Familientragödie einer Siebzehnjährigen
In
ihrem Debütroman „Scherbenpark“ stellt Alina Bronsky das tragische Leben einer
intelligenten und leistungsstarken 17-jährigen Schülerin mit russischsprachigem
Migrationshintergrund dar, die zwar eine elitäre Privatschule besucht,
gleichzeitig aber in einem Hochhaus-Ghetto wohnt und mit einem Mord innerhalb
ihrer Familie umgehen muss. Die ursprünglich aus Moskau stammende Alexandra
Naimann, Kurzform Sascha, musste hautnah miterleben, wie ihr verhasster
Stiefvater Vadim, ihre Mutter Marina mit ihrem neuen Lebensgefährten Harry
erschossen hat. In ihrem Kopf schmiedet sie seitdem Rache-Mordpläne an ihrem
Stiefvater, der im Gefängnis sitzt. Zudem entwickelt sie eine Art Männerhass.
Gleichzeitig fungiert sie für ihre Geschwister Alissa (4) und den
traumatisierten Anton (9) als eine Art Ersatzmutter. Doch auch Maria (37),
Vadims Cousine aus Nowosibirsk, kümmert sich fortan um die Kinder.
Sascha
ist die Hauptfigur dieses Romans und sie wirkt zu Beginn erstaunlich stark und
erwachsen, doch im Laufe des Buchs wird immer deutlicher, dass sie entweder unter
einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet oder zeitweise gar eine
Borderline-Störung entwickelt. Das wird in meinen Augen sehr gut erzählerisch
dargestellt. Denn es zeigt sich, dass bei Sascha sowohl selbstschädigende
Gedanken als auch selbstschädigendes Verhalten zunehmen und dass sie immer mehr
Probleme damit hat, mit ihren heftigen Gefühlen umzugehen. Ein Auslöser dafür
ist vermutlich, dass sie ihren Plan, sich an ihrem Stiefvater zu rächen, nicht
in die Tat umsetzen kann.
Eindrücklich
werden zudem die häusliche Situation und die Gefühlswelt von Sascha geschildert.
Sie verachtet ihre tote Mutter im Nachhinein z.B. dafür, wie sie sich von Vadim
in ihrer Beziehung mit ihm hat behandeln lassen. Vadim übte nicht nur auf sie,
sondern auch auf seinen Sohn Anton psychische und physische Gewalt aus. Dies
ging so weit, dass Anton Verhaltensauffälligkeiten entwickelte und vor seinem
Vater förmlich zitterte.
Neben
Sascha, deren Charakterisierung hervorragend von der Autorin gestaltet worden
ist, spielen auch der lungenkranke Felix Trebur und sein geschiedener Vater
Volker eine wichtige Rolle in diesem Roman. Nachdem ein skandalöser
Zeitungsbericht zu dem Mordfall im Lokalteil erscheint, macht sich Sascha auf
den Weg zur Redaktion, um ihrem Ärger Luft zu machen. Dabei lernt sie den
Ressortleiter Volker Trebur kennen, der sich bei ihr aufrichtig entschuldigt
und sehr verständnisvoll agiert. Er wird für Sascha daraufhin zu einer Vertrauensperson,
man hat gar das Gefühl, dass sie sich in Volker verliebt. Sie kommt bei ihm und
seinem Sohn Felix im Gästezimmer unter, um der Situation zu Hause zu
entfliehen. Dabei stellt sich heraus, dass auch im Hause Trebur nicht alles so
perfekt ist, wie es zunächst den Anschein hat. Die aus dem kurzen Zusammenleben
heraus resultierenden intensiven Beziehungsverhältnisse zwischen Felix, Volker
und Sascha werden ebenfalls sehr gut von der Autorin dargestellt.
Was
Bronsky ebenfalls sehr gelungen ist, ist der Umstand, die gewalthaltigen
Umgangsformen und Verhaltensweisen innerhalb des Hochhaus-Ghettos einzufangen.
So wird Sascha eines Abends sogar überfallen und macht Bekanntschaft mit einem
gewissen Peter, dem Großen.
Nicht
zuletzt ist es aber der Sprachstil, der dieses Buch auszeichnet. Die Autorin
schreibt in einem bissig-sarkastischen Tonfall, der Inhalt wird hart, ehrlich,
schonungslos, unmittelbar und direkt zum Ausdruck gebracht, oft sogar
humorvoll. Das ist ein Stil mit Wiedererkennungswert, ein individueller Stil,
der das Buch zu etwas Besonderem macht. Nicht jeder Autor/ jede Autorin hat das
Talent dazu, einen Stoff auf diese Weise zu transportieren. Das ist eine
beachtenswerte Leistung, die ich ebenfalls noch lobend erwähnen möchte.
Fazit:
Ein Roman mit einem ausgezeichneten Sprachstil und einer starken, psychologisch austarierten Hauptfigur – ein intelligentes und selbstbewusstes 17-jähriges Mädchen, das eine psychische Krise durchlebt und darunter leiden muss, was ihr Stiefvater der Familie angetan hat.
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