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Mittwoch, 19. August 2026

Carter, Chris - Du kriegst mich nicht




Eine neue Seite von Chris Carter




Die Protagonistin Sam ist Opfer häuslicher Gewalt geworden. Wir erleben zu Beginn des Buchs ihr Gerichtsverfahren mit, bei dem sie schildert, wie sie von ihrem Mann verprügelt und ans Waschbecken gekettet wurde. Sie erklärt dem Richter, wie sich die Partnerschaft innerhalb weniger Monate unheilvoll veränderte. Den Geschworenen wird Sams Notruf vorgespielt, um ihre leidvolle Erfahrung zu veranschaulichen. Und kurz vor dem Ende des Prozesses präsentiert die Anklage noch eine Überraschungszeugin. Die Aussage dieser Zeugin bringt die entscheidende Wende im Verfahren. Der angeklagte Ehemann, Nelson Stewart, wird für schuldig befunden und wird für mindestens zehn Jahre im Gefängnis landen. Doch als er den Gerichtssaal verlässt, schwört er seiner Frau Rache und spricht eine Drohung aus.


Nach der Verurteilung ihres Mannes plant Sam, die Scheidung einzureichen. Da ihr Mann Millionär ist, winkt ihr ein großes Vermögen. Noch dazu erwägt sie, einen Wechsel der Identität vorzunehmen, damit ihr Mann sie nach der Haftentlassung nicht finden kann. Der Staatsanwalt berät sie fachkundig in dieser Angelegenheit. Sam erhält so die Chance, alle Spuren ihres bisherigen Lebens zu verwischen. Sie kann ihren Namen ändern, den Wohnort und das Geburtsdatum. Die Wahrscheinlichkeit, ausfindig gemacht zu werden, ist sehr gering.


Wir sind dabei, wie Sam abtaucht und ein neues Leben beginnt. Doch ihr ist keine lange Ruhe vergönnt. Ein Unbekannter spürt sie auf und verfolgt sie. Sam erkennt in letzter Sekunde die Warnzeichen und ergreift die Flucht (Spannung und Tempo sind hoch!). Sie ist auf einen solchen Ernstfall gut vorbereitet und hat bereits Vorkehrungen getroffen, um schnell verschwinden zu können. Sie ist nicht auf den Kopf gefallen und verhält sich sehr geschickt. Im Anschluss fragt sie sich, welchen Fehler sie begangen hat, dass sie jemand finden konnte. Gelingt ihr die Flucht?


Doch wer jetzt denkt, dass ein furioses Katz- und Maus-Spiel beginnt, wie es auch auf dem Klappentext angedeutet wird, der irrt. Der Plot entwickelt sich lange Zeit in eine völlig andere und ruhigere Richtung. Das hat meine Erwartung doch gehörig durchbrochen. Ich rechnete damit, dass die Perspektiven zwischen Sam und dem Verfolger regelmäßig wechseln, und dass wir noch mehr über die Ehe mit Nelson erfahren. Doch dem ist nicht so. In welche Richtung es genau geht, möchte ich aber hier nicht verraten. Das mögen die Leser selbst herausfinden. Nur so viel: Es wird erst einmal ordentlich auf „die Bremse“ getreten, was das Tempo betrifft.


Und als ich schon daran zweifelte, ob es sich überhaupt noch um einen Thriller handelt, ereignet sich abermals eine Wendung, die das bisherige Geschehen wieder in einem neuen Licht erscheinen lässt. Clever! Ab diesem Zeitpunkt nimmt die Spannung wieder zu und wird im letzten Drittel schier unerträglich (so ging es mir zumindest). Mit anderen Worten: Das letzte Drittel war das Spannendste, was ich in diesem Jahr gelesen habe (wirklich!). Ein starker Kontrast zum ruhigeren Mittelteil. Wie am Ende alles aufgeht und ineinandergreift, ist einfach sehr durchdacht (wenn auch vielleicht nicht ganz realistisch, aber egal, dafür war es spannend!). Noch etwas: Was mir besonders gut während der Lektüre gefiel, war der Umstand, wie das Urteil zu den Figuren gelenkt wird, indem neue Informationen preisgegeben werden. Auch das ist geschickt angelegt. Das Einzige, was ich mich gefragt habe: Sind Menschen wirklich so ausrechen- und vorhersehbar? Sind wir so manipulierbar?


Für mich zeigt Chris Carter hier eine neue Seite als Autor, die mir deutlich besser gefällt, als das, was ich bisher von ihm kenne. Ich brauche es nicht so grausam, blutrünstig und v.a. sadistisch, wie es in der Hunter- und Garcia-Reihe üblich ist. Ich wünsche mir in Zukunft mehr Stand-Alones vom Autor, die in eine ähnliche Richtung gehen.


Querverweise:

Weitere Bücher von Chris Carter: "Blutige Stufen" und "Der Totenarzt"


Sonntag, 16. August 2026

Geßner, Eva - Verlorene Seelen

 


Der Fall „Aschenputtel“




Betty lebt seit kurzem auf der Straße und schlägt sich so durch. Sie lebt von finanziellen Reserven, stellt sich aber schon darauf ein, bald betteln zu gehen. Ihren Mann, einen Rechtsanwalt, hat sie verlassen, weil sie häusliche Gewalt erlebt hat. Für Betty wäre es ein Albtraum, zu ihm zurückkehren zu müssen. Und es wird nur allzu deutlich, dass sie als obdachlose Frau ein großes Risiko für Leib und Leben auf sich nehmen muss. Die Gefahr von sexuellen Übergriffen ist allgegenwärtig. Begleitet wird sie von einem Hund, der ihr Gesellschaft leistet und sie beschützt. Das Leben am Rande der Gesellschaft wird insgesamt sehr gut eingefangen.


Gleichzeitig begleiten wir als Leser die Ermittlerin Franziska, deren 16-jährige Tochter sich in Kanada aufhält und dort kurz vor Ausbreitung der Corona-Epidemie neue Lebenserfahrungen sammelt. Von ihrem Mann Heiner hat sie sich erst kürzlich getrennt. Und sie fühlt sich bereits zu einem neuen Mann hingezogen, auch wenn die Trennung noch nicht lange zurückliegt. Die Tochter weiß von der Trennung der Eltern noch nichts. 


Schon bald wird Franziska zu einem Tatort gerufen. Man hat ein weibliches Opfer gefunden, dem ein Fuß abgetrennt und teure Unterwäsche sowie hochhackige Schuhe angezogen wurden. Bei der Klärung der Identität des Opfers stellt sich heraus, dass es sich um die 21-jährige Obdachlose namens Lina handelt, die schon länger auf der Straße lebte und drogenabhängig war. Sie ist bereits im Alter von 12 Jahren von zu Hause ausgerissen, weil sie dort Missbrauch erleben musste. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Beamten schon bald auf ähnliche Mordfälle in der Vergangenheit. Die Cold Cases werden neu aufgerollt. Schon bald wird vermutet, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt…


Eingeflochten werden punktuell auch Blickwinkel des Täters. Bei ihm wird ein zutiefst sadistischer Charakter deutlich. Er erfreut sich daran, seine Opfer zu quälen. Bei den weiteren Ermittlungen der Polizei tritt auch Betty wieder auf den Plan. Sie hält ihren Mann, den sie verlassen hat, für einen möglichen Mörder und traut ihm eine solche Gewalttat, wie sie an Lina ausgeführt wurde, ohne weiteres zu. Wird sich ihr Verdacht bestätigen?


Insgesamt ist der Schreibstil packend. Ich blieb an den Zeilen durchweg haften. Die Spannung ist hoch. Nur das Tempo ließ mir zu wünschen übrig. Das Privatleben von Franziska nahm mir zu viel Raum ein (inkl. Friseurbesuch und Typveränderung). Aber das ist meiner persönlichen Lesevorliebe geschuldet. Grundsätzlich steht in diesem Thriller viel Ermittlungsarbeit im Zentrum. Wir erleben Recherchearbeit und polizeiliche Team-Besprechungen mit. Weiterhin wird die rechtsmedizinische Begutachtung des Opfers geschildert. Hinzu kommt die Schilderung von sadistischen Gewaltphantasien des Täters und entsprechende Folterszenen. Das ist nichts für zarte Gemüter. Und auch die widrigen Lebensumstände auf der Straße kommen gut zum Ausdruck. Obdachlose werden oft Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Die Schicksale der Figuren haben mich emotionalisiert. Es ist heftig zu lesen, wie tief ein Mensch fallen kann und welcher Grad an Verwahrlosung möglich ist. Und es kann jede(n) treffen…


