Dieses Blog durchsuchen

Mittwoch, 8. Juli 2026

Barnes, S. A. - Cold Eternity




Science-Fiction mit Gruselfaktor




Halley steckt in der Klemme. Sie ist auf der Flucht und braucht dringend einen Job. Da kommt ihr ein Angebot gerade recht. Sie soll auf dem Schiff Elysium Fields, auf dem sich Menschen schon seit mehr als einem Jahrhundert im Kryoschlaf befinden, die Korridore patrouillieren und ein Auge auf die Technik haben. Halley nutzt diese Gelegenheit, um auf dem Schiff unterzutauchen.


Bei den „Bewohnern“ der Elysium Fields handelt es sich teils um bekannte Politiker und Prominente, die den Tod durch das Einfrieren zu überlisten glaubten. Ihnen wurde versprochen, dass sie eines Tages wieder zum Leben erweckt werden. Allerdings ist dem Projekt schon vor langer Zeit das Geld ausgegangen, so dass sich die Schlafenden noch immer in den Kryokapseln befinden und dort ihr Dasein fristen. Es stellte sich heraus, dass das Verfahren der Kryostasis nicht funktionierte. Menschen, die man versuchsweise aus dem Kryoschlaf aufweckte, starben wenig später an multiplem Organversagen.


Nachdem Halley den Job auf der Elysium Fields antritt, kommt es wie es kommen muss. An Bord des Schiffes herrscht eine unheimliche Atmosphäre (auch verursacht durch eine beängstigende Geräuschkulisse). Der Job zerrt an ihren Nerven. Schon bald bildet sie sich Dinge ein. Das Alleinsein auf dem Schiff setzt ihr zu. Die Patrouille auf den Korridoren wird zu einer anstrengenden Routine. Der Job ist eintönig, langweilig und unterfordert sie. Halley betrachtet die eingefrorenen Körper und informiert sich über die „Bewohner“. Sie führt viele Selbstgespräche.


Irgendwann kommt Halley einem Geheimnis auf die Spur. Sie entdeckt, dass weiterhin Menschen eingefroren werden, die dafür eine hohe Summe zahlen. Alte Körper in den Kryokapseln werden ausgetauscht und durch neue ersetzt. Auch entdeckt sie an Bord holographische KIs, die mit ihr zu kommunizieren versuchen. Sie warnen Halley vor einer Gefahr auf dem Schiff und rufen sie zur Flucht auf. Was hat es damit auf sich? Und was wird Halley nun unternehmen? Aufgrund ihrer schwierigen persönlichen Situation hat sie kaum Mittel und Wege, etwas dagegen zu tun. Oder doch? 


Was mich bei der Lektüre störte, war der Umstand, dass in Halley Gedankenwelt immer mal wieder Figuren namentlich auftauchten, zu denen man keine weiteren Hintergründe erfuhr. Sie tauchten aus dem Nichts auf und spielten auf einmal eine Rolle. Nervig! Vor allem auch dadurch empfand ich den Schreibstil stellenweise als sperrig. Weiterhin kam keine Spannung auf. Der angelegte Gruselfaktor erreichte mich beim Lesen überhaupt nicht. Und ab einem gewissen Punkt driftete die Handlung dann ins Horror-Genre ab. Da hat mich das Buch dann leider gänzlich verloren. Den Horror-Elementen konnte ich nichts abgewinnen, zumal mir Hintergründe und Erklärungen dazu fehlten. Insgesamt ein enttäuschendes Buch. Ich bin mir unsicher, ob ich es mit weiteren Werken der Autorin probieren werde. 


