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Montag, 21. September 2026

Bidder, Benjamin - Generation Putin




Russland zwischen 2008 und 2015




Dieses Buch ist 2016 erschienen und thematisiert zwei zentrale Elemente: 1. Es werden Lebensschicksale junger Menschen dargestellt, die nach 1990 geboren wurden. Sie haben die Sowjetunion selbst nicht mehr erlebt und die Krisenjahre der 1990er nur als Kinder mitbekommen. Im Wesentlichen sind sie durch die Regierungsjahre von Putin geprägt worden, der seit 2000 – mit einer vierjährigen Unterbrechung von 2008 bis 2012 – als Präsident an der Macht war. 2. Weiterhin werden gesellschaftspolitisch relevante Ereignisse und Entwicklungen zwischen 2008 und 2015 beschrieben, und das in aspektorientierter Form, also nicht in chronologischer Reihenfolge. Sie werden mit den Lebensgeschichten der Befragten verwoben, die der Autor teils auch mehrmals aufsucht, um eine mehrjährige Entwicklungsperspektive einzunehmen. Aus heutiger Sicht liest sich das Buch nach meinem Empfinden erstaunlich hellsichtig. Einige Alarmzeichen, die darauf hindeuten, in welche Richtung sich Russland entwickeln könnte, finden im Buch Erwähnung. Oft stützt sich der Autor bei seinen allgemeineren Aussagen auf Umfragen vom sog. Lewada-Zentrum (dieses wurde 2016 als „ausländischer Agent“ eingestuft, heute agiert es unter Repressionsbedingungen. Die Ergebnisse sind inzwischen mit Vorsicht zu bewerten, Anm. d. Verf.).


Mir diente die Lektüre v.a. als Auffrischung von Erinnerungen. Was mir wieder klar geworden ist: Russland hat sich eine gewisse Zeit in eine positive Richtung entwickelt. Die Wirtschaft florierte, es gab Phasen von Liberalisierung. Umso bedauerlicher, was das Land v.a. seit ca. 2011/2012 für eine Entwicklung genommen hat und wie es heute noch tiefer in den Abgrund geführt wird (worunter v.a. die Ukrainer zu leiden haben). Auch habe ich mich gefragt, was wohl aus den Interviewten von damals geworden ist. Wo haben sie ihren Platz im System gefunden?


Marat


Er weiß die Freiheit des Internets für sich zu nutzen und ist mit sozialen Netzwerken groß geworden. Sie dienen ihm als zentrale Quelle von Information. Er springt als sog. „Roofer“ von hohen Gebäuden, nimmt die Sprünge mit Hilfe einer Videokamera auf und postet sie anschließend in sozialen Medien. Er führt ein Leben als „Weltenbummler“ und bereist verschiedene Länder. Beiläufig werden auch seine politischen Ansichten deutlich. Später denkt er daran, auszuwandern.


Lena


Sie ist Mitglied in der Jugendorganisation der Kremlpartei „Jedinaja Rossija“, der sog. „molodaja gwardija“. Als Leser erhalten wir einen tieferen Einblick in das Treiben dieser Organisation. Es wird deutlich, dass sie sich im Laufe der Jahre immer weiter radikalisiert hat: „Die Kreml-Jugend ist bekannt für aggressive Aktionen. Vor allem Oppositionelle und Menschenrechtler wurden in der Vergangenheit Ziel ihrer Attacken, daneben russische Schriftsteller und ausländische Diplomaten, aber auch in Ungnade gefallene russische Funktionäre (S. 55).“ Lena offenbar einen interessanten Blick auf den Westen: „Die Mentalität von uns Russen unterscheidet sich sehr von anderen Völkern. Ich habe viel mit Amerikanern, Polen und Tschechen zu tun gehabt. Anders als bei uns ist es in den USA zum Beispiel selten, sich als Kollektiv zu verstehen und für etwas einzustehen. Dort kämpft jeder für sich allein (S. 126).“ In der Abschaffung der Direktwahl der Provinzgouverneure sieht sie einen Vorteil: „Nüchtern betrachtet aber kann es passieren, dass irgendein dahergelaufener Dörfler namens Wasja Pupkin als Gouverneur oder Bürgermeister kandidiert. Alle Verwandten werden ihn wählen, alle Freunde, mit denen er früher auf dem Motorrad durch das Dorf gefahren ist. Ist das richtig? (S.136).“ Auch später, als Lena selbst in die Politik einsteigt und dort auf eine Karriere hofft, ist sie weiter von Putin überzeugt. Er wisse schon, was für sein Land gut sei – besser als die einfachen Bürger (vgl. S. 256). Sie hält ihr eigenes Volk für unmündig und traut ihm wenig zu. Sich selbst spricht sie sogar das Recht ab, den Präsidenten in Frage zu stellen (vgl. S. 256-257).


