Dieses Blog durchsuchen

Donnerstag, 7. April 2022

Bronsky, Alina - Scherbenpark


5 von 5 Sternen


Familientragödie einer Siebzehnjährigen

In ihrem Debütroman „Scherbenpark“ stellt Alina Bronsky das tragische Leben einer intelligenten und leistungsstarken 17-jährigen Schülerin mit russischsprachigem Migrationshintergrund dar, die zwar eine elitäre Privatschule besucht, gleichzeitig aber in einem Hochhaus-Ghetto wohnt und mit einem Mord innerhalb ihrer Familie umgehen muss. Die ursprünglich aus Moskau stammende Alexandra Naimann, Kurzform Sascha, musste hautnah miterleben, wie ihr verhasster Stiefvater Vadim, ihre Mutter Marina mit ihrem neuen Lebensgefährten Harry erschossen hat. In ihrem Kopf schmiedet sie seitdem Rache-Mordpläne an ihrem Stiefvater, der im Gefängnis sitzt. Zudem entwickelt sie eine Art Männerhass. Gleichzeitig fungiert sie für ihre Geschwister Alissa (4) und den traumatisierten Anton (9) als eine Art Ersatzmutter. Doch auch Maria (37), Vadims Cousine aus Nowosibirsk, kümmert sich fortan um die Kinder.

Sascha ist die Hauptfigur dieses Romans und sie wirkt zu Beginn erstaunlich stark und erwachsen, doch im Laufe des Buchs wird immer deutlicher, dass sie entweder unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet oder zeitweise gar eine Borderline-Störung entwickelt. Das wird in meinen Augen sehr gut erzählerisch dargestellt. Denn es zeigt sich, dass bei Sascha sowohl selbstschädigende Gedanken als auch selbstschädigendes Verhalten zunehmen und dass sie immer mehr Probleme damit hat, mit ihren heftigen Gefühlen umzugehen. Ein Auslöser dafür ist vermutlich, dass sie ihren Plan, sich an ihrem Stiefvater zu rächen, nicht in die Tat umsetzen kann.

Eindrücklich werden zudem die häusliche Situation und die Gefühlswelt von Sascha geschildert. Sie verachtet ihre tote Mutter im Nachhinein z.B. dafür, wie sie sich von Vadim in ihrer Beziehung mit ihm hat behandeln lassen. Vadim übte nicht nur auf sie, sondern auch auf seinen Sohn Anton psychische und physische Gewalt aus. Dies ging so weit, dass Anton Verhaltensauffälligkeiten entwickelte und vor seinem Vater förmlich zitterte.

Neben Sascha, deren Charakterisierung hervorragend von der Autorin gestaltet worden ist, spielen auch der lungenkranke Felix Trebur und sein geschiedener Vater Volker eine wichtige Rolle in diesem Roman. Nachdem ein skandalöser Zeitungsbericht zu dem Mordfall im Lokalteil erscheint, macht sich Sascha auf den Weg zur Redaktion, um ihrem Ärger Luft zu machen. Dabei lernt sie den Ressortleiter Volker Trebur kennen, der sich bei ihr aufrichtig entschuldigt und sehr verständnisvoll agiert. Er wird für Sascha daraufhin zu einer Vertrauensperson, man hat gar das Gefühl, dass sie sich in Volker verliebt. Sie kommt bei ihm und seinem Sohn Felix im Gästezimmer unter, um der Situation zu Hause zu entfliehen. Dabei stellt sich heraus, dass auch im Hause Trebur nicht alles so perfekt ist, wie es zunächst den Anschein hat. Die aus dem kurzen Zusammenleben heraus resultierenden intensiven Beziehungsverhältnisse zwischen Felix, Volker und Sascha werden ebenfalls sehr gut von der Autorin dargestellt.

Was Bronsky ebenfalls sehr gelungen ist, ist der Umstand, die gewalthaltigen Umgangsformen und Verhaltensweisen innerhalb des Hochhaus-Ghettos einzufangen. So wird Sascha eines Abends sogar überfallen und macht Bekanntschaft mit einem gewissen Peter, dem Großen.

Nicht zuletzt ist es aber der Sprachstil, der dieses Buch auszeichnet. Die Autorin schreibt in einem bissig-sarkastischen Tonfall, der Inhalt wird hart, ehrlich, schonungslos, unmittelbar und direkt zum Ausdruck gebracht, oft sogar humorvoll. Das ist ein Stil mit Wiedererkennungswert, ein individueller Stil, der das Buch zu etwas Besonderem macht. Nicht jeder Autor/ jede Autorin hat das Talent dazu, einen Stoff auf diese Weise zu transportieren. Das ist eine beachtenswerte Leistung, die ich ebenfalls noch lobend erwähnen möchte.

Fazit

Ein Roman mit einem ausgezeichneten Sprachstil und einer starken, psychologisch austarierten Hauptfigur – ein intelligentes und selbstbewusstes 17-jähriges Mädchen, das eine psychische Krise durchlebt und darunter leiden muss, was ihr Stiefvater der Familie angetan hat.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen