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Freitag, 12. Juni 2026

Schmitt, Caroline - Monstergott



Sexualität als Sünde



Zu Beginn des Buchs erleben wir mit, wie an Ben eine rituelle Reinigung vollzogen wird. Er wird auf diese Weise von seinen Sünden reingewaschen und er hofft, Vergebung zu finden. Ben ist sehr gläubig. Die Bibel ist sein ständiger Begleiter. Er brennt für Jesus und die Liebe Gottes erfüllt ihn. Er ist Mitglied in einer Freikirche. In dieser wird das Gemeinschaftsgefühl großgeschrieben und es gibt strenge Verhaltensregeln, an die man sich halten muss. Das Leben der Gemeinschaft im Einklang mit Gott wird gut eingefangen.


Und auch Bens Schwester Esther gehört zur Gemeinde der Freikirche. Sie lernen wir in einem weiteren Blickwinkel kennen. Die Perspektiven der Geschwister wechseln einander von Kapitel zu Kapitel ab. Esther und Ben leben in einer WG zusammen. Was Esther auszeichnet: Sie sehnt sich danach, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Doch als Frau muss sie zurückstecken. V.a. der Pastor bremst sie aus und meint, sie solle weniger Forderungen stellen. Seiner Meinung nach hat sie eine dem Mann untergeordnete Position einzunehmen. Schließlich sei Adam noch vor Eva von Gott geschaffen worden. Esther vertritt da eine andere Auffassung und gerät in Konflikt mit dem Pastor (dieser erscheint im weiteren Handlungsverlauf in einem immer schlechteren Licht). Sie hadert mehr mit den Regeln der Freikirche als ihr Bruder…


Von Ben erfahren wir, dass er ein großes Problem mit seiner eigenen Sexualität hat. Er legt regelmäßig Hand an sich selbst an und danach überkommt ihn Reue. Heimlich besucht er einen Therapeuten, der v.a. christliche Patienten behandelt. Ben hofft, seine „Störung“ zu überwinden. Der Therapeut animiert Ben schließlich dazu, an einem Seminar teilzunehmen, in dem er ein striktes Programm durchläuft, um seine Sucht in den Griff zu bekommen. Als Leser begleiten wir Ben bei dem Besuch dieses „Heilungsseminars“. Dem therapeutischen Ansatz konnte ich während der Lektüre nur mit Kopfschütteln begegnen…


Esther erscheint dem Leser längst nicht so verklemmt wie ihr Bruder, aber auch sie hat keinen entspannten Umgang mit Sexualität. Einerseits unterhält sie sich offen mit einer Freundin über sexuelle Themen und gibt ihr Ratschläge, was das Führen einer Ehe betrifft. Andererseits ist ihre Beziehung zu ihrem damaligen Freund Paul wegen der vielen Regeln gescheitert, die die Kirche damals beiden auferlegt hat. Sie ist immer noch in Paul verliebt, findet aber keinen Weg, um mit ihm glücklich zu werden. Zu sehr plagt sie ein schlechtes Gewissen.


Überhaupt werden die Themen „Sexualität“ und „(gläubige) Gestaltung von Mann-Frau-Beziehungen“ immer wieder im Buch angesprochen. Die Kirche achtet sehr darauf, ihren Mitgliedern die korrekten Verhaltensregeln zu vermitteln. Auf Dauer ist diese streng religiöse Gedankenwelt, die man durch Esther und Ben während der Lektüre vermittelt bekommt, aber sehr anstrengend und ermüdend zu lesen. Die Gedanken, Gefühle und Dialoge kreisen sehr stark um die oben genannten Themen und das immer wieder auf Neue. Inwieweit hier auch Klischees bedient werden, kann ich nicht beurteilen. Dafür sind mir die Regeln des Zusammenlebens, wie sie von der Freikirche vorgeschrieben werden, zu unbekannt (aber die Doppelmoral des Pastors wirkt sehr stereotyp). Der Plot erschien mir phasenweise etwas ziellos. Ich wusste nicht immer, auf was das Ganze hinauslaufen soll. Für mich hätten die inneren Konflikte, in denen sich die Figuren befinden, insgesamt noch greifbarer werden müssen. Mein Urteil: Ein mittelprächtiges Buch. Was aber wieder deutlich wird, die Autorin schreckt abermals nicht davor zurück, ein "heißes Eisen" anzufassen. Das zeigte sich schon bei ihrem Debut (den Wechsel des Verlags kann ich übrigens absolut nachvollziehen).


Querverweis:

Schmitt, Caroline: Liebewesen


Dienstag, 9. Juni 2026

Seibt, Caroline - Weil sie lügt

 


Spannend, aber mit Luft nach oben




Anna arbeitet als Kindermädchen bei den Westrups, einer reichen Familie, und kümmert sich in ihrer Freizeit um ihren kleinen siebenjährigen Bruder und die depressive Mutter. Doch eines Tages teilt ihr Henri, der Vater der Familie, mit, dass ihre Dienste nicht länger benötigt werden. Als Grund führt er die familiären Umstände von Anna an. Ihre Schwester Juli gilt seit mehr als einem Jahr als vermisst, ihr Vater ist Tatverdächtiger und sitzt in Untersuchungshaft. Eine Leiche wurde aber bisher nicht gefunden. Dies alles mache seiner Tochter Angst, so Henri. Das erste Kapitel endet dann mit einem Cliffhanger. Zum Abschied entwendet Anna den Haustürschlüssel der Westrups. Was hat sie vor?


Danach folgt ein Blickwinkelwechsel zu Katharina Engels. Sie ist Ermittlerin und spricht im Gefängnis mit einem Insassen, der behauptet, etwas über Juli zu wissen. Der verdächtige Vater habe ihm die Tat gestanden. Die Polizei informiert Anna und deren Mutter daraufhin, dass sie neue Hinweise erhalten hat. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und das Leid der Familie beginnt erneut. Sie quälen sich seit dem Verschwinden von Juli mit dem Gedanken, was ihr passiert sein könnte. Die Ungewissheit belastet sie. Nur Anna ist stark genug, die Familie noch zusammenzuhalten, und das Schicksal von Juli nicht zu nah an sich heranzulassen. Ihre Mutter ist labil und psychisch am Ende. Das kommt gut zum Ausdruck. Und die Hinweise des Insassen bewahrheiten sich. Im Keller der Familie findet man menschliche Überreste. Handelt es sich etwa um Juli?


Hinzu kommt die belastende Situation mit dem Vater, der seinerseits behauptet, nichts mit dem Tod von Juli zu tun zu haben. Er versichert Anna, jemand wolle ihm etwas anhängen. Und sie glaubt ihm. Doch für die Ermittler ist klar, dass die Familie etwas zu verbergen hat und der Vater auf jeden Fall schuldig ist. Seltsam! Wer jetzt allerdings glaubt, dass die Schuld des Vaters ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, der irrt. Der Handlungsstrang um den Vater steht nicht allzu sehr im Vordergrund. Über ihn erfahren wir insgesamt wenig. Der Thriller schlägt eine andere Richtung ein. Trotzdem habe ich mich während der gesamten Lektüre gefragt, auf Grundlage welcher Beweise der Vater eigentlich in Haft ist. Dies bleibt leider eine ungelöste Frage. Schade!


Insgesamt wird der Thriller spannend, ereignisreich und packend erzählt. Am Ende spitzt sich die Situation gut zu. Die Konturen der Figuren sind klar erkennbar. Der Fall ist gut verrätselt. Ich hatte viele offene Fragen im Kopf, die ich beantwortet wissen wollte. Der Schreibstil ist eingängig und gelungen. Das alles hat mich klar überzeugt. Nur über die etwas groteske Ausgangssituation muss man hinwegsehen: Da verliert eine Familie ihre Tochter und meldet sie als vermisst. Und der Polizei fällt nichts Besseres ein, als die Familie selbst zu verdächtigen. Schon merkwürdig, oder nicht?!


Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, die Spannung ist über das ganze Buch hinweg deutlich spürbar, was v.a. auch den sehr gut platzierten Cliffhangern liegt. Zwischendurch hatte ich punktuell aber auch mal Irritationen, was die inhaltliche Ausgestaltung des Plots angeht (Vorsicht Spoiler: Warum wird Anna überhaupt von den Westrups eingestellt? Warum geben die Ermittler im Verhör mit Anna so viel Täterwissen preis?). Meine Kritik betrifft aber die Auflösung am Ende. Diese konnte mich (leider) nicht „abholen“. Manches geht sehr abrupt vonstatten und entsteht unvermittelt aus dem Nichts. Und dann bricht die Handlung kurz nach der Auflösung einfach ab und es folgt der Epilog. Auch ist mir nicht alles klar geworden (Vorsicht Spoiler: Wessen Überreste hat man jetzt im Keller gefunden?). Bezeichnend finde ich eine Aussage der Autorin im Nachwort. Dort schreibt sie, dass sie zu Beginn des Schreibens auch nicht wusste, wer am Ende schuld sein wird. Das merkt man (leider)…


Freitag, 5. Juni 2026

Lally, Megan - No place left to hide

 


Verfolgung und Geheimnisse




Die Ich-Erzählerin Brooke Goodwin hofft darauf, in Yale angenommen zu werden. Sie ist eine hervorragende Schülerin und es ist Familientradition, dort zu studieren. Der Druck, der auf ihr lastet, ist hoch. V.a. die Anerkennung ihres ehrgeizigen Vaters ist ihr wichtig. Er ist Jurist und soll schon bald zum Richter ernannt werden. Der Ruf seiner Familie geht ihm über alles. Als Brooke dann tatsächlich angenommen wird, ist die Freude riesig. Um den Erfolg zu feiern, fährt sie mit einer Freundin zu einer Party. Dort macht sie sich an ihren Schwarm Dylan heran. Als sich Brooke mit einer Freundin Jenna auf den Rückweg von der Party macht, wird ein sehr guter spannungserregender Impuls gesetzt, der sich ereignisreich entwickelt. Beide werden bedroht und von einem unbekannten Auto verfolgt, das sie bedrängt. Wer steckt dahinter? Und werden sie sich aus der gefährlichen Situation befreien können?


Wir erfahren auch, dass Brooke in letzter Zeit einige Anfeindungen über sich ergehen lassen musste, die sie aber für sich behält. So wurden z.B. die Reifen ihres Autos aufgeschlitzt, Getränke wurden in ihren Spind gekippt, sie erhält anonyme Anrufe etc. Trotz der Vorkommnisse sucht sie keine Hilfe. Grund für die Attacken ist, dass ihr die Schuld an einem Unfall einer ehemaligen Mitschülerin gegeben wird, von dem man zu Beginn des Thrillers nur wenig erfährt. Der Sachverhalt wird bewusst im Dunkeln gelassen und muss von den Lesern nach und nach erschlossen werden. Rückblickskapitel sorgen dafür, dass die vergangenen Geschehnisse Schritt für Schritt ans Licht kommen. Erst am Ende des Buchs hat man einen Gesamtüberblick über die Situation.


Der Thriller wird auf zwei Zeitebenen präsentiert. Auf der Gegenwartsebene wird die Party geschildert, die die Ich-Erzählerin besucht, und es wird beschrieben, wie sie auf dem Weg nach Hause von jemand Unbekanntem verfolgt und bedroht wird. Es entspinnt sich eine wilde und durchaus spannend erzählte Verfolgungsjagd, die mich packen konnte. Auf der Vergangenheitsebene geht es ebenfalls um die Ereignisse auf einer Party, bei der sich ein Unfall mit Todesfolge ereignet hat. Hier wird die Spannung v.a. dadurch erzeugt, dass dem Leser wichtige Informationen (s.o.) vorenthalten werden. Man liest v.a. mit großer Neugier weiter, um zu erfahren, was in der Vergangenheit genau passiert ist.


Die beiden weiblichen Figuren, die in diesem Thriller im Zentrum stehen, haben bei mir keine Sympathiepunkte gewonnen. Da ist einerseits die verunglückte Mitschülerin Claire, die gern im Mittelpunkt steht und stets für Ärger sowie schlechte Stimmung sorgt. Und auf der anderen Seite haben wir die ehrgeizige Musterschülerin Brooke, die sich nach außen immer freundlich zeigt, aber gleichzeitig auch verwöhnt, berechnend und oberflächlich wirkt. Ist ihre Freundlichkeit vielleicht doch nur aufgesetzt? Beide konkurrieren um Dylan und dessen Zuneigung. Eine explosive Ausgangslage…


Was die Spannung betrifft, so haben mich vor allem die Gegenwartskapitel überzeugt. In diesen entsteht im weiteren Handlungsverlauf eine Sogwirkung. Die Kapitel, die sich mit der Vergangenheit befassen, haben mich nicht ganz so mitgerissen, waren aber nach meinem Empfinden ebenfalls interessant, weil man natürlich an der Auflösung interessiert ist (die auch gelungen und schlüssig ist). Der Einstieg ins Buch fiel mir aber zunächst schwer. Am Anfang gibt es jede Menge Beziehungsdrama und „Zickereien“. Das war nicht so mein Ding. Aber mit dem Einsetzen der akuten Bedrohung für Brooke wurde es deutlich besser. Die Spannung zog spürbar an. Und im weiteren Handlungsverlauf nimmt die Intensität an Spannung immer weiter zu (was auch an den kürzer werdenden Kapiteln und den sich zuspitzenden Ereignissen liegt). Der erste Thriller der Autorin hat mir zwar noch ein Stück besser gefallen, aber auch ihr zweites Buch weiß zu überzeugen. Ich werde die Autorin definitiv weiter im Auge behalten…


Querverweise:

Ein weiteres Buch von Megan Lally: That's not my name


Montag, 1. Juni 2026

Kvensler, Ulf - Die Klippe




Psychologisch und wendungsreich




Marcus war einst erfolgreicher Schriftsteller, arbeitet nun aber schon seit längerem als Postbote. Nach einigen Jahren Funkstille meldet sich Ernst wieder bei ihm, den er damals in einer Autorenschule kennen gelernt hat, die beide besuchten. Zu dieser Zeit haben sie sich gut verstanden. Ernst lobte Marcus stets für das, was er zu Papier gebracht hat, auch wenn Ernst sich eher als Außenseiter fühlte und für untalentiert hielt.


Nach ihrer gemeinsamen Zeit hat Ernst einen anderen Weg als Marcus eingeschlagen. Während Marcus einen kommerziellen Weg ging und dabei (wie erwähnt) auch Erfolge feiern konnte, ist Ernst in einer Kulturredaktion als Literaturkritiker gelandet und schreibt anspruchsvolle Texte für einen kleineren Leserkreis. Am Telefon wünscht sich Ernst ein Treffen mit Marcus, um ihn um etwas zu bitten…


Ernst eröffnet Marcus, dass er einen Spannungsroman geschrieben hat, den er aber unter einem Pseudonym veröffentlichen möchte. Er bittet Marcus darum, das Manuskript seiner Literaturagentin zuzuspielen, um ein Feedback zu erhalten. Marcus willigt ein und wenig später zeigt sich die Agentin begeistert. Neugierig liest auch Marcus ins Manuskript hinein und ist sehr angetan vom Text.


Fälschlicherweise geht die Agentin davon aus, dass Marcus das Manuskript geschrieben hat. Und Marcus lässt viele Gelegenheiten aus, um die Sache eindeutig aufzuklären. Die Sache verselbstständigt sich und letztlich einigen sich Marcus und Ernst darauf, dass das Buch unter Marcus Namen erscheinen soll. Ernst will mit dem Buch nicht in Verbindung gebracht werden, weil er um den Verlust seines Rufs fürchtet. Marcus soll auch die Vermarktung und den Vertrieb übernehmen (Lesungen, Interviews und Veranstaltungen). Beide verständigen sich darauf, dass Marcus mit 25% an den Einnahmen beteiligt wird, und sie behalten ihre Vereinbarung für sich. Die Agentin und den Verleger lässt Marcus in dem Glauben, dass das Buch von ihm ist. Sogar seiner Frau gegenüber gibt sich Marcus als Autor des Buchs aus. Der Konflikt ist vorprogrammiert…


Das Buch wird sehr erfolgreich und verkauft sich blendend. Doch die Situation mit Ernst gerät im weiteren Handlungsverlauf zunehmend außer Kontrolle. Ernst bombardiert Marcus mit Anrufen, macht Druck bei den Geldüberweisungen und taucht eines Tages sogar bei einer Lesung auf und stellt unangenehme Fragen zum Buch. Ernst scheint seine Entscheidung zu bereuen. Er muss mitansehen, wie Marcus gefeiert wird. Und Marcus hat sich in die Abhängigkeit von Ernst begeben. Zu spät wird ihm klar, was er für ein Risiko eingegangen ist. Für Marcus steht alles auf dem Spiel und er entwickelt große Ängste. Und als Leser stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie sich das Verhältnis der beiden Autoren weiter entwickeln wird. Kommt es zu einem Streit? Und wird die Lüge auffliegen? Und falls ja, welche Folgen wird das für beide haben?