Alexander


Alexander lebt in einem psychoneurologischen Internat und an seinem Beispiel wird die Behindertenarbeit in Russland ins Zentrum gerückt. Tag für Tag muss er noch immer darum kämpfen, gesehen und akzeptiert zu werden. Er setzt sich auch für Verbesserung im Internat ein. Alexander hat gelernt, fremde Menschen um Hilfe zu bitten und sein sehnlichster Wunsch ist es, ein selbstbestimmtes Leben ohne Betreuung zu führen. Er würde gern in naher Zukunft aus dem Heim ausziehen und in einer WG leben. Doch bis das gelingt, muss er noch viele Hürden nehmen. Die Behörden scheuen davor zurück, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Was ist, wenn Alexander etwas passiert?
Und es wird nur allzu deutlich, wie rückständig und menschenunwürdig die Arbeit mit Behinderten zu Zeiten der Sowjetunion war. Der Mangel wurde nur verwaltet. Die Zustände waren katastrophal. Menschen mit Behinderungen wurden (oft von ihren eigenen Eltern) als sog. „Otkasniki“ in staatliche Einrichtungen abgeschoben und dort lediglich „aufbewahrt“. Demgegenüber hat sich die Situation in Russland zwar gebessert. Die Gesellschaft ist insgesamt toleranter geworden und inzwischen haben Menschen mit Behinderungen ein Recht auf ein würdiges Leben, aber es gibt immer noch viel zu tun. So herrsche immer noch ein Mangel an Sonderpädagogen, behindertengerechten Ausbildungsplätzen und v.a. Geld. Welche Zustände in einem Heim herrschten, würden darüber hinaus sehr von den Leitungspersonen abhängen, wie der Autor verdeutlicht.


Wera


Wera ist an der journalistischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität eingeschrieben und schreibt für kremlkritische „Nowaja Gaseta“, für die auch Anna Politkowskaja damals schrieb, bevor sie ermordet wurde (seit 2022 ist die Zeitung in Russland verboten, sie arbeitet seitdem im Exil, Anm. d. Verf.). Wera hat es mit ihrer oppositionellen Haltung an ihrer eigenen Fakultät schwer. So wird sie z.B. zu einem Gespräch mit dem Fakultätspräsidenten eingeladen und muss sich anhören, dass sie sich nur profilieren wolle. Wir erhalten am Beispiel des Schicksals von Wera einen Eindruck von der journalistischen Arbeit in Russland. So werde um Putin herum ein regelrechter Personenkult betrieben. Es würden offensichtliche Lügengeschichten erfunden, um ihn in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Gleichzeitig habe die Opposition wenig Rückhalt im Volk und sei auch untereinander sehr zerstritten. Es gebe keine ernsthafte Alternative zu Putin. Die Bevölkerung unternehme zu wenig, um der allmählichen Beschneidung ihrer Freiheitsrechte entgegenzutreten (z.B. Beschneidung des Versammlungsrechts etc.). Zu viele Russen hätten den autoritären Kurs von Putin mitgetragen und zu wenig in Frage gestellt. Wera träumt von einem anderen Russland, v.a. von einem Land, das frei ist von Korruption. Später wandert sie nach Kiew aus. Von ihrer Heimat ist sie desillusioniert. Sie glaubt nicht mehr an eine Veränderung. Ihrer Meinung nach hätten die Russen in wirtschaftlicher Hinsicht zu viel zu verlieren, so dass sie nicht auf die Straße gehen. Den Ukrainern ginge es wesentlich schlechter. Sie hätten weniger zu verlieren…


Taissa


Taissa lebt in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Im Zusammenhang mit ihrem Schicksal wird die bewegte Geschichte zwischen Russland und Tschetschenien vertieft. Inzwischen ist in Tschetschenien eine Diktatur errichtet worden, mit Ramsan Kadyrow als Statthalter, um Ruhe in die Region zu bringen. Mit Hilfe des Geldes aus Moskau hat er Grosny wieder aufgebaut und eine Gewaltherrschaft errichtet. Er geht erfolgreich gegen islamistische Rebellen vor, was ganz im Sinne Moskaus ist. Kadyrow hat Putin die Treue geschworen (und hält bis heute zu ihm, Anm. d. Verf.).


