Freitag, 19. August 2022

Owens, Delia - Der Gesang der Flusskrebse


5 von 5 Sternen


Geschichte einer Außenseiterin

Der Debutroman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens ist zu einem Welterfolg geworden. Seit drei Jahren ist es eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt, immer in den Bestsellerlisten zu finden. Im August 2022 startet noch dazu die Verfilmung. An mir ist dieser Hype bisher völlig vorbei gegangen. Ein Grund für mich, mir das Buch einmal genauer anzuschauen und herauszufinden, was es so erfolgreich macht.

Ein Grund für den Erfolg könnte sein, dass es beim Lesen viele Emotionen auslöst. Im Zentrum steht eine Außenseiterin namens Kya, die mit einem gewalttätigen Vater aufwächst. Nach und nach wird sie erst von ihrer Mutter, dann von ihren Geschwistern verlassen und muss sich mit dem Vater allein herumschlagen. Das löst Betroffenheit und Mitleid beim Leser/ bei der Leserin aus. Im Alter von 10 Jahren überlässt der Vater Kya sich selbst, verschwindet spurlos und Kya wird zur Selbstversorgerin, sie schlägt sich alleine durch, muss sich in der Marsch behaupten und ihr Leben bestreiten. Auch hier verfolgt man das Schicksal des Mädchens mit einer Mischung aus Mitgefühl und Ergriffenheit. Und man ist dankbar dafür, dass sei auf so ehrliche Leute wie Jumpin und Mable trifft, die ihr helfen und sie nicht ausgrenzen wie andere.

Die nächsten großen Gefühle bei der Lektüre werden dadurch ausgelöst, dass Kya mit dem anderen Geschlecht in Berührung kommt. Hier haben wir zwei interessante männliche Kontrastfiguren: Den einfühlsamen, sanften und rücksichtsvollen, fürsorglichen Tate einerseits und den ungestümen und durchtriebenen Chase andererseits. Man wünscht sich als Leser:in für Kya das Beste und hofft, dass sie ihr Glück findet und man möchte sie warnen vor naiven Entscheidungen. Ich bin eigentlich kein Freund von Liebesgeschichten, aber ich muss gestehen, dass diese hier mich schon bewegt hat. Die Darstellung der Beziehung zu Tate war nicht kitschig, sondern gefühlvoll und romantisch. Und bei Chase fragt man sich die ganze Zeit, welche Absichten er verfolgt und ob er es ehrlich mit ihr meint. Aber ich bin dennoch froh, dass die Liebesgeschichte(n) in diesem Buch die Handlung nicht zu sehr dominiert haben. Die Familiengeschichte zu Beginn und die Krimielemente zwischendurch sorgen meines Erachtens für genügend Abwechslung, so dass es sich nicht um einen reinen Liebesroman handelt.

Die nächsten großen Emotionen bei der Lektüre werden dann ausgelöst, als Kya unter Mordverdacht gerät. Man möchte auf der einen Seite wissen, was passiert ist, warum und auf welche Weise Chase umgekommen ist, aber man möchte auch daran glauben, dass Kya unschuldig ist und wünscht sich Gerechtigkeit für dieses arme Mädchen, die von ihrer Umwelt so achtlos behandelt wird.

Ein weiteres Erfolgsrezept dieses Werks könnte also sein, dass es sich nicht an Genregrenzen hält und damit für Abwechslung sorgt. Hier werden Liebesgeschichte, Krimi und Gerichtsdrama miteinander verquickt. Hatte ich am Anfang noch die Sorge, dass es sich lediglich um eine Liebegeschichte mit Krimielementen handelt, so bin ich doch zufrieden gewesen, als es auf den letzten 140 Seiten, also ab Kapitel 38, zu einer Zäsur kommt und ein spannender, mitreißender Gerichtsprozess dargelegt wird, in den dann auch immer wieder interessante und aufschlussreiche Rückblenden integriert werden. Von diesem Zeitpunkt an wird auch das Tempo höher, die Kapitel werden kürzer. Das hat mir gut gefallen. Grundsätzlich finde ich die erzählerische Gestaltung gelungen. Am Anfang werden immer wieder Kapitel zu den Mordermittlungen eingebaut, am Ende sind es dann die Rückblenden, die Ereignisse rund um die Mordgeschehnissen beleuchten. Das ist gut gemacht, sorgt für Auflockerung und dafür, dass man als Leser:in mitfiebert.