Eingeflochten werden immer mal wieder auch Rückblicke in die Vergangenheit, auf einzelne Figuren und Geschehnisse. Sie verleihen der Handlung mehr Tiefe. So erhalten wir einen Einblick in die Zeit, als Ernst und Marcus gemeinsam die Autorenschule besuchten. Darüber hinaus erfahren wir auch, wie Marcus einst seine Agentin kennen gelernt hat und wie er sich als Schriftsteller entwickelte (u.a. wird auch geschildert, wie seine Romane rezensiert und rezipiert wurden). Seine Agentin war stets eine wichtige Stütze für ihn.


Das Buch liest sich insgesamt wieder sehr flüssig (wie auch die anderen beiden Bücher des Autors). Kvensler schreibt toll (bzw. die Übersetzung ist hervorragend gelungen). Die Psychologie der Figuren wird super eingefangen und der Thriller entwickelt sich wendungs- und ereignisreich sowie überraschend (und das auf natürliche Art und Weise). Man kann sich sehr, sehr gut in die Lage von Marcus hineinversetzen. Er ist Ernst völlig ausgeliefert. Ich war emotional am Geschehen beteiligt und fand das Buch insgesamt äußerst spannend. Auch die Auflösung ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich und kreativ. Und zum Ende hin nimmt die Intensität an Spannung nochmal zu und der Plot entwickelt sich in eine unvorhergesehene Richtung. Ein tolles Buch, das Kvensler hier abgeliefert hat. Hat mir auch wieder besser gefallen als „die Insel“.


Querverweise:

Kvensler, Ulf: Der Ausflug
Kvensler, Ulf: Die Insel


Freitag, 22. Mai 2026

Lally, Megan - That's not my name




Mädchen ohne Vergangenheit




Eine Ich-Erzählerin wacht verletzt und erinnerungslos in einem Straßengraben auf. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert ist, und wird rein zufällig von einem Polizisten aufgelesen. Auch an ihren Namen kann sie sich nicht erinnern. Die Suche des Gesetzeshüters in einer Vermisstenkartei führt zu keinem Ergebnis. Und noch während er versucht, die Sache aufzuklären, erscheint ein Mann im Polizeirevier, der seine Tochter sucht und behauptet, dass das verletzte Mädchen zu ihm gehört. Sie heiße Mary Boone. Seine Identität beweist er u.a. damit, dass er alte Fotos von ihr auf seinem Handy hat. Er will dem Beamten auch die Geburtsurkunde und den Sozialversicherungsnachweis vorlegen, wenn er die beiden nach Hause begleitet (was er auch tut). Alles wirkt plausibel und glaubhaft. Der Beamte hat keinen Zweifel daran, dass es sich um den Vater des Mädchens handelt. Doch die Ich-Erzählerin erinnert sich nicht an ihn. Sie hat ein ungutes Gefühl und es fällt ihr schwer, Vertrauen zu fassen. Ihre Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Verunsicherung werden gut greifbar. Doch sie will ihrem Vater glauben. Sein Verhalten gibt zunächst keinen Anlass zur Sorge (bis auf die Tatsache, dass er nicht mit ihr ins Krankenhaus fährt?!). Er verhält sich fürsorglich und freundlich. Doch ohne zu viel zu verraten: Das wird nicht so bleiben. Schon bald wird Mary misstrauisch. Sagt ihr Vater wirklich die Wahrheit?


In einem weiteren Blickwechsel lernen wir Drew kennen, dessen Freundin Lola seit fünf Wochen als vermisst gilt. Verzweifelt verteilt er Flyer in der Stadt, in der Hoffnung die Polizei bei der Suche nach ihr zu unterstützen. Nach seiner Ansicht ergreifen die Gesetzeshüter keine ausreichende Initiative. Sie halten Lola bereits für tot und glauben sogar, dass Drew etwas mit dem Verschwinden von Lola zu tun hat. Sie gehen davon aus, dass zwischen beiden etwas vorgefallen ist, das Drew verheimlicht. Sie machen ihm Vorwürfe, weil er Lola nach einem Treffen allein nach Hause gehen lassen hat und sich erst am nächsten Tag danach erkundigt hat, ob sie sicher zu Hause angekommen ist. Auf genau diesem Rückweg ist sie verschwunden. Er macht sich selbst große Vorwürfe deswegen, aber die Anschuldigungen belasten ihn. Auch andere Leute in der Stadt halten ihn für schuldig, u.a. auch Lolas beste Freundin mit Namen Autumn. Drew fühlt sich falsch behandelt. So wird ihm vorgehalten, dass er nicht genügend mit der Polizei kooperiert. Er selbst weiß, dass er kein Mörder ist, aber viele halten ihn dafür. Verheimlicht er wirklich etwas? Oder liegt die Polizei mit ihren Verdächtigungen falsch?


