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Montag, 16. Februar 2026

Bronsky, Alina - Essen


Kulinarische Biographie



Im Vorwort ihres Buchs stellt die Autorin Überlegungen zum Thema „Essen“ an und betont dabei, dass dieses zugleich eine private sowie intime, aber auch öffentliche Angelegenheit sei. Jede Person könne etwas zu diesem Thema sagen. Aber nicht jeder mag darüber Auskunft geben, wie der eigene Kühlschrank befüllt ist, und nicht jeder mag sich gern beim Essen beobachten lassen, so Bronsky. Gleichzeitig werde Essen aber auch als Ereignis zelebriert und inszeniert, so z.B. auf Social Media. Das Essverhalten verrate viel über einen Menschen. Es finde in der Literatur häufig Erwähnung. Auch im Sprachgebrauch schlage es sich in Form verschiedener Metaphern nieder. Letztlich möchte die Autorin einen höchst privaten Einblick in zwölf Gerichte und Getränke geben, die sie selbst in irgendeiner Form geprägt haben. Sie verrät auf diese Weise etwas über ihre eigenen Vorlieben, ihre Herkunft und ihren Geschmack. Darüber hinaus finden Rezepte in diesem Buch Berücksichtigung (am Ende eines jeden Kapitels).


1. Porridge

Die Autorin erinnert sich an ihre erste Klassenfahrt in den frühen 90er Jahren (kurz nach ihrer Einwanderung nach Deutschland) und an das sonderbare Frühstück, das sie dort serviert bekommen hat (= Brot und Brötchen :-). Wehmütig erinnert sie sich an die Vorzüge eines Getreidebreis. Dessen Verzehr löse bei ihr direkt ein Heimatgefühl aus. Am Beispiel des Märchens „Brei aus der Axt“ geht sie auf die Bedeutung dieses Gerichts in ihrem Heimatland ein.


2. Borschtsch

Bronsky beschreibt die erfolgreiche Zubereitung dieser Suppe augenzwinkernd als Reifeprüfung fürs Erwachsenwerden. Auf sehr amüsante Art und Weise erwähnt sie sowohl regionale als auch individuelle Besonderheiten der Zubereitung. Es existieren verschiedenste Variationen.


3. Schokokuss

Die Autorin erinnert sich, wie sie als 13-jährige Jugendliche Frau Müller kennen lernte, bei der sie ab und zu aushalf und ein wenig Taschengeld dazuverdiente. Dort probierte sie zum ersten Mal Schokoküsse und wurde in die verschiedenen Möglichkeiten eingeführt, diese zu sich zu nehmen. Durch Frau Müller lernte sie dann noch weitere typisch deutsche Süßwaren kennen: Gummibärchen, Smarties etc. Das Überangebot an Süßigkeiten war für sie ein Kontrast zur sowjetischen Mangelwirtschaft von damals.


4. Eiswürfel

Bronsky gibt zu, dass ihre fremde Sozialisation immer wieder durchscheint. Typisch für sie ist beispielsweise, dass sie stets aus den Getränken die Eiswürfel herausfischt. Künstliche Abkühlung findet sie nämlich absurd. Das liege vermutlich daran, dass sie bei -40 Grad geboren wurde. Im Folgenden beschreibt sie noch weitere persönliche Eigenheiten, die aus ihrer Migrationserfahrung resultieren.


Um im Rahmen dieser Rezension nicht zu viel vorwegzunehmen, beschränke ich mich auf die Skizzierung dieser vier Kapitel. Die weiteren Kapitelüberschriften lauten wie folgt: Grüne Soße (Kapitel 5), Kaffee (Kapitel 6), Frikadellen (Kapitel 7), Quarkauflauf (Kapitel 8), die Stulle (Kapitel 9), Napoleon-Torte (Kapitel 10), Johannisbeeren (Kapitel 11), Früchtebrot (Kapitel 12). Dabei haben mir besonders solche Passagen gefallen, in denen die Autorin etwas über ihre eigene Sprachbiographie verrät und Überlegungen zur eigenen Identität anstellt. 


In den verschiedenen Kapiteln werden weitere Informationen zur Biographie der Autorin deutlich. Der Inhalt ist dabei oft persönlich. Bronsky gibt viel Privates über sich preis. Der Schreibstil ist dabei locker-beschwingt, stets unterhaltsam und häufig humorvoll. Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist essayistisch und streift verschiedenste Themen. Insgesamt ist es ein kurzweiliges und warmherziges Buch über Essen als Teil von Identität und Erinnerung, das vor allem solche Leserinnen und Leser interessieren dürfte, die an autobiographischen Inhalten der Autorin interessiert sind.


Querverweise:
Bronsky, Alina: Scherbenpark
Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina: Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina: Das Geschenk
Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Bronsky, Alina: Pi mal Daumen


Freitag, 13. Februar 2026

Wassjakina, Oxana - Die Steppe




Reflexion einer problematischen Vater-Tochter-Beziehung




Eine Ich-Erzählerin begleitet ihren Vater, der als Fernfahrer arbeitet, auf seinen LKW-Touren. Gemeinsam legen sie lange Wege durch die Steppe zurück, transportieren u.a. Rohre von A nach B und müssen viel Zeit zum Warten mitbringen. Gefühle von Road-Romantik kommen stellenweise auf. Aber auch der beschwerliche Arbeitsalltag kommt gut zum Ausdruck. Und darüber hinaus wird die Atmosphäre der Steppe bildhaft und anschaulich sowie unter Einbezug der Beschreibung verschiedener Sinneseindrücke treffend eingefangen.


Verschiedene (autofiktionale) Erinnerungsepisoden wechseln einander ab. Die Ich-Erzählerin reflektiert v.a. ihre Beziehung zu ihrem Vater, aber auch Gedanken an ihren Urgroßvater und ihre Mutter kommen vor. Und es wird rasch deutlich, dass es sich bei dem Vater um eine gebrochene Figur handelt. Er weist einen selbstzerstörerischen Charakter auf und verkehrt immer mal wieder mit dubiosen Figuren. Er konsumiert Heroin und trinkt zu viel. Er nimmt sich immer wieder Auszeiten, um rauschhafte Zustände zu erleben. Dabei wirkt der Vater oft wie ausgewechselt. Wenn er sich betrinkt, kann er liebevoll sein, aber auch brutal agieren. Des Weiteren zeigt sich, dass der Vater eine kriminelle Vergangenheit aufweist. Er war Teil einer Bande und saß auch für längere Zeit im Gefängnis. Im weiteren Handlungsverlauf eröffnet uns die Erzählerin, dass ihr Vater an Aids verstorben ist (im jungen Alter von nur 47 Jahren).


Der Handlungsaufbau ist fragmentarisch-sprunghaft. Die Erinnerungsepisoden folgen keiner Chronologie. Es gibt keinen roten Faden. Die Gedankenführung ist oft assoziativ. (vgl. dazu auch meine Rezension zum Werk „Die Wunde“, das Ähnlichkeiten aufweist). Im Zentrum steht aber die Reflexion der Beziehung zum Vater sowie die Verarbeitung seines Verlusts. Die Ich-Erzählerin denkt viel über ihre eigene Familiengeschichte und das Aufwachsen innerhalb ihrer zerrütteten Familienverhältnisse nach. Nicht nur die Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater verlief krisenhaft, auch das Verhältnis zu ihrem Vater wird wiederholt von Krisen geprägt. Auch der Tod des Vaters, seine Krankheit und die Beisetzung werden thematisiert. So erinnert sich die Erzählerin z.B. an einen Aufenthalt in Astrachan, wo sie dem Grund für den Tod des Vaters herausfinden wollte. Eingeschoben werden aber auch mehrfach Erinnerungen an die gemeinsamen LKW-Fahrten mit dem Vater. Eine weitere interessante biographische Station, die sie beleuchtet: Der Besuch des Vaters in Moskau, wo sie am Literaturinstitut studierte. Letztlich zeigt sich, dass die Gefühle der Ich-Erzählerin dem Vater gegenüber äußerst ambivalent sind. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Nähe und Ablehnung. Stellenweise wirkt die Beziehung innig, dann wieder distanziert. 


