Ein Puzzle als Roman
In
dem Roman „Aus schwarzem Wasser“ von Anne Freytag verunglücken Dr. Patricia
Kohlbeck und ihre Tochter Maja mit dem Auto, doch auf mysteriöse Weise überlebt
Maja den Unfall. Die letzte Nachricht, die ihr ihre Mutter mit auf dem Weg
gibt, bevor sie stirbt, ist, dass sie niemandem vertrauen soll. Nachdem Maja im
Krankenhaus in einem Leichensack erwacht, flüchtet sie und begibt sich zu ihrem
Liebhaber Daniel, sie versucht Kontakt zu ihrem Ersatzvater Prof. Dr. Robert
Stein aufzunehmen, sucht dessen Haus auf, will ihm eine Nachricht hinterlassen
und stößt dabei auf einen investigativen Artikel einer Journalistin, in dem der
Karriereaufstieg ihrer Mutter kritisch beleuchtet wird. Danach beginnt ein
rasantes, dynamisch erzähltes „Puzzlespiel“, denn wir erfahren auch etwas über
ein geheimes Forschungsprojekt, über das in Rückblenden erzählt wird.
Tatsächlich habe ich das Lesen des Buchs wie das Zusammensetzen eines Puzzles
empfunden, nach und nach erhält man immer mehr Informationen, um es
zusammenzusetzen. Der Inhalt ist insgesamt sehr mysteriös, man ist als Leser
ständig auf der Suche nach Informationen, die dem Geschehen einen Sinn
verleihen. Das ist gut gemacht, auch der Erzählstil gefällt, ist er doch rasant
und dynamisch. Die Kapitel sind kurz, man will immer weiterlesen. Auch die
eingeschobenen Rückblenden sind gut platziert. Hinzu kommen gefällige
Perspektivwechsel zwischen den einzelnen Handlungsträgern, die der Geschichte
eine gute Multiperspektivität verleihen.
Doch
habe ich auch einiges zu kritisieren. [AB HIER SPOILERWARNUNG] Zunächst einmal
finde ich die Beziehungsverhältnisse zwischen den jeweiligen Figuren nicht
sonderlich facettenreich gestaltet. Immer wieder wird deutlich gemacht, dass
zwischen allen Beteiligten eine große Distanz herrschte, aber vielmehr wird
dann auch nicht thematisiert. Zwischen Mutter Patricia Kohlbeck und Tochter
Maja herrschte eine große Distanz, die Mutter hat ihr viele Geheimnisse
vorenthalten, in emotionaler Hinsicht ist Maja aber vernachlässigt
aufgewachsen. Eine ähnliche Distanz herrscht auch zwischen Maja und ihrem Lover
Daniel, zwischen denen eine rein sexuelle Beziehung existiert. Auch zwischen
Patricia und Robert legt die Autorin wieder sehr viel Wert darauf, dass das
Verhältnis sehr distanziert war, und zudem wieder rein sexuell ausgerichtet,
vor allem von Patricias Seite, die insgesamt wenig sympathisch wirkt, weil sie
stets sehr manipulativ und rücksichtslos agiert. Das Beziehungsverhältnis zwischen
Maja und Efrail ist – was sonst – sehr sexuell angehaucht. Darüber hinaus wirkt
Efrail insgesamt sehr geheimnisvoll, man fragt sich als Leser, ob er ein
doppeltes Spiel treibt, ob er jetzt der Beschützer von Maja ist oder ob er sie
verrät. Das ist immerhin gut gestaltet. Die Beziehung zwischen Sofie und Maja
wird überhaupt nicht vertieft, ist von keiner Relevanz, man hätte Sofie als
Figur genauso gut aus dem Roman streichen können, zumal sie sowieso nur in ganz
wenigen Kapiteln vorkommt. Die einzige Beziehung, die ich wirklich interessant
ausgestaltet finde, ist die zwischen dem Forscher Peck und Patricia, zwischen
denen eine Rivalität herrscht und in der Peck als Saboteur der Forschungsarbeit
agiert.
Neben
den Beziehungsverhältnissen möchte ich auch logische Ungereimtheiten kritisch
benennen. Ich beschränke mich auf die Relevantesten, die vielen kleineren
möchte ich nicht alle ausführen. Was mich massiv v.a. gestört hat, ist die Idee,
dass sich Marin und Menschen so ähnlich sind, obwohl diese doch unter ganz
anderen Bedingungen leben. Sie müssten ihrer Umwelt doch viel stärker angepasst
sein und wie sollen sie so einfach an Land leben können? Und noch etwas: Warum
sollten die Marin-Studien frei zugänglich in einer Bibliothek aufbewahrt
werden, wenn sie so skandalös und geheim sind? Was mir noch fehlte: Warum soll
an den Marin ein Genozid vollzogen werden? Das Motiv dafür ist äußerst dünn und
knapp sowie wenig nachvollziehbar. So heißt es im Buch lapidar, dass man das
Ungleichgewicht zwischen beiden Spezies beseitigen will. Und dafür beschließt
man dann einen Massenmord? Diplomatie scheint unbekannt zu sein. Was die Marin
überhaupt für ein Verbrechen an der Menschheit begangen haben soll, bleibt
unerwähnt. Und ein kleines Gremium von wenigen Menschen entscheidet dann auch
noch über das Schicksal von Marin und Menschheit? Das ist absurd. Grundsätzlich
werden viel zu wenig Hintergrundinformationen zu den Marin gegeben, so bleibt beispielsweise
auch unklar, wie diese denn überhaupt die Flüsse ansteigen lassen können. Ihre
Lebenswelt wird kaum thematisiert. Und noch etwas Unlogisches: Robert liebt
Maja, wird als ihr Ersatzvater skizziert, doch dann ist er bereit, sie
skrupellos töten zu lassen? Eine unpassende Wendung.
Weitere
Kritikpunkte: Das Buch ist insgesamt viel zu vorhersehbar, vor allem was Maja
betrifft. Schon als Maja einen unbändigen Durst verspürt und Salzwasser trinkt,
ist klar, dass sie kein Mensch ist. Das Ende ist nach meinem Empfinden
verworren erzählt, viel zu spät werden Saul Bernheimer und die Präsidentin der
Marin aus dem Nichts aus dem Hut gezaubert. Das Ende konnte mich absolut nicht
überzeugen, es ist kaum nachvollziehbar, die vielen Ereignisse überschlagen
sich, nicht alle werden plausibel beleuchtet. Und noch etwas, was in einem guten
Roman nicht passieren sollte: Einige angelegte Erzählstränge werden nicht weitergeführt,
so wird in dem investigativen Zeitungsbericht z.B. ein Zwillingsbruder von Maja
erwähnt, der dann aber nie wieder auftaucht. Auch führt die Autorin an einer
Stelle die Figuren Nina, ihren Exmann Jan und zwei Söhne ein, die dann aber
ebenfalls nicht mehr vorkommen. Auch hat mich gestört, dass Daniel als Figur
schon sehr früh im Roman verschwindet, dann lange Zeit von ihm gar nicht mehr
die Rede ist, und dann ist er plötzlich ermordet worden, ohne dass näher auf
die Hintergründe eingegangen wird. Im Prinzip hätte man Daniel als Figur
streichen können, er spielt keine relevante Rolle im Roman.
Fazit:
Ein Roman, dessen Schreibstil zwar durchaus überzeugen kann und der auch vielversprechend als Puzzle konzipiert wurde, der aber auch viele Logiklöcher aufweist und zudem zu vorhersehbar und oberflächlich ist.
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