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Montag, 4. Mai 2026

Taler, Mark - Der Administrator von Eden




Über totalitäre Kontrolle und Freiheitsdrang




Mera muss zusammen mit 200 weiteren Kindern einen Ritus vollziehen. Ausgestattet mit einem Schutzanzug sollen sie die schützende Kuppel von Eden verlassen und eine Pilgerstätte in der Außenwelt aufsuchen. So soll der eigene Glaube gestärkt werden. Wenn die Prüflinge diese Reifeprüfung bestanden haben, werden sie als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft der Kuppel aufgenommen. Das Vertrauen in den sog. Administrator soll ihnen auf ihrer Mission Kraft verleihen. Hüten müssen sie sich vor so genannten Kriechern – das sind außerirdische Lebensformen, die den Menschen gefährlich werden können. Schnell wird deutlich, was für Glaubenssätze Mera vertritt. Sie ist sehr fromm und stellt zu Beginn wenig in Frage.


Nach ihrer bestandenen Reifeprüfung entschließt sich Mera dazu, Priesterin zu werden. Auf diese Weise hofft sie, verborgenes Wissen zu erlangen. Sie möchte mehr über die Kuppel und das Leben darin erfahren und die Vergangenheit der Kolonie verstehen. Die Regeln des Kollektivs hinterfragt sie nicht. Sie will innerhalb des herrschenden Systems ihren Platz finden. Sie durchläuft eine Ausbildung zur Priesterin und als Leser erleben wir mit, welche Inhalte sie erlernt. U.a. muss sich Mera als Tugendwächterin betätigen, was die strengen Regelungen des Zusammenlebens gut verdeutlicht.


Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung wird Mera vom Administrator höchstpersönlich für den inneren Kreis ausgewählt. Sie erhält einen neuen Namen und gehört fortan zu einer elitären Gesellschaftsschicht, die nur den wenigsten vorbehalten ist. Ihr Traum wird wahr. Sie erlangt Wissen, das nur den Mitgliedern des inneren Zirkels vorbehalten ist. Sie genießt Privilegien, von denen andere Bewohner nur träumen können. Und mit der Zeit wird sie immer neugieriger. Ihr Wissensdurst ist immens. Sie studiert zahlreiche Bücher. Bald schon findet sie einen Vertrauten, der ihr bisheriges Weltbild ins Wanken bringt. Ihr Blick auf Eden verändert sich. Mehr und mehr durchschaut sie, was in der Kuppel vor sich geht. Sie beschließt etwas zu unternehmen, um eine Veränderung des Systems herbeizuführen. Wird das gelingen?


Während der Lektüre erfahren wir als Leser nach und nach mehr Hintergründe über Eden. Die Gemeinschaft befindet sich auf einem fremden Planeten. Man hat die Erde einst mit Sternenschiffen verlassen und lebt seit mehreren Generationen innerhalb der Kuppel. Die Kolonisten fanden keinen fruchtbaren Planeten vor, sondern eine karge, lebensfeindliche Welt, in der nichts gedieh. Von den Opfern, die vorangegangene Generationen erbracht haben, kursieren mündlich tradierte Legenden. Die Strukturen des Zusammenlebens machen einen totalitären Eindruck. Menschen, die vom Glauben abweichen, werden bestraft, indem sie aus der Kuppel verbannt werden (ein sicheres Todesurteil). Abweichendes Verhalten soll von den Einwohnern der Kuppel gemeldet werden und wird sanktioniert. Dem Administrator gegenüber verhalten sich die Menschen ehrfürchtig. Er ist das unangefochtene Oberhaupt. Um ihn wird ein regelrechter Personenkult betrieben. Überall hängen Bildnisse von ihm. Insgesamt ist das Buch gut, flüssig und spannend geschrieben. Die Neugier wird beim Lesen permanent befeuert. Ich war gespannt auf die Auflösung und wurde nicht enttäuscht. Aber an „Omniworld“ reicht das Buch nicht heran.


Querverweise:

Taler, Mark - Omniworld


Freitag, 1. Mai 2026

Eschbach, Andreas - Ins fahle Herz des Sommers

 


Mysteriös und undurchschaubar




Fausto lebt in einer wenig hoffnungsvollen postapokalyptischen Welt, in der eine Seuche die Menschen heimgesucht hat und die Hitze der Sonne den Menschen große Probleme bereitet (dem Klimawandel sei Dank). Die südlichen Länder sind unbewohnbar geworden. Viele hat es bereits in den Norden (nach Nordkanada, Grönland und Sibirien) gezogen, sofern sie das nötige Geld für die Ausreise aufbringen konnten. Doch Fausto harrt in der trostlosen, lebensfeindlichen Umgebung (irgendwo in Frankreich) weiter aus und kämpft jeden Tag ums Überleben.