Querverweise:

Weitere Bücher, in denen das Thema "Kryostasis" auftaucht: 

Pätzold, Oliver - Esomenia. Wiedergeburt
Pätzold, Oliver - Esomenia. Revolution
Taylor, Dennis E. - Ich bin viele

Sonntag, 5. Juli 2026

Taylor, Dennis E. - Die Singularitätsfalle

 


Asteroiden-Bergbau



Ivan tritt einen neuen Job als Asteroiden-Bergmann an. Mit dieser Tätigkeit erhofft er sich ein höheres Einkommen und ein besseres Leben für seine Familie. Doch bevor er im Asteroidenfeld ankommt und dort seinem Job nachgehen kann, muss er zunächst einmal lernen, mit der Schwerelosigkeit umzugehen und eine Flugtauglichkeitsprüfung absolvieren. Kein einfaches Unterfangen.


Bevor Ivan Bergmann wurde, war er Computerspezialist. Er muss sich erst einmal an seine neue Beschäftigung gewöhnen. Und die erfahrenen Kollegen ziehen ihn auf. Er hat keinen einfachen Stand im Team. Ivan erhält den Spitznamen „Sprössling“. Die Crew, mit der Ivan zusammenarbeitet, hofft auf einen großen Fund. Das Geschäft mit den Asteroiden ist alles andere als risikofrei. Findet man keine entsprechenden Ressourcen, droht der Konkurs. Ivan ist anfangs frustriert. Er fürchtet, dass sein Job nicht lukrativ genug ausfallen wird.


Nach vielen Wochen wird man schließlich fündig. Die Crew stößt bei einem Objekt auf Bodenschätze, die ihre kühnsten Träume wahr werden lassen. Doch bei den Bohrungen auf dem Asteroiden kommt es zu einem Zwischenfall. Ivan entdeckt eine ungewöhnliche Substanz. Als er sie berührt, kommt es zu einer abnormen Reaktion. Die Anomalie heftet sich an seinen Arm und überzieht ihn mit einer grauen Masse. Die Versuche, die Substanz von Ivan loszulösen, schlagen fehl. Im weiteren Handlungsverlauf nimmt Ivan körperliche Veränderungen an sich wahr. Sein infizierter Arm besteht plötzlich aus Metall. Der Arzt rät ihm zu einer Amputation, damit die Infektion nicht weiter voranschreitet. Doch auch die Amputation gelingt nicht. Der Arm erneuert sich wie von selbst und die Umwandlung von Ivans Körper schreitet immer weiter voran. Die Körperzellen werden nach und nach durch sog. Naniten ersetzt. Wie wird es mit Ivan weitergehen? Lässt sich seine Veränderung überhaupt noch aufhalten? Handelt es sich um eine außerirdische Technologie? Für mich ein spannendes Ausgangssetting.


Ivan ist verzweifelt. Er weiß nicht, was mit ihm passiert. Das kommt gut zum Ausdruck. Für einen Science-Fiction-Thriller kommt die psychologische Seite in meinen Augen genügend zur Geltung. Das gesamte Schiff kommt in Quarantäne und Ivan wird untersucht. Sein weiteres Schicksal liegt in der Hand des Militärs. Was an Bord vor sich geht, wird vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Doch die Presse wittert eine Sensation und erhöht den Druck auf die Verantwortlichen. Letztlich ist unklar, was weiter passiert. Das alles liest sich spannend und macht neugierig, wie ich finde. Der Schreibstil ist wie gewohnt flüssig und gut lesbar.


Nun zum Negativen: Das erste Drittel des Buchs ist großartig. Doch (leider) geht dem Werk dann die Luft aus (eine erstaunliche Parallele zum Buch "Outland"). Der Mittelteil weist bereits einige Längen auf. Und mit dem Fortschreiten der Handlung hatte ich das Gefühl, dass der Autor die eigentlich naheliegenden inhaltlichen Schwerpunkte nicht konsequent verfolgt. Dadurch ist die Handlungsentwicklung nicht so stringent, wie sie sein könnte. Es dauert in meinen Augen auch viel zu lange, bis die Hintergründe der Anomalie näher beleuchtet werden. Kurzum: Eine starke Ausgangsidee, ein prima Setting im ersten Drittel, doch daraus macht der Autor dann viel zu wenig. Konnte mich leider nicht überzeugen. Schade!


