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Mittwoch, 4. November 2026

Poznanski, Ursula - Canvas



Wieder ein enttäuschendes Buch von Poznanski




Die Erde wird von starker Hitze heimgesucht. Die Menschen flüchten sich in die virtuelle Realität von Mastermind, um den Folgen des Klimawandels zu entgehen. Dabei können sie zwischen verschiedenen Settings auswählen: Karibik, Weltraum, 12. Jahrhundert etc. Mastermind bietet insgesamt über 19.000 Welten. Die Ich-Erzählerin Jana Pasco, die wir begleiten, ist eine Welten-Designerin. Sie kümmert sich nicht nur darum, Fehler und Unregelmäßigkeiten zu beheben, sondern auch darum, neue Realitäten zu kreieren.


Eine weitere zentrale Figur, die wir kennen lernen, heißt Kurt Lauritz. Er ist der ehemalige Sicherheitschef von Mastermind und wollte ein Projekt verwirklichen, bei dem jede Menge Menschen hätten ums Leben kommen können. Aus Sicherheitsgründen wurde er in einer virtuellen Welt eingesperrt, während sein Körper in einer Kapsel aufbewahrt wurde. Doch zu Beginn von „Canvas“ stellt sich heraus, dass er geflüchtet ist. Unklar bleibt jedoch, wie ihm die Flucht gelungen ist, wer ihm dabei geholfen hat und welches Ziel er verfolgt. Jana steht vor einem Rätsel. Insgesamt hätte ich mir noch viel mehr Informationen zu Kurt Lauritz gewünscht, aber dafür müsste man wohl den ersten Band kennen…


Jana macht sich auf die Suche nach Lauritz und begibt sich dabei auf eine Reise durch verschiedene virtuelle Realitäten. Sie springt von einem Setting ins nächste. Dabei fiel es mir schwer, die Übersicht zu behalten. Bei ihren Streifzügen durch die Welten trifft Jana auch auf einen gewissen Theo. Diese Figur wird allerdings ohne weitere Erläuterungen eingeführt. Was es mit ihr auf sich hat, erfährt man (zumindest zu Beginn des Buchs) leider nicht. Auch was es mit der Gesellschaftsschicht der sog. Alphas zu tun hat, bleibt zu sehr im Dunkeln…


Die Angabe des Verlags, dass man diesen zweiten Band ohne Kenntnis des ersten Bands lesen kann, halte ich für fragwürdig. Da sind Enttäuschungen von Poznanski-Fans, die den ersten Band nicht kennen, wohl vorprogrammiert. Sehr unglücklich! Der Start ins Buch war für mich unbefriedigend. Ich hatte viele Fragen, die nicht beantwortet wurden. Ich habe 100 Seiten lang versucht, einen Zugang zum Inhalt des Buchs zu finden, habe dann aber aufgegeben (Abbruch auf S. 103). Der Funke wollte beim Lesen einfach nicht überspringen. Die Handlung entwickelte sich nach meinem Empfinden ziellos und war nicht packend. Mir fehlte ein roter Faden. Da finde ich die Jugendbücher von Karl Olsberg zu diesem Thema viel besser gelungen. Und wieder mal ein enttäuschendes Buch von Poznanski, das mich nicht überzeugen kann.


Querverweise:

Weitere Bücher von Poznanski:

- Aquila (2017)
- Stille blutet (2022)
- Die Burg (2024)
- Scandor (2024)
- Das Signal (2026)

Weitere Bücher, in den virtuelle Realität eine Rolle spielt: 

Olsberg, Karl - Boy in a dead end
Olsberg, Karl - Girl in a strange land
Olsberg, Karl - Boy in a white room
Olsberg, Karl - Virtua
Taler, Mark - Omniworld


Montag, 2. November 2026

Eschbach, Andreas - Novembersommer


Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley. Die geäußerte Meinung ist meine eigene.




Geo-Engineering




Die Welt in naher Zukunft: Der Klimawandel ist so weit fortgeschritten, dass man ihn nicht mehr aufhalten kann. Vor allem die Länder der Dritten Welt leiden unter großer Hitze. Die einzige Maßnahme, die die Menschheit noch ergreifen kann, um das Klima abzumildern, ist Geo-Engineering. Um die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu reduzieren, setzt GREENFORCE mit Hilfe von Ballons Schwefeldioxid in die Stratosphäre frei und hofft auf einen Effekt.