Das Dorf, in dem er lebt, ist weitestgehend verlassen. Es sind nur noch einige wenige Nachbarn übriggeblieben (u.a. ein Pfarrer), zu denen Fausto nach wie vor Kontakt hat. Nachts macht er sich mit seinem Fahrrad auf den Weg, um die umliegende Gegend nach Vorräten und anderen nützlichen Dingen abzusuchen. Allerdings haben zahlreiche Plünderungswellen dafür gesorgt, dass nicht mehr viel vorhanden ist.


Der triste Alltag von Fausto wird uns Lesern nähergebracht. Er versucht das Beste aus seiner Situation zu machen und ist darum bemüht, nur an die Zukunft zu denken. Große Pläne macht er jedoch nicht. Eingeflochtene Kindheitserinnerungen zeugen davon, dass er noch eine andere Welt kennen gelernt hat. Doch die Erinnerungen verblassen.


Eines Tages zieht eine fremde, mysteriöse Frau namens Valérie in das verlassene Nachbarhaus von Fausto ein. Die Hitze macht ihr wenig aus. Fausto findet sie überaus attraktiv und in ihm erwacht ein Beschützerinstinkt. Das erste Kennenlernen verläuft sonderbar. Valérie äußert sich nur sehr zurückhaltend und bleibt wortkarg. Sie gibt sehr wenig von sich preis und behauptet, dass sie nicht wisse, wo sie herkomme. Auch aus diesem Grund hat sie eine rätselhafte Ausstrahlung. Sie wirkt geheimnisvoll und als Leser möchte man mehr über sie erfahren.


Fausto hat die Hoffnung, dass er nicht länger allein durchs Leben gehen muss. Und tatsächlich kommt es schon bald zu einer Annäherung zwischen ihm und Valérie. Fausto stört sich nicht daran, dass er so gut wie nichts über sie weiß. Er lernt ein neues Gefühl kennen: Verlustangst. Auch Körperlichkeit und Begehren spielen eine große Rolle. Doch in der Nachbarschaft erregt die Beziehung der beiden schon bald Aufsehen. Wie wird es mit den beiden weitergehen? Werden sie evtl. doch noch in den Norden ziehen?


Das Buch weist durchgängig eine besondere Atmosphäre auf, was v.a. auch daran liegt, dass Valérie als Figur sehr mysteriös daherkommt. Das hat mir gut gefallen. Die Welt, in der Fausto lebt, bleibt für den Leser undurchschaubar und wirkt kafkaesk. Strukturen, die das Gemeinwesen aufrechterhalten, werden angedeutet, bleiben aber nebulös. Später treten Figuren auf, die Fausto nur als Fremde bezeichnet. Auch ihre Herkunft bleibt unklar. Kontextualisierungen und Erklärungen werden bewusst ausgelassen. Man erfährt nur punktuell etwas über die zukünftige Welt, in der Valérie und Fausto leben. Der Kreis der Personen, die in diesem Buch auftreten, ist auf eine überschaubare Anzahl begrenzt. Doch man erfährt nur wenig Hintergründe zu den Nebenfiguren. Schade! Das Ende hat mich leider unbefriedigt zurückgelassen. Ich wollte noch so viel mehr erfahren. Insgesamt bleibt die Idee der futuristischen Welt ausbaufähig. Vielleicht ja ein einem weiteren Buch? Wer weiß…


Querverweise:

Eschbach, Andreas: Solarstation (1996)
Eschbach, Andreas: Perfect Copy. Die zweite Schöpfung (2002)
Eschbach, Andreas: Der Letzte seiner Art (2003)
Eschbach, Andreas: Die seltene Gabe (2004)
Eschbach, Andreas: Ausgebrannt (2007)
Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt Bd. 3, Bd. und Bd. (2006-2008)
Eschbach, Andreas: Freiheitsgeld (2022)
Eschbach, Andreas: Der schlauste Mann der Welt (2023)
Eschbach, Andreas: Die Abschaffung des Todes (2024)