Was mich bei der Lektüre überzeugt hat, war die Wahl des Settings und der Schreibstil. Man merkt, dass die Autorin zum Leben auf der Straße sehr gut recherchiert hat. Die Darstellung wirkt realistisch und authentisch. Und wie die Autorin selbst im Nachwort festhält, ist die Wahl der Perspektive einer obdachlosen Frau eher ungewöhnlich und selten in Thrillern zu finden. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem. Es wird deutlich, dass hinter jedem Schicksal eine Geschichte steckt! Insgesamt also eine runde Sache. Am Ende zieht die Spannung auch nochmal deutlich an. Das Buch ist für solche Leser geeignet, die die Darstellung von Ermittlungsarbeit mögen und dabei nicht so viel Wert auf hohes Tempo legen (Stichwort: Privatleben). Auch sollte man sich für die Themen „Obdachlosigkeit“ und „Serienmörder“ begeistern können.


Querverweise:

Ein weitere Thriller von Eva Geßner: Seelenkalt

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Bentow, Max: Engelsmädchen 
Bentow, Max: Eulenschrei 
Bentow, Max: Rabenland 
Bentow, Max: Puppenherz
Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 

Mittwoch, 12. August 2026

Bentow, Max - Puppenherz




Der Mann mit dem roten Regenschirm




Der erste Mord


Die 14-jährige Lucy arbeitet bei ihrem verwitweten Nachbarn Alex als Babysitterin für die kleine Sophie, um ihr Taschengeld aufzubessern. Alex hat seine Frau vor zwei Jahren verloren und muss oft lange arbeiten. Lucy fühlt sich mit dem Job überfordert, weil Alex oft seine Trauergefühle bei ihr ausschüttet und mit seinen ausgedehnten Arbeitszeiten wenig Rücksicht darauf nimmt, dass sie noch zur Schule geht und früh raus muss.


Als Lucy mal wieder länger auf Sophie aufpassen muss, geht ihre alleinerziehende Mutter schon mal ins Bett. In dieser Nacht wird sie dann grausam ermordet. Lucy merkt erst am nächsten Morgen, dass etwas nicht stimmt und steht unter Schock, als sie ihre Mutter bestialisch zugerichtet auffindet. Ihr linker Unterschenkel wurde abgetrennt und der Täter hat eine geschnitzte Knochenfigur hinterlassen.


Nils Trojan und Carlotta Weiss werden zum Tatort gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Schon bald stoßen sie auf einen Cold Case, der zehn Jahre zurückliegt und eine Verbindung zum aktuellen Fall aufweist. Derweil gibt der Killer keine Ruhe und steigert sich regelrecht in einen Blutrausch. Viele weitere Opfer folgen. Die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Und das Muster hinter den Morden bleibt stets das gleiche…


Weitere Perspektiven


In unregelmäßigen Abständen werden auch Kapitel eines Unbekannten eingestreut, der sich selbst als Diener bezeichnet. Er führt ein unterwürfiges Leben und ist einem Herrn zu Diensten, den er unterhält, indem er singt und tanzt. Für seinen Herrn ist er sogar bereit, einen Mord zu begehen, wie er die Leser wissen lässt…


Ein weiterer Blickwinkel betrifft einen kleinen Jungen, der aus nächster Nähe miterlebt, wie seine Mutter umgebracht wird. Er versteckt sich in einem Schrank und fürchtet um sein Leben. Er hofft, dass er vom Täter nicht entdeckt wird…


