Kampf um Befreiung
Mit dem Roman „Schwarzes Herz“ präsentiert Jasmina Kuhnke die Lebensgeschichte einer Ich-Erzählerin, die verschiedene Formen von Gewalt und Ausgrenzung in allen Lebensbereichen erlebt, sei es in der Familie, in der Schule und in der Partnerschaft. Zentral ist dabei ihr Kampf um Befreiung, die Entwicklung vom Opfer häuslicher Gewalt hin zu einem selbstbestimmten Leben.
Das Thema der Gewalt ist in diesem Buch allgegenwärtig und ich als Leser habe mich irgendwann gefragt, wie viel eine Person im Leben aushalten kann, wie viele Rückschläge die Protagonistin denn noch wegstecken muss, vor allem als sie auch noch aus gesundheitlichen Gründen ihren geliebten Laufsport, in dem sie Erfolgserlebnisse hatte, aufgeben musste. Ich habe beim Lesen mitgelitten und ich war regelrecht froh, dass es nicht nur um die tragische Geschichte eines sozialen Abstiegs ging, sondern dass im letzten Viertel des Buchs noch ein Akt der Befreiung folgte. Über weite Strecken ist die schwarze Ich-Erzählerin, die schon früh ihren Vater verloren hat, aber eingeschüchtertes Opfer, mit einem negativen Selbstbild. Sie schildert, wie sie in die Beziehung zu ihrem ersten Mann, einem Rapper und Breakdancer mit einem gewalttätigen Ruf, hineinrutscht, für den sie sich verbiegt, dem sie sich völlig unterordnet und das, obwohl er mit ihr in abfälliger Weise spricht, überhaupt keinen Respekt vor ihr hat, sie psychisch unter Druck setzt und körperlich misshandelt. Sie hat Angst vor ihm, gerät in immer größere Abhängigkeit und agiert dabei hilflos. Besonders beklemmend und erschütternd fand ich in diesem Zusammenhang die Schilderung, als sie sich mit ihrer zweijährigen Tochter vor dem tobenden Ehemann verstecken muss und dann aus dem Fenster die Flucht ergreift. Erst als es fast zu spät ist, trennt sich die Ich-Erzählerin von ihrem Mann und baut sich nach und nach ein neues Leben auf, in das auch bald ein neuer Mann tritt. Was ich nicht verstanden habe, ist jedoch, warum sie ihre Kinder am Wochenende weiter ihren Vater besuchen lässt und nicht um ein alleiniges Sorgerecht kämpft; vielleicht hat sie dafür keine Kraft mehr.
Auch
zu Hause wird sie Opfer von Gewalt. Ihr Stiefvater demütigt sie öffentlich vor
den anderen Familienmitgliedern, äußert ihr gegenüber rassistische Bemerkungen,
legt sie sogar übers Knie oder zerrt sie am Ohr. Und dort, wo sie noch am ehesten
Unterstützung hätte erleben können, wird sie ebenfalls rassistisch attackiert
und ausgegrenzt: in der Schule. Als Konsequenz daraus kommt es zu Fehlzeiten in
der Schule, zu Schulwechseln, zum sozialen Abstieg. Bedauerlich fand ich, dass
die Ich-Erzählerin in ihrem Leben keine positiven Beziehungen erleben konnte,
scheinbar gab es weder eine freundliche beste Freundin, noch einen
hilfsbereiten Lehrer oder eine andere ihr zugewandte Person. Sie hat
offensichtlich nicht das Glück, auf tolerante, normale Menschen zu treffen,
nicht einmal im von ihr geliebten Laufsport, und gerät so in eine
Abwärtsspirale. Die einzigen Ausnahmen in ihren Erzählungen sind lediglich die
Grundschule sowie die Oma, die zu ihrer Enkelin hält. Die Mutter ist zu wenig
präsent und arbeitet zu viel, um ihr eine Stütze zu sein. Und vom Bruder, der
im ersten Viertel des Buchs zur Welt kommt, erfahren wir keine weiteren
Hintergründe. So erscheint die Ich-Erzählerin die längste Zeit ihres Lebens isoliert
und auf sich gestellt. Erst im letzten Viertel des Buchs trifft man auch auf
positive Figuren, so z.B. auf den Nachbarn, der Lehrer an einer
antroposophischen Schule ist und dann ihr neuer Stiefvater wird, sowie auf
ihren zweiten Ehemann.
Was
die sprachlich-erzählerische Gestaltung betrifft, möchte ich abschließend
anmerken, dass in dem Buch stellenweise eine drastische und expressive Sprache
gewählt wird, die nicht jedem Leser gefallen dürfte, die aber das Erlebte sehr
eindrucksvoll veranschaulicht und Emotionalität zum Ausdruck bringt. In
erzählerischer Hinsicht empfinde ich das Buch gelungen, das einzige, was mich
hin und wieder gestört hat, waren die Zeitsprünge zwischen den knappen
Kapiteln. So musste ich mich immer kurz zu Beginn eines Kapitels orientieren,
in welcher Lebensphase der Ich-Erzählerin ich mich gerade befinde.
Fazit:
Eine kraftvoll und emotional erzählte Schilderung einer Entwicklungsgeschichte voller Gewalt und Ausgrenzung: der schwere Weg der Ich-Erzählerin vom hilflosen Opfer hin zu einem selbstbestimmten Leben.
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