Was mir gut an diesem Thriller gefallen hat: Das Urteil zu den Figuren wird mit allerlei erzählerischen Kniffen gut gelenkt. Man fragt sich irgendwann, wer die Wahrheit sagt und wer lügt – und das bei beiden Erzählperspektiven. Darüber hinaus will man erfahren, wie die beiden Handlungsstränge zusammenhängen. Die Spannungskurve flacht kaum ab und nimmt am Ende sogar noch an Intensität zu. Ich war während der gesamten Lektüre neugierig auf die Auflösung. Die Sprache ist klar und direkt. Der Text leicht zugänglich. Das Tempo hoch. Die Auflösung raffiniert. Was man noch wissen sollte: Es handelt sich um einen Jugendthriller. Das merkt man v.a. daran, dass es sich bei den Protagonisten um Jugendliche handelt und die Themen eher an jugendlichen Lesern ausgerichtet sind (Coming-of-Age-Merkmale).


Abschließend zwei Kritikpunkte (Spoilergefahr!): Stellenweise wirkt die Handlung auf mich auch mal zu weit hergeholt (z.B. Drews Einbruch bei der Polizei und sein anschließendes Eingeständnis) oder doch zu vorhersehbar (warum bringt Wayne seine Tochter nicht ins Krankenhaus?). Aber dennoch insgesamt eine runde Sache, das Buch.


Querverweise:

Weitere Thriller mit Amnesie-Motiv, die ich rezensiert habe: 

Bentow, Max: Rabenland
Bentow, Max: Rotkäppchens Traum
Fitzek, Sebastian: Mimik
Nisi, Sarah: Haltlos 
Poznanski, Ursula: Aquila


Sonntag, 17. Mai 2026

Stuckrad-Barre, Benjamin von - Panikherz


Kämpferherz



Zu Beginn möchte ich erst einmal loswerden, dass ich vor dem Autor Stuckrad-Barre größten Respekt habe. In dem Buch „Panikherz“ schildert er, aus welcher tiefen Lebenskrise er sich herausgekämpft hat. Sein Erfolg als Autor hat ihn anfällig für die Verlockungen von Drogen werden lassen, die er auf selbstzerstörerische Art konsumierte. Und als Leser erleben wir mit, wie Stuckrad-Barre sich immer wieder auf Neue in Entzugskliniken begibt und doch wieder rückfällig wird. Es ist ein harter Kampf, aus dem er am Ende als Sieger hervorgeht. Er befreit sich letztlich von seiner Drogensucht. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Kraftakt! Sein autobiographisches Buch „Panikherz“, in dem der Autor sehr offen mit seinen „Dämonen“ umgeht, hätte auch „Kämpferherz“ heißen können.

 

Der Titel „Panikherz“ ist nach meinem Verständnis aber auch eine Anspielung auf ein großes Vorbild von Stuckrad-Barre. In seinem Buch verneigt er sich vor Udo Lindenberg, der ihn bei seinem Kampf gegen die Sucht großartig unterstützt hat. Das wird immer wieder deutlich. Udo war für Stuckrad-Barre schon in der Jugend ein Idol, als er dessen Platten für sich entdeckte und die Texte auswendig lernte. Kurzum: Die Bewunderung für den Sänger wird nur allzu deutlich. Die Musik von Udo zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Autors und wird immer wieder zum seelentröstenden Fluchtpunkt. An vielen Stellen im Buch findet man Passagen aus Udos Liedern, die passend in den inhaltlichen Kontext eingefügt werden.

 

Darüber hinaus gewährt Stuckrad-Barre den Lesern einen sehr persönlichen, offenherzigen Einblick in seine Biographie als Pastorensohn, und das auf humorvolle, selbstironische Art und Weise in einem angenehm plauderhaften Ton. Die sprachgestalterische Seite ist dabei oft kreativ und spielerisch. Die Lektüre macht Spaß, trotz der Tragik der geschilderten Lebenskrise. Es ist absolut kein trauriges, selbstmitleidiges Buch.