Was auch auffällt: Es gibt im Text immer mal wieder intermediale Verweise auf russische Sänger, Lieder, Autoren und Werke, deren genaue Einordnung landeskundliches Wissen voraussetzt. Hier hätte ich mir die ein oder andere erläuternde Fußnote gewünscht. Eine tiefere Sinnebene ergibt sich durch den Handlungsort der Steppe. Deren Leere kann sinnbildlich für das problematische Vater-Tochter-Beziehungsverhältnis stehen. Auch spiegelt sie den inneren Zustand der Ich-Erzählerin wider. Im Vergleich zu „Die Wunde“ ist der Text nicht ganz so experimentierfreudig gestaltet worden. So gibt es z.B. keine lyrischen Passagen. Das Poetisch-Bildhafte tritt in diesem Werk spürbar zurück. Eine auffällige Parallele zu „Die Wunde“ ist aber u.a., dass punktuell wieder direkte Schilderungen von (v.a. weiblicher) Sexualität vorkommen. Während sich die Erzählerin in "Die Wunde" den Erinnerungen an die Mutter widmet, steht nun der Vater im Zentrum der Aufmerksamkeit. Beide Werke fügen sich zu einem familiären Gesamtbild zusammen.


Querverweise:
Wassjakina, Oxana: Die Wunde


Montag, 9. Februar 2026

Bronsky, Alina - Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche



Bitterböse



Eines Tages berichtet Sulfia ihrer Mutter davon, dass sie schwanger ist, ohne zu wissen, wer der Vater ist. Daraufhin sinkt sie im Ansehen der Mutter mehr als sowieso schon. Die Mutter hat kein gutes Bild von ihr, das merkt man sofort – schon auf den ersten Seiten des Buchs. Und der Einstieg ins Werk ist böse (nah an der Grenze, den guten Geschmack zu verletzen): Die Mutter versucht in Eigenregie, das Kind von Sulfia abzutreiben. Doch der Versuch misslingt. 1978 erblickt Aminat das Licht der Welt.


Was die Betreuung und Erziehung von Aminat betrifft, so versagt Sulfia in den Augen ihrer Mutter kläglich. Prompt stellt sie das Kinderbettchen in ihr eigenes Schlafzimmer und kümmert sich fortan selbst um ihre Enkelin. Die Großmutter, die in diesem Buch als Ich-Erzählerin auftritt, ist stolz und herrisch – eine absolut unsympathische Figur. Sie kreist nur um sich selbst und ist mit einer großen Portion Selbstgefälligkeit ausgestattet. Andere verurteilt sie oft vorschnell und abschätzig. V.a. ihre eigene Tochter beurteilt sie schlecht.


Doch eines Tages ist es Sulfia zu viel. Sie zieht mit Aminat zu Hause aus und wünscht, in Ruhe gelassen zu werden. Doch so schnell gibt die Großmutter nicht auf. Sie verfolgt ihre Tochter, kriegt raus, wo sie wohnt, verschafft sich Zutritt zur Wohnung und entführt Aminat. Und das im Brustton der Überzeugung, dass sie das Richtige tut, weil sie Sulfia für unfähig hält. Wie wird sich die Mutter-Tochter-Enkelin-Beziehung nun weiterentwickeln? Eines kann ich jedenfalls versprechen: Das Leben der Protagonisten entwickelt sich ereignisreich weiter. Es kommt keine Langeweile auf und es wird immer aberwitziger…