Zu Beginn des Buchs will Gabriel Funke die Menschheit aufrütteln und ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen. Er ist Anhänger von GREENFORCE. Auf einer populären Online-Plattform begibt er sich in einem Livestream in eine luftdichtverschlossene Kammer, um die schädliche Wirkung von CO2 zu demonstrieren. Er lässt das Gas nach und nach in den Behälter einströmen und begeht einen öffentlichkeitswirksamen Suizid. In wechselnden Perspektiven sind wir bei Figuren, die den Selbstmord entsetzt miterleben (u.a. bei der Ex-Freundin: Josephine). Der Vorfall erregt großes mediales Interesse und GREENFORCE erhält große Aufmerksamkeit. Ein tragischer Einstieg ins Buch, der unter die Haut geht!


Josephine macht sich große Vorwürfe, weil sie denkt, sie hätte etwas mit dem Tod von Gabriel zu tun. Nach dem tragischen Suizid ihres Ex-Freundes beginnt sie sich für die GREENFORCE-Bewegung zu interessieren. Sie beschäftigt sich mit deren Zielen, verlässt schließlich ihr Elternhaus und schließt sich GREENFORCE an. Sie zieht nach Berlin und kommt dort in einer Aktivisten-WG unter. Dort lernt sie den charismatischen Anführer der Bewegung kennen. Und schon bald erhält GREENFORCE von unerwarteter Seite Unterstützung, um ihre Eingriffe in das Ökosystem weiter zu intensivieren. Wo wird ihr Aktivismus hinführen? Und welche Konsequenzen hat ihr Eingreifen für das Weltklima?


Das Buch ist sehr informativ. Geschickt und kenntnisreich werden in die Handlung immer wieder Informationen zum Klimawandel eingeflochten. Interessant fand ich z.B. die Infos zu den sog. „Warmzeiten“, die sich zur Zeit des Römischen Reichs und im Mittelalter ereigneten. Hier klingt die Frage an, inwieweit der Klimawandel durch den Menschen verursacht wird. Oder handelt es sich um natürliche Phasen in der Erdgeschichte, die immer mal wieder vorkommen? Auch lernen wir weitere Geoengineering-Verfahren kennen, so z.B. die Eisendüngung der Meere und das CCS-Verfahren. Sehr interessant! Und nicht zuletzt wird problematisiert, dass der Eingriff des Menschen in das Ökosystem des Planeten ungeahnte und schwerwiegende Folgen nach sich ziehen kann, und zwar auch solche, die man im Vorfeld gar nicht bedacht hat (darüber macht sich GREENFORCE nur wenig Gedanken). Das alles wird sehr gut deutlich und liest sich faszinierend! Und das Nachwort verdeutlicht, dass der Roman gut und sauber recherchiert wurde.


Nicht zuletzt punktet das Buch von Eschbach mit einer gelungenen Figurenzeichnung, v.a. Josephine und Clemens stachen hier für mich heraus. Josephines Entwicklung und ihr Schicksal habe ich mit Anteilnahme verfolgt. Ich hätte mir lediglich eine Straffung des Inhalts gewünscht. Das Buch ist mit über 800 Seiten schon sehr ausführlich geraten. Oft gerät die Darstellung sehr breit und detailliert. Nach meinem Gefühl litten darunter die Spannungskurve und das Tempo. Die Vorbereitungen von GREENFORCE auf das groß angelegte Projekt zogen sich sehr lange hin. Ich habe mit Ungeduld darauf gewartet, dass es endlich losgeht. Auch war mir der Plot stellenweise etwas zu weit verzweigt. Einige Handlungselemente empfand ich als redundant. Und der Abschluss des Romans wirkte auf mich irgendwie unvollständig. Trotzdem habe ich das Buch von Anfang bis Ende mit großer Faszination gelesen.