Weitere Informanten


Es kommen noch weitere junge Menschen vor, die ebenfalls interviewt wurden. Über sie wird aber teilweise nur wenig berichtet. Dazu gehören z.B. Adam aus Grosny, der nach Deutschland ausgewandert ist, sowie Diana aus Sotschi, eine patriotische Jungaktivistin, die mit dem Gedanken spielt, sich in den Medien zu engagieren. Und weitere, die ich hier nicht namentlich erwähne.


Die Machtübergabe


Einen inhaltlichen Schwerpunkt dieses Buches bildet die genauere Betrachtung der Jahre 2011 und 2012, als Medwedew seine Macht wieder an Putin übergab. So gab es nach den manipulierten Parlamentswahlen Massenproteste (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar). Es war das letzte Aufbäumen gegen das Regime und eine der aussichtsreichsten Proteste seit Jahren. Doch Putin hat aus diesem Ereignis seine Schlüsse gezogen und fortan alles unternommen, um die Opposition zu schwächen und größere Proteste zu unterbinden. Putin radikalisierte sich fortan immer stärker und entfernte sich immer weiter vom Westen. Die nachfolgende Entwicklung ist bekannt…


Der „homo sovieticus“


Der Soziologe Juri Lewada hat sich an einer Beschreibung des Sowjetmenschen probiert (über die natürlich trefflich gestritten werden kann): „Duldsamkeit und Obrigkeitshörigkeit, politische Passivität gepaart mit der Sehnsucht nach einem starken Staat und kollektiven Errungenschaften, der Westen als festes Feindbild (S. 211).“ Keine guten Voraussetzungen für einen Sturz des Systems Putin…


Die „Generation Putin“


In der kurzen Phase der Liberalisierung des Landes habe die Jugend trotzdem den Wunsch nicht verloren, ihr Land als Supermacht wiederhergestellt zu sehen. Der Patriotismus sei immer noch stark ausgeprägt und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sei unterblieben. In den Schulen sei das kritische Denken zu wenig gefördert worden. Die Überzeugungen der „Generation Putin“ seien ähnlich konservativ wie die ihrer Eltern. Eine bittere Analyse…

Weitere relevante Ereignisse die erwähnt werden, v.a. auch im Hinblick darauf, wie sie von der russischen Gesellschaft wahrgenommen wurden: die Geschehnisse um Pussy Riot, der Umgang des Kreml mit Nawalny, die olympischen Spiele in Sotschi, die Annexion der Krim, die Proteste auf dem Maidan etc.


Querverweise:

Weitere Russlandbücher:

Samstag, 19. September 2026

McFadden, Freida - Die Psychiaterin


Locked-Room-Thriller




Inmitten eines beginnenden Schneesturms fahren Tricia und ihr Ehemann Ethan zu einer Hausbesichtigung. Beide haben erst kürzlich geheiratet. Da die Maklerin noch nicht da ist, verschaffen sie sich mit einem Zweitschlüssel, der in einem Blumentopf versteckt ist, Zugang zum Haus.


Tricia hat bei dem Objekt, das sie und Ethan besichtigen, kein gutes Bauchgefühl, doch sie behält ihre Vorbehalte zunächst für sich. Ethan hingegen liebäugelt bereits mit einem Kauf des Hauses. Anders als Ethan fühlt sich Tricia in dem Haus nicht wohl. Hier wird ein schöner Kontrast deutlich. Von der schieren Größe des Anwesens sind beide äußerst beeindruckt. Es liegt abgelegen und ist in preislicher Hinsicht ein richtiges Schnäppchen. Für die Familienplanung der beiden käme es gerade recht.


Die Vorbesitzerin des Hauses war eine Psychiaterin (Dr. Adrienne Hale), die vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist und deren Leiche nie gefunden wurde. Wegen des Schneesturms müssen Ethan und Tricia eine Nacht im Haus verbringen. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten. Ihre Handys haben keinen Empfang. Das verlassene Haus verströmt eine unheimliche Atmosphäre, die gut zum Ausdruck kommt. Schon bald entdeckt Tricia ein Geheimzimmer, in dem sich jede Menge Kassetten mit Aufnahmen von Therapiesitzungen befinden. Neugierig wie sie ist, nimmt Tricia einige der Kassetten an sich. So hört sie sich die letzten Aufzeichnungen an, die Dr. Hale angefertigt hat. Was wird Tricia herausfinden?


Auf der Vergangenheitsebene erfahren wir mehr über die verschwundene Adrienne. Sie wohnte ganz allein in dem riesigen Haus. Dort fand sie die nötige Ruhe, um zu schreiben und ihren Beruf auszuüben. Adrienne führte ein zurückgezogenes Leben. Freunde hatte sie keine. Neben den eingeschobenen Protokollen der Therapiegespräche, die Tricia sich anhört, werden auch weitere Kapitelabschnitte integriert, die Dr. Hales Gedanken- und Gefühlswelt offenbaren. Die Psychiaterin wirkt unterkühlt, sachlich und distanziert. Sie hinterlässt keinen sympathischen Eindruck.