Mittwoch, 22. April 2026

Clarke, Arthur und Stephen Baxter - Sonnensturm



Kosmische Gefahr




Wir befinden uns im Jahr 2037. Der Sonnenforscher Michail Martynov lebt in einer Forschungsstation auf dem Mond und überwacht die Sonne. Er lebt dort allein, nur unterstützt von einer KI (by the way: Oberflächen- und Lichtverhältnisse am Südpol des Mondes werden bildhaft beschrieben. Man kann sich alles gut vorstellen). Eines Morgens beobachtet Michail eine neue aktive Region auf unserem Heimatstern. Wenig später erhält er Besuch von einem Neutrinoforscher, der ebenfalls auf dem Erdtrabanten stationiert ist. Er erforscht den Kern der Sonne und überbringt Michail eine beunruhigende Nachricht: Die Auslöschung der Erde stehe bevor. Es blieben noch 5 Jahre Zeit, um sich gegen die Katastrophe zu wappnen.


Auch auf der Erde stellt man Auffälligkeiten fest. Ein geomagnetischer Sonnensturm sucht unsere Heimatwelt heim. In London kommt es zu Aurorae und die Energieversorgung wird beeinträchtigt. Z.B. werden die elektronischen Leitsysteme für PKWs empfindlich gestört. Verkehrsprobleme sind die Folge. Auch Satelliten werden beschädigt. Kommunikationssysteme fallen aus. Inmitten dieses Chaos bewegt sich die Physikerin Siobhan. Sie findet schnell heraus, dass die Ereignisse nicht lokal auf London beschränkt sind. Die gesamte Erde ist betroffen und versinkt im Chaos. Und keiner weiß, wie lange das Phänomen anhält. Siobhan wird um Rat gefragt, was man gegen die Folgen des koronalen Massenauswurfs tun kann. Doch angesichts der riesigen Dimensionen der Sonne gibt es zunächst wenig, was ihr dazu einfällt.


Nachdem die Menschheit den ersten Sonnensturm überstanden hat, wird schnell klar, dass dieser nur der Anfang war. Der Erde droht schon bald eine gewaltige Katastrophe. Ideen sind gefragt. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, plant man schließlich einen gewaltigen Schutzschild zu konstruieren (mit einem Durchmesser von 13.000 km) - ein Projekt, das die Einheit der Menschheit und eine Zusammenarbeit verschiedener Nationen erfordert. Die Ressourcen des Planeten müssen gebündelt werden, um den Bau des Schilds zeitnah abzuschließen. Viele (v.a. technischen) Herausforderungen müssen bewältigt werden. Das Schicksal der Erde steht auf dem Spiel. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Und die Frage bleibt, ob diese Maßnahme ausreichen wird und was danach passiert. Für mich ein gelungenes Ausgangssetting.


Eine weitere Perspektive betrifft Leutnant Bisesa Dutt, die während eines Helikopterflugs im Afghanistan-Einsatz für eine gewisse Zeit spurlos verschwindet. Während für sie fünf Jahre vergehen, ist auf der Erde nur ein Tag vergangen, als sie zurückkehrt. Sie ist von einer fremden Macht entführt worden, die sie als „Erstgeborene“ bezeichnet. Sie glaubt, dass die fremde Intelligenz hinter den Ereignissen auf der Sonne steckt. Für sie ist es kein Zufall, dass das Schicksal der Erde durch die Sonne bedroht wird. Doch warum sollten die Erstgeborenen die Menschheit auslöschen wollen? Was ist ihr Motiv?


Besonders gefallen hat mir, dass einiges an Wissen zur Sonne in diesem Buch beiläufig vermittelt wurde. So erfahren wir etwas über Protuberanzen, über Sonnenflecken, über den Aufbau, über die Aktivitäten und über die Prozesse, die im Inneren der Sonne ablaufen. Weniger gefallen haben mir die Längen, die v.a. vor dem eigentlichen Eintritt der Katastrophe spürbar waren. Hier hätten Zeitsprünge für mehr Dynamik gesorgt. Mir waren die Schilderungen zur Konstruktion des Schildes insgesamt zu langatmig und zu detailverliebt. Erst das letzte Drittel widmet sich den Ereignissen rund um den heftigen Sonnensturm, der dann das Schicksal der Menschheit bedroht. Der Ablauf der Katastrophe wird ausführlich und aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben. Die Spannung war beim Lesen spürbar. Enttäuscht hat mich dann wieder, was nach der Katastrophe geschildert wurde. Da hatte ich deutlich mehr erwartet. Schade fand ich auch, dass die Erstgeborenen nicht auftauchen. Damit ist erst in Band 3 dieser Trilogie zu rechnen ("Wächter"). 


