Mix aus Neuem und Bekanntem
Was wäre, wenn Überlichtgeschwindigkeitsflüge möglich wären? Und was wäre, wenn ein solcher Flug außer Kontrolle geriete und die Passagiere in eine unbekannte Zukunft katapultiert würden? Auf diesen Grundideen basiert der Roman „Universum“ von Phillip P. Peterson und v.a. auf der Annahme, dass Zeit relativ ist und für die Menschen außerhalb des Schiffs die Zeit schneller vergeht als für die an Bord.
In dieser Rezension möchte ich sein neuestes Werk in Bezug zu seinen bereits erschienen Romanen besprechen. Es ist nämlich offenkundig, dass der Autor sich in vielen Punkten weiterentwickelt hat, gleichzeitig aber auch auf bereits Bekanntes zurückgreift. Was ich zunächst positiv hervorheben möchte, ist der Umstand, dass Peterson dieses Mal viel Wert auf die Ausgestaltung verschiedener Hauptcharaktere legt und sein Figurenensemble auf eine recht große Zahl angewachsen ist, in früheren Büchern war die Zahl der Personen oft überschaubar und Randfiguren blieben blass (z.B. in „Transport“ und „Flug 39“). Das ist dieses Mal anders. Mit Christine Dillinger tritt erstmals auch eine starke Frau mit Führungsverantwortung als Hauptfigur auf. In früheren Werken waren es doch eher die Männer, die im Vordergrund standen (z.B. Ed Walker, Colin Curtis, Christoph Wilder, Russel Harris). Ein weiterer Pluspunkt, bei dem sich Phillip Peterson treu bleibt: Die Charaktere sind keine positiven Helden, sondern sie offenbaren auch menschliche Abgründe (wie auch schon in „Vakuum“), doch die Hauptprotagonisten werden einem, anders als es bei Colin Curtis oder Susan Boyle der Fall war, nicht unsympathisch. Christine Dillinger z.B. steht kurz vor ihrer Pension, ist menschenscheu, dem Alkohol gegenüber nicht abgeneigt, sie reagiert an vielen Stellen emotional, teilweise impulsiv, lernt aber auch aus eigenen Fehlern. Mike Warnock, eine weitere Hauptfigur, wird dem Leser als Kriegsverbrecher und Befehlsverweigerer näher gebracht, der trotz seiner ungeheuerlichen Schuld, die er im Krieg auf sich geladen hat, zugleich als fürsorglicher Familienvater erscheint. Zu Beginn des Buchs erscheint er uns noch als Außenseiter, der von anderen geschnitten wird und der mit seiner Familie einen Neuanfang auf einem anderen Planeten wagen will, er wird dann aber immer mehr zu einer Figur, die sich den Respekt der anderen Crewmitgliedern verdient. Weitere tragende Figuren sind der Erste Offizier, Ravi, der stets verantwortungsvoll handelt und Haltung sowie Überblick bewahrt, der hitzköpfige, arrogante Ingenieur del Toro, der ein Problem mit Obrigkeiten hat, sowie der Ingenieur Baumann, der zunächst als Sonderling eingeführt und von der Crew geflissentlich ignoriert wird, der sich mit seinem Wissen aber im Laufe des Buches immer mehr profiliert. Eine weitere Stärke des Romans ist, dass Phillip Peterson auch dieses Mal darauf achtet, dass sich Beziehungskonstellationen entwickeln, sie also nicht statisch bleiben (wie auch schon in „Paradox“). So nähern sich z.B. Baumann und del Toro mit der Zeit an, obwohl sie zu Beginn er streitlustig waren. Auch das Verhältnis zwischen Ravi und Christine sowie das zwischen Mike und Christine ist facettenreich gestaltet. Auch finde ich überzeugend, dass in der ersten Hälfte des Buchs die Kapitel so angelegt sind, dass zwischen den Perspektiven der Offiziere und der Passagiere gewechselt wird. Dadurch wird die entstehende Entfremdung zwischen beiden Lagern, den Verantwortlichen einerseits und den Ausgelieferten andererseits, gut nachvollziehbar.
Doch es gibt auch Negatives: So gibt es Figuren, die in meinen Augen mehr Potential gehabt hätten und in der ersten Hälfte des Buches als interessante Charaktere angelegt wurden, dann aber leider aus dem Blickfeld geraten: Hierzu zähle ich z.B. den aufbrausenden Unternehmer Goodyear und den wortkargen, rätselhaften Ex-Knacki Ferguson, der nur einen sehr kurzen und beklemmenden Auftritt zugestanden bekommt. Auch fand ich dieses Mal schade, dass kein Nachwort enthalten ist, in dem der Autor seine Ideen mit realen Hintergründen und weiterführenden Literaturhinweisen erläutert. Was ich aber beim Lesen als am wenigsten gelungen empfand, ist der Umstand, dass sich der Roman in zwei Abschnitte einteilen lässt: Dabei ist der erste Abschnitt neuartig und geglückt, man fragt sich während des Lesens ständig, ob es gelingt das Raumschiff zu stoppen, wo und wann es zum Stillstand kommt und ob eine Rückkehr zur Erde möglich sein wird. Die zweite Buchhälfte hingegen ist weniger gelungen. Sie weist einfach zu viel Ähnlichkeit zu dem schon bekannten „Transport“ auf, wenn auch in gewaltigeren Dimensionen. Auch das Ende fand ich überhaupt nicht überzeugend, es kam viel zu abrupt und war auch nicht plausibel. Aus diesem Grund bleibt der Roman „Paradox“ immer noch der beste von den bisher verfassten Werken aus der Feder von Phillip P. Peterson.
Fazit:
Ein spannend und unterhaltsam verfasster Roman, der den Leser zwar fesselt, der jedoch in der zweiten Hälfte des Buches auf schon Bekanntes zurückgreift und dessen Ende mich nicht überzeugt hat.
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