Ameisen am Wegesrand
Eines Tages erhält der humanoide Roboter „Rob“ die Anweisung, die von ihm bewachte Kolonie auszulöschen und jeden einzelnen Menschen, der in ihr lebt, zu erschießen. Emotionslos führt er seinen Auftrag aus und kehrt danach in die Zentrale zurück, um zu einem neuen Einsatzort geschickt zu werden. Er soll die Bewohner einer neuen Siedlung überwachen und beschützen.
Die Population in den Siedlungen wird von außen gezielt kontrolliert. Die Menschen in den Kolonien werden genetisch manipuliert. So will man ihr Aggressionspotential senken, den IQ steigern und Krankheitsraten minimieren. Welche Strukturen hinter den Gemeinden stecken erfahren wir erst nach und nach, so dass der Beginn des Buchs höchst mysteriös ist. Dass die Dorfbewohner lediglich Versuchskaninchen sind, wissen sie nicht.
Im weiteren Handlungsverlauf lernen wir das neue Dorf von Rob kennen. Die Menschen darin leben von der Landwirtschaft und sind sich der Anwesenheit von Maschinenwesen bewusst. Sie wissen, dass Raumschiffe in andere Sternensysteme fliegen, gesteuert von KI-Systemen, und dass Maschinenstädte existieren, in den Menschen keinen Platz haben. Irgendetwas scheint der Menschheit in der Vergangenheit zugestoßen zu sein. Von ihrer hochtechnisierten Zivilisation ist nichts übriggeblieben. Doch wie kam es dazu?
Rob wird von den Bewohnern der Siedlung akzeptiert und er lehrt sie nützliche Dinge. Zwei Jugendliche werden ausgewählt, denen Rob eine besondere Förderung zukommen lässt: Nora und Peter. Sie sollen mehr über die Vergangenheit der Menschheit erfahren und werden auch dazu angeleitet, verschiedene technische Geräte herzustellen. Das Ziel dieser Förderung bleibt im Dunkeln.
Es zeigt sich, dass Nora ein besonders begabtes, neugieriges und aufgewecktes Mädchen ist. Schon bald beginnt sie, die Autorität von Rob zu hinterfragen. Und auch Peter versteht, dass Rob den Jugendlichen nicht auf alle Fragen bereitwillig Auskunft erteilt, sondern nur selektiv Informationen bereitstellt. Irgendwann wollen Peter und Nora herausfinden, was es jenseits des Dorfes gibt. Sie ergreifen die Flucht. Bald darauf stoßen sie auf weitere Menschen, die im Untergrund leben und sie vor den Maschinen und vor Rob warnen. Die beiden kehren in ihr Dorf zurück, um die Menschen zu befreien und Rob auszuschalten. Wird ihr Vorhaben gelingen? Wie wollen sie den übermächtigen Roboter aus dem Weg räumen? Und wie wollen sie Dorfgemeinschaft davon überzeugen, zu rebellieren?
Es ist ein Buch über die Kraft der menschlichen Neugier und eine Vision darüber, was passieren könnte, wenn die Menschheit sich selbst abschafft, indem sie sich zu sehr von Maschinen und KI abhängig macht. Besonders lesenswert fand ich die Passagen aus dem Buch im Buch, die das Wordbuilding bereichern. Nora wird von den Menschen außerhalb des Dorfes ein Werk mit dem Titel „Das zweigeteilte All“ überreicht. Sie liest darin und erfährt schrittweise mehr über die Vergangenheit der Menschheit. Mensch und Maschine mussten einen Weg der Koexistenz finden. Die Menschheit kam über eine natürliche Grenze der Entwicklung nicht hinaus und wurde schließlich von ihrer eigenen Erfindung abgelöst. Die Eroberung des Alls war den Maschinen vorbehalten. Der Mensch blieb an die Erde „gekettet“. Eine erschreckende Zukunftsvision und auch eine Warnung vor KI-Systemen.
Ungewöhnlich und äußerst kreativ an diesem Buch von Neumüller ist auch das Ende, das sogar eine Fortsetzung des Werks möglich erscheinen lässt. Abschließend runden zehn Kurzgeschichten das Ganze ab. Diese hängen inhaltlich nur sehr lose zusammen und können jeweils für sich stehen. In ihnen wird dokumentiert, wie die Menschheit sich nach und nach selbst abschafft. KI wird zur Prozessoptimierung und Gewinnmaximierung eingesetzt. Die Schwachstellen der menschlichen Natur treten in diesen Geschichten deutlich zutage. U.a. erscheint die Gier als ein zentraler Antrieb für die Weiterentwicklung von KI. Insgesamt stecken in diesem Buch so viele gute Ideen. Noch dazu werden einige Interpretationsspielräume eröffnet. Kurzum: Ein Kracher! Für mich eines der besten Science-Fiction-Bücher, die ich seit langem gelesen habe.
Querverweise:
Ein weiteres Buch von Ralph Alexander Neumüller: Das Stoffuniversum