 

Für mich als Göttinger waren besonders Stuckrad-Barres Göttinger Jahre interessant zu lesen. So beschreibt er z.B., wie er als Plattenkritiker im Göttinger Stadtmagazin „Nightlife“ tätig war und schildert seine schicksalshafte Begegnung mit dem damaligen Herausgeber des Magazins, Christoph Reisner, der später Begründer des Göttinger Literaturherbstes werden sollte. Mit der Zeit „rutscht“ er immer mehr hinein in diese Welt von Musik, Kultur und Künstlertum, er entwickelt sein eigenes Schreibhandwerk weiter und wird schließlich selbst Autor („Soloalbum“). Dabei wird auch deutlich: Alkohol und Drogen sind ständige Begleiter.

 

Das „rauschhafte“ Leben nach der ersten Buchveröffentlichung findet ebenfalls Erwähnung. Und es wird deutlich, dass Stuckrad-Barre mehr will. Er wird regelrecht „erfolgshungrig“ und genießt das Rampenlicht. Er sei in ein Karussell eingestiegen, das sich immer schneller gedreht und ihn schließlich aus der Bahn geworfen habe, so der Autor. Ein weiteres zentrales Thema, über das er ganz offen und unverblümt spricht, ist seine Essstörung, die sich bis hin zur Bulimie entwickelt. Wir tauchen ein in die Gedankenwelt der gefährlichen Selbstwahrnehmung eines Magersüchtigen und Junkies. Und Stuckrad-Barre ist hart in seiner Selbstanalyse, beschönigt nichts. Vor den Augen der Leser entspinnt sich ein Akt der Selbstzerstörung. Viele Klinikaufenthalte bringen keinen Erfolg. Niemand kann den Autor vor sich selbst schützen.

 

Und mitten in dieser schweren Zeit wird Udo Lindenberg zu einer wichtigen Stütze für Stuckrad-Barre. Er unternimmt einiges, um „Stuckimann“ aus seinem Loch herauszuziehen. Die Schilderungen des Autors über den Sänger sind herzergreifend. Udo wirkt warmherzig, sympathisch, hilfsbereit. Er hat das Herz am rechten Fleck, hält zu Stuckrad-Barre, fängt ihn auf. So einen Freund kann sich jede und jeder, die oder der in einer Lebenskrise steckt, nur wünschen. Und auch der Bruder des Autors hat großen Anteil daran, dass es Stuckrad-Barre letztlich gelingt, seine Sucht zu besiegen und einen Lebenswandel zu vollziehen. Noch mal gut gegangen…


Neben Udo finden auch viele weitere Prominente Erwähnung, auf die Stuckrad-Barre im Laufe seines ereignisreichen Lebens trifft. Dabei plaudert der Autor offen aus dem Nähkästchen. So findet z.B. der amerikanische Autor Bret Easton Ellis häufiger Erwähnung, aber auch Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk kommen vor. Fazit: Wer an einem sehr, sehr persönlichen Bericht des Autors über seine bewegte Biographie interessiert ist und sich von den Themen „Drogensucht“ und „Essstörung“ nicht zu sehr getriggert fühlt, der kann mit diesem Buch in meinen Augen nichts falsch machen. Stuckrad-Barre schreibt mit viel Ironie, offenherzig und originell. Hat mir sehr gut gefallen!



Donnerstag, 14. Mai 2026

Scalzi, John - Krieg der Klone




Vom Rentner zum Elitesoldaten




Im Alter von 75 Jahren sucht John Perry das Grab seiner Frau auf, mit der er 42 Jahre verheiratet war, und geht anschließend zur Armee. Er will Mitglied der sogenannten KVA (= Koloniale Verteidigungsarmee) werden, erhofft sich eine Lebensverlängerung von mindestens 10 Jahren und will so noch ein sinnvolles Lebensende verbringen.


Die Armee ist in der Lage, den Alterungsprozess aufzuhalten. Wie genau sie das anstellt, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Die Armee agiert weitestgehend im Verborgenen und lässt die Menschen auf der Erde im Unklaren über das, was sie treibt. Mit der Unterschrift unter den Rekrutierungsvertrag gibt John viele persönliche Rechte auf. Von seinem bisherigen Leben muss er sich völlig verabschieden.