In diesem Buch wird das Bild der dominanten Großmutter, die sich in die Erziehung und Haushaltsführung der eigenen Tochter einmischt, satirisch auf die Schippe genommen und bitterböse karikiert. Über die Bitten der Tochter, in Ruhe gelassen zu werden, setzt sich die Oma gekonnt hinweg und ignoriert sie. Auch zeigt sich, dass die Großmutter überall Defizite erkennt und dem Optimierungswahn verfällt. Nichts ist vor ihrer Einflussnahme sicher. Grenzen von Mitmenschen interessieren sie nicht. Sie verhält sich übergriffig und besserwisserisch. Noch dazu ist sie oft egoistisch, empathielos und berechnend. An vielen Stellen merkt man, dass es der Oma vor allem um sich selbst geht. Selbstzweifel kennt sie nicht. Sie will in jeder Situation die Kontrolle behalten und ordnet alles dem Erfolg unter. Dafür ist sie auch bereit, das Glück anderer zu opfern. Hin und wieder arbeitet sie mit dem Prinzip der emotionalen Erpressung. 


Gleichzeitig wird am Beispiel der Großmutter auch der Typus des sog. „homo sovieticus“ überzeichnet. Sie ist eine engagierte, unermüdliche Kämpferin, die mit den Widrigkeiten des Sowjetsystems umzugehen weiß und sich darin behaupten kann. Sie weiß genau, an den richtigen Stellschrauben zu drehen, um eigene Interessen und Ziele zu verfolgen. Musste man etwa so gestrickt sein, um in der damaligen Sowjetunion zurechtzukommen? Um einen amüsanten Effekt zu erzeugen, wird häufig auf die Schilderung von Klischees zurückgegriffen. Darauf sollte man sich einlassen können. Kleiner Kritikpunkt: Mit Dieter als Figur schießt die Autorin in meinen Augen etwas übers Ziel hinaus.


Querverweise:
Bronsky, Alina: Scherbenpark
Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina: Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina: Das Geschenk
Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Bronsky, Alina: Pi mal Daumen


Montag, 2. Februar 2026

Xander, Iliana - Der Boss




Unglaubwürdig und nicht immer plausibel




Als die Ich-Erzählerin Emily im Prolog ihrem Partner mitteilt, dass sie schwanger ist, rechnet sie nicht mit dessen grausamer und eiskalter Reaktion. Er verlangt von ihr eine Abtreibung. Doch sie verweigert das und flüchtet. Man spürt förmlich, wie sie ihren Partner fürchtet. Er kontrolliert und bevormundet sie. Doch auf der Flucht versagt die Bremse des Wagens und sie stürzt eine Klippe hinunter. Als Leser ahnt man, dass ihr Partner dabei die Finger mit im Spiel hatte…


Danach folgt ein Blickwechsel zu Cara und ihrer Freundin Natalie. Cara ist nach dem Besuch eines Clubs mit einem unbekannten Mann mitgegangen und wird am nächsten Tag besinnungslos an einer Haltestelle gefunden. Im Krankenhaus stellt man fest, dass ihr eine Substanz verabreicht wurde, die im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Die Polizei will keinerlei Ermittlungen durchführen, weil in ihren Augen keine erwiesene Straftat vorliegt (äußerst merkwürdig…). Natalie beschließt daraufhin auf eigene Faust, den Mann ausfindig zu machen, der Cara das angetan hat.


Wie es der Zufall will, entdeckt sie das Gesicht des potentiellen Täters auf der Titelseite einer Zeitschrift (großer Zufall Nr. 1). Es handelt sich dabei um Geoffrey Rosenberg, der als Kryptokönig zum Mann des Jahres gewählt wurde. Er zählt zu den reichsten Menschen unter 40 Jahren. Ein weiterer Zufall sorgt dafür, dass Natalie sich bei ihm als Aushilfe einschleusen kann (großer Zufall Nr. 2). Sie will mehr über ihn herausfinden. Und in einer weiteren Perspektive erfahren wir, dass Natalie bereits erwartet wird. Sie tappt scheinbar in eine Falle, die ihr bewusst gestellt wurde...