Nils Trojan und Carlotta Weiss


Das Private von Carlotta und Nils spielt in diesem Thriller nur punktuell mal eine Rolle, v.a. zu Beginn und am Ende des Buchs. So erfahren wir, dass Carlotta sich oft einsam fühlt und sich in One-Night-Stands flüchtet, obwohl sie eigentlich ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat. Sie verbietet sich aber selbst, die Beziehung zu Nils zu vertiefen, damit ihre professionelle Arbeitsbeziehung nicht darunter leidet. Auch wird deutlich, dass Carlotta im Zwischenmenschlichen Schwierigkeiten hat. Sie erscheint als Einzelgängerin, die nur ungern Nähe zulässt. Um Distanz zu wahren, verhält sie sich oft abweisend. Über Trojan erfahren wir, dass seine Tochter womöglich in seine beruflichen Fußstapfen treten möchte. Sie spielt mit dem Gedanken, ebenfalls Kommissarin zu werden. Ich finde es gut, dass das Privatleben der Ermittler keinen allzu großen Raum einnimmt. So wird das Geschehen nicht zu sehr "ausgebremst".


Leseeindruck


Das Tempo des Thrillers ist außerordentlich hoch. Es passiert ständig etwas Neues. Ein Ereignis jagt das nächste. Langeweile muss man also nicht befürchten. Eine hohe Dialoghaftigkeit sorgt für Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Das alles überzeugt.


Im Zentrum des Geschehens steht ein Serienmörder, der sein Unwesen treibt (das kennt man auch bereits von vergangenen Bänden aus der Reihe). Die Schilderung der Morde ist auch deshalb von einer gewissen Formelhaftigkeit geprägt. Bei Bentow weiß man, was man bekommt. Wie man das findet, muss jede und jeder selbst für sich bewerten. Da es mein fünftes Buch von Bentow ist, kann ich behaupten, dass seine Thriller stets einem ähnlichen Muster folgen und etwas schematisch konstruiert sind. Das sollte man mögen. Sonderlich innovativ ist das nicht, aber spannend bleibt es trotzdem. Einmal im Jahr lese ich das ganz gern, muss ich zugeben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Autor inhaltlich auch mal etwas anderes ausprobiert.


Nun zur psychologisch-psychiatrischen Ausgestaltung der Täterpsyche: Es ist mal wieder so, dass eine psychologische Störung zu Gewalttätigkeit führt. Nun ja... Insgesamt hinterließ die Darstellung des psychischen Zustands des Killers bei mir einen unrealistischen Eindruck (aber ich bin auch kein Experte). Auch wird (wie so oft in Thrillern) mal wieder das Klischee bedient, dass psychische Störungen mit großer Gefahr und Unberechenbarkeit verbunden sind - aber nun gut, es handelt sich schließlich nicht um eine reale psychiatrische Fallstudie. Für das Genre braucht es dramatische Zuspitzung. Da ist Realismus immer so eine Sache. Man sollte sich einfach klar machen, dass es sich bei der psychologischen Gestaltung um ein fiktives Element handelt.


Querverweise

Bentow, Max: Rotkäppchens Traum (2019)
Bentow, Max: Engelsmädchen (2023)
Bentow, Max: Eulenschrei (2024)
Bentow, Max: Rabenland (2025)

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Geßner, Eva: Seelenkalt
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 

Samstag, 8. August 2026

Winter, Nova - Die Nachbarin




Mutterinstinkt - Einbildung oder Realität?




Auf der morgendlichen Jogging-Runde von Smilla kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Junge ist von einem Steg in den See gestürzt, an dem Smilla vorbeikommt, und droht zu ertrinken. Smilla fackelt nicht lang und rettet ihn. Die Aufregung und das Adrenalin führen nach der Rettungsaktion zu merkwürdigen Gedanken. Sie hält das Kind für ihren Sohn, was unmöglich ist, da sie nie schwanger war. Kurze Zeit nachdem Smilla den Jungen aus dem Wasser gerettet hat, taucht die Mutter auf (Lou). Doch statt sich zu bedanken, verhält sie sich unfreundlich und feindselig. Sie reagiert nicht so, wie man es erwarten würde. Auf Smillas Bericht zu den Vorkommnissen reagiert sie kaum und verschwindet rasch mit ihrem Sohn von der Unfallstelle.