Querverweise

Taylor, Dennis E.: Ich bin viele (2018)
Taylor, Dennis E.: Wir sind Götter (2018)
Taylor, Dennis E.: Outland. Der geheime Planet (2020)


Mittwoch, 1. Juli 2026

Bestgen, Sarah - Safe Space

 


Gefängnis-Thriller




Anna Salomon tritt ihre neue Stelle als Psychologin in der JVA Weyer an. Dabei handelt es sich um ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem solche Täter einsitzen, die die schlimmsten Verbrechen begangen haben, die man sich vorstellen kann. Für Anna ist es die erste Anstellung in einer JVA. Sie will sich an ihrem ersten Arbeitstag keine Nervosität und Unsicherheit anmerken lassen. Bei einem Rundgang mit ihrem Vorgesetzten werden uns die therapeutischen Abläufe in der JVA nähergebracht. Anna wird künftig v.a. Einzel- und Gruppengespräche mit den hochmanipulativen Tätern führen. Besonders brisant: Als junge Frau mit noch wenig Berufserfahrung wird sie es mit Sexualstraftätern zu tun haben.


In einem weiteren Blickwechsel lernen wir den Sachbearbeiter Leon kennen. Er arbeitet bei einer Versicherung und muss einen verärgerten Klienten beruhigen. Eingestreute Erinnerungen und Tagebucheinträge verleihen den Figuren dabei mehr Tiefe. So erfahren wir, dass Leon eine problematische Kindheit hatte und das Verhältnis zu seinen Eltern schwer belastet war. Sein Vater misshandelte ihn und die Mutter schützte ihren Sohn nicht. Leons Verhalten ist auffällig und lässt ihn schon zu Beginn des Buchs verdächtig erscheinen: Er entwickelt eine Obsession für eine Kundin, die er stalkt. Er wünscht sich, dass er ihr Partner wäre, und hofft auf eine Beziehung mit ihr.


Während der gesamten Lektüre hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sehr, sehr gut recherchiert hat und auch mit eigener Expertise punkten kann (Sarah Bestgen hat selbst als Psychologin gearbeitet). Die Schilderungen wirken realistisch und authentisch. Das wird v.a. daran deutlich, wie der therapeutische Alltag in der JVA beschrieben wird. Im weiteren Handlungsverlauf wohnen wir immer mal wieder Gesprächen bei, die Anna mit den Insassen führt. Sie versucht dabei keine Schwächen zu zeigen und souverän sowie selbstsicher aufzutreten. Die Häftlinge testen ihre Grenzen aus und provozieren die Psychologin. Diese muss sich immer mal wieder behaupten. Es entwickeln sich subtile Machtspiele zwischen den Insassen und Anna. Sie wittern ihre Schwachstellen und versuchen, diese für sich ausnutzen.


Insgesamt ist der Fall im Buch gut verrätselt. Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir, dass Anna einen geheimen Plan verfolgt. Sie will den Mörder ihrer Schwester ausfindig machen. Doch ihr Treiben bleibt nicht unentdeckt. Eines Tages erhält sie Nachrichten mit Drohungen. Sie wird dazu aufgefordert, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch wer steckt dahinter? Und was weiß die Person über Annas Pläne? Und was genau, ist in der Vergangenheit passiert? Die Beantwortung dieser Fragen regt zum Weiterlesen an und entfacht Neugier. Und nach meinem Eindruck konnte man während der Lektüre gut miträtseln. Es werden viele Figuren als mögliche Verdächtige präsentiert. Die Autorin versteht es hervorragend, immer mal wieder Verdachtsmomente zu kreieren. Gleichzeitig erleben wir mit, wie sich Anna selbst überfordert. Sie ist noch immer vom Tod ihrer Schwester traumatisiert. Immer wieder schweifen ihre Gedanken ab und kreisen um etwas anderes als ihren Job.


Was man noch wissen sollte: Das Tempo des Thrillers ist nicht sehr hoch. Die Erzählweise ist eher ruhig und ausführlich. Der Thriller nimmt sich Zeit für die Figurenzeichnung, für die Ausgestaltung von Details und für die Schilderung von psychotherapeutischen Gesprächen mit den Insassen. Doch die Autorin schafft es nach meinem Gefühl dennoch, die Spannung durchgängig aufrechtzuerhalten. Und am Ende spitzen sich die Ereignisse auch gut zu. Die Spannung zieht noch einmal spürbar an. Die Auflösung am Ende fand ich ebenfalls gelungen. Mir erschien alles schlüssig. Nur über eine Kleinigkeit bin ich gestolpert (Vorsicht Spoiler): Die Hintergründe des Messerangriffs auf Jonathan blieben mir unklar. Insgesamt ein gelungenes Werk. Ich bin durchgängig an den Zeilen haften geblieben.


Querverweis:

Ein weiterer Gefängnis-Thriller mit einem ähnlichen Setting: "The Institution" von Helen Fields.

Das Debut von Sarah Bestgen: Happy End


Sonntag, 21. Juni 2026

Zischke, Vera - Pina fällt aus

 


Krankheit, Autismus und Solidarität




Zu Beginn des Buchs begleiten wir die tägliche Morgenroutine von Pina und ihrem Sohn Leo. Und schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Leo ganz bestimmte Eigenheiten und Verhaltensweisen an den Tag legt. So müssen z.B. ritualisierte Abläufe penibel eingehalten werden. Leo ist Autist und sehr auf Pina angewiesen. Sie kümmert sich um alles und hilft ihm dabei, das Leben zu bewältigen. Auch macht sie sich um ihn stets große Sorgen und will ihn vor möglichem Unheil beschützen. Ans Alter oder an eine Krankheit will sie gar nicht denken, schließlich muss sie Leo engmaschig betreuen und die Verantwortung für ihn übernehmen. Das Leben mit Leo fordert Pina sehr. Es unterscheidet sich stark von dem anderer Menschen. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, kann sie nicht einfach abschalten und entspannen, sondern sie muss Leo versorgen und auf seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Aus diesem Grund kommt Pina kaum zur Ruhe. Pausen sind für sie ein Fremdwort. Sie fühlt sich oft erschöpft.


Neben Pina und Leo spielen weitere Figuren in diesem Roman eine wichtige Rolle. Da ist z.B. die betagte Inge, die ab und zu auf Leo aufpasst, wenn Pina einkaufen geht. Und da ist die rebellische Zola, die zu Beginn des Romans unfreundlich, mürrisch und unsozial wirkt. So beschwert sie sich über die Lautstärke des Busses, der Leo jeden Morgen abholt und zur Werkstatt bringt. Und nicht zuletzt ist da der zurückgezogene Nachbar Wojtek, der mit Leo nur wenig anfangen kann.


Die Lebensumstände von Pina führen dazu, dass sie ihre Gesundheit vernachlässigt. Obwohl sie sich mit Magenschmerzen plagt, findet sie keine Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Sie selbst kommt eindeutig zu kurz. Leo steht immer an erster Stelle. So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages bricht Pina auf dem Rückweg vom Einkaufen zusammen. Und selbst in diesem Moment gilt ihr erster und einziger Gedanke ihrem Sohn. Und Inge steht plötzlich allein mit Leo da, der zunehmend ungeduldig wird. Inge muss Leo irgendwie beruhigen und ist schnell mit dem Jungen überfordert. Wie wird es nur weitergehen? Kommt Pina wieder auf die Beine? Und wird Leo den Ausfall seiner Mutter verkraften?


Im weiteren Handlungsverlauf bilden die erwähnten Nachbarn eine „Notgemeinschaft“ (Inge, Zola und Wojtek) und durchlaufen ausnahmslos eine Wandlung. Sie müssen sich auf Leo und seine Eigenheiten einstellen und den Ausfall von Pina irgendwie auffangen. Dabei wächst vor allem Zola über sich hinaus und findet einen emotionalen Zugang zu Leo, der ab und zu unvorhersehbar agiert und auch mal für unangenehme Situationen sorgt. Aus dem widerspenstigen Mädchen wird ein soziales. Und die Nachbarn merken erst jetzt, welche Kraft, Geduld und Disziplin Pina jeden Tag auf Neue abverlangt wurden. Gleichzeitig erleben wir mit, wie es Pina im Krankenhaus geht. Sie kämpft darum, schnell wieder fit zu werden und ist in Gedanken immer bei ihrem Sohn. Auf mich wirkte sie völlig rastlos. So kann es für sie nicht weitergehen…


Für mich ein Buch, das wichtige Themen anspricht. Es wird gezeigt, wie die unerwartete Krankheit von Pina sich auf ihr eigenes Leben, das ihres Sohnes und das ihrer Nachbarn auswirkt. Der Ausfall von Pina führt dazu, dass Inge, Zola und Wojtek Verantwortung für Leo übernehmen und sich solidarisch zeigen. Gleichzeitig wird problematisiert, dass das Zusammenleben mit einem autistischen Kind auch herausfordernd ist, und es wird eine Lösung demonstriert, wie ein Leben unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts von Leo glücklich gestalten werden kann, ohne dass Pina überfordert wird. Ein wichtiges Buch mit wichtigen Botschaften. Ich war am Geschehen emotional beteiligt und habe das Werk von Vera Zischka gerne gelesen.


Mittwoch, 17. Juni 2026

Kupke, Lena - Pause



Eine Geschichte, die das Leben schreibt




Hanna wird nach einem Zusammenbruch in ein Krankenhaus eingeliefert. Sie weiß nicht, was mit ihr los ist und was um sie herum passiert. Ihr werden Beruhigungs- und Narkosemittel verabreicht. Sie fühlt sich dem Personal im Krankenhaus ausgeliefert und hat partout keine Lust noch eine Nacht dort zu verbringen, um sich durchchecken zu lassen. Am liebsten würde sie direkt wieder verschwinden, doch das Personal will sie nicht ohne Begleitung gehen lassen und ihr Freund hat keine Zeit, um sie abzuholen. Sie ist nicht gern auf Hilfe angewiesen. Den Ernst ihrer Lage scheint sie nicht zu verstehen. Nur ihre Eltern finden schließlich Zeit, um sie in Berlin aufzusuchen und dann nach Lüneburg mitzunehmen. Dort angekommen, denkt sie voller Nostalgie an ihre glückliche Kindheit zurück. Die gewohnten Abläufe ihrer Eltern bringt sie mit ihrer Anwesenheit aber erstmal durcheinander.


Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir, dass die Protagonistin schon im Vorfeld ihres Zusammenbruchs unter Schlafproblemen litt und einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste (der lange Zeit unausgesprochen in der Luft hängt). Die ersten Tage bei den Eltern verlaufen noch harmonisch. Die Beziehung zu ihren Eltern wirkt liebevoll und intakt. Doch je länger Hanna bei ihren Eltern bleibt, desto schwieriger wird es für sie, sich anzupassen und die Eigenheiten ihrer Eltern zu akzeptieren. Sie kommt nicht wirklich zur Ruhe, auch weil sie sich über ihren Freund Paul ärgern muss, der sie lieber bei ihren Eltern lässt, statt sie zurück nach Berlin zu holen. Er wirkt nicht sehr fürsorglich und hält sie auf Abstand. Was steckt dahinter? Parallel muss Hanna verarbeiten, dass ihr das Berufliche entgleitet. Kurzum: Sie erlebt eine ziemliche Gefühlsachterbahn…


Außer den Eltern und Paul spielt mit der Schwester von Hanna noch eine weitere Figur im Roman eine Rolle. Das Verhältnis zu ihr ist zeitweise angespannt. Beide haben sich nicht viel zu sagen und leben unterschiedliche Leben. Die Schwester ist in Lüneburg geblieben und führt in den Augen von Hanna ein spießbürgerliches Dasein in der Provinz. Sie selbst hingegen hat es in die weite Welt (nach Berlin) gezogen. Grundsätzlich wird deutlich, dass die Kommunikation innerhalb der Familie zu wünschen übriglässt. Man redet nicht viel und man redet auch nicht offen miteinander (schon gar nicht über Probleme). Vieles bleibt unausgesprochen. Emotional belastende Themen werden unbeholfen totgeschwiegen.


Während der Lektüre stellte ich mir vor allem die Frage, ob Hanna wieder auf die Beine kommt. Ich habe ihr Schicksal mit Neugier verfolgt. Das Einzige, was mich beim Lesen gestört hat, war der Umstand, dass ich nicht viel mit der Protagonistin anfangen konnte. Sie wirkt auf mich oft zu unbedarft und auch zu infantil. Sie ist wenig selbstreflektiert und zeigt sich auch wenig kämpferisch. Sie bleibt mir zu sehr in der Rolle der Hilflosen. Damit konnte ich mich nicht identifizieren. Ich habe mich zwischenzeitlich auch gefragt, ob Hanna eine depressive Phase durchlebt, aber falls ja, kommen mir die Symptome nicht deutlich genug zum Ausdruck. Einige von Hannas Verhaltensweisen passen in meinen Augen auch nicht zu einer solchen Diagnose...


Querverweise:
Weitere "Genesungsromane", die eine teils hohe inhaltliche Ähnlichkeit aufweisen (v.a. der Roman von Caroline Wahl), sind ...
- "Windstärke 17" von C. Wahl (Lebenskrise), 
- "Ende in Sicht" von R. von Rönne (Depression), 
- "Ich bin nicht da" von L. Spit (Psychose), 
- "Haus zur Sonne" von T. Melle (bipolare Störung), 
- "Salto" von K. Prödel (Diabetes Typ 1) oder 
- "Achtzehnter Stock" von S. Gmuer (Gehirnhautentzündung)
- "Panikherz" von B. Stuckrad-Barre (Essstörung und Drogensucht, autobiographisch) 


Samstag, 13. Juni 2026

Schmitt, Caroline - Monstergott



Sexualität als Sünde



Zu Beginn des Buchs erleben wir mit, wie an Ben eine rituelle Reinigung vollzogen wird. Er wird auf diese Weise von seinen Sünden reingewaschen und er hofft, Vergebung zu finden. Ben ist sehr gläubig. Die Bibel ist sein ständiger Begleiter. Er brennt für Jesus und die Liebe Gottes erfüllt ihn. Er ist Mitglied in einer Freikirche. In dieser wird das Gemeinschaftsgefühl großgeschrieben und es gibt strenge Verhaltensregeln, an die man sich halten muss. Das Leben der Gemeinschaft im Einklang mit Gott wird gut eingefangen.


Und auch Bens Schwester Esther gehört zur Gemeinde der Freikirche. Sie lernen wir in einem weiteren Blickwinkel kennen. Die Perspektiven der Geschwister wechseln einander von Kapitel zu Kapitel ab. Esther und Ben leben in einer WG zusammen. Was Esther auszeichnet: Sie sehnt sich danach, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Doch als Frau muss sie zurückstecken. V.a. der Pastor bremst sie aus und meint, sie solle weniger Forderungen stellen. Seiner Meinung nach hat sie eine dem Mann untergeordnete Position einzunehmen. Schließlich sei Adam noch vor Eva von Gott geschaffen worden. Esther vertritt da eine andere Auffassung und gerät in Konflikt mit dem Pastor (dieser erscheint im weiteren Handlungsverlauf in einem immer schlechteren Licht). Sie hadert mehr mit den Regeln der Freikirche als ihr Bruder…