Das Ausgangssetting ist gelungen (wenn man über die erstaunlichen Zufälle hinwegsieht). Man ist schnell im Geschehen. Und durch die Perspektive des Täters wissen wir als Leser sofort, dass Natalie in Gefahr schwebt. Das ist gut arrangiert. Durch das sonderbare und unfreundliche Verhalten der anderen Hausangestellten, denen Natalie begegnet, wird der Fall insgesamt gut verrätselt. Es herrscht eine merkwürdige Arbeitsatmosphäre. Man ahnt, dass etwas nicht stimmt. Doch zu Beginn passiert lange Zeit nichts, was die Handlung vorantreibt. Die Spannung im ersten Drittel ist mau. Die Schilderungen der Arbeitsroutinen von Natalie nehmen Tempo heraus und weckten bei mir wenig Neugier. Auch die Dialoghaftigkeit lässt zu wünschen übrig, so dass sich das Ganze nicht sehr lebendig liest.


Etwas Schwung resultiert daraus, dass nach einem Drittel ein Unbekannter ins Geschehen eingreift und Natalie vor ihrem neuen Chef warnt. Doch leider ebbt dieser Schwung schnell wieder ab. Hinzu kommen weitere Dinge, die mir negativ aufgefallen sind: Das Handeln der Figuren war für mich nicht immer plausibel und nachvollziehbar. Auch ist der Plot so angelegt, dass man über lange Zeit nicht weiß, ob es nun ein „whodunit-Thriller“ oder eine „howcatchem-Thriller“ ist. Das bleibt unklar, weil die Täter-Perspektive hier nicht eindeutig gestaltet worden ist. Das finde ich unglücklich gelöst. Es sorgt für viele Irritationen beim Lesen, die mich eher gestört haben. Und noch etwas: Was die Auflösung angeht, so wird das Kriterium der Glaubwürdigkeit in meinen Augen verletzt. Hier hat mich das Buch leider endgültig verloren. Das Ende hat mich gar nicht mehr interessiert. Kurzum: Leider kein guter Thriller. Von mir gibt es 2 Sterne!


Dienstag, 27. Januar 2026

Khider, Abbas - Der letzte Sommer der Tauben




Leben im Kalifat





Wir befinden uns inmitten einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Islamisten haben die Macht ergriffen, führen ein Kalifat ein und erlassen strenge (religiöse) Gesetze zur Lebensführung. Sie betreffen auch den 14-jährigen Ich-Erzähler (Noah) und seine Familie. Zu Beginn erleben wir mit, wie Noah seinem Vater, einem Ladenbesitzer, helfend zur Hand geht. Dieser muss sein Inventar auf islamische Kleidung umstellen und macht sichtbare Frauenhaut mit einem schwarzen Stift unkenntlich. Nur die Augen dürfen noch zu sehen sein. Und über die Einhaltung der Regeln wacht die Religionspolizei.


Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir einiges über das streng reglementierte Leben im Kalifat. Verstöße werden streng geahndet. Geldstrafen und Verhaftungen sowie Folter und Hinrichtungen auf offener Straße sind an der Tagesordnung. Ein Kulturwandel setzt ein und die totalitären Strukturen werden immer umfassender. Die Verbote werden mit der Zeit immer gravierender. Zigarettenstangen, Poster und unislamische Kleidungsstücke werden öffentlich verbrannt. Mobiltelefone müssen bei der Polizei abgegeben werden. Die Jugend wird indoktriniert und mit einem neuartigen Gefühl von Zugehörigkeit verführt. Versammlungen werden überwacht und immer mal wieder werden Ausgangssperren verhängt. Und Noahs Familie ist auch direkt betroffen: Onkel Ali muss sein Café schließen. Noahs Schwager befindet sich sogar in einem Umerziehungslager.


Und v.a. die Frauen haben unter der neuen Herrschaft zu leiden. Sie dürfen nicht mehr arbeiten und nur noch in Begleitung das Haus verlassen. Noahs Schwester, die erfolgreich studiert hat, muss nun untätig zu Hause sitzen und Noahs Mutter darf nicht mehr im Laden aushelfen. Eines Tages erlebt Noah aus nächster Nähe mit, wie eine Frau gesteinigt wird, die leicht bekleidet auf einer Party erwischt wurde.