Ein Dank für die gelungene Rettung folgt erst später, und erst auf die Initiative des Vaters hin (Quentin). Dieser lädt die neuen Nachbarn zu einem Abendessen ein. Während des Essens wirkt Lou zunächst teilnahmslos und distanziert, während Quentin und Smillas Mann sich blendend verstehen. Doch dann greift Lou plötzlich ins Gespräch ein und fragt Smilla nach ihrem Job aus. Sie interessiert sich sehr für Smillas beruflichen Werdegang und bringt sie in eine unangenehme Situation, als sie sich nach einer längeren beruflichen Pause erkundigt. Und am Ende des Abends wird klar, warum Lou Smilla förmlich verhört: Sie und Quentin unterbreiten Smilla ein Jobangebot…


Insgesamt verhalten sich die Figuren zu Beginn des Thrillers höchst sonderbar und auch die Beziehung zwischen Quentin und Lou erregt direkt Aufmerksamkeit. Er verhält sich ihr gegenüber sehr dominant. Das merkwürdige Verhalten von Lou, Smilla und Quentin irritiert und legt den Grundstein für einen packenden Thriller. Dafür sorgen auch die gefälligen Wechsel der Blickwinkel, die Abwechslung erzeugen und keine Langeweile aufkommen lassen. Nach und nach wird klar, dass es auch eine Ursache für Lous und Quentins Verhaltensweisen gibt…


Nach meinem Empfinden war die Spannung durchweg stark ausgeprägt. Für mich gab es keine Längen, das Tempo war hoch. Weiterhin hält der Thriller einige Überraschungen bereit. Im weiteren Verlauf der Handlung wird zudem gut mit der unzuverlässigen Wahrnehmung der Figuren gespielt. Man fragt sich, was Einbildung ist, was Realität. Die Perspektivwechsel sind gut aufeinander abgestimmt. Der Schreibstil ist flüssig. Ich flog förmlich durch die Seiten. Insgesamt also eine runde Sache. Das Einzige, was mich nicht ganz überzeugt hat, war der Schlussteil. Sehr schade! Sonst hätte es sich absolut um einen Kracher gehandelt. Die Autorin werde ich aber auf jeden Fall weiter im Auge behalten.


Dienstag, 4. August 2026

McFadden, Freida - Häftling




Gefängnis-Thriller




Brooke Sullivan ist Mutter eines zehnjährigen Sohnes namens Josh, schlägt sich als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durch und tritt eine neue Stelle als Pflegekraft in einem Hochsicherheitsgefängnis an. Dafür ist sie mit ihrem Sohn umgezogen und hat Queens hinter sich gelassen. Ein Kindermädchen unterstützt sie bei der Kinderbetreuung.


Brooke wird in der Krankenabteilung arbeiten und sich um Fälle in der Notfallambulanz kümmern. Dabei muss sie sehr eigenverantwortlich arbeiten. Sie ist allein für die Insassen zuständig. Der leitende Mediziner ist nur selten vor Ort. Zu Beginn spürt man als Leser(in) gut, dass Brooke von der neuen Arbeitsumgebung eingeschüchtert ist. Eine Mitarbeiterin, die sie durch das Gefängnis führt und ihr alles zeigt, gibt ihr den Rat, gegenüber den Häftlingen auf Distanz zu bleiben und ihnen keine privaten Informationen mitzuteilen.


Besonders brisant ist der Umstand, dass Brooke einen der Häftlinge von früher kennt. Er war ihr ehemaliger Freund und hat versucht, sie umzubringen. Sie selbst hat mit ihrer Aussage vor Gericht dafür gesorgt, dass er in der Haftanstalt landet. Er selbst streitet jedoch ab, etwas mit dem versuchten Mord zu tun zu haben. Bei der Stellenvergabe ist den Verantwortlichen Brookes persönliche Beziehung zu ihm nicht aufgefallen. Sie hofft, dass sie ihm während der Arbeitszeit nicht begegnen wird. Ein irrealer Wunsch…


Rückblicke in die Vergangenheit sorgen dafür, dass man erfährt, was sich zugetragen hat. Nach und nach erfahren wir mehr über die Umstände des versuchten Mordes. Eine weitere wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Figur Tim, der Brooke damals das Leben gerettet hat. Er war ein Nachbarsjunge und wie es der Zufall will, trifft sie ihn wieder, als sie ihren Sohn in der neuen Schule anmeldet. Tim ist dort inzwischen stv. Schulleiter. Schon bald gehen Brooke und Tim miteinander aus. Als Tim erfährt, dass Brooke im Gefängnis arbeitet, ist er schockiert. Er kann nicht fassen, dass sie sich selbst der Gefahr aussetzt, dem ehemaligen Täter zu begegnen…