Was auffällt: Tricia ist immer sehr darum bemüht, es ihrem Mann recht zu machen. Sie traut sich nicht für ihre eigene Meinung einzustehen. U.a. verheimlicht sie vor ihm eine Schwangerschaft, weil sie nicht weiß, wie er darauf reagieren wird. Kurzum: Sie ist alles andere als durchsetzungsstark und wirkt dadurch schwach.


Zum Buch selbst: Es ist mal wieder ein typischer Thriller aus der Feder von McFadden. Die Zutaten, die man aus anderen Werken der Autorin kennt, tauchen auch hier wieder auf. Der Plot ist durchdacht und in sich schlüssig. Am Ende bin ich wieder einmal überrascht worden. V.a. zum Ende hin nimmt die Spannung deutlich zu. Was will man mehr? Das Buch liest sich zudem unheimlich flüssig. Das Einzige, was man bemängeln könnte, ist der Umstand, dass der Thrill erst spät einsetzt. Aber dafür hat er es dann auch in sich. Wer spitzfindig ist, könnte noch bemängeln, dass die Gestaltung von Tricias Innenwelt nicht ganz rund ist, aber nun gut…Für mich ist und bleibt die Autorin ein Phänomen. Wie sie immer wieder in der Lage ist, durchdachte Plots mit Überraschungseffekt zu gestalten, ist schon beachtlich. Sie legt die Messlatte für andere Autoren sehr hoch und ist nach wie vor sehr beliebt bei ihrer Leserschaft. Aktuell ist sie mit sieben (!) Titeln in der Bestsellerliste vertreten (Stand: 18.09.26).


Querverweise:

Weitere Bücher von Freida McFadden, die ich rezensiert habe:

Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
Die Kollegin (2025)
Der Lehrer (2025)
Der Freund (2025)
Die Ehefrau (2026)
Häftling (2026)


Dienstag, 15. September 2026

Strobel, Arno - Happy Weekend



Auge um Auge



Katja und Marcel sind unterwegs auf der Autobahn und wollen gemeinsam ein verlängertes Wochenende am See verbringen. Als sie an einer Raststätte halten, um etwas zu essen, stellen sie bei ihrer Rückkehr zum Auto fest, dass aus dem Kofferraum ein Gepäckstück entwendet wurde. Doch wie es der Zufall will, hat Katja einen Tracker im Koffer deponiert und kann auf dem Handy nachverfolgen, wo er sich befindet. Kurzerhand nehmen Katja und Marcel die Verfolgung auf und entschließen sich gegen das Einschalten der Polizei.


Marcel ist ehemaliger Polizist und als beide bei ihrer Verfolgung in eine Gegend kommen, die er von früher kennt, hat er ein ungutes Gefühl. Er glaubt, dass etwas nicht stimmt und der verlorene Koffer etwas mit seiner Vergangenheit zu tun haben könnte. Sie finden sich schließlich bei einer verlassenen Lagerhalle wieder, in der sie das Gepäckstück finden. Darin befinden sich Fotos von einer schrecklich zugerichteten Leiche. Marcel wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, über die wir zu Beginn des Buches natürlich nichts wissen und die im weiteren Handlungsverlauf Schritt für Schritt gelüftet wird. Letztlich entwickelt sich eine Geschichte, in der vor allem das Motiv der Rache eine Rolle spielt. Marcel soll für etwas bestraft werden. Den Grund dafür erfahren wir ebenfalls erst nach und nach.


In einer weiteren eingeschobenen Perspektive lernen wir den sog. „Mechaniker“ kennen, ein Sadist, der eine Apparatur entworfen hat, mit der Menschen gequält werden. Der Mechaniker foltert sie bei vollem Bewusstsein und bricht ihnen mit der Maschine nach und nach verschiedene Knochen ihres Körpers. Er weidet sich an den Schmerzen seiner Opfer, bestraft sie unerbittlich und genießt den Moment, in dem das Opfer seinen letzten Lebensatem aushaucht. Die Szenen, in den der Mechaniker auftritt, sind sehr drastisch und brutal. Für Strobel eher untypisch. Das ist bestimmt nicht für jeden etwas, schon gar nichts für zartbesaitete Leser, die es unblutig mögen.