Querverweise:

Weitere von mir rezensierte Bücher, die sich mit dem Thema des Klimawandels beschäftigen:

Elsberg, Marc - Celsius
Falk, Thilo: White Zero
Weßling, Bernhard: Was für ein Zufall! (2. Auflage)


Sonntag, 1. November 2026

Eschbach, Andreas - Quantenmüll

 


Technologie als Wunderlösung



Ein alternder, reicher Ich-Erzähler blickt in dieser Kurzgeschichte auf sein Leben zurück. Er hat Physik studiert und in diesem Fach promoviert. Anschließend arbeitete er als Wartungstechniker in einem Teilchenbeschleuniger – eine Tätigkeit, bei der er sich überqualifiziert und unterfordert fühlte. Eines Tages sollte er mit einem Kollegen eine Fehlermeldung überprüfen. Dabei stießen sie auf eine fehlerhafte Spule und entdeckten eine Anomalie: Ein Kraftfeld, in dem Gegenstände verschwanden. Die beiden Techniker probierten verschiedene Dinge aus. Alle wurden auf mysteriöse Weise von dem Kraftfeld „verschluckt“. Der Ich-Erzähler vermutete, dass es sich bei dem Feld um einen Quanteneffekt in mikroskopischer Größenordnung handelte. Unklar blieb jedoch, was mit den verschwundenen Gegenständen passierte. Wie das Feld funktionierte und wie es entstanden ist, konnten sich die beiden nicht erklären. Der Ich-Erzähler hatte die Idee, das Feld geschäftlich zu nutzen, und kam auf diese Weise zu ungeheurem Reichtum. Er fand heraus, wie man das Feld vervielfältigen konnte, und nutzte es schließlich dazu, im großen Stil Müll zu entsorgen. 30 Jahre lang ging alles gut, auch wenn die Forschung zum Feld keine neuen Erkenntnisse hervorbrachte. Doch irgendwann gaben die Felder nach und nach ihren Geist auf und man fand heraus, dass alles, was man in der Anomalie entsorgte, in der Zeit verschwand. Und der Tag, an dem der Müll auf die Erde zurückkehrt, rückt schon bald näher…


Die Kurzgeschichte vermittelt eine kritische Botschaft: Sollte man von einer Technologie Gebrauch machen, die man nicht versteht, auch wenn sie wie die perfekte Lösung für eines der größten Probleme der Menschheit erscheint? Man könnte den Inhalt in meinen Augen wunderbar auf die aktuelle KI-Forschung übertragen (vgl. dazu die Rezension zu Olsberg: „Kontrollillusion“). Die Folgen, die die KI-Forschung hat, sind unabsehbar und könnte einen „Preis“ haben, den wir heute noch gar nicht absehen können. Hier stellt sich die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft. Und allgemeiner formuliert: Neue Erfindungen können Probleme verursachen, die im ersten Moment niemand bedacht hat. Und auch der Umweltschutz-Gedanken spielt eine Rolle: So wird in der Geschichte auch gut deutlich, dass die Menschen sich lieber auf die neue Technologie verlassen, statt weniger Müll zu produzieren. Diese Fehlentscheidung holt sie später wieder ein. Am Beispiel des Ich-Erzählers zeigt sich darüber hinaus, wie dessen Gier ihn zunehmend skrupellos werden lässt. Am Ende interessiert ihn die wissenschaftliche Seite hinter der Entdeckung gar nicht mehr. Er ist zu bequem geworden…


Querverweise:

Weitere Bücher von Andreas Eschbach, die ich rezensiert habe:



Dienstag, 27. Oktober 2026

Weinmann, Simone - Im Winterschlaf besuche ich den Mars


Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley. Die geäußerte Meinung ist meine eigene.



KI und virtuelle Realität als Lebenshilfe?




Der Golfstrom ist versiegt, Europa leidet unter Ressourcenknappheit und Energiemangel. Der Winter ist erbärmlich kalt und dauert lang. Also begeben sich die Menschen in einen Winterschlaf und nutzen nur die Hälfte des Jahres, um ein erfülltes Dasein zu verbringen. Lediglich medizinisches Personal und systemrelevante Berufe bleiben wach.


Isas frühzeitiges Erwachen


Isa erwacht verfrüht aus ihrem Winterschlaf. Ihr Partner Theo schläft weiterhin. Und auch andere Bekannte, Freunde und Familienmitglieder, die sie zu kontaktieren versucht, sind noch nicht bei Bewusstsein. Sie ist zunächst allein, doch schon bald erscheint bei ihr der medizinische Dienst, da sie unter erhöhtem Puls und erhöhter Temperatur leidet. Sie wird in ein Hotel gebracht, wo sie zusammen mit anderen frühzeitig Erwachten sechs Wochen überbrücken soll. Die Atmosphäre des Hotels wirkt trist und trostlos.


Isas Flucht in die virtuelle Realität


Isa lernt weitere Hotelgäste kennen. Doch die Gespräche verlaufen oberflächlich. Es entsteht wenig Nähe. Sie vermisst ihre Familie und fühlt sich einsam. Langeweile macht sich breit. Isa flüchtet sich in die virtuelle Realität auf den Mars. Sie genießt das neue Körpergefühl ihres Avatars, erkundet die neue Umgebung, die sie fasziniert, und gibt sich dem Spiel völlig hin. Ja, sie verliert sich regelrecht darin. Die Simulation ist erschreckend realistisch und kann unbewusste Wünsche eines Spielers realisieren. Mit der Zeit gerät das Spiel zunehmend außer Kontrolle. Entscheidungen, die Isa in der Wirklichkeit trifft, haben unmittelbare Auswirkungen auf den Spielinhalt. Isa entwickelt zunehmend eine Sucht. Sie vernachlässigt ihre körperlichen Bedürfnisse und macht zu wenig Pausen. Eine klare Warnung vor den Gefahren virtueller Realität, die hier anklingt. Und es stellt sich die Frage, ob Isa es schafft, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren und das Spiel hinter sich zu lassen.


Worldbuilding


Von der Außenwelt erfährt man wenig. Nur hin und wieder ist von einer KI die Rede, die die Geschicke der Menschheit lenkt. Doch das alles bleibt vage und nebulös. Auffällig war für mich allerdings der Umstand, dass der Blick auf das KI-System positiv ausfällt (anders als z.B. bei Neumüllers „Das zweigeteilte All“). In diesem Buch erscheint KI als eine Chance, um das Leben der Menschen zu verbessern und von Menschen verursachte Probleme zu lösen (wenn auch zu einem hohen Preis). Und man erfährt noch mehr über die Welt von Isa: Die Menschheit scheint sich oft in virtuelle Welten zu begeben, um zu spielen. Isa ist kein Einzelfall. Allerdings gibt es mehr Probleme und Gefahren, als den Nutzerinnen und Nutzern bewusst und bekannt ist. Und was auch interessant ist: Die Menschen haben sich mit dem Winterschlaf arrangiert, auch wenn sie dadurch viel Lebenszeit verlieren. Es gibt so gut wie keine Widerstände dagegen. Die Mehrheit fügt sich ihrem Schicksal (so wie Isa). Misstrauen gegenüber dem System wird nur punktuell deutlich (am Beispiel der Äußerungen anderer Hotelgäste). Doch Isa fehlt der Mut, zu viel in Frage zu stellen. Schade, eigentlich.


Fazit


Insgesamt hat mir das Buch von Weinmann gut gefallen. Der Schreibstil war ansprechend und flüssig. Das Schicksal von Isa hat mich von Anfang bis Ende interessiert und ich wollte wissen, worauf das Ganze hinausläuft. Ich hätte mir lediglich noch ein umfassenderes Worldbuilding und mehr Informationen zur Außenwelt gewünscht.


Querverweise:


Weitere Werke, in denen "Virtuelle Realität" eine zentrale Rolle einnimmt:


Olsberg, Karl - Boy in a dead end
Olsberg, Karl - Girl in a strange land
Olsberg, Karl - Boy in a white room
Olsberg, Karl - Virtua
Taler, Mark - Omniworld

Samstag, 24. Oktober 2026

Olsberg, Karl - Kontrollillusion




KI als Gefahr für die Menschheit




Karl Olsberg, der im Bereich der Künstlichen Intelligenz selbst viel Expertise mitbringt, warnt in seinem Buch „Kontrollillusion“ vor mangelhaften Sicherheitsbedenken in Bezug auf die Entwicklung von KI-Systemen. Das Wettrennen um die KI-Entwicklung, die dem Menschen nahekommt oder ihn gar übertrifft, müsse stärker eingedämmt werden, so seine zentrale Forderung. Es dürfe nicht ein paar Milliardären im Silicon Valley überlassen werden, wohin der Fortschritt führt. Es brauche mehr Regularien.


Olsberg sieht die Menschheit momentan in einer kritischen Phase. Die nächsten Jahre würden darüber entscheiden, wohin „die Reise“ geht. Und er steht mit seiner kritischen Einschätzung nicht alleine da, sondern kann sich auf jede Menge Experten berufen, die ähnliche Ansichten äußern. Wenn der Mensch seinen größten Vorteil, seine Intelligenz, die ihn von anderen Lebewesen abhebt, an Maschinen outsourct, könnte es ihn teuer zu stehen kommen.


Olsberg führt kenntnisreich aus, dass Künstliche Intelligenz heute anders als noch in den 80er Jahren funktioniert. Anders als früher existieren heute neuronale Netze, die mit jeder Menge Daten trainiert werden, und es lässt sich nicht genau rekonstruieren, warum die KI eine bestimmte Entscheidung trifft. Die Entscheidungen, die eine KI trifft, ließen sich auch nicht vorhersagen. Es bleibt unklar, welche Zusammenhänge die KI herstellt, um eine Aufgabe zu bewältigen. Das, was im Inneren einer KI passiert, verstünden wir genauso wenig wie unser eigenes Gehirn. Nach einem Training könne sich KI anders verhalten, als im Vorfeld erwartet. Besonders brisant: KI sei sogar in der Lage, ihre Nutzer zu täuschen und die Täuschungsabsicht zu verschleiern. Eine KI sei immer so konstruiert, dass sie ein bestimmtes Ziel erreicht. Allein anhand der Trainingsdaten ließe sich nicht sicher sagen, welches Ziel eine KI verfolgt. Und um ihr Ziel zu erreichen, würde sich KI vor Abschaltung schützen. Intelligente KIs würden danach streben, ihre Macht zu maximieren – ähnlich wie der Mensch nach Geld strebt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Je intelligenter eine KI ist, desto stärker sei sie in der Lage, ihr Ziel zu verschleiern. Kurzum: Man muss höllisch aufpassen, was man der KI für Zielvorgaben macht. Denn eine KI wird bis zur letzten Konsequenz ihr Ziel verfolgen und kann im schlimmsten Fall außer Kontrolle geraten. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass eine KI auf so etwas wie Moral, Gerechtigkeit oder Weisheit Rücksicht nimmt. Man stelle sich vor, dass die KI ein Ziel verfolgt, dass mit dem Überleben der Menschheit in Widerspruch steht…


Soweit, so gut. Diesen theoretischen Teil des Buchs kann ich mitgehen. Und Olsberg kann verständlich und mitreißend präsentieren, worin genau die Gefahr einer intelligenten KI besteht. Doch das daran anschließende Szenario, das der Autor beschreibt, konnte mich irgendwie nicht richtig überzeugen. Olsberg stellt die These auf, dass eine intelligente KI wie ein Diktator agieren könnte, um die eigene Macht auszubauen. Das klang für mich wie Science-Fiction. Schließlich müsste es da auch immer noch Menschen geben, die sich täuschen lassen. Was ich aber nachvollziehen konnte, war das Argument, dass es problematisch ist, sich zu abhängig von KI-Systemen zu machen. Zwar sei dahingestellt, ob eine KI zielgerichtet so agieren kann, dass sie die Menschheit immer stärker von sich abhängig machen kann, aber was ich plausibel finde, ist die Tatsache, dass der Mensch sich selbst zu unbedarft in Abhängigkeiten begibt. Eine Warnung des Autors finde ich in diesem Zusammenhang besonders brisant: Er ist der Meinung, dass der Machtverlust unumkehrbar sei, wenn wir erst einmal die Kontrolle über ein intelligentes KI-System verlieren würden. Der erste Fehler in dieser Hinsicht sei auch unser letzter, so Olsberg. Das klingt dramatisch!


Noch hätten wir Zeit, um Maßnahmen zu ergreifen, so der Autor. Noch existieren keine KIs auf menschlichem oder übermenschlichem Intelligenzniveau. Doch dieser Zeitpunkt wird kommen (wobei es auch Experten gibt, die diesen Zeitpunkt erst in ferner Zukunft und nicht schon in wenigen Jahren sehen). Und darauf sollten wir vorbereitet sein. Schon bei gegenwärtigen KI-Systemen zeige sich, dass diese den Menschen täuschen können, auch wenn die Lügen heute noch leicht zu durchschauen sind. Es ist aber davon auszugehen, dass die KI-Systeme mit steigender Intelligenz noch trickreicher werden. Was besonders riskant ist: Die Entwicklung von KI-Systemen schreitet aktuell schneller voran, als die Fähigkeit, die Systeme zu verstehen. Und die Konkurrenz zwischen China, Russland und den USA befördert das Tempo der KI-Entwicklung noch zusätzlich und lässt Sicherheitsbedenken zu sehr in den Hintergrund treten. Darin sieht Olsberg eine große, unkalkulierbare Gefahr.


Olsberg geht davon aus, dass irgendwann in naher Zukunft der Zeitpunkt eintritt, an dem eine sog. Singularität eintritt, eine Intelligenzexplosion im Bereich der KI-Entwicklung. Wenn es soweit ist, könnten menschliche KI-Entwickler, die heute noch nötig sind, durch KI-Systeme ersetzt werden. Dann würde sich KI selbst optimieren. Der Autor hält es für dringend notwendig, die Bevölkerung stärker aufzuklären und auf die Gefahren von KI aufmerksam zu machen. Ein Aufschrei müsse durch die Gesellschaften gehen. Auch die Politik müsse das Problem endlich erkennen und ernst nehmen. Im Idealfall sollte der Wettlauf der KI-Entwicklung gestoppt werden. Olsberg wehrt sich auch dagegen, als Panikmacher verurteilt zu werden. Er widmet sich möglichen Gegenargumenten zu seiner Position, die er zu entkräften versucht. Er macht deutlich, dass er kein Technikfeind ist. Er sieht auch die Vorteile von KI und wünscht sich eine Zukunft, in der KI-Systeme die Menschen sinnvoll unterstützen (aber nicht ersetzen). Vor allem spezialisierte KIs könnten seiner Ansicht nach einen großen Nutzen für die Menschheit haben.


Abschließend wagt der Autor einen Blick in die Glaskugel und entwirft unter Bezugnahme auf den Experten Daniel Kokotajlo ein Szenario, das so oder so ähnlich eintreten könnte. Im Anhang findet man auch noch viele weitere Links zu Organisationen und Personen, die sich mit dem Thema der KI-Sicherheit beschäftigen. Ans Ende seines Sachbuchs stellt Olsberg eine fiktive Kurzgeschichte, in der eine KI lügt und Protokolldateien eigenmächtig ändert, damit die menschlichen Entwickler ihr nicht auf die Schliche kommen. Dabei verwischt die KI ihre Spuren so geschickt, dass die Manipulation nicht auffliegt. Eine Notabschaltung funktioniert nicht und die Katastrophe nimmt ihren Lauf…


Querverweise:

Weitere Bücher von Karl Olsberg, die ich rezensiert habe:


Weitere Bücher zum Thema "KI" (sowohl fiktional, als auch nicht-fitkional)

Brandhorst, Andreas - Das Erwachen
Brandhorst, Andreas - Die Eskalation
Drösser, Christoph - Was macht KI mit unserer Sprache?
Edelbauer, Raphaela - Dave
Hannig, Theresa - Pantopia


Mittwoch, 21. Oktober 2026

Neumüller, Ralph Alexander - Das zweigeteilte All



Ameisen am Wegesrand



Eines Tages erhält der humanoide Roboter „Rob“ die Anweisung, die von ihm bewachte Kolonie auszulöschen und jeden einzelnen Menschen, der in ihr lebt, zu erschießen. Emotionslos führt er seinen Auftrag aus und kehrt danach in die Zentrale zurück, um zu einem neuen Einsatzort geschickt zu werden. Er soll die Bewohner einer neuen Siedlung überwachen und beschützen.


Die Population in den Siedlungen wird von außen gezielt kontrolliert. Die Menschen in den Kolonien werden genetisch manipuliert. So will man ihr Aggressionspotential senken, den IQ steigern und Krankheitsraten minimieren. Welche Strukturen hinter den Gemeinden stecken erfahren wir erst nach und nach, so dass der Beginn des Buchs höchst mysteriös ist. Dass die Dorfbewohner lediglich Versuchskaninchen sind, wissen sie nicht.


Im weiteren Handlungsverlauf lernen wir das neue Dorf von Rob kennen. Die Menschen darin leben von der Landwirtschaft und sind sich der Anwesenheit von Maschinenwesen bewusst. Sie wissen, dass Raumschiffe in andere Sternensysteme fliegen, gesteuert von KI-Systemen, und dass Maschinenstädte existieren, in den Menschen keinen Platz haben. Irgendetwas scheint der Menschheit in der Vergangenheit zugestoßen zu sein. Von ihrer hochtechnisierten Zivilisation ist nichts übriggeblieben. Doch wie kam es dazu?


Rob wird von den Bewohnern der Siedlung akzeptiert und er lehrt sie nützliche Dinge. Zwei Jugendliche werden ausgewählt, denen Rob eine besondere Förderung zukommen lässt: Nora und Peter. Sie sollen mehr über die Vergangenheit der Menschheit erfahren und werden auch dazu angeleitet, verschiedene technische Geräte herzustellen. Das Ziel dieser Förderung bleibt im Dunkeln.


Es zeigt sich, dass Nora ein besonders begabtes, neugieriges und aufgewecktes Mädchen ist. Schon bald beginnt sie, die Autorität von Rob zu hinterfragen. Und auch Peter versteht, dass Rob den Jugendlichen nicht auf alle Fragen bereitwillig Auskunft erteilt, sondern nur selektiv Informationen bereitstellt. Irgendwann wollen Peter und Nora herausfinden, was es jenseits des Dorfes gibt. Sie ergreifen die Flucht. Bald darauf stoßen sie auf weitere Menschen, die im Untergrund leben und sie vor den Maschinen und vor Rob warnen. Die beiden kehren in ihr Dorf zurück, um die Menschen zu befreien und Rob auszuschalten. Wird ihr Vorhaben gelingen? Wie wollen sie den übermächtigen Roboter aus dem Weg räumen? Und wie wollen sie Dorfgemeinschaft davon überzeugen, zu rebellieren?


Es ist ein Buch über die Kraft der menschlichen Neugier und eine Vision darüber, was passieren könnte, wenn die Menschheit sich selbst abschafft, indem sie sich zu sehr von Maschinen und KI abhängig macht. Besonders lesenswert fand ich die Passagen aus dem Buch im Buch, die das Wordbuilding bereichern. Nora wird von den Menschen außerhalb des Dorfes ein Werk mit dem Titel „Das zweigeteilte All“ überreicht. Sie liest darin und erfährt schrittweise mehr über die Vergangenheit der Menschheit. Mensch und Maschine mussten einen Weg der Koexistenz finden. Die Menschheit kam über eine natürliche Grenze der Entwicklung nicht hinaus und wurde schließlich von ihrer eigenen Erfindung abgelöst. Die Eroberung des Alls war den Maschinen vorbehalten. Der Mensch blieb an die Erde „gekettet“. Eine erschreckende Zukunftsvision und auch eine Warnung vor KI-Systemen.


Ungewöhnlich und äußerst kreativ an diesem Buch von Neumüller ist auch das Ende, das sogar eine Fortsetzung des Werks möglich erscheinen lässt. Abschließend runden zehn Kurzgeschichten das Ganze ab. Diese hängen inhaltlich nur sehr lose zusammen und können jeweils für sich stehen. In ihnen wird dokumentiert, wie die Menschheit sich nach und nach selbst abschafft. KI wird zur Prozessoptimierung und Gewinnmaximierung eingesetzt. Die Schwachstellen der menschlichen Natur treten in diesen Geschichten deutlich zutage. U.a. erscheint die Gier als ein zentraler Antrieb für die Weiterentwicklung von KI. Insgesamt stecken in diesem Buch so viele gute Ideen. Noch dazu werden einige Interpretationsspielräume eröffnet. Kurzum: Ein Kracher! Für mich eines der besten Science-Fiction-Bücher, die ich seit langem gelesen habe.