Und Noah und seine Familie müssen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen und mit den neuen Machthabern leben lernen. Doch man merkt an ihren Äußerungen und an ihren Verhaltensweisen, dass sie längst nicht mit allem einverstanden sind. In den eigenen vier Wänden fühlen sie sich noch sicher und sprechen kritische Dinge aus, die sie auf offener Straße niemals äußern könnten. Im Privaten ist noch ein erträgliches Leben möglich. Doch am Beispiel von Noah und Onkel Ali erleben wir mit, wie gefährlich es ist, im Kalifat zu rebellieren und zivilen Ungehorsam zu zeigen…


Eine tiefere Sinnebene des Romans (sowie ein autofiktionales Element) ergibt sich durch die Schilderung des Hobbys des Protagonisten: Er züchtet Tauben. Das ist gelungen arrangiert! Und noch etwas: Während der Lektüre habe ich mich oft gefragt, ob es sich bei dem im Buch geschilderten Kalifat um ein fiktives oder reales Szenario handelt. Es werden keine direkten Ort- oder Zeitangaben in den Text eingestreut, die eine klare Zuordnung erlauben. Ich vermute aber stark, dass der Handlungsort der Irak (zwischen 2014-2019) sein soll. Das könnte man an verschiedenen Hinweisen im Text festmachen (so spricht Onkel Ali z.B. davon, dass er an drei Kriegen teilgenommen hat).


Querverweise:
Khider, Abbas: Der falsche Inder
Khider, Abbas: Ohrfeige
Khider, Abbas: Deutsch für alle
Khider, Abbas: Palast der Miserablen


Freitag, 23. Januar 2026

Gmuer, Sara - Achtzehnter Stock

 


Über die schwierige Selbstverwirklichung einer alleinerziehenden Mutter




Die alleinerziehende Wanda lebt mit ihrer 5-jährigen Tochter Karlie in einem Plattenbau in Berlin und schlägt sich so durch, mehr schlecht als recht. Ab und zu nimmt sie an Castings teil, weil sie auf einen Durchbruch als Schauspielerin hofft. Sie erfährt aber regelmäßig eine Abfuhr nach der nächsten (die Schauspielschule hat sie nie abgeschlossen). Das Leben bietet ihr wenig Chancen. Sie muss sich mit ihrem armutsgefährdeten Dasein arrangieren, gibt aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann daraus auszubrechen. Sie sehnt sich nach einer Form von Selbstverwirklichung und wirkt dabei sehr selbstreflektiert. Ihrem Umfeld in der „Platte“ fühlt sie sich nicht wirklich zugehörig.


Zu Beginn des Romans wird deutlich, wie sie die Betreuung von Karlie sehr in Anspruch nimmt, die an einer hartnäckigen Mittelohrentzündung laboriert. Sie denkt viel über ihre eigene Rolle als Mutter nach und stellt fest, dass sich durch die Geburt ihrer Tochter Prioritäten verschoben haben. Der Männerwelt, die in diesem Roman an vielen Stellen in keinem sehr guten Licht erscheint, hat sie fürs erste abgeschworen. Was ebenfalls auffällt: Die triste häusliche Umgebung wird gut eingefangen. Wanda und die anderen benachbarten Mütter haben stets ein wachsames Auge auf ihre Kinder, wenn diese im Hof spielen.


Eines Tages wird Wanda wieder einmal zu einem Vorsprechen eingeladen, auf das sie sich gewissenhaft vorbereitet. Und nach langer Zeit des Misserfolgs hat sie endlich Glück. Sie bekommt die Rolle, für die sie vorgesprochen hat. Und nicht nur das: Sie lernt auch ihren Filmpartner Adam kennen, zu dem sie sich hingezogen fühlt und der eine wichtige Stütze für sie wird. Er ist in der Schauspielwelt kein Unbekannter und erfolgreich.


Doch leider hält das berufliche Glück nicht lange an und wird durch private Sorgen belastet: Karlies Gesundheitszustand verschlechtert sich. Ihre Schmerzen werden stärker und Wanda sucht Ärzte auf, die sich allesamt wenig empathisch verhalten. Die Fürsorge für Karlie nimmt Wanda völlig in Beschlag. Die Verantwortung für ihre Tochter drängt die mögliche Verwirklichung ihrer beruflichen Chance völlig in den Hintergrund. Und weil Wanda irgendwann nicht mehr weiterweiß und Angst um ihre Tochter hat, landet sie schließlich in der Notaufnahme. Und auch dort nimmt man sie nicht wirklich ernst. Das Personal wirkt überfordert und bringt wenig Mitgefühl auf. Als Leser ist man emotional berührt und nimmt Anteil am Geschehen, v.a. als man bei Karlie endlich den Verdacht auf eine Gehirnhautentzündung diagnostiziert und Wanda Todesängste ausstehen muss.


Wie wird es mit Mutter und Tochter nun weitergehen? Wird Wanda in einer rauen, harten und empathielosen Welt noch beruflich erfolgreich und „die Platte“ hinter sich lassen? Wird Karlie wieder auf die Beine kommen und sich erholen? Und wie wird sich die Beziehung zu Adam weiterentwickeln? Das sind die zentralen Fragen, die man sich ab diesem Zeitpunkt stellt. Ohne zu viel zu verraten, kann ich zumindest vorwegnehmen, dass Wanda ab einem gewissen Punkt in eine gefährliche Abwärtsspirale gerät. Immer wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, ereignet sich das nächste Unglück. Und man erhält einen Einblick in das harte Business des Filmgeschäfts. Die Nöte einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein krankes Kind kümmern muss, werden gut deutlich.


Abschließend noch ein wenig Kritik: Ich hätte gern noch mehr über Karlies Vater erfahren. Es stellt sich die Frage, was zwischen ihm und Wanda schiefgelaufen ist und was er für ein Mensch ist. Warum hat sie sich von ihm getrennt? Zu alldem hätte ich gern noch mehr gewusst. Stellenweise fand ich die Figurengestaltung und gewisse Handlungselemente etwas klischeehaft (aber nicht so, dass es mich gestört hätte. Es ist mir nur aufgefallen). Auch das Ende war für mich nicht ganz rund. Ich hätte mir einen anderen, härteren und weniger versöhnlichen Abschluss gewünscht (nach allem, was Wanda und Karlie durchgemacht haben).


Montag, 19. Januar 2026

McFadden, Freida - Der Freund




McFadden überzeugt erneut




Sydney ist auf der Suche nach dem Richtigen und nutzt dafür eine Dating-App. In einem Restaurant trifft sie sich mit Kevin. Doch das Profilbild und sein tatsächliches Aussehen weichen deutlich voneinander ab. Sydney ist sehr enttäuscht und scheut sich nicht davor, in seinem Beisein das Handy zu zücken, die App zu öffnen und ihn mit dem Foto zu vergleichen (sehr charmant :-). Ein kurioser Einstieg. Es wird sofort deutlich, dass Sydney Kevin nicht sonderlich attraktiv findet. Auch verläuft das Date sehr sonderbar. Das ist schon amüsant zu lesen. Beide haben überhaupt kein Problem damit, einander offen und direkt mitzuteilen, was sie am jeweils anderen stört. Noch dazu benimmt sich Kevin ziemlich daneben. Und bei Sydney setzt eine Fluchtimpuls ein. Ungeduldig wartet sie auf den vorher verabredeten Anruf einer Freundin, um sich aus ihrer misslichen „Date-Lage“ zu befreien. Doch der Anruf kommt nicht und Syndey muss ihrem Schwarm auf andere Art und Weise einen Korb erteilen. Dann wird die Situation ernst. Bei der Verabschiedung wird Kevin plötzlich aufdringlich und übergriffig. Er will mehr. Doch Sydney verteidigt sich und ein unbekannter Mann greift helfend ein und schlägt Kevin in die Flucht. Infolgedessen knistert es zwischen Sydney und dem Retter in der Not. Doch beide verabschieden sich zunächst, ohne Nummern auszutauschen. Als Sydney ihren Fehler erkennt, beschließt sie, ihn zu suchen und hofft auf ein Wiedersehen…