Dass Katja im Koffer zufällig einen Tracker platziert hat und sie mit Marcel dann die Verfolgung aufnimmt, wirkte auf mich sehr, sehr konstruiert. Woher weiß der Täter, dass sich im Koffer ein Tracker befinden? Und wie kann er davon ausgehen, dass Katja und Marcel die Verfolgung aufnehmen? Und warum begibt sich Marcel bereitwillig in Gefahr, obwohl er zu ahnen scheint, dass er in eine Falle gelockt werden soll? Das alles erschließt sich mir nicht. Und es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die ich hier aber nicht ausführen kann, ohne zu sehr zu spoilern. Man sollte bei der Lektüre nicht zu viel hinterfragen. Was mich am meisten gestört hat, war der Grad an Sadismus, der an verschiedenen Stellen zum Vorschein kommt. Dem konnte ich einfach nichts abgewinnen. Aber das mag anderen Lesern anders ergehen. Für mich las sich das Buch wie ein 0815-Horrorfilm. Letztlich ein enttäuschendes Werk, mit dem ich nicht viel anfangen konnte. Der Plot wirkt nicht rund. Für mich das schlechteste Buch, das ich jemals von Strobel gelesen habe.


Querverweise:

Weitere Bücher von Arno Strobel, die ich rezensiert habe:

- Das Wesen (2010)
- Das Dorf (2014)
- Tiefe Narbe (2017)
- Stalker (2024)
- Gegenspieler (zusammen mit Ingo Bott / 2024)
- Welcome Home (2025)

Freitag, 11. September 2026

Raabe, Melanie - Daisy




Nächtliche Rachefeldzüge




Die Ich-Erzählerin Luca Palmer sorgt mit gezielten Aktionen für Gerechtigkeit. Tagsüber ist sie Anwältin in einer Berliner Kanzlei, nachts sucht sie Leute auf, an denen sie Rache übt. Sie sorgt stets dafür, dass sie keine Spuren hinterlässt, um nicht aufzufliegen. Würde sie erwischt, verlöre sie ihre anwaltliche Zulassung. Bevor sie sich zur Durchführung einer Aktion entschließt, recherchiert sie sehr penibel Informationen zu ihren Opfern, lotet auf diese Weise Schwachstellen aus und beschattet sie, um ihre Routinen kennenzulernen.


Zu Beginn trifft es Claudia Sauer, die Chefredakteurin des größten Boulevard-Blattes des Landes, die für Hetzkampagnen verantwortlich ist. Luca weiß um ihre Spinnenphobie und setzt aus Rache für deren Boshaftigkeit Vogelspinnen in ihrer Villa aus. Dabei wird sie fast auf frischer Tat ertappt. Sie kann in letzter Sekunde fliehen und muss eine Tasche mit Utensilien zurücklassen. Vielleicht ein Fehler, der ihr zum Verhängnis wird…


Luca ist Single, 34 Jahre alt und ein Workaholic. In ihrem Job als Anwältin geht sie auf. Ein treuer Weggefährte und Mitwisser um ihre Aktionen ist Walther (78 Jahre), mit dem sie sich vertrauensvoll austauscht und der sie berät. Nach einer weiteren Racheaktion entdeckt Luca Plakate mit einer Botschaft, die an sie gerichtet scheint: „Geheimnisvolle Fremde. Eines Tages kamst du in mein Leben – schwarzer Jumpsuit, Sturmhaube, Combat Boots und dunkle Augen. Seither denke ich an dich. Tag und Nacht. Ich verspreche Dir, ich werde dich finden, und all deine Geheimnisse werden mir gehören“ (S. 38). Wer steckt dahinter? Hängt das Auftauchen der Plakate etwa mit ihrer Aktion gegen Claudia Sauer zusammen?


Als Luca wenig später auch noch eine Nachricht auf ihr Handy erhält, nimmt die Gefahr zu. Jemand hat sie enttarnt und weiß um ihre nächtlichen Rachefeldzüge. Und dieser jemand meint es ernst. Er will sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Fortan muss Luca um ihr Leben fürchten und herausfinden, wer es auf sie abgesehen hat. Sie erstellt eine Liste mit möglichen Verdächtigen. Doch ihr fehlen Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht. V.a. diese zentrale Informationslücke sorgt für Spannung. Ansonsten wird aber an wenig „Stellschrauben“ gedreht, um die Spannung weiter zu forcieren. Gelungen ist darüber hinaus die Einbindung einer weiteren undurchschaubaren Figur, über die ich hier aber nicht mehr verraten will.


Sporadisch werden zudem Kapitel mit der Überschrift „Vor siebzehn Jahren“ eingeschoben. Darin erfahren wir mehr über Lucas Vergangenheit und darüber, was sie erlebt hat. Warum wurde sie zu einer nächtlichen Rächerin? U.a. war sie Zeugin eines Autounfalls mit Schwerverletzten. Und schon damals hat sie sich als junges Mädchen für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit eingesetzt. So setzt sie sich gegen Mobber zur Wehr.


