5 von 5 Sternen
„Minenfelder im Gedächtnis“
Auf
dem Weg zurück von einer Podiumsdiskussion in Mainz erfährt Said Al-Wahid, dass
seine Mutter im Sterben liegt. Er entschließt sich mit dem Zug zum Frankfurter
Flughafen zu fahren und den nächsten Flug nach Bagdad zu nehmen. Auf der Reise
in seine alte Heimat, dem Irak, erinnert sich Said an verschiedene
Begebenheiten aus seinem Leben, die ihn geprägt haben. Davon erzählt Abbas
Khider in seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“, durchaus mit trockenem
Humor, und es wird deutlich, dass Said Probleme hat, sich genau zu erinnern. Er
leidet unter Gedächtnisstörungen, vermutlich eine Form von Verdrängung als eine
psychische Konsequenz des traumatischen Erlebten. So konstruiert er selbst die
Zusammenhänge zwischen seinen unverbundenen Erinnerungsfetzen. Immer wieder
kommt es zu „Assoziationsketten“, die ihn in die Vergangenheit führen. Dabei
wird vor allem deutlich, was für einen schweren Weg Said hinter sich gebracht
hat, bevor er in Deutschland sein privates Glück gefunden hat. Auch wird
deutlich, dass Said eine ganz andere Lebenswelt kennen gelernt hat. Anhand der
Schilderungen wird einem als Leser erst bewusst, wie gut es einem eigentlich in
Deutschland geht, v.a. wenn man hier groß geworden ist, ohne schwerwiegendere
traumatische Erfahrungen durchlebt zu haben. Gleichzeitig wird spürbar, dass
Said sein eigenes Heimatland fremd geworden ist; in Bagdad angekommen, verspürt
er keine Emotionen, sondern eine innere Leere. Auch das offene Ende des Romans,
über das man noch lange nachdenkt, empfand ich als gelungen. Als besonderes
Highlight, das mich zum Nachdenken anregte, habe ich den intertextuellen Bezug
zur Novelle „Die Taube“ von Patrick Süskind wahrgenommen, in dem das Thema
„Traumata“ ebenfalls eine Rolle spielt. Darin ist die Hauptfigur Jonathan Noel
eine völlig verunsicherte Persönlichkeit mit Lebensangst. Vergleiche zu Said
drängen sich förmlich auf. Und Abbas Khider wird nicht zufällig diesen Titel
erwähnt haben, doch das Anstellen weiterer Reflexionen hierzu überlasse ich
jedem einzelnen. Ich komme stattdessen zurück auf die bereits erwähnten
„Assoziationsketten“ und auf die Frage, welche Erfahrungen Said genauer
schildert:
[AB
HIER SPOILERWARNUNG] Ausgehend von seinem deutschen Reisepass, den er aus
Misstrauen den deutschen Behörden gegenüber immer bei sich trägt, erinnert sich
Said beispielsweise an das sehr bürokratische Verfahren seiner Einbürgerung,
das er mit allen damit in Zusammenhang stehenden unlogischen Regelungen genau
beschreibt. Als Leser erhält man dabei einen sehr guten Einblick in bürokratische
Absurditäten und kann nachempfinden, wie verunsichert man sich als Fremder in
Deutschland fühlen mag, sobald man mit offiziellen Formalitäten konfrontiert
wird. Auch erhalten wir einen Einblick in Saids Kindheit, seine Beziehung zu
seiner Mutter, die so gut wie nie lachte, wird thematisiert. Wir erfahren, dass
sein Vater als Landesverräter hingerichtet wurde und seine Familie mit
Ausgrenzungserfahrungen zu kämpfen hatte. Seine Schwester starb bei einem
Bombenattentat, wie wir später erfahren. Beim Anblick von Polizei rücken
„Erinnerungsbrücken“ an Polizeikontrollen wieder in Saids Bewusstsein, er
begegnete nicht nur Ressentiments von Seiten der Polizei, sondern erlebte auch
Rassismus. Die Begegnung mit einem Nazi bei einem Kneipenbesuch wird ebenfalls
geschildert. Weiterhin berichtet Said von Besuchen im Heimatland und davon, wie
dieses Land im Chaos versinkt, weil bewaffnete Milizen die Kontrolle übernommen
haben. Er beschreibt auch seine mehrjährige Fluchtroute, die ihn von der Stadt
Amman in Jordanien, über Ägypten und Libyen bis nach Athen geführt hat. Nicht
zuletzt bleibt auch das Thema der Religion natürlich nicht ausgespart. Said,
der nicht religiös erzogen worden ist, macht klar, dass es zwischen den Arabern
große Unterschiede gibt, was die Ausübung der religiösen Praxis angeht. Am
Beispiel eines Mitschülers geht er dann auch darauf ein, dass Antisemitismus
bei einzelnen Fanatikern ein großes Problem sein kann.
Letztlich
kann das Schicksal von Said exemplarisch für das anderer Flüchtlinge in
Deutschland stehen und das macht diesen Roman für mich so interessant. Man
erhält einen Einblick in die Lebenswelt und in die Erfahrungen eines
Flüchtlings aus dem Irak, und das aus der Feder eines Autors, der eine ähnliche
Lebensgeschichte wie Said aufweist. Einige biographische Überschneidungen
zwischen der fiktiven Figur Said und Abbas Khider gibt es nämlich. Und hier
stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie autobiographisch geprägt der
vorliegende Roman eigentlich ist. Das kann nur der Autor beantworten. Auf jeden
Fall leistet der Roman einen Beitrag dazu, Empathie gegenüber Flüchtlingen
entwickeln zu können.
Fazit:
Ein Roman, der dem Leser/ der Leserin einen interessanten Einblick in die Biographie und in die Gefühls- sowie Erlebniswelt eines irakischen Flüchtlings gibt, der zum Nachdenken anregen kann und der einen Beitrag dazu leistet, Empathie gegenüber Flüchtlingen zu entwickeln bzw. beizubehalten.
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