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Donnerstag, 7. April 2022

Freytag, Anne - Aus schwarzem Wasser


2,5 von 5 Sternen

Ein Puzzle als Roman

In dem Roman „Aus schwarzem Wasser“ von Anne Freytag verunglücken Dr. Patricia Kohlbeck und ihre Tochter Maja mit dem Auto, doch auf mysteriöse Weise überlebt Maja den Unfall. Die letzte Nachricht, die ihr ihre Mutter mit auf dem Weg gibt, bevor sie stirbt, ist, dass sie niemandem vertrauen soll. Nachdem Maja im Krankenhaus in einem Leichensack erwacht, flüchtet sie und begibt sich zu ihrem Liebhaber Daniel, sie versucht Kontakt zu ihrem Ersatzvater Prof. Dr. Robert Stein aufzunehmen, sucht dessen Haus auf, will ihm eine Nachricht hinterlassen und stößt dabei auf einen investigativen Artikel einer Journalistin, in dem der Karriereaufstieg ihrer Mutter kritisch beleuchtet wird. Danach beginnt ein rasantes, dynamisch erzähltes „Puzzlespiel“, denn wir erfahren auch etwas über ein geheimes Forschungsprojekt, über das in Rückblenden erzählt wird. Tatsächlich habe ich das Lesen des Buchs wie das Zusammensetzen eines Puzzles empfunden, nach und nach erhält man immer mehr Informationen, um es zusammenzusetzen. Der Inhalt ist insgesamt sehr mysteriös, man ist als Leser ständig auf der Suche nach Informationen, die dem Geschehen einen Sinn verleihen. Das ist gut gemacht, auch der Erzählstil gefällt, ist er doch rasant und dynamisch. Die Kapitel sind kurz, man will immer weiterlesen. Auch die eingeschobenen Rückblenden sind gut platziert. Hinzu kommen gefällige Perspektivwechsel zwischen den einzelnen Handlungsträgern, die der Geschichte eine gute Multiperspektivität verleihen.

Doch habe ich auch einiges zu kritisieren. [AB HIER SPOILERWARNUNG] Zunächst einmal finde ich die Beziehungsverhältnisse zwischen den jeweiligen Figuren nicht sonderlich facettenreich gestaltet. Immer wieder wird deutlich gemacht, dass zwischen allen Beteiligten eine große Distanz herrschte, aber vielmehr wird dann auch nicht thematisiert. Zwischen Mutter Patricia Kohlbeck und Tochter Maja herrschte eine große Distanz, die Mutter hat ihr viele Geheimnisse vorenthalten, in emotionaler Hinsicht ist Maja aber vernachlässigt aufgewachsen. Eine ähnliche Distanz herrscht auch zwischen Maja und ihrem Lover Daniel, zwischen denen eine rein sexuelle Beziehung existiert. Auch zwischen Patricia und Robert legt die Autorin wieder sehr viel Wert darauf, dass das Verhältnis sehr distanziert war, und zudem wieder rein sexuell ausgerichtet, vor allem von Patricias Seite, die insgesamt wenig sympathisch wirkt, weil sie stets sehr manipulativ und rücksichtslos agiert. Das Beziehungsverhältnis zwischen Maja und Efrail ist – was sonst – sehr sexuell angehaucht. Darüber hinaus wirkt Efrail insgesamt sehr geheimnisvoll, man fragt sich als Leser, ob er ein doppeltes Spiel treibt, ob er jetzt der Beschützer von Maja ist oder ob er sie verrät. Das ist immerhin gut gestaltet. Die Beziehung zwischen Sofie und Maja wird überhaupt nicht vertieft, ist von keiner Relevanz, man hätte Sofie als Figur genauso gut aus dem Roman streichen können, zumal sie sowieso nur in ganz wenigen Kapiteln vorkommt. Die einzige Beziehung, die ich wirklich interessant ausgestaltet finde, ist die zwischen dem Forscher Peck und Patricia, zwischen denen eine Rivalität herrscht und in der Peck als Saboteur der Forschungsarbeit agiert.

Neben den Beziehungsverhältnissen möchte ich auch logische Ungereimtheiten kritisch benennen. Ich beschränke mich auf die Relevantesten, die vielen kleineren möchte ich nicht alle ausführen. Was mich massiv v.a. gestört hat, ist die Idee, dass sich Marin und Menschen so ähnlich sind, obwohl diese doch unter ganz anderen Bedingungen leben. Sie müssten ihrer Umwelt doch viel stärker angepasst sein und wie sollen sie so einfach an Land leben können? Und noch etwas: Warum sollten die Marin-Studien frei zugänglich in einer Bibliothek aufbewahrt werden, wenn sie so skandalös und geheim sind? Was mir noch fehlte: Warum soll an den Marin ein Genozid vollzogen werden? Das Motiv dafür ist äußerst dünn und knapp sowie wenig nachvollziehbar. So heißt es im Buch lapidar, dass man das Ungleichgewicht zwischen beiden Spezies beseitigen will. Und dafür beschließt man dann einen Massenmord? Diplomatie scheint unbekannt zu sein. Was die Marin überhaupt für ein Verbrechen an der Menschheit begangen haben soll, bleibt unerwähnt. Und ein kleines Gremium von wenigen Menschen entscheidet dann auch noch über das Schicksal von Marin und Menschheit? Das ist absurd. Grundsätzlich werden viel zu wenig Hintergrundinformationen zu den Marin gegeben, so bleibt beispielsweise auch unklar, wie diese denn überhaupt die Flüsse ansteigen lassen können. Ihre Lebenswelt wird kaum thematisiert. Und noch etwas Unlogisches: Robert liebt Maja, wird als ihr Ersatzvater skizziert, doch dann ist er bereit, sie skrupellos töten zu lassen? Eine unpassende Wendung.

Weitere Kritikpunkte: Das Buch ist insgesamt viel zu vorhersehbar, vor allem was Maja betrifft. Schon als Maja einen unbändigen Durst verspürt und Salzwasser trinkt, ist klar, dass sie kein Mensch ist. Das Ende ist nach meinem Empfinden verworren erzählt, viel zu spät werden Saul Bernheimer und die Präsidentin der Marin aus dem Nichts aus dem Hut gezaubert. Das Ende konnte mich absolut nicht überzeugen, es ist kaum nachvollziehbar, die vielen Ereignisse überschlagen sich, nicht alle werden plausibel beleuchtet. Und noch etwas, was in einem guten Roman nicht passieren sollte: Einige angelegte Erzählstränge werden nicht weitergeführt, so wird in dem investigativen Zeitungsbericht z.B. ein Zwillingsbruder von Maja erwähnt, der dann aber nie wieder auftaucht. Auch führt die Autorin an einer Stelle die Figuren Nina, ihren Exmann Jan und zwei Söhne ein, die dann aber ebenfalls nicht mehr vorkommen. Auch hat mich gestört, dass Daniel als Figur schon sehr früh im Roman verschwindet, dann lange Zeit von ihm gar nicht mehr die Rede ist, und dann ist er plötzlich ermordet worden, ohne dass näher auf die Hintergründe eingegangen wird. Im Prinzip hätte man Daniel als Figur streichen können, er spielt keine relevante Rolle im Roman.

Fazit

Ein Roman, dessen Schreibstil zwar durchaus überzeugen kann und der auch vielversprechend als Puzzle konzipiert wurde, der aber auch viele Logiklöcher aufweist und zudem zu vorhersehbar und oberflächlich ist.

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