Insgesamt hat mich der Thriller gut unterhalten. Figurenzeichnung und die Atmosphäre, die darin erzeugt wird, können überzeugen. Was mir aber weniger gut gefallen hat, war der Grad an Spannung. Dieser ließ nach meinem Empfinden zu wünschen übrig. Eine richtige Spannungsspitze entsteht erst auf den letzten 30 Seiten. Für einen Thriller ist mir das zu wenig. Das Buch ähnelt mehr einem Roman als einem Thriller. Darüber hinaus gab es einige Textstellen, die mir zu konstruiert erschienen. Ein durchschnittliches Werk.


Querverweise:

Ein weiteres Buch von Melanie Raabe, das ich rezensiert habe: Die Falle 


Montag, 7. September 2026

Kramer, Christoph - Das Leben fing im Sommer an




Erinnerungen an einen schicksalhaften Sommer 2006




Es ist das Jahr 2006. Der Ich-Erzähler Chris träumt davon, irgendwann Fußballprofi zu werden (Achtung: Autofiktionalität). Doch einen ersten Rückschlag muss er verkraften, als er aus der U-15 Mannschaft von Bayer 04 Leverkusen entlassen wird. Begründung: Er sei zu schmächtig. Doch die Verbannung aus der Mannschaft beschäftigt ihn nicht lang. Nach den Sommerferien wird er bei Fortuna Düsseldorf spielen. Der Protagonist geht in die 10. Klasse und schwärmt von Debbie. Er genießt sein Leben, besucht Partys. Und die Schule ist v.a. der Ort, um mit seiner Clique abzuhängen. Doch Debbie anzusprechen, traut er sich nicht.


Auf einer Party hofft Chris darauf, Debbie endlich näherzukommen. Und es gelingt. Es entsteht eine erste zaghafte Liebe. Bei einem gemeinsamen Kinobesuch, der dann folgt, kommt es zu einem ersten Kuss. Der Ich-Erzähler kann sein Glück kaum fassen. Das Gefühlschaos und das jugendliche Lebensgefühl kommen gut zum Ausdruck. In erster Linie ist es ein Liebesroman. Alles dreht sich um die Emotionen des Protagonisten, die er durchlebt. Es wird viel inneres Erleben präsentiert. Mit Spannung und Ereignishaftigkeit darf man nicht rechnen. Die Handlung entwickelt sich unaufgeregt.


Mich hat der Roman nicht sonderlich gepackt. Ich habe das Gefühlsleben von Chris nicht mit hoher Beteiligung verfolgt und fand es teilweise sehr kitschig. Es war mir oft zu dick aufgetragen, zu pathetisch, zu übertrieben, zu idealisiert. Vieles, was die Darstellung des Innenlebens betrifft, wiederholt sich auch. Kurzum: Das war nicht mein Buch. Für mich hätte der Handlungsstrang um den Fußball auch mehr Raum einnehmen können. Da hätte ich mir mehr Einblicke gewünscht. Von mir keine Empfehlung.


Querverweise:

Weitere Coming-of-Age-Romane, die ich rezensiert habe:

Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Prödel, Kurt: Klapper
Prödel, Kurt: Salto
Schneider, Frank Holger: Ennos Tanz
Wells, Benedict: Hard Land


Freitag, 4. September 2026

Strunk, Heinz - Memories of Heidelberg

 


Essen als Ersatzbefriedigung




Isolde und Bertram sind auf dem Weg zu einem hochpreisigen Hotel in Heidelberg und beziehen dort eine gehoben ausgestattete Suite. Da sie für eine Übernachtung 500 Euro bezahlen, haben sie entsprechend hohe Erwartungen – die natürlich nur enttäuscht werden können. Beim gemeinsamen Abendessen wird deutlich, dass die Kommunikation zwischen beiden nach 17 Jahren Ehe zu wünschen übriglässt. Beide haben sich nicht viel zu sagen. Oft herrscht Schweigen. Und auch in sexueller Hinsicht läuft es zwischen beiden nicht mehr rund. Isolde sei durch damit, wie sie Bertram schon vor einiger Zeit wissen ließ. Das Highlight des Tages ist das gemeinsame Essen beim Italiener. Dort sind Isolde und Bertram auch durchaus anspruchsvoll, was die Auswahl des Essens betrifft. Sie wissen, was sie wollen. Und wenn der Service mal nicht stimmt, gerät Bertram direkt außer sich und kann kaum an sich halten. Doch Isolde hält ihn jedes Mal zurück, seine Kritik lautstark zu äußern. Und obwohl der Service beim Italiener von Besuch zu Besuch schlechter wird, kehren beide immer wieder dorthin zurück.


