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Dienstag, 11. August 2026

Bentow, Max - Puppenherz




Der Mann mit dem roten Regenschirm




Der erste Mord


Die 14-jährige Lucy arbeitet bei ihrem verwitweten Nachbarn Alex als Babysitterin für die kleine Sophie, um ihr Taschengeld aufzubessern. Alex hat seine Frau vor zwei Jahren verloren und muss oft lange arbeiten. Lucy fühlt sich mit dem Job überfordert, weil Alex oft seine Trauergefühle bei ihr ausschüttet und mit seinen ausgedehnten Arbeitszeiten wenig Rücksicht darauf nimmt, dass sie noch zur Schule geht und früh raus muss.


Als Lucy mal wieder länger auf Sophie aufpassen muss, geht ihre alleinerziehende Mutter schon mal ins Bett. In dieser Nacht wird sie dann grausam ermordet. Lucy merkt erst am nächsten Morgen, dass etwas nicht stimmt und steht unter Schock, als sie ihre Mutter bestialisch zugerichtet auffindet. Ihr linker Unterschenkel wurde abgetrennt und der Täter hat eine geschnitzte Knochenfigur hinterlassen.


Nils Trojan und Carlotta Weiss werden zum Tatort gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Schon bald stoßen sie auf einen Cold Case, der zehn Jahre zurückliegt und eine Verbindung zum aktuellen Fall aufweist. Derweil gibt der Killer keine Ruhe und steigert sich regelrecht in einen Blutrausch. Viele weitere Opfer folgen. Die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Und das Muster hinter den Morden bleibt stets das gleiche…


Weitere Perspektiven


In unregelmäßigen Abständen werden auch Kapitel eines Unbekannten eingestreut, der sich selbst als Diener bezeichnet. Er führt ein unterwürfiges Leben und ist einem Herrn zu Diensten, den er unterhält, indem er singt und tanzt. Für seinen Herrn ist er sogar bereit, einen Mord zu begehen, wie er die Leser wissen lässt…


Ein weiterer Blickwinkel betrifft einen kleinen Jungen, der aus nächster Nähe miterlebt, wie seine Mutter umgebracht wird. Er versteckt sich in einem Schrank und fürchtet um sein Leben. Er hofft, dass er vom Täter nicht entdeckt wird…


Nils Trojan und Carlotta Weiss


Das Private von Carlotta und Nils spielt in diesem Thriller nur punktuell mal eine Rolle, v.a. zu Beginn und am Ende des Buchs. So erfahren wir, dass Carlotta sich oft einsam fühlt und sich in One-Night-Stands flüchtet, obwohl sie eigentlich ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat. Sie verbietet sich aber selbst, die Beziehung zu Nils zu vertiefen, damit ihre professionelle Arbeitsbeziehung nicht darunter leidet. Auch wird deutlich, dass Carlotta im Zwischenmenschlichen Schwierigkeiten hat. Sie erscheint als Einzelgängerin, die nur ungern Nähe zulässt. Um Distanz zu wahren, verhält sie sich oft abweisend. Über Trojan erfahren wir, dass seine Tochter womöglich in seine beruflichen Fußstapfen treten möchte. Sie spielt mit dem Gedanken, ebenfalls Kommissarin zu werden. Ich finde es gut, dass das Privatleben der Ermittler keinen allzu großen Raum einnimmt. So wird das Geschehen nicht zu sehr "ausgebremst".


Leseeindruck


Das Tempo des Thrillers ist außerordentlich hoch. Es passiert ständig etwas Neues. Ein Ereignis jagt das nächste. Langeweile muss man also nicht befürchten. Eine hohe Dialoghaftigkeit sorgt für Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Das alles überzeugt.


Im Zentrum des Geschehens steht ein Serienmörder, der sein Unwesen treibt (das kennt man auch bereits von vergangenen Bänden aus der Reihe). Die Schilderung der Morde ist auch deshalb von einer gewissen Formelhaftigkeit geprägt. Bei Bentow weiß man, was man bekommt. Wie man das findet, muss jede und jeder selbst für sich bewerten. Da es mein fünftes Buch von Bentow ist, kann ich behaupten, dass seine Thriller stets einem ähnlichen Muster folgen und etwas schematisch konstruiert sind. Das sollte man mögen. Sonderlich innovativ ist das nicht, aber spannend bleibt es trotzdem. Einmal im Jahr lese ich das ganz gern, muss ich zugeben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Autor inhaltlich auch mal etwas anderes ausprobiert.


