Kulinarische Biographie
Im Vorwort ihres Buchs stellt die Autorin Überlegungen zum Thema „Essen“ an und betont dabei, dass dieses zugleich eine private sowie intime, aber auch öffentliche Angelegenheit sei. Jede Person könne etwas zu diesem Thema sagen. Aber nicht jeder mag darüber Auskunft geben, wie der eigene Kühlschrank befüllt ist, und nicht jeder mag sich gern beim Essen beobachten lassen, so Bronsky. Gleichzeitig werde Essen aber auch als Ereignis zelebriert und inszeniert, so z.B. auf Social Media. Das Essverhalten verrate viel über einen Menschen. Es finde in der Literatur häufig Erwähnung. Auch im Sprachgebrauch schlage es sich in Form verschiedener Metaphern nieder. Letztlich möchte die Autorin einen höchst privaten Einblick in zwölf Gerichte und Getränke geben, die sie selbst in irgendeiner Form geprägt haben. Sie verrät auf diese Weise etwas über ihre eigenen Vorlieben, ihre Herkunft und ihren Geschmack. Darüber hinaus finden Rezepte in diesem Buch Berücksichtigung (am Ende eines jeden Kapitels).
1. Porridge
Die Autorin erinnert sich an ihre erste Klassenfahrt in den frühen 90er Jahren (kurz nach ihrer Einwanderung nach Deutschland) und an das sonderbare Frühstück, das sie dort serviert bekommen hat (= Brot und Brötchen :-). Wehmütig erinnert sie sich an die Vorzüge eines Getreidebreis. Dessen Verzehr löse bei ihr direkt ein Heimatgefühl aus. Am Beispiel des Märchens „Brei aus der Axt“ geht sie auf die Bedeutung dieses Gerichts in ihrem Heimatland ein.
2. Borschtsch
Bronsky beschreibt die erfolgreiche Zubereitung dieser Suppe augenzwinkernd als Reifeprüfung fürs Erwachsenwerden. Auf sehr amüsante Art und Weise erwähnt sie sowohl regionale als auch individuelle Besonderheiten der Zubereitung. Es existieren verschiedenste Variationen.
3. Schokokuss
Die Autorin erinnert sich, wie sie als 13-jährige Jugendliche Frau Müller kennen lernte, bei der sie ab und zu aushalf und ein wenig Taschengeld dazuverdiente. Dort probierte sie zum ersten Mal Schokoküsse und wurde in die verschiedenen Möglichkeiten eingeführt, diese zu sich zu nehmen. Durch Frau Müller lernte sie dann noch weitere typisch deutsche Süßwaren kennen: Gummibärchen, Smarties etc. Das Überangebot an Süßigkeiten war für sie ein Kontrast zur sowjetischen Mangelwirtschaft von damals.
4. Eiswürfel
Bronsky gibt zu, dass ihre fremde Sozialisation immer wieder durchscheint. Typisch für sie ist beispielsweise, dass sie stets aus den Getränken die Eiswürfel herausfischt. Künstliche Abkühlung findet sie nämlich absurd. Das liege vermutlich daran, dass sie bei -40 Grad geboren wurde. Im Folgenden beschreibt sie noch weitere persönliche Eigenheiten, die aus ihrer Migrationserfahrung resultieren.
Um im Rahmen dieser Rezension nicht zu viel vorwegzunehmen, beschränke ich mich auf die Skizzierung dieser vier Kapitel. Die weiteren Kapitelüberschriften lauten wie folgt: Grüne Soße (Kapitel 5), Kaffee (Kapitel 6), Frikadellen (Kapitel 7), Quarkauflauf (Kapitel 8), die Stulle (Kapitel 9), Napoleon-Torte (Kapitel 10), Johannisbeeren (Kapitel 11), Früchtebrot (Kapitel 12). Dabei haben mir besonders solche Passagen gefallen, in denen die Autorin etwas über ihre eigene Sprachbiographie verrät und Überlegungen zur eigenen Identität anstellt.
In den verschiedenen Kapiteln werden weitere Informationen zur Biographie der Autorin deutlich. Der Inhalt ist dabei oft persönlich. Bronsky gibt viel Privates über sich preis. Der Schreibstil ist dabei locker-beschwingt, stets unterhaltsam und häufig humorvoll. Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist essayistisch und streift verschiedenste Themen. Insgesamt ist es ein kurzweiliges und warmherziges Buch über Essen als Teil von Identität und Erinnerung, das vor allem solche Leserinnen und Leser interessieren dürfte, die an autobiographischen Inhalten der Autorin interessiert sind.
Querverweise:
Bronsky, Alina: Scherbenpark
Bronsky, Alina: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
Bronsky, Alina: Nenn mich einfach Superheld
Bronsky, Alina: Der Zopf meiner Großmutter
Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina: Und du kommst auch drin vor
Bronsky, Alina: Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina: Das Geschenk
Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Bronsky, Alina: Pi mal Daumen