Das Buch ist äußerst humorvoll. Der Erzählstil ist äußerst lakonisch und trocken, was vor allem bei der Schilderung präziser Alltagsbeobachtungen deutlich wird. Der Autor streut immer wieder kuriose Vergleiche und Bilder ein, die eine amüsante Wirkung entfalten. Die Dialoge zwischen den Ehepartner sind köstlich gestaltet worden. Während Isolde sich mit ihrem Aufenthalt zufrieden zeigt, hat Bertram ständig etwas auszusetzen. Bertram wirkt oft sehr zerknirscht und er ist sehr schwer zufriedenzustellen, während Isolde einen positiveren Blick auf ihre Umgebung offenbart. Was ebenfalls für einen lustigen Effekt sorgt, ist der Umstand, dass Bertram ständig über die Stränge schlägt, was seinen Appetit angeht. Er achtet überhaupt nicht auf seine Gesundheit und verzehrt ein Übermaß an Kalorien. Isolde weist ihn jedes Mal zurecht. Essen als Ersatzbefriedigung. Bertram interessiert sich in der Heidelberger Innenstadt weniger für Sehenswürdigkeiten als für die Speisekarten von Restaurants. Auch die eingesetzten Sprachstile zeigen einen schönen Kontrast, der nicht seine Wirkung verfehlt. Derbe Umgangssprache wird kombiniert mit hochgestochener Ausdrucksweise. Darüber hinaus finden sich viele kreative Wortneuschöpfungen. Letztlich wird viel Wortwitz, Situationskomik und kreative Sprachgestaltung deutlich. Ich habe das Buch gerne gelesen, musste oft Schmunzeln und fand es sehr kurzweilig.


Dienstag, 1. September 2026

Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer




Trendy!




Bali


Vor ihrem Umzug nach Berlin macht Samara zum ersten Mal alleine Urlaub, und zwar auf der Insel Bali. Samara ist eine Freundin von Ida, so dass eine lose inhaltliche Verbindung zu den ersten beiden Büchern der Autorin besteht. Auf Bali fühlt sich Samara allerdings nicht wohl. Sie wird belagert von Einheimischen, die ihr Souvenirs verkaufen wollen und die sie immer nur schwer loswird. Das Klima ist ihr zuwider. Und ins Wasser geht sie auch nicht, schließlich könnte sie von einem Hai attackiert werden. Mit dem Scooter baut sie regelmäßig kleinere Unfälle und wird von der Rezeption mit Pflastern versorgt. Noch dazu übernachtet sie in einem Achtbettzimmer, was sich als schlimmer herausstellt, als sie im Vorfeld gedacht hat. Die Zimmergenossen und die ständigen Konversationen nerven sie. Kurzum: Ein Menschenfreund ist die Protagonistin nicht gerade. Sie beschwert sich über viele Dinge, scheut den engeren Kontakt zu anderen Urlaubern und fühlt sich als Außenseiterin, die nirgendwo dazugehört. Ihr sind nur wenige positive Erfahrungen auf Bali vergönnt: So genießt sie die Sonnenuntergänge und mit der Rezeptionistin Mulan freundet sie sich sogar ein wenig an. In gewisser Weise ist der Urlaub eine Flucht vor ihren Pflichten, die ihr bevorstehen. Sie wird bald umziehen und in Berlin in einer PR-Agentur beginnen.
Der erste Teil des Buchs besteht aus der ausführlichen Schilderung von Selbstreflexion und ähnelt einem Erlebnisbericht. Samara kreist viel um sich selbst und wirkt orientierungslos. Sie weiß nicht so recht, was sie mit ihrer Zukunft anfangen will. Der Schreibstil ist lebendig und klar sowie direkt. Auch zeigt sich große Lebensweltnähe. So wird regelmäßig deutlich, was Samara so auf Social-Media-Kanälen konsumiert und was sie davon hält.