Insgesamt liest sich der Thriller durchweg spannend und flüssig. Der Verdacht zu den verschiedenen Figuren wird gut gelenkt. V.a. die Schilderung der Verhaltensweisen sorgt dafür, dass Verdachtsmomente entstehen oder sich auflösen. Und darüber hinaus wird man immer wieder gut in seinem Urteil verunsichert. Auch die Auflösung ist wieder überraschend und wendungsreich. Von McFadden hatte ich nichts anderes erwartet. Das hat sie einfach drauf und bestätigt sie immer wieder in ihren verschiedenen Büchern. Nur das Ausgangssetting ist dieses Mal stark konstruiert: Warum sollte Brooke in einem Gefängnis arbeiten wollen, wo sie einen ehemaligen Täter wiedertreffen könnte? Das erschließt sich mir nicht. Zudem finde ich etwas abwegig (Vorsicht Spoiler!), dass sie für ihn Gefühle entwickelt, obwohl er versucht hat, sie zu ermorden, aber nun gut. Brookes Naivität, die immer wieder deutlich wird, finde ich dann doch etwas weit hergeholt. Doch dieser Charakterzug ist als „Aufreger“ sicherlich bewusst angelegt worden. Nicht zuletzt fand ich die Ereignisse, die sich in der Vergangenheit ereignen, etwas dick aufgetragen und wild. Sie ähneln einem Teenie-Horror-Streifen. Aus den genannten Gründen fand ich den Thriller weniger gelungen als die anderen Thriller, die bisher auf Deutsch erschienen sind.


Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt (2025)
McFadden, Freida: Die Kollegin (2025)
McFadden, Freida: Der Lehrer (2025)
McFadden, Freida: Der Freund (2025)
McFadden, Freida: Die Ehefrau (2026)

Weitere Gefängnis-Thriller:

Bestgen, Sarah: Safe Space
Fields, Helen: The Institution



Freitag, 31. Juli 2026

Logan, T. M. - The Dream Home




Ein Haus mit dunklen Geheimnissen




Der Einstieg in den Thriller erfolgt unmittelbar und ist gelungen: Bei Aufräumarbeiten im neu bezogenen Haus entdeckt der Ich-Erzähler Adam hinter einer Trockenbauwand einen verborgenen Raum. Eine Kommode darin erregt Adams Aufmerksamkeit. In ihr befinden sich einige Gegenstände, die mit Ausnahme einer Uhr keinen großen Wert zu besitzen scheinen. U.a. entdeckt Adam auch ein altes Klapphandy in der Kommode.


Und ab diesem Zeitpunkt nimmt das Unheil seinen Lauf. Spaßeshalber testet die Familie das gefundene Handy auf Funktionalität und lädt es auf. Sie stößt auf eine gespeicherte Nummer, die sie zu kontaktieren versucht. Sie hinterlässt auf der Mailbox eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf. Adam verkauft derweil die Uhr bei einem Antiquitätenhändler und erhält dafür noch eine stolze Summe. Doch im Nachhinein stellt sich der Verkauf der Uhr als zu voreilig heraus. Denn eines Tages meldet sich doch jemand auf die Nachricht, die die Familie mit dem Klapphandy hinterlassen hat. Die Familie erhält eine SMS mit der Bitte, die gefundenen Gegenstände herauszugeben…


Was zu Beginn ebenfalls gut zum Ausdruck kommt, ist, dass die Familie im neuen Haus Eingewöhnungsprobleme hat. Die neue Umgebung ist noch ungewohnt. Der Sohn glaubt, nachts jemanden im Haus zu hören. Die kleine Tochter hat mit Albträumen zu kämpfen. Und im weiteren Verlauf der Handlung werden immer wieder neue spannungserregende Impulse gesetzt, die keine Langeweile aufkommen lassen. So entdeckt Adam z.B. in einem Vogelhaus eine versteckte Kamera, die auf den Eingangsbereich des Hauses gerichtet ist. Was steckt dahinter? Wer beobachtet die Familie? Adam stellt zudem eigene Nachforschungen zu den Gegenständen in der Kommode an und stößt dabei auf einen Vermisstenfall, der sich in der Vergangenheit ereignet hat. Nach und nach verraten die Gegenstände ihre Geheimnisse und die Situation spitzt sich immer weiter zu. 