Nicht zuletzt möchte ich erwähnen, dass auch die atmosphärischen Beschreibungen der Umgebung gelungen und anschaulich sind. Die Marschlandschaft wird gut und bildhaft eingefangen. Man kann sich die Handlungsorte gut vorstellen. Die Naturbeschreibungen sind detailliert und facettenreich. Toll! Das findet man auch nicht in jedem Roman in dieser Qualität.

Letztlich findet man also viele Gründe dafür, warum dieser Roman so erfolgreich sein könnte. Ich kann die Begeisterung für dieses Werk nachvollziehen. Lediglich einen kleinen Kritikpunkt hätte ich anzubringen: Das Ende war mir zu vorhersehbar. Das hat mich aber nicht so gestört, dass ich dafür jetzt einen Stern abziehen würde.

 

Fazit: 

Ein Buch mit einer starken, außergewöhnlichen Hauptfigur, das Emotionen beim Lesen auslöst. Kya ist die meiste Zeit über in der Opferrolle, sie wird ausgegrenzt und schlecht behandelt, man leidet mit ihr mit, wünscht sich Gerechtigkeit für sie und hofft, dass sie ihr Glück findet. Gleichzeitig ist man beeindruckt davon, wie selbstständig sie ihr Leben in der Marsch meistert, auch wenn dieses völlig andersartig ist. Das Werk emotionalisiert und bewegt. Es überschreitet dabei Genregrenzen und ist in erzähltechnischer Hinsicht gelungen gestaltet. Auch die Atmosphäre der Marschlandschaft wird sehr gut beschrieben. Ein tolles Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann, auch wenn das Ende etwas vorhersehbar ist. 5 Sterne!

Montag, 15. August 2022

Enzensberger, Theresia - Auf See


4 von 5 Sternen


Intellektuelle Dechiffrierarbeit

Wer gerne einen experimentellen und ungewöhnlichen Roman lesen möchte, der ist bei „Auf See“ von Theresia Enzensberger genau richtig. Die besondere Leistung der Autorin besteht in meinen Augen darin, dass sie auf eine Montagetechnik zurückgreift, die ich in der Form so noch nicht gelesen habe. In erzähltechnischer Hinsicht finde ich dieses literarische Experiment gelungen und innovativ.

In die Haupthandlung, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten will, zumal der Klappentext alles Wichtige dazu verrät, werden sogenannte „Archiv-Kapitel“ integriert, die assoziativ und leitmotivisch miteinander verbunden sind. So entsteht eine Art Collage. Über die Frage, ob es sich aber tatsächlich um eine Montage handelt und ob die von Enzensberger gewählte Form von der klassischen Montage-Technik im Stile eines Alfred Döblin abweicht, darüber sollen sich die Literaturwissenschaftler streiten. Das soll im Rahmen dieser Rezension nicht weiter vertieft werden. Nach meiner Ansicht lehnt sich die Autorin hier an die Leitmotivmontage und assoziative Montage an, wie man sie aus Filmen kennt.

Der inhaltliche Zusammenhang zwischen den Archiv-Kapiteln und zwischen der Haupthandlung und diesen Kapiteln muss dann in einer Art intellektueller Dechiffrierarbeit vom Leser/von der Leserin erschlossen werden. So finden wir z.B. einen Text zu Hintergründen über Gregor MagGregor, einem Hochstapler aus dem 19. Jh. In einem weiteren Archiv-Kapitel erfahren wir etwas über die Insel Ascension, auf der im 19. Jh. durch Charles Darwin und Joseph Hooker eine Art Terraforming-Projekt durchgeführt wurde. Auch lernen wir in einer kurzen Skizze Leicester Hemingway kennen, den Bruder von Ernest Hemingway. In einem weiteren Archiv-Kapitel wird uns die Republik Nauru mitsamt ihrer Kolonialgeschichte nähergebracht. Die Scientology-Sekte wird ebenfalls in den Blick genommen. Die Entstehung des Neoliberalismus wird dargestellt. Und nicht zuletzt geht es um die Geschichte der Piratenkommune Libertatia. Letztlich kann man viele Parallelen zum Leben auf der Seestatt und zu Yadas Vater ziehen. Allerdings muss man sich auf diese Art von Lektüre einlassen wollen. Es ist schon durchaus herausfordernd, den einzelnen Textkomponenten einen Sinn zu entnehmen, ihnen einen Zusammenhang zu verleihen und sie mit der Haupthandlung in Beziehung zu setzen. Es ist also kein Buch, das man mal eben so schnell herunterliest. Ich empfand die Lektüre eher als eine intellektuelle Anregung, man lernt einiges dazu. Aber ich musste schon in Stimmung dazu sein.