Querverweis:

Ein weiteres Buch von Stephen Baxter, das ich rezensiert habe: "Die Wiege der Schöpfung"



Freitag, 17. April 2026

Taylor, Dennis E. - Outland. Der geheime Planet



Multiversum und Supervulkan




Die Geologie-Studentin Erin will mit ihren Kommilitonen und Professor Collins eine Exkursion zum Yellowstone-Park unternehmen. Dort kam es in letzter Zeit zu ungewöhnlichen seismischen Aktivitäten. Im weiteren Handlungsverlauf werden dann immer mal wieder Pressemeldungen über zunehmende geologische Ereignisse eingestreut. Erins Freund Matt hingegen wird derweil von Freunden (Richard und Kevin) berichtet, dass sie ein unglaubliches Physikprojekt durchführen. Mit einer selbst hergestellten Konstruktion wollen sie auf verschiedene Versionen der Realität zugreifen und sich mit Hilfe eines Portals durchs Multiversum bewegen.


Und das Experiment gelingt. Schon bald schauen sich Matt und seine Freunde eine zweite Erde an und beobachten durch das Portal die Umgebung auf der anderen Seite. Sie stellen fest, dass es in der alternativen Realität keine Menschen zu geben scheint, dafür aber bereits ausgestorbene Tiere. Die Freunde planen Größeres. Sie wollen ein gewaltigeres Portal bauen und die alternative Erde betreten. Ihr Plan ist es, auf der anderen Seite Gold zu schürfen, um mit dem dann erworbenen Reichtum ihr Projekt auf noch größere Beine zu stellen. Vorerst wollen sie ihre Entdeckung geheim halten. Doch als sie beginnen, ihr Flussgold zu veräußern, erregen sie ungewollt Aufmerksamkeit.


Auf der anderen Seite des Portals müssen die Freunde stetig auf der Hut sein, um nicht von wilden Tieren attackiert zu werden. Die permanente Bedrohungssituation erhöht die Spannung spürbar. Später kommt es dann zu der bereits angebahnten Katastrophe. Im Yellowstone-Park bricht ein Supervulkan aus, der eine globale Krise nach sich zieht (übrigens eine reale Gefahr, der letzte Ausbruch ereignete sich vor ca. 640.000 Jahren). Die Spannung nimmt damit noch einmal zu. In der Folge des Ausbruchs breitet sich eine riesige Aschewolke aus, die das weitere Schicksal der Menschheit beeinflusst. Eingebaute Presseberichte verdeutlichen die Konsequenzen und das Ausmaß des Dramas. Es droht das Ende der modernen Zivilisation. Über einen Umkreis von mehr als 1000 km türmt sich die Ascheschicht mehrere Meter hoch. Die Erde versinkt im Chaos. Das Gemeinwesen zerstört sich selbst.


Um sich und weitere Menschen zu retten, beschließen Matt und seine Freunde, das Portal zu öffnen und Menschen zur alternativen Erde zu bringen. Der Aufbruch verläuft hektisch und improvisiert. Alles muss zügig vonstattengehen. Ungefähr 300 Menschen überleben auf diese Weise. Doch was erwartet die Flüchtlinge auf der anderen Seite? Werden sie in der fremden Welt zurechtkommen, wenn sie auf alle Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten müssen? Und kehren sie irgendwann auf ihre Heimaterde zurück? Das sind die zentralen Fragen, die ich mir zu diesem Zeitpunkt stellte.