Von Ben erfahren wir, dass er ein großes Problem mit seiner eigenen Sexualität hat. Er legt regelmäßig Hand an sich selbst an und danach überkommt ihn Reue. Heimlich besucht er einen Therapeuten, der v.a. christliche Patienten behandelt. Ben hofft, seine „Störung“ zu überwinden. Der Therapeut animiert Ben schließlich dazu, an einem Seminar teilzunehmen, in dem er ein striktes Programm durchläuft, um seine Sucht in den Griff zu bekommen. Als Leser begleiten wir Ben bei dem Besuch dieses „Heilungsseminars“. Dem therapeutischen Ansatz konnte ich während der Lektüre nur mit Kopfschütteln begegnen…


Esther erscheint dem Leser längst nicht so verklemmt wie ihr Bruder, aber auch sie hat keinen entspannten Umgang mit Sexualität. Einerseits unterhält sie sich offen mit einer Freundin über sexuelle Themen und gibt ihr Ratschläge, was das Führen einer Ehe betrifft. Andererseits ist ihre Beziehung zu ihrem damaligen Freund Paul wegen der vielen Regeln gescheitert, die die Kirche damals beiden auferlegt hat. Sie ist immer noch in Paul verliebt, findet aber keinen Weg, um mit ihm glücklich zu werden. Zu sehr plagt sie ein schlechtes Gewissen.


Überhaupt werden die Themen „Sexualität“ und „(gläubige) Gestaltung von Mann-Frau-Beziehungen“ immer wieder im Buch angesprochen. Die Kirche achtet sehr darauf, ihren Mitgliedern die korrekten Verhaltensregeln zu vermitteln. Auf Dauer ist diese streng religiöse Gedankenwelt, die man durch Esther und Ben während der Lektüre vermittelt bekommt, aber sehr anstrengend und ermüdend zu lesen. Die Gedanken, Gefühle und Dialoge kreisen sehr stark um die oben genannten Themen und das immer wieder auf Neue. Inwieweit hier auch Klischees bedient werden, kann ich nicht beurteilen. Dafür sind mir die Regeln des Zusammenlebens, wie sie von der Freikirche vorgeschrieben werden, zu unbekannt (aber die Doppelmoral des Pastors wirkt sehr stereotyp). Der Plot erschien mir phasenweise etwas ziellos. Ich wusste nicht immer, auf was das Ganze hinauslaufen soll. Für mich hätten die inneren Konflikte, in denen sich die Figuren befinden, insgesamt noch greifbarer werden müssen. Mein Urteil: Ein mittelprächtiges Buch. Was aber wieder deutlich wird, die Autorin schreckt abermals nicht davor zurück, ein "heißes Eisen" anzufassen. Das zeigte sich schon bei ihrem Debut (den Wechsel des Verlags kann ich übrigens absolut nachvollziehen).


Querverweis:

Schmitt, Caroline: Liebewesen


Dienstag, 9. Juni 2026

Seibt, Caroline - Weil sie lügt

 


Spannend, aber mit Luft nach oben




Anna arbeitet als Kindermädchen bei den Westrups, einer reichen Familie, und kümmert sich in ihrer Freizeit um ihren kleinen siebenjährigen Bruder und die depressive Mutter. Doch eines Tages teilt ihr Henri, der Vater der Familie, mit, dass ihre Dienste nicht länger benötigt werden. Als Grund führt er die familiären Umstände von Anna an. Ihre Schwester Juli gilt seit mehr als einem Jahr als vermisst, ihr Vater ist Tatverdächtiger und sitzt in Untersuchungshaft. Eine Leiche wurde aber bisher nicht gefunden. Dies alles mache seiner Tochter Angst, so Henri. Das erste Kapitel endet dann mit einem Cliffhanger. Zum Abschied entwendet Anna den Haustürschlüssel der Westrups. Was hat sie vor?


Danach folgt ein Blickwinkelwechsel zu Katharina Engels. Sie ist Ermittlerin und spricht im Gefängnis mit einem Insassen, der behauptet, etwas über Juli zu wissen. Der verdächtige Vater habe ihm die Tat gestanden. Die Polizei informiert Anna und deren Mutter daraufhin, dass sie neue Hinweise erhalten hat. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und das Leid der Familie beginnt erneut. Sie quälen sich seit dem Verschwinden von Juli mit dem Gedanken, was ihr passiert sein könnte. Die Ungewissheit belastet sie. Nur Anna ist stark genug, die Familie noch zusammenzuhalten, und das Schicksal von Juli nicht zu nah an sich heranzulassen. Ihre Mutter ist labil und psychisch am Ende. Das kommt gut zum Ausdruck. Und die Hinweise des Insassen bewahrheiten sich. Im Keller der Familie findet man menschliche Überreste. Handelt es sich etwa um Juli?


Hinzu kommt die belastende Situation mit dem Vater, der seinerseits behauptet, nichts mit dem Tod von Juli zu tun zu haben. Er versichert Anna, jemand wolle ihm etwas anhängen. Und sie glaubt ihm. Doch für die Ermittler ist klar, dass die Familie etwas zu verbergen hat und der Vater auf jeden Fall schuldig ist. Seltsam! Wer jetzt allerdings glaubt, dass die Schuld des Vaters ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, der irrt. Der Handlungsstrang um den Vater steht nicht allzu sehr im Vordergrund. Über ihn erfahren wir insgesamt wenig. Der Thriller schlägt eine andere Richtung ein. Trotzdem habe ich mich während der gesamten Lektüre gefragt, auf Grundlage welcher Beweise der Vater eigentlich in Haft ist. Dies bleibt leider eine ungelöste Frage. Schade!


Insgesamt wird der Thriller spannend, ereignisreich und packend erzählt. Am Ende spitzt sich die Situation gut zu. Die Konturen der Figuren sind klar erkennbar. Der Fall ist gut verrätselt. Ich hatte viele offene Fragen im Kopf, die ich beantwortet wissen wollte. Der Schreibstil ist eingängig und gelungen. Das alles hat mich klar überzeugt. Nur über die etwas groteske Ausgangssituation muss man hinwegsehen: Da verliert eine Familie ihre Tochter und meldet sie als vermisst. Und der Polizei fällt nichts Besseres ein, als die Familie selbst zu verdächtigen. Schon merkwürdig, oder nicht?!


Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, die Spannung ist über das ganze Buch hinweg deutlich spürbar, was v.a. auch den sehr gut platzierten Cliffhangern liegt. Zwischendurch hatte ich punktuell aber auch mal Irritationen, was die inhaltliche Ausgestaltung des Plots angeht (Vorsicht Spoiler: Warum wird Anna überhaupt von den Westrups eingestellt? Warum geben die Ermittler im Verhör mit Anna so viel Täterwissen preis?). Meine Kritik betrifft aber die Auflösung am Ende. Diese konnte mich (leider) nicht „abholen“. Manches geht sehr abrupt vonstatten und entsteht unvermittelt aus dem Nichts. Und dann bricht die Handlung kurz nach der Auflösung einfach ab und es folgt der Epilog. Auch ist mir nicht alles klar geworden (Vorsicht Spoiler: Wessen Überreste hat man jetzt im Keller gefunden?). Bezeichnend finde ich eine Aussage der Autorin im Nachwort. Dort schreibt sie, dass sie zu Beginn des Schreibens auch nicht wusste, wer am Ende schuld sein wird. Das merkt man (leider)…