Auch wenn ich die Erzähltechnik anspruchsvoll, innovativ und absolut anerkennenswert finde, sie ist die große Stärke des Buchs, so kann ich diesem Werk keine 5 Sterne geben. Dafür war die Darstellung der Haupthandlung einfach zu schwach, mit Ausnahme der Zäsur in der Mitte des Buchs. Sie hatte für mich zu wenig Triebkraft, ich hatte zu wenig offene Fragen im Kopf, vieles fand ich auch zu nebulös und vage dargestellt. Den Schreibstil empfand ich als zu nüchtern und zu pragmatisch-sachlich. Die Figurenzeichnung von Yada, von ihrem Vater und von Helena war mir zu hölzern, zu distanziert, zu wenig greifbar. Auch den Blickwinkel von Helena habe ich über lange Zeit als zu sperrig und zu wenig kontextualisiert wahrgenommen. Die Perspektive von Yada fand ich viel lesbarer. Die Darstellung der Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren hat mich nicht berührt. Mir fehlte auch eine weitere Vertiefung der Vater-Tochter-Beziehung. Das Lesen löste grundsätzlich zu wenige Emotionen bei mir aus. Auch die vielen Perspektivwechsel am Ende des Buchs fand ich unpassend. Mir fehlten genauere Beschreibungen der Handlungsorte, es kommt keine Atmosphäre auf. Weder die Seestatt noch das Festland werden sonderlich detailliert dargestellt. Bei mir wollte bei der Lektüre der Funke einfach nicht so recht überspringen, das mag anderen Leser:innen anders gehen. Für mich geht der Einsatz der Montageetechnik zu sehr auf Kosten der Haupthandlung.

 

Fazit

Dieses Buch ist für solche Leser:innen geeignet, die intellektuell gefordert werden wollen und nicht vor Dechiffrierarbeit zurückschrecken. Die Erzähltechnik der Montage wird gekonnt eingesetzt, sie ist die große Stärke des Buchs. Aber sie ist auch herausfordernd. Leider konnte mich die Haupthandlung nicht überzeugen. Deshalb nur 4 Sterne, nur knapp an den 3 Sternen vorbei.

Samstag, 13. August 2022

Spencer, Bud - Mein Leben, meine Filme. Der erste Teil meiner Autobiografie.


5 von 5 Sternen


Bud – demütig und authentisch

Mit den Filmen von Bud Spencer bin ich groß geworden, ich habe sie mehrfach geschaut und liebe sie bis heute. Der Tod des weltberühmt gewordenen italienischen Schauspielers am 27. Juni 2016 war ein trauriger Tag für mich. Aus nostalgischen Gründen habe ich nun den ersten Teil seiner Biographie gelesen, die Carlo Pedersoli 2010, im Alter von 81 Jahren, verfasst hat. Und ich habe die Lektüre sehr genossen und mich dabei lebhaft an ihn erinnert.

Der Schreibstil ist durchgängig locker und amüsant. Carlo Pedersoli wirkt unheimlich ehrlich und auch selbstkritisch. Im reifen Alter blickt er auch auf sein jüngeres Ich zurück und geht mit sich selbst hart ins Gericht. Leichtsinnig, ungestüm und gedankenlos sei er als junger Mann gewesen. Mit Interesse habe ich den Bericht über seine Schwimmerkarriere gelesen, die ihm nach eigener Aussage mit Leichtigkeit zufiel. Er habe kaum trainiert und vor dem Sprung ins Becken habe auch die Zigarette nicht fehlen dürfen. Auch seine Aufenthalte in Südamerika lesen sich äußerst interessant. Dort sei er zu einem selbstständigen Mann herangereift. Seine Ausführungen zur Schauspielerei wirken sehr demütig, bescheiden und bodenständig. Er betrachte sich selbst gar nicht als richtigen Schauspieler, er sei mehr in dieses Geschäft hineingestolpert und habe nicht auf eine Karriere als Schauspieler hingearbeitet.  Das Filmemachen sei anfangs lediglich eine Möglichkeit gewesen, Geld zu verdienen, ein Job, keine Berufung. Und er spricht mit höchstem Respekt von seinen Schauspielkollegen und Regisseuren, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Das alles lässt ihn unheimlich sympathisch wirken. Ich hatte jedenfalls nicht den Eindruck, dass Pedersoli mit diesen Aussagen kokettieren will. Er macht einfach deutlich, dass er auch unheimlich viel Glück gehabt hat. Er selbst hätte niemals gedacht, dass seine ersten Filme so erfolgreich würden.

Unheimlich interessant fand ich die Ausführungen von Pedersoli zu seiner Freundschaft mit Terence Hill. Beide hätten auf der gleichen Wellenlänge gelegen. Die Freundschaft sei über die professionelle Zusammenarbeit hinausgegangen, sie wurde auch hinter den Kulissen gelebt. Wirklich toll!

Bereichert wird das Werk um interessante Anekdoten rund herum ums Filmgeschäft und um Bilder, die Pedersoli privat und in seinen Filmen zeigen.

 

Fazit

Wer sich aus nostalgischen Gründen an den Schauspieler Bud Spencer und seine „Spaghetti-Western“ und „Haudrauf-Komödien“ erinnern will, der sollte dieses Buch lesen. Auf diese Weise kann man herrlich in Erinnerungen schwelgen und lernt auch den Menschen hinter der Rolle kennen. Ich fand die Biographie sehr lesenswert und den Schreibstil angenehm. Da ich nichts auszusetzen habe, vergebe ich volle 5 Sterne.

Freitag, 12. August 2022

Winkelmann, Andreas - Das Letzte, was du hörst


4 von 5 Sternen


Ein „bodenständiger“ Thriller mit Schwächen bei der Auflösung am Ende

Der Thriller „Das Letzte, was du hörst“ von Andreas Winkelmann verfügt über alle nötigen Zutaten, die ein guter Thriller braucht: gut ausgearbeitete Figuren wie eine toughe Kommissarin und einen kauzigen Gerichtsmediziner sowie interessant gestaltete Täter und Opfercharaktere. Hinzu kommt ein verzwickter Fall, bei dem der Spannungsbogen ebenfalls gut ausgeprägt ist. Bis zum Ende bleibt vieles offen, so dass ein gutes Maß an Spannung erzeugt wird.

Man fragt sich die ganze Zeit, ob man es bei dem Mord wirklich mit einer klassischen Beziehungstat zu tun hat oder ob nicht doch mehr dahinter steckt. Wie bei Thrillern üblich, gilt es im Verlauf der Handlung, einige Zusammenhänge aufzudecken, das treibt die Handlung zwar gut voran. Allerdings muss man sich schon sehr in Geduld üben, bis klar wird, wie die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhängen. Hier hätte ich mir schon gewünscht, als Leser nicht ganz so lange auf die Folter gespannt zu werden.

Was mir nur aufgefallen ist: Der Thriller ist längst nicht so künstlerisch durchkomponiert wie z.B. die Thriller „Kaltherz“ von Henri Faber oder „Das Loft“ von Linus Geschke (vgl. frühere Rezensionen). Das muss jetzt aber nicht schlecht sein, das will ich damit nicht sagen. Es ist einfach nur auffällig. Auf mich wirkte dieses Werk einfach weniger durchkonstruiert, und dadurch irgendwie „natürlicher“ und „bodenständiger“. Die Perspektivwechsel ereigneten sich nach meinem Gefühl eher beliebig und zufällig, sie waren nicht auf den Punkt exakt „getimt“, nicht so systematisch. Auch die sprachliche Gestaltung kommt unauffälliger und weniger ausgefeilt daher, dadurch wirkt sie „gewöhnlicher“ und „authentischer“. Aber wie gesagt, das ist nichts, wodurch das Buch an Qualität einbüßt, denn die Spannung stimmt trotzdem. Der Schreibstil ist dynamisch und flott. Das Tempo ist hoch. Während des Lesens habe ich keine Längen verspürt.

Was mir auch gut gefallen hat: Die Täterperspektive kommt nicht zu blutrünstig daher. So etwas mag ich persönlich nicht. Deshalb war ich bei der Lektüre froh, dass ausführliche Details der Morde nicht zu sehr in den Fokus rückten.

Dennoch kann ich nicht die vollen fünf Sterne für diesen Thriller vergeben, denn die Auflösung am Ende war für mich nicht überzeugend. Nach meinem Empfinden sind nicht alle Zusammenhänge plausibel aufgelöst worden. Ich fand das Ende auch nicht so überraschend wie erhofft und es war mir auch zu konstruiert. Plötzlich greift eine Figur in die Handlung ein, die vorher keine große Rolle gespielt hat. Das hat mir nicht gut gefallen. Das Motiv des Mörders fand ich nicht plausibel dargelegt. Auch fehlten mir die überraschenden Wendungen im Stil eines Henri Faber.

Und noch ein Wunsch fürs nächste Mal: Aus anderen Thrillern kenne ich es, dass Kapitel oft den Namen der Protagonisten als Überschrift nutzen, um die Orientierung für den Leser/die Leserin zu erleichtern. Das hätte ich auch hier hilfreich gefunden. Denn zu Beginn eines neuen Kapitels musste ich mich oft kurz orientieren, welcher Perspektive ich nun folge.

 

Fazit

Ein Thriller, der ohne größere erzählerische „Tricks“ daherkommt, ein bodenständiger Thriller, handwerklich gut gemacht, mit einem guten Spannungsbogen, hohem Tempo, guter Dynamik und einer ansprechenden Figurenzeichnung. Wäre die Auflösung am Ende überzeugender gewesen, hätte ich volle fünf Sterne vergeben. So bleibt es bei vier Sternen. Empfehlenswert ist der Thriller auf jeden Fall, man wird gut unterhalten, es kommt keine Langeweile auf. 

Montag, 1. August 2022

Clima, Gabriele - Der Geruch von Wut


5 von 5 Sternen


Die Tragweite einer falschen Entscheidung

Was passiert, wenn man in seinem Leben eine verhängnisvolle Entscheidung trifft und den falschen Weg einschlägt? Genau um diese Frage geht es in dem Jugendbuch „Der Geruch von Wut“ aus der Feder von Gabriele Clima.

Alex hat einen tragischen Schicksalsschlag erlitten, sein Vater ist bei einem Autounfall verstorben. Und es entwickelt sich ein ungeheuerlicher Zorn in ihm. Er will sich an dem Fahrer rächen, dem er die Schuld für den Unfall gibt. Er durchstreift die Stadtviertel, immer auf der Suche nach seinem Feind. Blind und rasend vor Wut trifft er dann eine verhängnisvolle Entscheidung, er schließt sich den „black boys“ an und gerät damit auf die schiefe Bahn, mitten hinein in eine Spirale der Gewalt. Und es stellt sich die alles entscheidende Frage: Wie wird sich Alex entwickeln? Wird er seinen inneren Kompass verlieren? Oder findet er doch einen Weg hinaus?

Dem Autor gelingt es gut, den Kontrast zwischen der Liebe und Fürsorge der Mutter auf der einen Seite und der Härte der „black boys“ auf der anderen Seite zum Ausdruck zu bringen. Alex befindet sich in einem Zwischenraum, hin- und hergerissen zwischen seiner Mutter und der Jugendgang. Die Mutter ist der Anker im Leben von Alex. Beide vermissen schmerzlich den Vater bzw. Ehemann. Doch trotz dieser Verbundenheit im Schmerz erzählt Alex seiner Mutter noch lange nicht alles, was er so treibt. Doch seine Mutter fühlt intuitiv, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Sie redet ihm ins Gewissen. Und sie will wissen, was los ist. Und beim Lesen wird die Handlung vor allem dadurch gut vorangetrieben, dass man sich fragt, was aus Alex wird. Welchen Weg wird er einschlagen? Wird er die richtigen Entscheidungen treffen? Wird er sich seiner Mutter anvertrauen?

