Russland zwischen 2008 und 2015
Dieses Buch ist 2016 erschienen und thematisiert zwei zentrale Elemente: 1. Es werden Lebensschicksale junger Menschen dargestellt, die nach 1990 geboren wurden. Sie haben die Sowjetunion selbst nicht mehr erlebt und die Krisenjahre der 1990er nur als Kinder mitbekommen. Im Wesentlichen sind sie durch die Regierungsjahre von Putin geprägt worden, der seit 2000 – mit einer vierjährigen Unterbrechung von 2008 bis 2012 – als Präsident an der Macht war. 2. Weiterhin werden gesellschaftspolitisch relevante Ereignisse und Entwicklungen zwischen 2008 und 2015 beschrieben, und das in aspektorientierter Form, also nicht in chronologischer Reihenfolge. Sie werden mit den Lebensgeschichten der Befragten verwoben, die der Autor teils auch mehrmals aufsucht, um eine mehrjährige Entwicklungsperspektive einzunehmen. Aus heutiger Sicht liest sich das Buch nach meinem Empfinden erstaunlich hellsichtig. Einige Alarmzeichen, die darauf hindeuten, in welche Richtung sich Russland entwickeln könnte, finden im Buch Erwähnung. Oft stützt sich der Autor bei seinen allgemeineren Aussagen auf Umfragen vom sog. Lewada-Zentrum (dieses wurde 2016 als „ausländischer Agent“ eingestuft, heute agiert es unter Repressionsbedingungen. Die Ergebnisse sind inzwischen mit Vorsicht zu bewerten, Anm. d. Verf.).
Mir diente die Lektüre v.a. als Auffrischung von Erinnerungen. Was mir wieder klar geworden ist: Russland hat sich eine gewisse Zeit in eine positive Richtung entwickelt. Die Wirtschaft florierte, es gab Phasen von Liberalisierung. Umso bedauerlicher, was das Land v.a. seit ca. 2011/2012 für eine Entwicklung genommen hat und wie es heute noch tiefer in den Abgrund geführt wird (worunter v.a. die Ukrainer zu leiden haben). Auch habe ich mich gefragt, was wohl aus den Interviewten von damals geworden ist. Wo haben sie ihren Platz im System gefunden?
Marat
Er weiß die Freiheit des Internets für sich zu nutzen und ist mit sozialen Netzwerken groß geworden. Sie dienen ihm als zentrale Quelle von Information. Er springt als sog. „Roofer“ von hohen Gebäuden, nimmt die Sprünge mit Hilfe einer Videokamera auf und postet sie anschließend in sozialen Medien. Er führt ein Leben als „Weltenbummler“ und bereist verschiedene Länder. Beiläufig werden auch seine politischen Ansichten deutlich. Später denkt er daran, auszuwandern.
Lena
Sie ist Mitglied in der Jugendorganisation der Kremlpartei „Jedinaja Rossija“, der sog. „molodaja gwardija“. Als Leser erhalten wir einen tieferen Einblick in das Treiben dieser Organisation. Es wird deutlich, dass sie sich im Laufe der Jahre immer weiter radikalisiert hat: „Die Kreml-Jugend ist bekannt für aggressive Aktionen. Vor allem Oppositionelle und Menschenrechtler wurden in der Vergangenheit Ziel ihrer Attacken, daneben russische Schriftsteller und ausländische Diplomaten, aber auch in Ungnade gefallene russische Funktionäre (S. 55).“ Lena offenbar einen interessanten Blick auf den Westen: „Die Mentalität von uns Russen unterscheidet sich sehr von anderen Völkern. Ich habe viel mit Amerikanern, Polen und Tschechen zu tun gehabt. Anders als bei uns ist es in den USA zum Beispiel selten, sich als Kollektiv zu verstehen und für etwas einzustehen. Dort kämpft jeder für sich allein (S. 126).“ In der Abschaffung der Direktwahl der Provinzgouverneure sieht sie einen Vorteil: „Nüchtern betrachtet aber kann es passieren, dass irgendein dahergelaufener Dörfler namens Wasja Pupkin als Gouverneur oder Bürgermeister kandidiert. Alle Verwandten werden ihn wählen, alle Freunde, mit denen er früher auf dem Motorrad durch das Dorf gefahren ist. Ist das richtig? (S.136).“ Auch später, als Lena selbst in die Politik einsteigt und dort auf eine Karriere hofft, ist sie weiter von Putin überzeugt. Er wisse schon, was für sein Land gut sei – besser als die einfachen Bürger (vgl. S. 256). Sie hält ihr eigenes Volk für unmündig und traut ihm wenig zu. Sich selbst spricht sie sogar das Recht ab, den Präsidenten in Frage zu stellen (vgl. S. 256-257).
Alexander
Alexander lebt in einem psychoneurologischen Internat und an seinem Beispiel wird die Behindertenarbeit in Russland ins Zentrum gerückt. Tag für Tag muss er noch immer darum kämpfen, gesehen und akzeptiert zu werden. Er setzt sich auch für Verbesserung im Internat ein. Alexander hat gelernt, fremde Menschen um Hilfe zu bitten und sein sehnlichster Wunsch ist es, ein selbstbestimmtes Leben ohne Betreuung zu führen. Er würde gern in naher Zukunft aus dem Heim ausziehen und in einer WG leben. Doch bis das gelingt, muss er noch viele Hürden nehmen. Die Behörden scheuen davor zurück, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Was ist, wenn Alexander etwas passiert?
Und es wird nur allzu deutlich, wie rückständig und menschenunwürdig die Arbeit mit Behinderten zu Zeiten der Sowjetunion war. Der Mangel wurde nur verwaltet. Die Zustände waren katastrophal. Menschen mit Behinderungen wurden (oft von ihren eigenen Eltern) als sog. „Otkasniki“ in staatliche Einrichtungen abgeschoben und dort lediglich „aufbewahrt“. Demgegenüber hat sich die Situation in Russland zwar gebessert. Die Gesellschaft ist insgesamt toleranter geworden und inzwischen haben Menschen mit Behinderungen ein Recht auf ein würdiges Leben, aber es gibt immer noch viel zu tun. So herrsche immer noch ein Mangel an Sonderpädagogen, behindertengerechten Ausbildungsplätzen und v.a. Geld. Welche Zustände in einem Heim herrschten, würden darüber hinaus sehr von den Leitungspersonen abhängen, wie der Autor verdeutlicht.
Wera
Wera ist an der journalistischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität eingeschrieben und schreibt für kremlkritische „Nowaja Gaseta“, für die auch Anna Politkowskaja damals schrieb, bevor sie ermordet wurde (seit 2022 ist die Zeitung in Russland verboten, sie arbeitet seitdem im Exil, Anm. d. Verf.). Wera hat es mit ihrer oppositionellen Haltung an ihrer eigenen Fakultät schwer. So wird sie z.B. zu einem Gespräch mit dem Fakultätspräsidenten eingeladen und muss sich anhören, dass sie sich nur profilieren wolle. Wir erhalten am Beispiel des Schicksals von Wera einen Eindruck von der journalistischen Arbeit in Russland. So werde um Putin herum ein regelrechter Personenkult betrieben. Es würden offensichtliche Lügengeschichten erfunden, um ihn in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Gleichzeitig habe die Opposition wenig Rückhalt im Volk und sei auch untereinander sehr zerstritten. Es gebe keine ernsthafte Alternative zu Putin. Die Bevölkerung unternehme zu wenig, um der allmählichen Beschneidung ihrer Freiheitsrechte entgegenzutreten (z.B. Beschneidung des Versammlungsrechts etc.). Zu viele Russen hätten den autoritären Kurs von Putin mitgetragen und zu wenig in Frage gestellt. Wera träumt von einem anderen Russland, v.a. von einem Land, das frei ist von Korruption. Später wandert sie nach Kiew aus. Von ihrer Heimat ist sie desillusioniert. Sie glaubt nicht mehr an eine Veränderung. Ihrer Meinung nach hätten die Russen in wirtschaftlicher Hinsicht zu viel zu verlieren, so dass sie nicht auf die Straße gehen. Den Ukrainern ginge es wesentlich schlechter. Sie hätten weniger zu verlieren…
Taissa
Taissa lebt in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Im Zusammenhang mit ihrem Schicksal wird die bewegte Geschichte zwischen Russland und Tschetschenien vertieft. Inzwischen ist in Tschetschenien eine Diktatur errichtet worden, mit Ramsan Kadyrow als Statthalter, um Ruhe in die Region zu bringen. Mit Hilfe des Geldes aus Moskau hat er Grosny wieder aufgebaut und eine Gewaltherrschaft errichtet. Er geht erfolgreich gegen islamistische Rebellen vor, was ganz im Sinne Moskaus ist. Kadyrow hat Putin die Treue geschworen (und hält bis heute zu ihm, Anm. d. Verf.).