Abschließend noch ein bisschen Kritik: Ich hätte mir noch gewünscht, dass die alternative Realität noch ausführlicher von den Freunden erforscht worden wäre. Da öffnen sie schon ein Portal zu einer anderen Erde und das Einzige, was ihnen einfällt, ist, nach Gold zu suchen. Naja, naja… Darüber hinaus hat mich die Handlung nach der Katastrophe nicht richtig mitgerissen. Es geht v.a. um zwischenmenschliche Konflikte. Mir fehlte eine Art von überraschender Entdeckung. Das war mir insgesamt zu wenig, was sich der Autor da überlegt hat. Und so richtig ereignisreich fand ich das Ganze auch nicht. Es müssen zwar allerlei Hürden bewältigt werden, um das eigene Überleben zu sichern, aber ich fand den Inhalt zu erwartbar und zu gewöhnlich. Oft fand ich den Inhalt auch nicht bildlich genug beschrieben. So hätte ich bei der Beschreibung der Katastrophe noch mehr erwartet. Die Presseberichte allein gingen mir nicht genug unter die Haut. Kurzum: Ein durchschnittliches Buch. Da wäre mehr drin gewesen. Die Grundidee hat mir gefallen. Und der Schreibstil bzw. die Übersetzung des Stils ist gelungen. Mit "Earthside" gibt es noch eine Fortsetzung, die aber bisher nicht auf Deutsch erschienen ist.


Querverweise

Taylor, Dennis E.: Ich bin viele (2018)
Taylor, Dennis E.: Wir sind Götter (2018)

Ein weiteres Science-Fiction-Buch zum Thema "Multiversum", das ich sehr empfehlen kann: 

Ralph Alexander Neumüller: Das Stoffuniversum (2023)



Dienstag, 14. April 2026

McFadden, Freida - Die Ehefrau




Zwischen Lüge und Wahrheit




Sylvia Robinson rettet einer fremden Frau, die in einem Diner einen Erstickungsanfall erleidet, das Leben. Doch dann entwickelt sich die Situation anders als erwartet. Die Frau bedankt sich nicht, sondern sie macht Sylvia schwere Vorwürfe. Sie will die Polizei und einen Krankenwagen rufen, weil sie sich durch Sylvias Eingreifen angeblich an der Lunge verletzt hat. Erst als ein Zeuge sich einmischt (Adam Barnett) und Sylvia unterstützt, wendet sich die Sache wieder zum Guten. Was für ein kurioser Einstieg!


Nach dem Vorfall unterbreitet Adam Sylvia ein verlockendes Jobangebot. Er möchte, dass Sylvia seiner kranken Frau Victoria tagsüber Gesellschaft leistet. Sie sei viel allein. Für die Ausübung des Jobs soll Sylvia sogar bei Adam und Victoria einziehen. Die Bezahlung, die Adam ihr in Aussicht stellt, ist sehr gut und verschlägt Sylvia den Atem. Obwohl sie kein gutes Bauchgefühl bei der Sache hat, nimmt sie den Job an (auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wie genau es um den Gesundheitszustand von Victoria bestellt ist). Die Konditionen sind einfach zu gut…


Adam Barnett arbeitet als Schriftsteller und ist überaus erfolgreich. Er hat bereits mehrere Bestseller verfasst. Das Anwesen, in dem er und Victoria leben, ist luxuriös, aber auch abgelegen. Und als es zur ersten Begegnung von Sylvia und Victoria kommt, erfahren wir mehr über Victorias Zustand. Sie ist die Treppe hinuntergestürzt und hat dabei schwere Verletzungen erlitten. Ihr Gesicht ist durch Narben entstellt. Ihr Sprachzentrum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Sie spricht nur selten und äußert nur wenige undeutliche Worte. Ihr Blick wirkt ausdruckslos. Sie kann keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen und muss gefüttert werden. Anfangs ist sie Sylvia unheimlich…


Am ersten Arbeitstag fordert Victoria Sylvia dazu auf, ein Tagebuch aus einer Schublade hervorzuholen. Sie nimmt es mit auf ihr Zimmer, um es zu lesen. Fortan erhalten wir als Leser einen Einblick in das (frühere) Innenleben von Victoria und erfahren mehr über ihre Beziehung zu Adam und wie sich diese Beziehung entwickelt hat. Sie beschreibt u.a., wie sie Adam kennengelernt hat. Es wird deutlich, dass Victoria glaubt, mit Adam einen guten Fang gemacht zu haben. Doch die anfängliche Harmonie bleibt nicht von Dauer. Mit der Zeit lernen wir andere Seiten von Adam kennen. V.a. als beide zusammenziehen, zeigen sich erste Risse. Adam wird mit der Zeit immer dominanter und besitzergreifender. Später überschreitet er Grenzen. Allerdings sollte man als Leser im Hinterkopf behalten, dass es sich bei den Tagebuchnotizen um Victorias Version der Geschehnisse handelt. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich bei Victoria um eine unzuverlässige Erzählerin handelt.