In einer weiteren Perspektive machen wir Bekanntschaft mit Tom, der schon seit seinem vierten Lebensjahr in Daisy verliebt ist. Er schwärmt für sie. Sein bester Freund Slug ermuntert ihn, sie anzusprechen. Und er findet tatsächlich den Mut dazu und wird für sein Engagement belohnt. Sie gehen gemeinsam von der Schule nach Hause. Beide sind einander sehr sympathisch und Tom zeigt sich von seiner besten Seite. Er verhält sich hilfsbereit und höflich. Weitere Annäherungen und Treffen werden folgen. Gleichzeitig ist man als Leser irritiert davon, was Tom so durch den Kopf geht, wenn er Daisys Hals betrachtet. Man hat sofort eine Vorahnung, dass mit Tom irgendetwas nicht stimmt. Wie wird sich die Beziehung der beiden Teenager weiter entwickeln?


Darüber hinaus lernen wir einige weitere interessante und teils skurrile Figuren kennen. Da ist z.B. Bonnie, die Freundin von Sydney, die ebenfalls Männer datet und einen Arzt an der Angel hat. Sie wird bald tot aufgefunden und Ermittlungen zu mehreren Verdächtigen folgen. Dabei tritt Jake auf den Plan. Er ist der leitende Ermittler und war früher einmal mit Sydney zusammen. Das ist geschickt arrangiert. Dadurch dass Jake und Sydney einander kennen, sind mögliche Komplikationen vorprogrammiert. Und bei der Perspektive von Tom ist es Slug, der als Figur eine wichtige Rolle spielt. Er hat eine Vorliebe für Insekten und hat beim anderen Geschlecht wenig Chancen. Eines Tages will er Entomologe werden. Und auch die Eltern von Tom sind relevant. Sein Vater hat ein Problem mit dem Alkohol und wird der Mutter gegenüber auch einmal handgreiflich. Tom hasst seinen Vater abgrundtief. Einmal hat er sogar die Polizei zur Hilfe gerufen, als die Situation zu Hause eskalierte. Doch die Mutter nimmt den Vater in Schutz und streitet ab, dass es zu häuslicher Gewalt gekommen ist. 


Der Thriller zeichnet sich dadurch aus, dass die Autorin jede Menge falsche Fährten legt und die Vermutungen der Leser stark mal in die eine oder mal in die andere Richtung lenkt. Ich hatte während der Lektüre immer mal wieder Vorahnungen im Kopf, die ich bestätigt oder widerlegt wissen wollte. Das ist schon sehr geschickt arrangiert und man liest neugierig weiter. Doch man will nicht nur seine eigenen Theorien überprüfen, auch ist man gespannt darauf, zu erfahren, wie die verschiedenen Blickwinkel zusammenhängen. Ab einem gewissen Punkt greifen die Perspektiven dann wunderbar ineinander und sind sehr gut aufeinander abgestimmt. Auch das ist lobenswert, wie ich finde. Und das Ende hat mich tatsächlich wieder überrascht. McFadden hat meine Erwartungen durchbrochen. Und das rechne ich der Autorin hoch an. Insgesamt fand ich den Fall spannend angelegt. Ich konnte gut miträtseln und habe mit Sydney mitgefiebert. Ich blieb fortlaufend „am Ball“ und habe das Ganze beteiligt und interessiert gelesen. Eine runde Sache! Der ein oder andere mag bemängeln, dass man stellenweise durch eingestreute Hinweise zu stark gelenkt wird. Aber mich hat das nicht gestört. Deshalb volle 5 Sterne! Und es ist beachtlich, dass McFadden immer wieder Thriller mit einer hohen Spannungsintensität nachlegen kann. Bei den Lesern scheint sie immer beliebter zu werden. Aktuell ist sie mit 5 Büchern in den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste vertreten (Stand: KW 3/2026).


Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt 
McFadden, Freida: Die Kollegin
McFadden, Freida: Der Lehrer