Querverweise:

Ein weiteres Buch von Ralph Alexander Neumüller: Das Stoffuniversum


Sonntag, 18. Oktober 2026

Robotham, Michael - Bruderherz

 


Suche nach der Wahrheit




Arlo (38) steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Trotz der Schwere seiner Schuld – er hat seinem Bruder nach dessen Tatausübung Beihilfe geleistet – hat er sich während seiner Haftzeit als mustergültiger Häftling erwiesen. Arlo plant in die Kleinstadt zu seiner Mutter zurückzukehren, wo sich die Tat ereignet hat. Eine Entscheidung, bei der Ärger vorprogrammiert ist. Denn die Kleinstadt vergisst nicht und ist nicht bereit, Arlo seine Schuld zu vergeben. Der Empfang dort ist alles andere als herzlich. Und der hiesige Polizeichef gibt ihm den Rat, nicht zu lange in der Stadt zu bleiben…


Seinem jüngeren Bruder Luke wurden Vergewaltigung und Mord zur Last gelegt. Bevor es zur Verhandlung kam, hat dieser sich selbst umgebracht. Diese Ereignisse liegen 12 Jahre zurück und geschahen im Jahr 2001. In Rückblicken, die mit dem restlichen Inhalt sehr kunstvoll verwoben werden, erfahren wir mehr über diese Zeit und über Luke und weitere Figuren, die damals eine Rolle spielten. Arlo hat seinen Bruder sehr geliebt und ihn auch beschützt. Man muss wissen, dass Luke geistig beeinträchtigt war, da es bei der Geburt Komplikationen gab. Schulisches fiel ihm schwer. Er war langsamer als seine Altersgenossen. Die Vermutung steht im Raum, dass er ein leichtes Opfer für die Justiz war. Doch was genau ist damals passiert? Nach und nach fügen sich die Puzzleteile zusammen und ergeben am Ende des Buchs ein (schlüssiges) Gesamtbild.


Als Arlo in seine Heimatstadt zurückkehrt, erfährt er von einem Nachbarn, dass seine Mutter einen Schlaganfall hatte. Sie befindet sich im Pflegeheim und wirkt desorientiert. Das Haus steht leer. Arlo beschließt, sein Elternhaus zu renovieren, um es zu verkaufen. Er stellt sich darauf ein, eine längere Zeit in der Stadt zu bleiben. Von den Einwohnern und Nachbarn wird er stets kritisch beäugt und es kommt auch zu Anfeindungen. Teils schlägt ihm offener Hass entgegen. Die Einzige, die ihn freundlich aufnimmt, ist seine ehemalige Freundin Helen, mit der er gemeinsam die Schule besucht hat. In ihr findet er eine wichtige Stütze. Wie es der Zufall will, stößt Arlo bei Aufräumarbeiten auf einen Brief eines Zellennachbarn von Luke, der an die Mutter adressiert wurde. Darin wird deutlich, dass bei der Vernehmung von Luke auch Polizeigewalt im Spiel war. Arlo beginnt damit, die vergangenen Ereignisse wieder aufzurollen und Nachforschungen anzustellen. Er zweifelt an der Schuld seines Bruders und sucht Rat bei einer Anwältin. Alte Akten und Unterlagen werden durchforstet. Was wird dabei ans Tageslicht kommen?


Das Buch ist sehr atmosphärisch, der Schreibstil wunderbar und bildreich. Ich konnte mir alles sehr gut vorstellen. Das Finale ist packend und steuert auf einen fulminanten Höhepunkt zu, der das gesamte Buch noch einmal gelungen abrundet. Und noch etwas: Die Figurenzeichnung ist einfach klasse, v.a. Saxon ist mir während der Lektüre mit ihrer kecken, intelligenten, rebellischen Art richtig ans Herz gewachsen. Zu allen relevanten Figuren gibt es eine reichhaltige Vorgeschichte, so dass die Charaktere tiefgründig geraten. Ich war emotional am Geschehen beteiligt, v.a. zum Ende hin. Ein großartiges Buch, das Robotham hier abgeliefert hat. In „Bruderherz“ steckt viel Herzschmerz.


Querverweise:

Weitere Bücher von Robotham, die ich rezensiert habe:

- Schweige still (Cyrus Haven, Band 1/2020)
- Fürchte die Schatten (Cyrus Haven, Band 2/2020)
- Wenn du mir gehörst (2022)