Nun zur psychologisch-psychiatrischen Ausgestaltung der Täterpsyche: Es ist mal wieder so, dass eine psychologische Störung zu Gewalttätigkeit führt. Nun ja... Insgesamt hinterließ die Darstellung des psychischen Zustands des Killers bei mir einen unrealistischen Eindruck (aber ich bin auch kein Experte). Auch wird (wie so oft in Thrillern) mal wieder das Klischee bedient, dass psychische Störungen mit großer Gefahr und Unberechenbarkeit verbunden sind - aber nun gut, es handelt sich schließlich nicht um eine reale psychiatrische Fallstudie. Für das Genre braucht es dramatische Zuspitzung. Da ist Realismus immer so eine Sache. Man sollte sich einfach klar machen, dass es sich bei der psychologischen Gestaltung um ein fiktives Element handelt.


Querverweise

Bentow, Max: Rotkäppchens Traum (2019)
Bentow, Max: Engelsmädchen (2023)
Bentow, Max: Eulenschrei (2024)
Bentow, Max: Rabenland (2025)

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Geßner, Eva: Seelenkalt
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 

Samstag, 8. August 2026

Winter, Nova - Die Nachbarin




Mutterinstinkt - Einbildung oder Realität?




Auf der morgendlichen Jogging-Runde von Smilla kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Junge ist von einem Steg in den See gestürzt, an dem Smilla vorbeikommt, und droht zu ertrinken. Smilla fackelt nicht lang und rettet ihn. Die Aufregung und das Adrenalin führen nach der Rettungsaktion zu merkwürdigen Gedanken. Sie hält das Kind für ihren Sohn, was unmöglich ist, da sie nie schwanger war. Kurze Zeit nachdem Smilla den Jungen aus dem Wasser gerettet hat, taucht die Mutter auf (Lou). Doch statt sich zu bedanken, verhält sie sich unfreundlich und feindselig. Sie reagiert nicht so, wie man es erwarten würde. Auf Smillas Bericht zu den Vorkommnissen reagiert sie kaum und verschwindet rasch mit ihrem Sohn von der Unfallstelle.


Ein Dank für die gelungene Rettung folgt erst später, und erst auf die Initiative des Vaters hin (Quentin). Dieser lädt die neuen Nachbarn zu einem Abendessen ein. Während des Essens wirkt Lou zunächst teilnahmslos und distanziert, während Quentin und Smillas Mann sich blendend verstehen. Doch dann greift Lou plötzlich ins Gespräch ein und fragt Smilla nach ihrem Job aus. Sie interessiert sich sehr für Smillas beruflichen Werdegang und bringt sie in eine unangenehme Situation, als sie sich nach einer längeren beruflichen Pause erkundigt. Und am Ende des Abends wird klar, warum Lou Smilla förmlich verhört: Sie und Quentin unterbreiten Smilla ein Jobangebot…


Insgesamt verhalten sich die Figuren zu Beginn des Thrillers höchst sonderbar und auch die Beziehung zwischen Quentin und Lou erregt direkt Aufmerksamkeit. Er verhält sich ihr gegenüber sehr dominant. Das merkwürdige Verhalten von Lou, Smilla und Quentin irritiert und legt den Grundstein für einen packenden Thriller. Dafür sorgen auch die gefälligen Wechsel der Blickwinkel, die Abwechslung erzeugen und keine Langeweile aufkommen lassen. Nach und nach wird klar, dass es auch eine Ursache für Lous und Quentins Verhaltensweisen gibt…