Berlin


In der PR-Agentur, in der sie arbeitet, betreut Samara Künstler. Wir erhalten einen Einblick in ihre Aufgabenbereiche und lernen etwas über die Welt von Influencern So wird stets überlegt, welche Themen „gepusht“ werden sollen. Die Mechanismen von Social-Media werden gut offengelegt (eine für mich fremdartige Welt). Die Angestellten der Agentur atmen in ihren Meinungen und Ansichten den typischen Zeitgeist. Ihre Gespräche drehen sich mantraartig um nichts anderes als die typischen Influencer-Themen, die auch auf den Kanälen immer wieder gepostet werden: toxische Männlichkeit, feministische Inhalte, Bodyshaming, Lebenscoaching, Carshaming, Nachhaltigkeit etc. Die Trends werden von außen vorgegeben und gezielt gesetzt. Influencer werden gezielt aufgebaut und engagiert, um die entsprechenden Botschaften zu verbreiten. Schließlich entschließt sich Samara dazu, ihren Job zu kündigen und in die Allgäuer Alpen zu fahren. Für mich wurde die Welt von Influencern in diesem zweiten Erzählabschnitt gehörig auf die Schippe genommen, hat mir gut gefallen.


Allgäu


Die Autofahrten der Protagonistin werden sehr humorvoll beschrieben. Es geht vorbei an Kempten direkt nach Oberstdorf. Dort genießt sie die Idylle und die Gastfreundschaft in einem Gasthof. Doch sie beginnt im Kontakt mit den Menschen unehrlich zu werden und falsche Identitäten vorzugeben (vielleicht eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung :-). Sie denkt sich Geschichten über sich selbst aus. Im Gasthof gibt sie sich als Lena aus, die Medizin studiert hat und von Rügen stammt. Und ich fand amüsant zu lesen, wie sich Samara selbst in Teufels Küche begibt mit ihren kleinen Lügen. Sie ist immer kurz davor aufzufliegen und kann sich immer noch gerade so aus Situationen herauswinden. V.a. kritische Nachfragen bringen sie jedes Mal gehörig ins Straucheln. Und bevor es für sie zu unangenehm wird, fährt sie weiter nach St. Moritz. Dort gibt sie sich als Künstlerin aus. Sie beobachtet den Reichtum und die gut betuchten Menschen im Ort. Sie hat Spaß daran, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich Hintergrundgeschichten zu ihnen auszudenken, was auf eine starke Imaginationsfähigkeit und Kreativität hindeutet. Ihre Rollen spielt Samara sehr glaubwürdig und zieht sie konsequent durch. Bei vielen hinterlässt sie bleibenden Eindruck (doch es gibt auch ein paar wenige Menschen, die sie zu durchschauen scheinen). Es kommt sogar soweit, dass ihr angeboten wird, ihre Fotos bei einer Ausstellung zum Kauf anzubieten. Wird sie dort auffliegen? Was mir gut gefallen hat, waren die eingebauten intermedialen Bezüge, die immer mal wieder einfließen. So wird hin und wieder auf Romane, Filme oder Serien verwiesen, die Samara konsumiert.


Fritz


Samara hat Fritz schon in Berlin zum ersten Mal gesehen und fand ihn direkt sympathisch. Er stellt ihr später seine Wohnung in St. Moritz zur Verfügung, wo sie günstig unterkommt. Später besucht er sie dort. Zwischen beiden funkt es. Und natürlich weiß er, dass sie eine falsche Identität vorgibt. Doch es stört ihn nicht. Problem bei der Beziehung zwischen beiden: Fritz ist schon vergeben und Vater einer vierjährigen Tochter. Kann aus beiden trotzdem etwas werden? Zum Ende erreicht die Liebesgeschichte ihren Höhepunkt…


Hochstapler-Motiv 


Warum tritt die Protagonistin als Hochstaplerin auf? Diese Frage habe ich mir während der Lektüre häufiger gestellt. Ist es wirklich nur eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung? Oder steckt mehr dahinter? Es fällt auf, dass Samara Schwierigkeiten damit hat, Nähe zuzulassen. Will sie sich schützen und hinter den vorgegaukelten Identitäten verstecken? Und eine Erklärung wird im Buch selbst vorgegeben: Samara möchte nicht sie selbst sein, sondern lieber jemand anderes. Und nur auf diese Weise gelingt es ihr ja, Kontakt zu den wohl situierten Menschen herzustellen. Auch das könnte eine gute Erklärung sein. Wer mag kann auch noch intertextuelle Bezüge zu anderen Hochstapler-Geschichten herstellen (v.a. zu Felix Krull von Thomas Mann, was ich leider nie gelesen habe) oder sich zum Motiv selbst genauer informieren (vgl. z.B. Frenzel: Motive der Weltliteratur). Auf diese Weise erhält das Buch noch eine tiefere Sinnebene. Mein Fazit: Ich habe das Buch gern gelesen, fand es kurzweilig und trendy. Und abschließend noch ein Satz zum Rummel um die Autorin selbst: Ich mag ihre unangepasste Art. Möge sie sich diese bewahren!


Querverweise:

Weitere Bücher der Autorin: