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Donnerstag, 16. Juli 2026

Paolini, Christopher - Infinitum

 


Langatmig und mehr Fantasy als Science-Fiction




Es ist das Jahr 2257: Die Xenobiologin Kira und ihre Crew erforschen Himmelskörper, um sie für eine mögliche Kolonisierung durch Siedler vorzubereiten. Seit sieben Jahren reist sie dafür durchs All und träumt heimlich davon, sich mit ihrem Verlobten irgendwann selbst als Kolonistin auf einem fremden Planeten niederzulassen.


Kurz vor dem Ende ihrer aktuellen Erkundungsmission erhält Kira noch den Auftrag, einen auffälligen Messwert einer Drohne genauer zu überprüfen. Gedanklich hatte sie sich schon auf die Abreise vorbereitet, doch daraus wird erst einmal noch nichts. Sie macht sich an die Begutachtung einer Felsformation. Und dabei kommt es zu einem Unglück. Beim Klettern stürzt ab und rutscht in eine Felsspalte.


Als sie wieder zu sich kommt, findet sie sich in einem Gewölbe wieder. Darin entdeckt sie eine Anomalie: Ein Staubschleier windet sich an ihr empor und dringt in ihren Schutzanzug ein. Sie verliert daraufhin die Besinnung und erwacht erst in der Krankenstation wieder. Kiras Entdeckung führt schließlich dazu, dass das Militär sich der Sache annimmt und eine Nachrichtensperre verhängt. Der Mond, das Schiff und die Besatzung werden unter Quarantäne gestellt.


Im weiteren Handlungsverlauf zeigt sich, dass Kira kontaminiert ist. Etwas Fremdartiges hat von ihr Besitz ergriffen und macht sie zu einer tödlichen Waffe. Ihr gesamter Körper ist von einer tintenschwarzen Schicht bedeckt (womöglich ein Parasit). Das Militär befürchtet eine sich ausbreitende Infektion. Kira wird in ein Hochsicherheitslabor eingesperrt, verhört und untersucht. Sie wird zu einem Versuchskaninchen. Ohne Rücksicht auf Kiras Befinden zu nehmen, führt man mit ihr verschiedene Experimente durch, um sie von dem Parasiten zu befreien. Doch was man auch probiert, es gelingt nicht. Kira wird weiter malträtiert. Sie fühlt sich ausgeliefert und hilflos. Sie weigert sich zu kooperieren, doch das Militär wendet weiter Gewalt an. Für mich ist das die stärkste und spannendste Passage im Buch. Man fragt sich, wie es mit der Protagonistin weitergeht.


Dann ereignet sich eine zentrale Wendung. Während man Kira untersucht, wird das Schiff von fremden Aliens angegriffen und zerstört. Nur mit viel Glück kann Kira sich befreien und mit einem Shuttle fliehen. Es ist der erste Kontakt überhaupt mit einer fremden Spezies. Und dieser verläuft direkt feindselig. Und es drängt sich die Frage auf, ob das Schicksal von Kira und das Auftauchen der Aliens irgendwie zusammenhängen. Für mich waren das zunächst genug offene Fragen, um weiterzulesen.


Doch je weiter ich las, desto mehr hat mich das Buch verloren. Es hat mich einfach nicht gepackt. Es gab viele Längen (was wohl auch an dem Umfang des Buchs lag) und es driftete für mich immer mehr in Richtung Space-Opera und vor allem Fantasy ab (mit zahlreichen Weltraumschlachten). Irgendwann steckt die Menschheit mitten in einem interstellaren Krieg. Und zwischen Kira und dem Parasiten entwickelt sich eine Symbiose. Er funktioniert wie ein Schutzanzug und beschützt sie vor Gefahren. Mit der Zeit lernt sie sogar, ihn zu kontrollieren. Kurzum: Typische Fantasy-Erzählmechanik (Heldenreise mit einer Art magischem Artefakt). Hintergründe zu alldem erfährt man nicht. Auch die Informationen zu den Aliens bleiben (leider) spärlich. Das alles hebt sich der Autor vermutlich für den Schluss auf (das kann man zumindest nur hoffen). Doch ich habe nach der Hälfte des Buchs aufgegeben. Der Fortgang der Handlung hat mich einfach nicht mehr interessiert. 


Querverweis:

Paolini, Christopher: Fractal Noise


Montag, 13. Juli 2026

Scalzi, John - Geisterbrigaden




Kein Vergleich zu Band 1




Bei der Erstürmung eines außerirdischen Außenpostens durch Angehörige der menschlichen Spezialeinheit wird ein Wissenschaftler festgenommen und verhört. Von ihm erfahren die Soldaten, dass sich drei Spezies verbündet haben, um einen Krieg gegen die Menschheit vorzubereiten. Unterstützt werden sie dabei von einem Überläufer namens Charles Boutin, der über eine große Menge an Geheiminformationen verfügt, die der Menschheit gefährlich werden können. So beschäftigte er sich mit der künstlichen Herstellung von Körpern und den Bewusstseinstransfers, von denen die menschlichen Streitkräfte rege Gebrauch machen, um Soldaten heranzuzüchten. Sollte dieses Wissen den Feinden der Menschheit in die Hände fallen, finden sie vielleicht Schwachstellen, die sie für sich ausnutzen können.


Boutin hat seinen eigenen Tod mit Hilfe eines Klonkörpers vorgetäuscht und dabei Spuren hinterlassen. Aus dem zurückgelassenen Genmaterial des Wissenschaftlers will man einen neuen Klon erschaffen, in den man Boutins Bewusstsein transferiert. So möchte man herausfinden, was Boutin vorhat. Doch der Versuch schlägt fehl und man macht den herangezüchteten Klon zu einem Soldaten der Spezialeinheit. Er erhält den Namen Jared Dirac. Und als Leser verfolgen wir dessen Bewusstseinsentwicklung und Ausbildung zum Elitesoldaten mit. Besonders problematisch: Jared weiß nichts von seiner Vorgeschichte. Doch bleibt das so?


Jared lernt in ziemlich kurzer Zeit viel Neues. Schnell wird ihm klar, dass er nur zu einem Zweck geschaffen wurde: zu kämpfen und so das Überleben der Menschheit zu sichern. Interessant ist, wie die Soldaten der Spezialeinheit miteinander kommunizieren. Sie verfügen über ein kollektives Bewusstsein. Mit Hilfe einer Computerschnittstelle im Gehirn sind sie in der Lage, viele Informationen miteinander zeitgleich zu teilen und mental zu verarbeiten. Eine interessante Idee!


Anders als in Band 1 geht der Autor dieses Mal viel mehr in die Tiefe, wenn es darum geht, die genetische Umprogrammierung, die an Klonkörpern vorgenommen wird, sowie den Ablauf des Bewusstseinstransfers zu schildern. Auch lernen wir mehr Hintergründe zur Spezialeinheit kennen, die ja im ersten Teil nur knapp vorgestellt wurde. Durch ihre spezielle genetische Modifikation unterscheiden sich die Mitglieder der Spezialeinheit von den gewöhnlichen Soldaten der menschlichen Verteidigungsarmee. Sie verfügen über spezielle Fähigkeiten. Kurzum: Mit diesem Buch gewinnt das Worldbuilding klar an Detailreichtum. 


Allerdings kommt Teil 2 in meinen Augen aus mehreren Gründen nicht an Teil 1 heran. So vermisse ich z.B. John Perry, der „Krieg der Klone“ als Figur maßgeblich getragen hat. Er tritt in „Geisterbrigaden“ nicht auf, wird nur hin und wieder einmal erwähnt. Schade! Was mich aber am meisten gestört hat. Die Handlung entwickelt sich insgesamt ziellos - v.a. ab der Mitte des Buchs, nachdem Jared seine Ausbildung abgeschlossen hat. Ich wusste nicht so recht, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Das Buch liest sich vor allem im Mittelteil sehr zäh und langatmig. Ich habe mich gelangweilt und habe Seiten teils nur überflogen. Irgendwann habe ich dann aufgegeben und das Buch abgebrochen (auf S. 256). Die Plot-Entwicklung und Charakterzeichnung haben mich nicht überzeugt. Auch der Humor, der Band 1 ausgezeichnet hat, fehlte (nur am Anfang ist er spürbar). Kurzum: Kein Vergleich zu „Krieg der Klone“! Auch der Wechsel der Perspektive hat mich gestört: Wird in Teil 1 noch aus der Sicht von John erzählt, wählt der Autor dieses Mal eine Er-Perspektive und schildert das Geschehen damit aus größerer Distanz. In meinen Augen keine gute Entscheidung. Ich hoffe sehr, dass der dritte Band der Trilogie wieder besser wird (Edit: Nein, wird er leider nicht. Ich bin nicht über die ersten hundert Seiten hinausgekommen).


Querverweise

Scalzi, John: Krieg der Klone.



Donnerstag, 9. Juli 2026

Barnes, S. A. - Cold Eternity




Science-Fiction mit Gruselfaktor




Halley steckt in der Klemme. Sie ist auf der Flucht und braucht dringend einen Job. Da kommt ihr ein Angebot gerade recht. Sie soll auf dem Schiff Elysium Fields, auf dem sich Menschen schon seit mehr als einem Jahrhundert im Kryoschlaf befinden, die Korridore patrouillieren und ein Auge auf die Technik haben. Halley nutzt diese Gelegenheit, um auf dem Schiff unterzutauchen.


Bei den „Bewohnern“ der Elysium Fields handelt es sich teils um bekannte Politiker und Prominente, die den Tod durch das Einfrieren zu überlisten glaubten. Ihnen wurde versprochen, dass sie eines Tages wieder zum Leben erweckt werden. Allerdings ist dem Projekt schon vor langer Zeit das Geld ausgegangen, so dass sich die Schlafenden noch immer in den Kryokapseln befinden und dort ihr Dasein fristen. Es stellte sich heraus, dass das Verfahren der Kryostasis nicht funktionierte. Menschen, die man versuchsweise aus dem Kryoschlaf aufweckte, starben wenig später an multiplem Organversagen.


Nachdem Halley den Job auf der Elysium Fields antritt, kommt es wie es kommen muss. An Bord des Schiffes herrscht eine unheimliche Atmosphäre (auch verursacht durch eine beängstigende Geräuschkulisse). Der Job zerrt an ihren Nerven. Schon bald bildet sie sich Dinge ein. Das Alleinsein auf dem Schiff setzt ihr zu. Die Patrouille auf den Korridoren wird zu einer anstrengenden Routine. Der Job ist eintönig, langweilig und unterfordert sie. Halley betrachtet die eingefrorenen Körper und informiert sich über die „Bewohner“. Sie führt viele Selbstgespräche.


Irgendwann kommt Halley einem Geheimnis auf die Spur. Sie entdeckt, dass weiterhin Menschen eingefroren werden, die dafür eine hohe Summe zahlen. Alte Körper in den Kryokapseln werden ausgetauscht und durch neue ersetzt. Auch entdeckt sie an Bord holographische KIs, die mit ihr zu kommunizieren versuchen. Sie warnen Halley vor einer Gefahr auf dem Schiff und rufen sie zur Flucht auf. Was hat es damit auf sich? Und was wird Halley nun unternehmen? Aufgrund ihrer schwierigen persönlichen Situation hat sie kaum Mittel und Wege, etwas dagegen zu tun. Oder doch? 


Was mich bei der Lektüre störte, war der Umstand, dass in Halley Gedankenwelt immer mal wieder Figuren namentlich auftauchten, zu denen man keine weiteren Hintergründe erfuhr. Sie tauchten aus dem Nichts auf und spielten auf einmal eine Rolle. Nervig! Vor allem auch dadurch empfand ich den Schreibstil stellenweise als sperrig. Weiterhin kam keine Spannung auf. Der angelegte Gruselfaktor erreichte mich beim Lesen überhaupt nicht. Und ab einem gewissen Punkt driftete die Handlung dann ins Horror-Genre ab. Da hat mich das Buch dann leider gänzlich verloren. Den Horror-Elementen konnte ich nichts abgewinnen, zumal mir Hintergründe und Erklärungen dazu fehlten. Insgesamt ein enttäuschendes Buch. Ich bin mir unsicher, ob ich es mit weiteren Werken der Autorin probieren werde. 


Querverweise:

Weitere Bücher, in denen das Thema "Kryostasis" auftaucht: 

Pätzold, Oliver - Esomenia. Wiedergeburt
Pätzold, Oliver - Esomenia. Revolution
Taylor, Dennis E. - Ich bin viele

Sonntag, 5. Juli 2026

Taylor, Dennis E. - Die Singularitätsfalle

 


Asteroiden-Bergbau



Ivan tritt einen neuen Job als Asteroiden-Bergmann an. Mit dieser Tätigkeit erhofft er sich ein höheres Einkommen und ein besseres Leben für seine Familie. Doch bevor er im Asteroidenfeld ankommt und dort seinem Job nachgehen kann, muss er zunächst einmal lernen, mit der Schwerelosigkeit umzugehen und eine Flugtauglichkeitsprüfung absolvieren. Kein einfaches Unterfangen.


Bevor Ivan Bergmann wurde, war er Computerspezialist. Er muss sich erst einmal an seine neue Beschäftigung gewöhnen. Und die erfahrenen Kollegen ziehen ihn auf. Er hat keinen einfachen Stand im Team. Ivan erhält den Spitznamen „Sprössling“. Die Crew, mit der Ivan zusammenarbeitet, hofft auf einen großen Fund. Das Geschäft mit den Asteroiden ist alles andere als risikofrei. Findet man keine entsprechenden Ressourcen, droht der Konkurs. Ivan ist anfangs frustriert. Er fürchtet, dass sein Job nicht lukrativ genug ausfallen wird.


Nach vielen Wochen wird man schließlich fündig. Die Crew stößt bei einem Objekt auf Bodenschätze, die ihre kühnsten Träume wahr werden lassen. Doch bei den Bohrungen auf dem Asteroiden kommt es zu einem Zwischenfall. Ivan entdeckt eine ungewöhnliche Substanz. Als er sie berührt, kommt es zu einer abnormen Reaktion. Die Anomalie heftet sich an seinen Arm und überzieht ihn mit einer grauen Masse. Die Versuche, die Substanz von Ivan loszulösen, schlagen fehl. Im weiteren Handlungsverlauf nimmt Ivan körperliche Veränderungen an sich wahr. Sein infizierter Arm besteht plötzlich aus Metall. Der Arzt rät ihm zu einer Amputation, damit die Infektion nicht weiter voranschreitet. Doch auch die Amputation gelingt nicht. Der Arm erneuert sich wie von selbst und die Umwandlung von Ivans Körper schreitet immer weiter voran. Die Körperzellen werden nach und nach durch sog. Naniten ersetzt. Wie wird es mit Ivan weitergehen? Lässt sich seine Veränderung überhaupt noch aufhalten? Handelt es sich um eine außerirdische Technologie? Für mich ein spannendes Ausgangssetting.


Ivan ist verzweifelt. Er weiß nicht, was mit ihm passiert. Das kommt gut zum Ausdruck. Für einen Science-Fiction-Thriller kommt die psychologische Seite in meinen Augen genügend zur Geltung. Das gesamte Schiff kommt in Quarantäne und Ivan wird untersucht. Sein weiteres Schicksal liegt in der Hand des Militärs. Was an Bord vor sich geht, wird vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Doch die Presse wittert eine Sensation und erhöht den Druck auf die Verantwortlichen. Letztlich ist unklar, was weiter passiert. Das alles liest sich spannend und macht neugierig, wie ich finde. Der Schreibstil ist wie gewohnt flüssig und gut lesbar.


Nun zum Negativen: Das erste Drittel des Buchs ist großartig. Doch (leider) geht dem Werk dann die Luft aus (eine erstaunliche Parallele zum Buch "Outland"). Der Mittelteil weist bereits einige Längen auf. Und mit dem Fortschreiten der Handlung hatte ich das Gefühl, dass der Autor die eigentlich naheliegenden inhaltlichen Schwerpunkte nicht konsequent verfolgt. Dadurch ist die Handlungsentwicklung nicht so stringent, wie sie sein könnte. Es dauert in meinen Augen auch viel zu lange, bis die Hintergründe der Anomalie näher beleuchtet werden. Kurzum: Eine starke Ausgangsidee, ein prima Setting im ersten Drittel, doch daraus macht der Autor dann viel zu wenig. Konnte mich leider nicht überzeugen. Schade!


Querverweise

Taylor, Dennis E.: Ich bin viele (2018)
Taylor, Dennis E.: Wir sind Götter (2018)
Taylor, Dennis E.: Outland. Der geheime Planet (2020)


Mittwoch, 1. Juli 2026

Bestgen, Sarah - Safe Space

 


Gefängnis-Thriller




Anna Salomon tritt ihre neue Stelle als Psychologin in der JVA Weyer an. Dabei handelt es sich um ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem solche Täter einsitzen, die die schlimmsten Verbrechen begangen haben, die man sich vorstellen kann. Für Anna ist es die erste Anstellung in einer JVA. Sie will sich an ihrem ersten Arbeitstag keine Nervosität und Unsicherheit anmerken lassen. Bei einem Rundgang mit ihrem Vorgesetzten werden uns die therapeutischen Abläufe in der JVA nähergebracht. Anna wird künftig v.a. Einzel- und Gruppengespräche mit den hochmanipulativen Tätern führen. Besonders brisant: Als junge Frau mit noch wenig Berufserfahrung wird sie es mit Sexualstraftätern zu tun haben.


In einem weiteren Blickwechsel lernen wir den Sachbearbeiter Leon kennen. Er arbeitet bei einer Versicherung und muss einen verärgerten Klienten beruhigen. Eingestreute Erinnerungen und Tagebucheinträge verleihen den Figuren dabei mehr Tiefe. So erfahren wir, dass Leon eine problematische Kindheit hatte und das Verhältnis zu seinen Eltern schwer belastet war. Sein Vater misshandelte ihn und die Mutter schützte ihren Sohn nicht. Leons Verhalten ist auffällig und lässt ihn schon zu Beginn des Buchs verdächtig erscheinen: Er entwickelt eine Obsession für eine Kundin, die er stalkt. Er wünscht sich, dass er ihr Partner wäre, und hofft auf eine Beziehung mit ihr.


Während der gesamten Lektüre hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sehr, sehr gut recherchiert hat und auch mit eigener Expertise punkten kann (Sarah Bestgen hat selbst als Psychologin gearbeitet). Die Schilderungen wirken realistisch und authentisch. Das wird v.a. daran deutlich, wie der therapeutische Alltag in der JVA beschrieben wird. Im weiteren Handlungsverlauf wohnen wir immer mal wieder Gesprächen bei, die Anna mit den Insassen führt. Sie versucht dabei keine Schwächen zu zeigen und souverän sowie selbstsicher aufzutreten. Die Häftlinge testen ihre Grenzen aus und provozieren die Psychologin. Diese muss sich immer mal wieder behaupten. Es entwickeln sich subtile Machtspiele zwischen den Insassen und Anna. Sie wittern ihre Schwachstellen und versuchen, diese für sich ausnutzen.


Insgesamt ist der Fall im Buch gut verrätselt. Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir, dass Anna einen geheimen Plan verfolgt. Sie will den Mörder ihrer Schwester ausfindig machen. Doch ihr Treiben bleibt nicht unentdeckt. Eines Tages erhält sie Nachrichten mit Drohungen. Sie wird dazu aufgefordert, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch wer steckt dahinter? Und was weiß die Person über Annas Pläne? Und was genau, ist in der Vergangenheit passiert? Die Beantwortung dieser Fragen regt zum Weiterlesen an und entfacht Neugier. Und nach meinem Eindruck konnte man während der Lektüre gut miträtseln. Es werden viele Figuren als mögliche Verdächtige präsentiert. Die Autorin versteht es hervorragend, immer mal wieder Verdachtsmomente zu kreieren. Gleichzeitig erleben wir mit, wie sich Anna selbst überfordert. Sie ist noch immer vom Tod ihrer Schwester traumatisiert. Immer wieder schweifen ihre Gedanken ab und kreisen um etwas anderes als ihren Job.


Was man noch wissen sollte: Das Tempo des Thrillers ist nicht sehr hoch. Die Erzählweise ist eher ruhig und ausführlich. Der Thriller nimmt sich Zeit für die Figurenzeichnung, für die Ausgestaltung von Details und für die Schilderung von psychotherapeutischen Gesprächen mit den Insassen. Doch die Autorin schafft es nach meinem Gefühl dennoch, die Spannung durchgängig aufrechtzuerhalten. Und am Ende spitzen sich die Ereignisse auch gut zu. Die Spannung zieht noch einmal spürbar an. Die Auflösung am Ende fand ich ebenfalls gelungen. Mir erschien alles schlüssig. Nur über eine Kleinigkeit bin ich gestolpert (Vorsicht Spoiler): Die Hintergründe des Messerangriffs auf Jonathan blieben mir unklar. Insgesamt ein gelungenes Werk. Ich bin durchgängig an den Zeilen haften geblieben.


Querverweis:

Ein weiterer Gefängnis-Thriller mit einem ähnlichen Setting: "The Institution" von Helen Fields.

Das Debut von Sarah Bestgen: Happy End


Sonntag, 21. Juni 2026

Zischke, Vera - Pina fällt aus

 


Krankheit, Autismus und Solidarität




Zu Beginn des Buchs begleiten wir die tägliche Morgenroutine von Pina und ihrem Sohn Leo. Und schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Leo ganz bestimmte Eigenheiten und Verhaltensweisen an den Tag legt. So müssen z.B. ritualisierte Abläufe penibel eingehalten werden. Leo ist Autist und sehr auf Pina angewiesen. Sie kümmert sich um alles und hilft ihm dabei, das Leben zu bewältigen. Auch macht sie sich um ihn stets große Sorgen und will ihn vor möglichem Unheil beschützen. Ans Alter oder an eine Krankheit will sie gar nicht denken, schließlich muss sie Leo engmaschig betreuen und die Verantwortung für ihn übernehmen. Das Leben mit Leo fordert Pina sehr. Es unterscheidet sich stark von dem anderer Menschen. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, kann sie nicht einfach abschalten und entspannen, sondern sie muss Leo versorgen und auf seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Aus diesem Grund kommt Pina kaum zur Ruhe. Pausen sind für sie ein Fremdwort. Sie fühlt sich oft erschöpft.


Neben Pina und Leo spielen weitere Figuren in diesem Roman eine wichtige Rolle. Da ist z.B. die betagte Inge, die ab und zu auf Leo aufpasst, wenn Pina einkaufen geht. Und da ist die rebellische Zola, die zu Beginn des Romans unfreundlich, mürrisch und unsozial wirkt. So beschwert sie sich über die Lautstärke des Busses, der Leo jeden Morgen abholt und zur Werkstatt bringt. Und nicht zuletzt ist da der zurückgezogene Nachbar Wojtek, der mit Leo nur wenig anfangen kann.


Die Lebensumstände von Pina führen dazu, dass sie ihre Gesundheit vernachlässigt. Obwohl sie sich mit Magenschmerzen plagt, findet sie keine Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Sie selbst kommt eindeutig zu kurz. Leo steht immer an erster Stelle. So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages bricht Pina auf dem Rückweg vom Einkaufen zusammen. Und selbst in diesem Moment gilt ihr erster und einziger Gedanke ihrem Sohn. Und Inge steht plötzlich allein mit Leo da, der zunehmend ungeduldig wird. Inge muss Leo irgendwie beruhigen und ist schnell mit dem Jungen überfordert. Wie wird es nur weitergehen? Kommt Pina wieder auf die Beine? Und wird Leo den Ausfall seiner Mutter verkraften?


Im weiteren Handlungsverlauf bilden die erwähnten Nachbarn eine „Notgemeinschaft“ (Inge, Zola und Wojtek) und durchlaufen ausnahmslos eine Wandlung. Sie müssen sich auf Leo und seine Eigenheiten einstellen und den Ausfall von Pina irgendwie auffangen. Dabei wächst vor allem Zola über sich hinaus und findet einen emotionalen Zugang zu Leo, der ab und zu unvorhersehbar agiert und auch mal für unangenehme Situationen sorgt. Aus dem widerspenstigen Mädchen wird ein soziales. Und die Nachbarn merken erst jetzt, welche Kraft, Geduld und Disziplin Pina jeden Tag auf Neue abverlangt wurden. Gleichzeitig erleben wir mit, wie es Pina im Krankenhaus geht. Sie kämpft darum, schnell wieder fit zu werden und ist in Gedanken immer bei ihrem Sohn. Auf mich wirkte sie völlig rastlos. So kann es für sie nicht weitergehen…


Für mich ein Buch, das wichtige Themen anspricht. Es wird gezeigt, wie die unerwartete Krankheit von Pina sich auf ihr eigenes Leben, das ihres Sohnes und das ihrer Nachbarn auswirkt. Der Ausfall von Pina führt dazu, dass Inge, Zola und Wojtek Verantwortung für Leo übernehmen und sich solidarisch zeigen. Gleichzeitig wird problematisiert, dass das Zusammenleben mit einem autistischen Kind auch herausfordernd ist, und es wird eine Lösung demonstriert, wie ein Leben unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts von Leo glücklich gestalten werden kann, ohne dass Pina überfordert wird. Ein wichtiges Buch mit wichtigen Botschaften. Ich war am Geschehen emotional beteiligt und habe das Werk von Vera Zischka gerne gelesen.


Mittwoch, 17. Juni 2026

Kupke, Lena - Pause



Eine Geschichte, die das Leben schreibt




Hanna wird nach einem Zusammenbruch in ein Krankenhaus eingeliefert. Sie weiß nicht, was mit ihr los ist und was um sie herum passiert. Ihr werden Beruhigungs- und Narkosemittel verabreicht. Sie fühlt sich dem Personal im Krankenhaus ausgeliefert und hat partout keine Lust noch eine Nacht dort zu verbringen, um sich durchchecken zu lassen. Am liebsten würde sie direkt wieder verschwinden, doch das Personal will sie nicht ohne Begleitung gehen lassen und ihr Freund hat keine Zeit, um sie abzuholen. Sie ist nicht gern auf Hilfe angewiesen. Den Ernst ihrer Lage scheint sie nicht zu verstehen. Nur ihre Eltern finden schließlich Zeit, um sie in Berlin aufzusuchen und dann nach Lüneburg mitzunehmen. Dort angekommen, denkt sie voller Nostalgie an ihre glückliche Kindheit zurück. Die gewohnten Abläufe ihrer Eltern bringt sie mit ihrer Anwesenheit aber erstmal durcheinander.


Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir, dass die Protagonistin schon im Vorfeld ihres Zusammenbruchs unter Schlafproblemen litt und einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste (der lange Zeit unausgesprochen in der Luft hängt). Die ersten Tage bei den Eltern verlaufen noch harmonisch. Die Beziehung zu ihren Eltern wirkt liebevoll und intakt. Doch je länger Hanna bei ihren Eltern bleibt, desto schwieriger wird es für sie, sich anzupassen und die Eigenheiten ihrer Eltern zu akzeptieren. Sie kommt nicht wirklich zur Ruhe, auch weil sie sich über ihren Freund Paul ärgern muss, der sie lieber bei ihren Eltern lässt, statt sie zurück nach Berlin zu holen. Er wirkt nicht sehr fürsorglich und hält sie auf Abstand. Was steckt dahinter? Parallel muss Hanna verarbeiten, dass ihr das Berufliche entgleitet. Kurzum: Sie erlebt eine ziemliche Gefühlsachterbahn…


Außer den Eltern und Paul spielt mit der Schwester von Hanna noch eine weitere Figur im Roman eine Rolle. Das Verhältnis zu ihr ist zeitweise angespannt. Beide haben sich nicht viel zu sagen und leben unterschiedliche Leben. Die Schwester ist in Lüneburg geblieben und führt in den Augen von Hanna ein spießbürgerliches Dasein in der Provinz. Sie selbst hingegen hat es in die weite Welt (nach Berlin) gezogen. Grundsätzlich wird deutlich, dass die Kommunikation innerhalb der Familie zu wünschen übriglässt. Man redet nicht viel und man redet auch nicht offen miteinander (schon gar nicht über Probleme). Vieles bleibt unausgesprochen. Emotional belastende Themen werden unbeholfen totgeschwiegen.


Während der Lektüre stellte ich mir vor allem die Frage, ob Hanna wieder auf die Beine kommt. Ich habe ihr Schicksal mit Neugier verfolgt. Das Einzige, was mich beim Lesen gestört hat, war der Umstand, dass ich nicht viel mit der Protagonistin anfangen konnte. Sie wirkt auf mich oft zu unbedarft und auch zu infantil. Sie ist wenig selbstreflektiert und zeigt sich auch wenig kämpferisch. Sie bleibt mir zu sehr in der Rolle der Hilflosen. Damit konnte ich mich nicht identifizieren. Ich habe mich zwischenzeitlich auch gefragt, ob Hanna eine depressive Phase durchlebt, aber falls ja, kommen mir die Symptome nicht deutlich genug zum Ausdruck. Einige von Hannas Verhaltensweisen passen in meinen Augen auch nicht zu einer solchen Diagnose...


Querverweise:
Weitere "Genesungsromane", die eine teils hohe inhaltliche Ähnlichkeit aufweisen (v.a. der Roman von Caroline Wahl), sind ...
- "Windstärke 17" von C. Wahl (Lebenskrise), 
- "Ende in Sicht" von R. von Rönne (Depression), 
- "Ich bin nicht da" von L. Spit (Psychose), 
- "Haus zur Sonne" von T. Melle (bipolare Störung), 
- "Salto" von K. Prödel (Diabetes Typ 1) oder 
- "Achtzehnter Stock" von S. Gmuer (Gehirnhautentzündung)
- "Panikherz" von B. Stuckrad-Barre (Essstörung und Drogensucht, autobiographisch)