Perry begegnet den Rekrutierungsprozess ziemlich gleichgültig. Ihm ist egal, was aus ihm wird. Er hat im Leben keine großen Ziele mehr. Mit weiteren Mitstreiter:innen verlässt er schließlich die Erde und macht sich auf den Weg zu einem neuen Einsatzort. Und an Bord des Raumschiffs lernen sich die hochbetagten Rekruten besser kennen. Sie durchlaufen jede Menge medizinische Checks und psychologische Tests. Unterwegs zerbrechen sich die zukünftigen Soldaten den Kopf darüber, was sie wohl erwartet und auf welche Weise sie verjüngt werden.


Irgendwann wird klar, was mit John Perry und den anderen passieren soll. Ihr Bewusstsein soll in einen jüngeren, genetisch optimierten Klonkörper transferiert werden. Blut, Augen und andere Sinnesorgane, Muskelkraft und Reaktionszeit, das alles wurde verbessert. Regelmäßige „Wartungen“ des Klonkörpers sorgen dafür, dass er in Topform bleibt. Der alte und nutzlos gewordene Körper hingegen wird entsorgt.


Nachdem der Transfer abgeschlossen ist, wird John mit Hilfe einer Broschüre :-) auf das Leben in seinem neuen Körper eingestimmt. John gewöhnt sich schnell an die neuen Vorzüge und sieht v.a. die Vorteile, die der neue Klonkörper mit sich bringt. Und die Armee gewährt den Rekruten anfangs gewisse Freiheiten. Doch schon bald wird es ernst und den neuen Soldaten werden ihre zukünftigen Aufgaben erklärt. Sie sollen existierende menschliche Kolonien schützen, sie sollen nach neuen Planeten suchen, die sich für eine Kolonisation eignen, und sie sollen Planeten, die von fremden Aliens bereits bevölkert sind, für eine menschliche Kolonisierung vorbereiten.


Die zukünftigen Soldaten durchlaufen eine harte Ausbildung. Sie werden gnadenlos gedrillt, lernen dabei ihre Waffen sowie ihre neuen Fähigkeiten und ihre außerirdischen Gegner kennen (Assoziationen zu Full Metal Jacket und Starship Troopers stellen sich ein). Zwei Jahre müssen sie als Infanteristen stumpf Befehle befolgen und irgendwie hoffen am Leben zu bleiben (so lange haben sie sich verpflichtet). Und der Ausbilder beschönigt nichts. Er macht den neuen Soldaten klar, dass die Überlebensquote bei den Einsätzen gering ist. Drei Viertel der Rekruten würden im Einsatz voraussichtlich sterben. Doch Perry entpuppt sich als raffinierter Soldat und macht schnell durch besondere Leistungen auf sich aufmerksam. In brenzligen Situationen bewahrt er einen kühlen Kopf und ergreift auch einmal Eigeninitiative, um Situationen zu lösen. Auch ist er in der Lage, zu improvisieren. Was wird aus ihm? 


Auffällig sind die lebhaften, teils witzigen Dialoge, die mich sofort für sich eingenommen haben. Viel Ironie und Sarkasmus wird deutlich (und das auf trockene Art und Weise). Das Buch ist dem „Military-Science-Fiction“ zuzuordnen. Die Schrecken des interstellaren Krieges werden gut deutlich. Diplomatie ist für die Armee ein Fremdwort. Sie kennt mit ihren Gegnern keine Gnade und agiert aggressiv-imperial. Und mit der Zeit findet John einiges heraus, was ethisch bedenklich ist. So wird z.B. massenweise Genozid verübt. Eine klare Kritik an Militarismus, Propaganda, Kriegsverbrechen und der Austauschbarkeit von Menschen in Kampfeinsätzen. Der Krieg wird als etwas Entmenschlichendes dargestellt. Es wird nichts glorifiziert. Letztlich nimmt man an dem Schicksal von John Anteil und verfolgt interessiert, welche Entwicklung er nimmt. Man hofft, dass er überlebt. Als Protagonist hat er Zugkraft. Die Handlung wird ereignisreich vorangetrieben. Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und fand es stark.


Querverweise:

Weitere "Military-Science-Fiction", die ich rezensiert habe:

Peterson, Phillip P.: Das schwarze Schiff
Dittert, Christoph: Fallender Stern
Brandhorst, Andreas: Splitter der Zeit