine literarische Figur der Brüder Strugatzki sagt: ‚Kluge
Leuten brauche wir nicht. Wir brauchen Gläubige.‘ (S. 119).
Ich habe das Buch mit Interesse gelesen, aber leider keine neuen Erkenntnisse daraus gewonnen. Was die politischen Einordnungen bestimmter historischer Ereignisse betrifft, so bin ich mit den Ausführungen nicht immer ganz einverstanden. Auch finde ich die Darlegungen nicht immer ausreichend differenziert und ausführlich genug. Stellenweise ist mir die Betrachtung zu einseitig oder zu verkürzt. Da habe ich schon andere Bücher gelesen, die ich deutlich besser fand (z.B. „Die russische Tragödie“ von Vladimir Esipov oder „Das Land, das ich liebe“ von Jelena Kostjutschenko). Insgesamt geht mir das Buch auch zu sehr in Richtung „Memoiren“. Es ist weniger eine gesellschaftspolitische Analyse. In den Text fließen viele persönliche Erinnerungen ein.
Nachdem der Krieg ausbrach, zog der Autor persönliche Konsequenzen und quittierte den Dienst. Er beschreibt die letzten Wochen im Dienst nach Kriegsausbruch und erläutert, dass der diplomatische Dienst von diesem Zeitpunkt an mit reichlich Propaganda „geflutet“ wurde. Die diplomatischen Beziehungen zu anderen Ländern verschlechterten sich daraufhin drastisch.
Querverweise:
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