Eine gute Verrätselung des Inhalts entsteht dadurch, dass Victoria hin und wieder spricht und undeutliche Worte äußert. Sylvia ist sich oft unsicher, was Victoria ihr mitteilen will. Und auch als Leser rätselt man mit, was es mit den Äußerungen von Victoria auf sich hat. Das ist geschickt arrangiert. Auch über Sylvia erfahren wir im weiteren Handlungsverlauf mehr. Sie ist bereits im Alter von 16 Jahren schwanger geworden und hat ihr Kind verloren. Von ihrem damaligen Freund Freddy hat sie sich getrennt, doch er nimmt immer wieder Kontakt zu ihr auf und möchte gerne zu ihr zurückkehren (sie vermisst ihn manchmal immer noch). Sylvia findet Adam attraktiv und hebt seine Qualitäten als perfekter Ehemann hervor. Ihre Sicht auf Adam ist als Kontrast zu den Schilderungen von Victoria angelegt. Doch je mehr Sylvia im Tagebuch von Victoria liest, desto größer werden ihre Zweifel, was Adam betrifft. Am Ende wartet das Buch wieder mit zahlreichen Wendungen auf (die in sich schlüssig sind), von denen mich allerdings dieses Mal nicht jede überrascht hat.


Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt (2025)
McFadden, Freida: Die Kollegin (2025)
McFadden, Freida: Der Lehrer (2025)
McFadden, Freida: Der Freund (2025)

Sehr ähnliches Buch: Sophie Stava "Eine falsche Lüge" (2025)

Mittwoch, 8. April 2026

Leo, Maxim - Einatmen, Ausatmen



Selbstfindung





Marlene hat große Schwierigkeiten damit, zu entspannen und eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen. Im Urlaub weiß sie nichts mit sich anzufangen. Freizeit kann sie nichts abgewinnen. Sie muss das Gefühl haben, gefordert zu werden. Die Arbeit geht ihr über alles. Dem beruflichen Erfolg ordnet sie ihr restliches Leben unter. Produktivität und Effizienz sind für sie von Bedeutung. Und wenn es um die Quartalszahlen geht, ist sie überaus erfolgreich. Nur die Personalführung bereitet ihr Probleme. Ihr fehlt es an sozialer Kompetenz. Sie verhält sich ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber distanziert und agiert unsensibel. Es fällt ihr schwer, sie zu motivieren. Mit Lob ist sie zu sparsam. Kurzum: Zwischenmenschliches fällt ihr schwer.


Als ihr Chef Marlene in Aussicht stellt, dass sie die Unternehmensführung als CEO der Aviola übernehmen soll, sobald er in den Ruhestand geht, knüpft er das Angebot an eine Bedingung. Sie soll ein Achtsamkeits-Coaching absolvieren, um ihr „Problemfeld“ der Personalführung zu bearbeiten. Er verlangt von ihr, dass sie die Sache ernst nimmt und sich darauf einlässt. Doch man merkt, dass sie der Angelegenheit mit vielen Vorbehalten begegnet. Mental Health und Lifestyle-Themen steht sie skeptisch gegenüber.


In einem weiteren Blickwinkel wird uns die Perspektive des Unternehmens-Coaches Alex vermittelt (die Blickwinkel von Alex und Marlene werden im Wechsel präsentiert). Er schult Führungskräfte, doch seine Firma schreibt rote Zahlen. Grund dafür ist, dass ihm seine positive Energie und Begeisterung abhandengekommen ist. So erfahren wir, dass er zwar schon bekannte Persönlichkeiten betreut hat, doch bei allem Erfolg musste er auch persönliche Krisen überstehen. Er fiel schon mehrfach in ein Loch mit dunklen Gedanken, aus dem er sich mühsam herauskämpfen musste. Kurzum: Seine Coaching-Seminare laufen nicht mehr so erfolgreich wie früher. Marlene ist für ihn eine große Chance. Sollte er erfolgreich mit ihr arbeiten, winkt eine lukrative und langfristige Zusammenarbeit mit der Aviola.


Der Erzählton ist zu Beginn humorvoll. Marlenes Seltsamkeiten werden auf amüsante Art und Weise geschildert. Und schon das erste Zusammentreffen von Alex und Marlene wird herrlich konfrontativ eingefangen (Marlene entpuppt sich als äußerst schlagfertig und widerspenstig). Und als Leser stellte ich mir folgende Fragen: Wird sich Marlene auf die Inhalte des zweiwöchigen Intensivkurses einlassen? Und (wie) wird sie sich ändern? Was wird sie während ihres Coachings erleben? Wird Alex zu alter Form zurückfinden?


Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir dann, welchen Wandel Marlene durchläuft. Anfangs fällt es ihr schwer, sich zu öffnen. Sie sieht keine Notwendigkeit darin, an sich zu arbeiten. Sie will sich nicht ändern müssen. Doch eine existenzielle Notsituation führt dazu, dass sie beginnt, erlernte Muster in Frage zu stellen. Die Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit führt dazu, dass Marlene Vertrauen fasst und sich mitteilt. Doch mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Der Ton wird nach meinem Gefühl ernsthafter. Wir lernen eine andere Seite von Marlene kennen. Und der Autor lässt sich darüber hinaus noch einiges einfallen, um die Handlung abwechslungsreich zu gestalten (vgl. Klappentext: „ein schüchterner Hausmeister“ und „ein dreizehnjähriges Mädchen“). Alex lernen wir im Folgenden als sehr fürsorglichen, warmherzigen und hilfsbereiten Menschen kennen, der sich gern um andere kümmert und ihnen in schwierigen Lebensphasen zur Seite steht. Und wir begleiten ihn bei der Bewältigung eines Gewissenskonflikts. Einerseits soll er Marlene dabei helfen, zu sich selbst zu finden, andererseits riskiert er damit seine potentielle Zusammenarbeit mit der Aviola.


Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen (wie auch schon andere Bücher des Autors). Maxim Leos Schreibstil liest sich wie gewohnt angenehm und flüssig. Und ich finde toll, dass Leo nach „Der Held von Bahnhof Friedrichstraße“ und „Wir werden jung sein“ wieder eine neue inhaltliche Richtung einschlägt. Das Einzige, was ich bemängeln könnte, ist der Umstand, dass die Wandlung von Marlene zu glatt, zu schnell und mit zu wenig Reibung vonstattengeht.


Querverweise:
Leo, Maxim: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße (2022)
Leo, Maxim: Frankie (zusammen mit Jochen Gutsch/2023)
Leo, Maxim: Wir werden jung sein (2024)
Leo, Maxim: Junge aus West-Berlin (2024)


Donnerstag, 2. April 2026

Prödel, Kurt - Salto




Lebensentwürfe




Marko hat erst kürzlich sein Abitur abgelegt (das beste Abitur seines Jahrgangs) und träumt von einem Medizin-Studium. Zu Beginn des Buchs wohnen wir den Feierlichkeiten der Abiturentlassung bei. Dabei lernen wir auch Claire kennen, die Freundin von Marko, mit der er schon seit der 7. Klasse zusammen ist, sowie Markos Vater, der emotional immer etwas unbeholfen wirkt. Seine Mutter hat Marko schon früh verloren. Er denkt noch oft an sie und vermisst sie.


Marko ist ein Arbeiterkind und stammt anders als Claire nicht aus einem Elternhaus, das mit viel Geld gesegnet ist. Während sie ein Studium in München plant und sich auf Papas Kontakte verlassen kann, muss Marko hoffen, dass er überhaupt einen Studienplatz erhält (ohne zu wissen, wo er überhaupt landen wird). Und Claire zeigt sich kompromisslos. Sie will unbedingt nach München, unabhängig davon, ob Marko mitkommt oder nicht. Dabei sollte ihr klar sein, dass ein Leben in München Markos finanzielle Möglichkeiten deutlich übersteigen dürfte. Claires und Markos Lebensentwürfe sind völlig unterschiedlich. Claire kann viel befreiter und sorgenloser agieren. Pierre Bourdieu lässt grüßen!


Zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Studienplatz absolviert Marko ein Praktikum im medizinischen Bereich. Sein privates Glück muss zurückstehen. Zunächst einmal muss er einen Studienplatz bekommen, egal wo. Regelmäßig wirft er einen Blick ins Bewerbungs-Portal, um zu erfahren, ob sich sein Wunsch eines Medizinstudiums erfüllt. Wenig später erfahren wir, dass Marko sich von seinen Plänen verabschieden kann. Und das trotz seiner Bestnoten! Er erhält nur Absagen. Doch Markos Vater will nicht aufgeben und ermuntert seinen Sohn dazu, nach Budapest zu gehen, um dort zu studieren. Für die Finanzierung des Studiums will er auf das ausgezahlte Geld der Lebensversicherung von Markos Mutter zurückgreifen. Widerwillig lässt Marko sich schließlich darauf ein. Es ist zwar nicht das, was er sich gewünscht hat, aber besser als nichts. Letztlich wird hier auch eine Kritik an der Studienplatzvergabe deutlich. Als junger Mensch muss man teils harte Kompromisse eingehen und Opfer bringen…


Die Wege von Marko und Claire trennen sich. Marko folgt nicht seinem Herzen. Und wenig später wird klar, dass Claire die Trennung und die Lebensveränderung nicht gut verkraftet. Sie entwickelt eine Psychose und findet Hilfe in der Psychiatrie. Sie muss den Beginn ihres Studiums verschieben. Fortan ist sie auf Medikamente angewiesen, die ihr Leben stabilisieren. Und Marko geht ungeachtet dieser Geschehnisse nach Budapest. Und wir begleiten seinen weiteren Lebensweg. Claire rückt in den Hintergrund und wir erfahren nur punktuell durch Telefonate und durch kurze Heimaturlaube von Marko etwas über sie (u.a. erlebt sie eine zweite Krise und muss in die Tagesklinik). Stattdessen erfahren wir, wie Marko sich in Budapest einlebt und dort sein Studium bestreitet. Für ihn geht der Alltag weiter. Er kann nur aus der Distanz verfolgen, was mit Claire passiert. Er nimmt zwar Anteil an ihrem Schicksal, kann aber wenig machen. Seine universitären Pflichten haben für ihn Priorität. Die Erkrankung von Claire wird relativ knapp und nicht aus der Betroffenensicht thematisiert, sondern eher punktuell aus der Außenperspektive von Marko. Ich hätte gern noch mehr über die Einschränkungen erfahren, die Claires Erkrankung mit sich bringt. Auch finde ich die Darstellung der Ursache für ihre Psychose zu knapp abgehandelt.


Marko erscheint uns als Einzelgänger. Auf Partys ist er derjenige, der abseitssteht. In sozialen Situationen mit vielen Menschen fühlt er sich unwohl. Und auch die Beziehung zu seinem Vater ist eine Betrachtung wert. Die Kommunikation zwischen beiden verläuft unbeholfen und nicht offen genug. Das sorgt im weiteren Handlungsverlauf für Probleme. Der Vater gesteht Marko gegenüber nicht ein, dass ihn finanzielle Sorgen plagen. Später zeigt Marko Leistungseinbrüche. Unbewusst scheinen ihn doch mehr Dinge zu belasten, als er selbst erkennt. Der Druck, der von verschiedenen Seiten auf Marko lastet, scheint zu hoch. Und irgendwann streikt dann Markos Gesundheit und sein Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Bei ihm wird Diabetes Typ I diagnostiziert. Er kehrt nach Deutschland zurück.


Und von diesem Zeitpunkt an verschieben sich Markos Prioritäten komplett. Er muss lernen, mit der Krankheit zu leben und einen Weg finden, damit umzugehen. Hier wird nun eine Betroffenensicht deutlich. Und das auf eindrückliche Art und Weise. Symptome und Einschränkungen kommen sehr, sehr gut zum Ausdruck. Marko hat Schwierigkeiten damit, Akzeptanz gegenüber der Diagnose zu entwickeln. Seine Lebensqualität ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Ein Klinikaufenthalt und Besuche bei einem Diabetologen helfen ihm dabei, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Trotzdem muss er Rückschläge verkraften und zahlreiche Ängste überwinden. Was ich hier nicht verraten möchte: Finden Claire und Marko wieder zueinander? Kommt es zwischen beiden zu einer Aussprache? Eines ist jedenfalls klar. Ihr Leben hat sich völlig anders entwickelt, als beide gedacht hätten. Was ich mir zusätzlich noch gewünscht hätte: Klarere Konturen beim Handlungsort Budapest. Abschließend: Ich halte „Salto“ für eine geeignete Schullektüre (z.B. für die Einführungsphase). Dieses Buch bietet viele Themen, die Heranwachsende interessieren könnten. Es knüpft in meinen Augen sehr gut an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern an und fördert die Empathie-Entwicklung.


Ein weiteres Buch von Kurt Prödel: Klapper