Nach meinem Empfinden ebbte die Spannungskurve über das gesamte Buch hinweg nicht ab. Immer wieder passiert etwas Neues, teils Unerwartetes. Mir wurde zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die Bedrohung für die Familie wird immer massiver. Auch das Ende empfand ich als gelungen. Insgesamt ist das Buch eine runde Sache. Für mich war es nach längerer „Durststrecke“ endlich mal wieder ein Kracher im Thrillerbereich. T. M. Logan hat mit diesem Buch bewiesen, dass er an alte Erfolge anknüpfen kann (v.a. an „The Catch“ und „Holiday“). In meinem persönlichen Ranking landet das Buch auf Platz 2, direkt hinter „The Catch“.


Querverweise:

Platz 1: The Catch (5 Sterne)
Platz 2: The Dream Home (5 Sterne)
Platz 3: Holiday (4 Sterne)
Platz 4: The Parents (4 Sterne)
Platz 5: The Mother (3 Sterne)
Platz 6: Trust Me (3 Sterne)

Weitere Thriller, in denen der Handlungsort eines "mysteriösen Hauses" eine Rolle spielt: 

Ewan, C.M.: Das Ferienhaus
Geschke, Linus: Die Verborgenen
Kliem, Susanne: Das Scherbenhaus
Strobel, Arno: Welcome Home
Strobel, Arno: Die App


Montag, 27. Juli 2026

Mara, Andrea - Alles ihre Schuld



Einstieg top, der Rest Flop




Ein Einstieg, der die Leser sofort in seinen Bann zieht. Marissa möchte ihren Sohn Milo von einer Spieleverabredung bei einem Freund abholen. Doch an der ihr mitgeteilten Adresse ist Milo nicht aufzufinden. Dort öffnet ihr nur eine Unbekannte die Tür, die nichts von einer Verabredung weiß. Wo steckt Marissas Sohn?


Marissa versucht die Mutter des Freundes zu kontaktieren, doch ihr wird mitgeteilt, dass die Nummer nicht vergeben ist. Was ist da los? Liegt nur ein Missverständnis oder eine Verwechslung vor? Oder steckt mehr dahinter? Die Hauseigentümerin, die Marissa die Tür geöffnet hat, weiß auch nicht weiter. Doch sie unterstützt Marissa dabei, ihre Gedanken zu sortieren und nicht zu sehr in Panik zu verfallen. Vielleicht gibt es doch eine logische Erklärung für alles?


Es werden weitere Mütter aus der Klasse von Milo kontaktiert, doch niemand kann helfen. Die Aufklärungsversuche von Marissa führen ins Leere und ihre Verzweiflung, ihre Panik und ihre Verwirrung werden sehr gut deutlich. Man kann sich gut in die Lage der Mutter hineinversetzen und ist emotional am Geschehen beteiligt. Schließlich wird die Sache ernst. Die Polizei wird eingeschaltet. Der Sohn gilt fortan als vermisst und die Suche nach ihm beginnt. Mögliche Kontaktpersonen werden überprüft. Immer neue Verdächtige geraten ins Visier. Irgendwann fällt dann der Verdacht auf ein Kindermädchen…


Die Ausgangssituation des Thrillers ist großartig arrangiert. Doch im weiten Verlauf der Handlung hat mich das Buch dann verloren. Der Schreibstil war mir einfach zu unübersichtlich und zu chaotisch. Zu viele unstrukturierte Wechsel der Blickwinkel sorgten nach meinem Empfinden für zu viel Sprunghaftigkeit und Unruhe in der Darlegung des Plots. Der Inhalt „verwässert“ schnell, auch wenn der Einstieg ins Buch sehr gelungen ist. Das Buch konnte mich leider überhaupt nicht mehr packen, so dass ich es auf S. 120 abgebrochen habe.