Weitere Informanten
Es kommen noch weitere junge Menschen vor, die ebenfalls interviewt wurden. Über sie wird aber teilweise nur wenig berichtet. Dazu gehören z.B. Adam aus Grosny, der nach Deutschland ausgewandert ist, sowie Diana aus Sotschi, eine patriotische Jungaktivistin, die mit dem Gedanken spielt, sich in den Medien zu engagieren. Und weitere, die ich hier nicht namentlich erwähne.
Die Machtübergabe
Einen inhaltlichen Schwerpunkt dieses Buches bildet die genauere Betrachtung der Jahre 2011 und 2012, als Medwedew seine Macht wieder an Putin übergab. So gab es nach den manipulierten Parlamentswahlen Massenproteste (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar). Es war das letzte Aufbäumen gegen das Regime und eine der aussichtsreichsten Proteste seit Jahren. Doch Putin hat aus diesem Ereignis seine Schlüsse gezogen und fortan alles unternommen, um die Opposition zu schwächen und größere Proteste zu unterbinden. Putin radikalisierte sich fortan immer stärker und entfernte sich immer weiter vom Westen. Die nachfolgende Entwicklung ist bekannt…
Der „homo sovieticus“
Der Soziologe Juri Lewada hat sich an einer Beschreibung des Sowjetmenschen probiert (über die natürlich trefflich gestritten werden kann): „Duldsamkeit und Obrigkeitshörigkeit, politische Passivität gepaart mit der Sehnsucht nach einem starken Staat und kollektiven Errungenschaften, der Westen als festes Feindbild (S. 211).“ Keine guten Voraussetzungen für einen Sturz des Systems Putin…
Die „Generation Putin“
In der kurzen Phase der Liberalisierung des Landes habe die Jugend trotzdem den Wunsch nicht verloren, ihr Land als Supermacht wiederhergestellt zu sehen. Der Patriotismus sei immer noch stark ausgeprägt und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sei unterblieben. In den Schulen sei das kritische Denken zu wenig gefördert worden. Die Überzeugungen der „Generation Putin“ seien ähnlich konservativ wie die ihrer Eltern. Eine bittere Analyse…
Weitere relevante Ereignisse die erwähnt werden, v.a. auch im Hinblick darauf, wie sie von der russischen Gesellschaft wahrgenommen wurden: die Geschehnisse um Pussy Riot, der Umgang des Kreml mit Nawalny, die olympischen Spiele in Sotschi, die Annexion der Krim, die Proteste auf dem Maidan etc.
Querverweise:
Weitere Russlandbücher:
Adler, Sabine: Was wird aus Russland?
Weitere Russlandbücher:
Adler, Sabine: Was wird aus Russland?
Atai, Golineh: Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist
Bondarew, Boris: Im Ministerium der Lügen
Dornblüth, Gesine und Thomas Franke: Jenseits von Putin
Dornblüth, Gesine und Thomas Franke: Jenseits von Putin
Eltchaninoff, Michel: In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten
Esipov, Vladimir: Die russische Tragödie
Fritsch, Rüdiger von: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen
Kostjutschenko, Jelena: Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben
Esipov, Vladimir: Die russische Tragödie
Fritsch, Rüdiger von: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen
Kostjutschenko, Jelena: Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben
Sweeney, John: Der Killer im Kreml
Ulitzkaja, Ljudmila: Die Erinnerung nicht vergessen