Nach meinem Empfinden war die Spannung durchweg stark ausgeprägt. Für mich gab es keine Längen, das Tempo war hoch. Weiterhin hält der Thriller einige Überraschungen bereit. Im weiteren Verlauf der Handlung wird zudem gut mit der unzuverlässigen Wahrnehmung der Figuren gespielt. Man fragt sich, was Einbildung ist, was Realität. Die Perspektivwechsel sind gut aufeinander abgestimmt. Der Schreibstil ist flüssig. Ich flog förmlich durch die Seiten. Insgesamt also eine runde Sache. Das Einzige, was mich nicht ganz überzeugt hat, war der Schlussteil. Sehr schade! Sonst hätte es sich absolut um einen Kracher gehandelt. Die Autorin werde ich aber auf jeden Fall weiter im Auge behalten.


Dienstag, 4. August 2026

McFadden, Freida - Häftling




Gefängnis-Thriller




Brooke Sullivan ist Mutter eines zehnjährigen Sohnes namens Josh, schlägt sich als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durch und tritt eine neue Stelle als Pflegekraft in einem Hochsicherheitsgefängnis an. Dafür ist sie mit ihrem Sohn umgezogen und hat Queens hinter sich gelassen. Ein Kindermädchen unterstützt sie bei der Kinderbetreuung.


Brooke wird in der Krankenabteilung arbeiten und sich um Fälle in der Notfallambulanz kümmern. Dabei muss sie sehr eigenverantwortlich arbeiten. Sie ist allein für die Insassen zuständig. Der leitende Mediziner ist nur selten vor Ort. Zu Beginn spürt man als Leser(in) gut, dass Brooke von der neuen Arbeitsumgebung eingeschüchtert ist. Eine Mitarbeiterin, die sie durch das Gefängnis führt und ihr alles zeigt, gibt ihr den Rat, gegenüber den Häftlingen auf Distanz zu bleiben und ihnen keine privaten Informationen mitzuteilen.


Besonders brisant ist der Umstand, dass Brooke einen der Häftlinge von früher kennt. Er war ihr ehemaliger Freund und hat versucht, sie umzubringen. Sie selbst hat mit ihrer Aussage vor Gericht dafür gesorgt, dass er in der Haftanstalt landet. Er selbst streitet jedoch ab, etwas mit dem versuchten Mord zu tun zu haben. Bei der Stellenvergabe ist den Verantwortlichen Brookes persönliche Beziehung zu ihm nicht aufgefallen. Sie hofft, dass sie ihm während der Arbeitszeit nicht begegnen wird. Ein irrealer Wunsch…


Rückblicke in die Vergangenheit sorgen dafür, dass man erfährt, was sich zugetragen hat. Nach und nach erfahren wir mehr über die Umstände des versuchten Mordes. Eine weitere wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Figur Tim, der Brooke damals das Leben gerettet hat. Er war ein Nachbarsjunge und wie es der Zufall will, trifft sie ihn wieder, als sie ihren Sohn in der neuen Schule anmeldet. Tim ist dort inzwischen stv. Schulleiter. Schon bald gehen Brooke und Tim miteinander aus. Als Tim erfährt, dass Brooke im Gefängnis arbeitet, ist er schockiert. Er kann nicht fassen, dass sie sich selbst der Gefahr aussetzt, dem ehemaligen Täter zu begegnen…


Insgesamt liest sich der Thriller durchweg spannend und flüssig. Der Verdacht zu den verschiedenen Figuren wird gut gelenkt. V.a. die Schilderung der Verhaltensweisen sorgt dafür, dass Verdachtsmomente entstehen oder sich auflösen. Und darüber hinaus wird man immer wieder gut in seinem Urteil verunsichert. Auch die Auflösung ist wieder überraschend und wendungsreich. Von McFadden hatte ich nichts anderes erwartet. Das hat sie einfach drauf und bestätigt sie immer wieder in ihren verschiedenen Büchern. Nur das Ausgangssetting ist dieses Mal stark konstruiert: Warum sollte Brooke in einem Gefängnis arbeiten wollen, wo sie einen ehemaligen Täter wiedertreffen könnte? Das erschließt sich mir nicht. Zudem finde ich etwas abwegig (Vorsicht Spoiler!), dass sie für ihn Gefühle entwickelt, obwohl er versucht hat, sie zu ermorden, aber nun gut. Brookes Naivität, die immer wieder deutlich wird, finde ich dann doch etwas weit hergeholt. Doch dieser Charakterzug ist als „Aufreger“ sicherlich bewusst angelegt worden. Nicht zuletzt fand ich die Ereignisse, die sich in der Vergangenheit ereignen, etwas dick aufgetragen und wild. Sie ähneln einem Teenie-Horror-Streifen. Aus den genannten Gründen fand ich den Thriller weniger gelungen als die anderen Thriller, die bisher auf Deutsch erschienen sind.


Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt (2025)
McFadden, Freida: Die Kollegin (2025)
McFadden, Freida: Der Lehrer (2025)
McFadden, Freida: Der Freund (2025)
McFadden, Freida: Die Ehefrau (2026)

Weitere Gefängnis-Thriller:

Bestgen, Sarah: Safe Space
Fields, Helen: The Institution



Freitag, 31. Juli 2026

Logan, T. M. - The Dream Home




Ein Haus mit dunklen Geheimnissen




Der Einstieg in den Thriller erfolgt unmittelbar und ist gelungen: Bei Aufräumarbeiten im neu bezogenen Haus entdeckt der Ich-Erzähler Adam hinter einer Trockenbauwand einen verborgenen Raum. Eine Kommode darin erregt Adams Aufmerksamkeit. In ihr befinden sich einige Gegenstände, die mit Ausnahme einer Uhr keinen großen Wert zu besitzen scheinen. U.a. entdeckt Adam auch ein altes Klapphandy in der Kommode.


Und ab diesem Zeitpunkt nimmt das Unheil seinen Lauf. Spaßeshalber testet die Familie das gefundene Handy auf Funktionalität und lädt es auf. Sie stößt auf eine gespeicherte Nummer, die sie zu kontaktieren versucht. Sie hinterlässt auf der Mailbox eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf. Adam verkauft derweil die Uhr bei einem Antiquitätenhändler und erhält dafür noch eine stolze Summe. Doch im Nachhinein stellt sich der Verkauf der Uhr als zu voreilig heraus. Denn eines Tages meldet sich doch jemand auf die Nachricht, die die Familie mit dem Klapphandy hinterlassen hat. Die Familie erhält eine SMS mit der Bitte, die gefundenen Gegenstände herauszugeben…


Was zu Beginn ebenfalls gut zum Ausdruck kommt, ist, dass die Familie im neuen Haus Eingewöhnungsprobleme hat. Die neue Umgebung ist noch ungewohnt. Der Sohn glaubt, nachts jemanden im Haus zu hören. Die kleine Tochter hat mit Albträumen zu kämpfen. Und im weiteren Verlauf der Handlung werden immer wieder neue spannungserregende Impulse gesetzt, die keine Langeweile aufkommen lassen. So entdeckt Adam z.B. in einem Vogelhaus eine versteckte Kamera, die auf den Eingangsbereich des Hauses gerichtet ist. Was steckt dahinter? Wer beobachtet die Familie? Adam stellt zudem eigene Nachforschungen zu den Gegenständen in der Kommode an und stößt dabei auf einen Vermisstenfall, der sich in der Vergangenheit ereignet hat. Nach und nach verraten die Gegenstände ihre Geheimnisse und die Situation spitzt sich immer weiter zu. 


Nach meinem Empfinden ebbte die Spannungskurve über das gesamte Buch hinweg nicht ab. Immer wieder passiert etwas Neues, teils Unerwartetes. Mir wurde zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die Bedrohung für die Familie wird immer massiver. Auch das Ende empfand ich als gelungen. Insgesamt ist das Buch eine runde Sache. Für mich war es nach längerer „Durststrecke“ endlich mal wieder ein Kracher im Thrillerbereich. T. M. Logan hat mit diesem Buch bewiesen, dass er an alte Erfolge anknüpfen kann (v.a. an „The Catch“ und „Holiday“). In meinem persönlichen Ranking landet das Buch auf Platz 2, direkt hinter „The Catch“.


Querverweise:

Platz 1: The Catch (5 Sterne)
Platz 2: The Dream Home (5 Sterne)
Platz 3: Holiday (4 Sterne)
Platz 4: The Parents (4 Sterne)
Platz 5: The Mother (3 Sterne)
Platz 6: Trust Me (3 Sterne)

Weitere Thriller, in denen der Handlungsort eines "mysteriösen Hauses" eine Rolle spielt: 

Ewan, C.M.: Das Ferienhaus
Geschke, Linus: Die Verborgenen
Kliem, Susanne: Das Scherbenhaus
Strobel, Arno: Welcome Home
Strobel, Arno: Die App


Montag, 27. Juli 2026

Mara, Andrea - Alles ihre Schuld



Einstieg top, der Rest Flop




Ein Einstieg, der die Leser sofort in seinen Bann zieht. Marissa möchte ihren Sohn Milo von einer Spieleverabredung bei einem Freund abholen. Doch an der ihr mitgeteilten Adresse ist Milo nicht aufzufinden. Dort öffnet ihr nur eine Unbekannte die Tür, die nichts von einer Verabredung weiß. Wo steckt Marissas Sohn?


Marissa versucht die Mutter des Freundes zu kontaktieren, doch ihr wird mitgeteilt, dass die Nummer nicht vergeben ist. Was ist da los? Liegt nur ein Missverständnis oder eine Verwechslung vor? Oder steckt mehr dahinter? Die Hauseigentümerin, die Marissa die Tür geöffnet hat, weiß auch nicht weiter. Doch sie unterstützt Marissa dabei, ihre Gedanken zu sortieren und nicht zu sehr in Panik zu verfallen. Vielleicht gibt es doch eine logische Erklärung für alles?


Es werden weitere Mütter aus der Klasse von Milo kontaktiert, doch niemand kann helfen. Die Aufklärungsversuche von Marissa führen ins Leere und ihre Verzweiflung, ihre Panik und ihre Verwirrung werden sehr gut deutlich. Man kann sich gut in die Lage der Mutter hineinversetzen und ist emotional am Geschehen beteiligt. Schließlich wird die Sache ernst. Die Polizei wird eingeschaltet. Der Sohn gilt fortan als vermisst und die Suche nach ihm beginnt. Mögliche Kontaktpersonen werden überprüft. Immer neue Verdächtige geraten ins Visier. Irgendwann fällt dann der Verdacht auf ein Kindermädchen…


Die Ausgangssituation des Thrillers ist großartig arrangiert. Doch im weiten Verlauf der Handlung hat mich das Buch dann verloren. Der Schreibstil war mir einfach zu unübersichtlich und zu chaotisch. Zu viele unstrukturierte Wechsel der Blickwinkel sorgten nach meinem Empfinden für zu viel Sprunghaftigkeit und Unruhe in der Darlegung des Plots. Der Inhalt „verwässert“ schnell, auch wenn der Einstieg ins Buch sehr gelungen ist. Das Buch konnte mich leider überhaupt nicht mehr packen, so dass ich es auf S. 120 abgebrochen habe. 


Donnerstag, 23. Juli 2026

Bova, Ben - Mars



Die ersten Menschen auf dem Mars




Ein sechsköpfiges Team aus Forschern und Piloten landet erstmals auf dem Mars und die Bilder dazu gehen live zur Erde. Der Flug zum Nachbarplaneten mit einer internationalen Crew wird zum Symbol für friedliche Zusammenarbeit und Völkerverständigung. Zehn Jahre dauerten die Planung und die Vorbereitung der Marserkundung. Im weiteren Verlauf der Handlung rückt v.a. der Geologe Jamie Waterman ins Zentrum, der immer mehr zum Tonangeber wird und aussichtsreiche Missionsziele vorgibt. Das primäre Ziel der Mission ist es, Leben auf dem roten Planeten zu finden.


Ein Bauroboter sorgt zunächst dafür, dass eine erste Behausung in Form einer Kuppel auf dem Planeten entsteht. Für acht Wochen wird die Besatzung darin unterkommen. Für Erkundungsmissionen in die Umgebung stehen Rover zur Verfügung. Wir begleiten das Team bei ihren Forschungsausflügen. Und das Buch punktet mit einem hohen Grad an Authentizität und Realismus. Das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. So, wie es im Roman beschrieben wird, könnte es wirklich ablaufen, wenn Menschen eines Tages auf dem roten Planeten landen. Klasse! Die lebensfeindliche Umwelt des Mars sorgt für eine ständige Bedrohung. Ein winziger Riss in der Kuppel hätte den Tod der Crew zur Folge.


In ausführlichen Rückblicken erfahren wir mehr über die Vorbereitungen der Mission und über den Transit zum Mars. So ist z.B. allen Astronauten vorsorglich der Blinddarm entfernt worden. In der Arktis üben sie das Leben in Isolation. Bei Fallschirmsprüngen müssen sie ihren Mut unter Beweis stellen. Hinzu kommen Trainings in der Schwerelosigkeit etc. Am Beispiel von Jamie verfolgen wir, dass unter den Astronauten, die an den Vorbereitungen teilnehmen, Konkurrenzdruck herrscht. Es ist noch unklar, wer zum Mars fliegen wird, und jede(r) möchte einen Platz ergattern. Alle durchlaufen ein strenges Auswahlverfahren. In eingeschobenen „Dossiers“ werden uns zudem die teilnehmenden Astronauten, die am Ende zum Mars fliegen, noch näher vorgestellt.


Was auch gut deutlich wird, ist der Umstand, dass die Mission ein Politikum darstellt. Auf der Erde wollen sich Politiker mit den Erfolgen der Mission „schmücken“. Sie buhlen um Aufmerksamkeit. Die Bevölkerung wird fortlaufend durch Interviews und andere Formate bei Laune gehalten und über die Ereignisse auf dem roten Planeten informiert. Materielle Verteilungskämpfe kommen gut zum Ausdruck. Auch haben die Astronauten Vorgaben zu beachten, die ihnen von der Erde aus gemacht werden (beispielsweise, wenn es um die ersten auf dem Mars gesprochenen Worte geht). 


Für mich beginnt die Handlung erst richtig, als die Experimente und Exkursionen (zu Canyons) auf der Oberfläche des Planeten einsetzen. Bis zu diesem Zeitpunkt dauert es eine Weile und man muss als Leser(in) Geduld mitbringen. Doch spätestens dann, stellt man sich die Frage, was die Forscher wohl entdecken werden und ob die Mission reibungslos verlaufen wird. Die Beschreibung der Marsumwelt und der Geologie hat mich überzeugt und macht einen äußerst wirklichkeitsnahen Eindruck (man beachte übrigens, dass das Buch 1992 veröffentlicht wurde, also fünf Jahre vor der ersten Rover-Mission mit Pathfinder). Worauf man sich bei der Lektüre aber einstellen sollte, ist ein sachlich-nüchterner, unemotionaler Schreibstil. Diese langsame, detaillierte Erzählweise hat eine spürbar entschleunigende Wirkung. Die Figuren bleiben dabei (leider) auf Distanz. Und noch etwas: Es werden kaum spannungserregende Impulse gesetzt (das ändert sich erst zum Ende hin spürbar, wo der Spannungsbogen auch einmal länger aufrechterhalten wird). Wer gerne ein Mars-Setting lesen möchte, bei dem mehr „passiert“, der sollte zu Andy Weirs Buch „Der Marsianer“ greifen.


Querverweise:

Weitere Romane, die auf dem Mars spielen: 

Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt Bd. 3, Bd. 4 und Bd. 5
Morris, Brandon Q: Mars Nation. Teil 1
Peterson, Phillip P.: Janus

Sachbücher und Dokumentationen dazu:

Dambeck, Thorsten: Mars
Feuerbacher, Bernd und Eugen Reichl: Planeten. Missionen zu exotischen Welten



Freitag, 17. Juli 2026

Paolini, Christopher - Infinitum

 


Langatmig und mehr Fantasy als Science-Fiction




Es ist das Jahr 2257: Die Xenobiologin Kira und ihre Crew erforschen Himmelskörper, um sie für eine mögliche Kolonisierung durch Siedler vorzubereiten. Seit sieben Jahren reist sie dafür durchs All und träumt heimlich davon, sich mit ihrem Verlobten irgendwann selbst als Kolonistin auf einem fremden Planeten niederzulassen.


Kurz vor dem Ende ihrer aktuellen Erkundungsmission erhält Kira noch den Auftrag, einen auffälligen Messwert einer Drohne genauer zu überprüfen. Gedanklich hatte sie sich schon auf die Abreise vorbereitet, doch daraus wird erst einmal noch nichts. Sie macht sich an die Begutachtung einer Felsformation. Und dabei kommt es zu einem Unglück. Beim Klettern stürzt sie ab und rutscht in eine Felsspalte.


Als sie wieder zu sich kommt, findet sie sich in einem Gewölbe wieder. Darin entdeckt sie eine Anomalie: Ein Staubschleier windet sich an ihr empor und dringt in ihren Schutzanzug ein. Sie verliert daraufhin die Besinnung und erwacht erst in der Krankenstation wieder. Kiras Entdeckung führt schließlich dazu, dass das Militär sich der Sache annimmt und eine Nachrichtensperre verhängt. Der Mond, das Schiff und die Besatzung werden unter Quarantäne gestellt.


Im weiteren Handlungsverlauf zeigt sich, dass Kira kontaminiert ist. Etwas Fremdartiges hat von ihr Besitz ergriffen und macht sie zu einer tödlichen Waffe. Ihr gesamter Körper ist von einer tintenschwarzen Schicht bedeckt (womöglich ein Parasit). Das Militär befürchtet eine sich ausbreitende Infektion. Kira wird in ein Hochsicherheitslabor eingesperrt, verhört und untersucht. Sie wird zu einem Versuchskaninchen. Ohne Rücksicht auf Kiras Befinden zu nehmen, führt man mit ihr verschiedene Experimente durch, um sie von dem Parasiten zu befreien. Doch was man auch probiert, es gelingt nicht. Kira wird weiter malträtiert. Sie fühlt sich ausgeliefert und hilflos. Sie weigert sich zu kooperieren, doch das Militär wendet weiter Gewalt an. Für mich ist das die stärkste und spannendste Passage im Buch. Man fragt sich, wie es mit der Protagonistin weitergeht.


Dann ereignet sich eine zentrale Wendung. Während man Kira untersucht, wird das Schiff von fremden Aliens angegriffen und zerstört. Nur mit viel Glück kann Kira sich befreien und mit einem Shuttle fliehen. Es ist der erste Kontakt überhaupt mit einer fremden Spezies. Und dieser verläuft direkt feindselig. Und es drängt sich die Frage auf, ob das Schicksal von Kira und das Auftauchen der Aliens irgendwie zusammenhängen. Für mich waren das zunächst genug offene Fragen, um weiterzulesen.


Doch je weiter ich las, desto mehr hat mich das Buch verloren. Es hat mich einfach nicht gepackt. Es gab viele Längen (was wohl auch an dem Umfang des Buchs lag) und es driftete für mich immer mehr in Richtung Space-Opera und vor allem Fantasy ab (mit zahlreichen Weltraumschlachten). Irgendwann steckt die Menschheit mitten in einem interstellaren Krieg. Und zwischen Kira und dem Parasiten entwickelt sich eine Symbiose. Er funktioniert wie ein Schutzanzug und beschützt sie vor Gefahren. Mit der Zeit lernt sie sogar, ihn zu kontrollieren. Kurzum: Typische Fantasy-Erzählmechanik (Heldenreise mit einer Art magischem Artefakt). Hintergründe zu alldem erfährt man nicht. Auch die Informationen zu den Aliens bleiben (leider) spärlich. Das alles hebt sich der Autor vermutlich für den Schluss auf (das kann man zumindest nur hoffen). Doch ich habe nach der Hälfte des Buchs aufgegeben. Der Fortgang der Handlung hat mich einfach nicht mehr interessiert. 


Querverweis:

Paolini, Christopher: Fractal Noise