Der Schreibstil ist einfach und klar, so wie auch die schwarz-weiß-Sicht von Alex einfach und klar ist. Und am Ende des Romans gibt es eine überraschende erzählerische Wendung, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten will. Der Inhalt noch einmal in ein anderes Licht gerückt. Das ist sehr gut gemacht!

 

Fazit

Ein gutes Jugendbuch mit einer überzeugenden Figurenzeichnung, das zum Nachdenken anregt und aufzeigt, wie schnell man auf die schiefe Bahn geraten kann. Man verfolgt die Entwicklung von Alex gebannt und hofft während des Lesens darauf, dass sich alles zum Guten wendet. Da ich nichts an dem Buch auszusetzen habe und den aufrüttelnden Inhalt gelungen umgesetzt finde, vergebe ich 5 Sterne und spreche eine Empfehlung aus!

Ware, Ruth - Der Tod der Mrs. Westaway


4 von 5 Sternen


Erbstreitigkeiten und Familiengeheimnisse

In ihrem Thriller „Der Tod der Mrs. Westaway“ entwirft Ruth Ware eine interessante Protagonistin: Eine Tarot-Kartenlegerin, Kurzform Hal, die unverhofft ein Erbe ihrer vermeintlichen Großmutter antreten soll. Sie zeichnet sich durch eine gute Beobachtungsgabe und Gutmütigkeit aus. Sie nimmt ihre Kunden nicht einfach aus, sondern sie hat das Herz am rechten Fleck. Das wird gut deutlich! Doch leider hat sie Geldschwierigkeiten, da kommt eine mögliche Erbschaft gerade recht. Und schon auf den ersten Seiten fragt man sich, was es mit der Erbschaft auf sich hat und wie die Protagonistin damit umgehen wird. Wird sie die anderen Familienmitglieder täuschen, um an das Geld zu kommen? Wie wird sie sich entscheiden? Wird sie das Erbe antreten, das ihr eigentlich nicht zusteht? Oder kommt ihr vielleicht vorher jemand auf die Schliche?

Der Thriller wird weitestgehend geradlinig erzählt, wir folgen Hal und ihren Gedanken, sind nah an ihr dran. Nur ab und zu gibt es ein paar eingeschobene Kapitel, die aus der Sicht einer anderen Figur erzählt werden. Hier entsteht der Reiz dadurch, dass man nicht weiß, aus welchem Blickwinkel die Ereignisse geschildert werden. Es dauert eine gewisse Zeit, bis aufgelöst wird, wer dort berichtet. Das erzeugt Neugier beim Lesen.

Spätestens mit Hals Eintreffen beim Herrenhaus wird auch eine schauerliche Atmosphäre erzeugt. Das liegt einerseits an dem gut beschriebenen Handlungsort, andererseits an der mysteriösen Mr. Warren, der Haushälterin, die sich eigenartig verhält. Sie erscheint zornig, wütend und misstrauisch. Bei ihr fragt man sich die ganze Zeit, was sie im Schilde führt.

Auch einige Wendungen werden von der Autorin geschickt platziert. Das verleiht der Handlung noch einmal Triebkraft und sorgt für Überraschungseffekte. Die Autorin versteht ihr schriftstellerisches Handwerk! Nur die Auflösung am Ende hat mich dann doch nicht so recht überzeugt. Ich fand sie weder sonderlich überraschend noch besonders einfallsreich. Auch Tempo, Dynamik und Spannung hätten insgesamt ausgeprägter sein können.

 

Fazit

Typisch Ruth Ware! Ein abgelegener und von der Außenwelt weitestgehend abgeschnittener Handlungsort, eine interessante Hauptfigur und ein überschaubares, gut aufeinander abgestimmtes und durchdacht angelegtes Figurenensemble machen den Reiz dieses Thrillers aus. Lediglich das Ende hätte überraschender ausfallen können. Und auch die Spannung hätte nach meinem Empfinden stärker ausgeprägt sein können. Auch Tempo und Dynamik fehlten mir. Deshalb „nur“ 4 Sterne!

Morris, Brandon Q - Möbius


4 von 5 Sternen


Zeit außer Kontrolle

In seinem Zeitreise-Thriller „Möbius“ schickt Brandon Q Morris die Leser dieses Mal nicht auf eine Reise in den Weltraum, sondern bleibt die meiste Zeit auf der Erde. Im Zentrum steht die Entdeckung eines mysteriösen Artefakts, mit dessen Hilfe man Nachrichten durch die Zeit schicken kann. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Auf der einen Zeitebene erforscht der ambitionierte, aber chaotische Nachwuchsforscher Max, der Albert Einsteins Relativitätstheorie verbessern möchte, das Artefakt, auf der anderen Zeitebene will die mutige und intelligente Forscherin Elisabeth das Artefakt aus einem Schacht in Island bergen und näher untersuchen. Dabei spielt auch ein mysteriöser Brief aus der Zukunft eine wichtige Rolle, der schon seit 19 Jahren auf sie gewartet hat (Der Film „Zurück in die Zukunft“ lässt grüßen).

Unklar bleibt leider bis zum Schluss, wie die beiden Zeitebenen genauer zusammenhängen und wer das Artefakt auf der Erde platziert hat. Die Auflösung dieses Rätsels verschiebt der Autor vermutlich in den nachfolgenden Band. Das fand ich etwas schade. Gleichzeitig würde ich gerne wissen, wie es weitergeht, so dass ich wohl auch „Möbius II“ und „Möbius III“ noch lesen werde.  

Insgesamt fand ich die Zeit-Phänomene, die beschrieben werden, sehr interessant, aber zugleich auch sehr verwirrend. Aber die Idee, die dem Roman zugrunde liegt, ist auf jeden Fall mal etwas Neues, das ich so noch nicht gelesen habe. Auch die Einbindung der Topographie als Teilbereich der Mathematik fand ich interessant. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht immer mitgekommen bin und längst nicht alle Passagen des Textes verstanden habe. Teilweise habe ich auch während des Lesens innegehalten, Textabschnitte nochmals genauer gelesen und mir versucht die beschriebenen Phänomene vorzustellen. Es hat leider nicht immer geklappt. Aber irgendwie fand ich genau das auch reizvoll, man wird beim Lesen ganz schön gefordert und muss viel über das Gelesene nachdenken. Andere Leser:innen mag das aber durchaus abschrecken.

Wie es für Hard-Science-Fiction-Romane üblich ist, steht die Figurenzeichnung nicht unbedingt im Zentrum. So auch hier. Dementsprechend sollte man die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen, man muss einfach wissen, worauf man sich einlässt. Für mich werden die Schwächen bei der Gestaltung der Charaktere aber durch die ansprechende Vermittlung von naturwissenschaftlichen Phänomenen aufgewogen.

Auch das Nachwort „Die neue Biografie der Zeit“ fand ich wieder sehr lesenswert und informativ. Hier wird das Gelesene noch einmal theoretisch untermauert und es wird deutlich, dass der Autor aktuelle Erkenntnisse der Physik einbezieht, um die Handlung zu entwerfen. Absolut lobenswert! U.a. wird eine Theorie erwähnt, in der das Gedankenspiel angestellt wird, dass Zeit auch rückwärts laufen kann. Sehr faszinierend!

 

Fazit

Ein typischer Hard-Science-Fiction-Roman, bei dem die Figurenzeichnung zwar zu wünschen übrig lässt, bei dem die zugrundeliegende Idee eines außer Kontrolle geratenen physikalischen Zeitphänomens aber überzeugt. Ich konnte mich auf alles einlassen und habe mit viel Faszination die Handlung verfolgt. Da mir aber zu viel offen gelassen wurde, vergebe ich nur 4 Sterne.

Empfohlener Beitrag

Owens, Delia - Der Gesang der Flusskrebse