In
ihrem Debut-Psychothriller „Liebes Kind“ greift Romy Hausmann auf alle Zutaten
zurück, die ein sehr guter psychologischer Thriller benötigt: eine gute
Darstellung von psychischen Krisenmomenten, facettenreich gestaltete Charaktere
und Beziehungsverhältnisse, eine einfallsreiche erzählerische Gestaltung mit
hohem Tempo und mit spannungserzeugenden Elementen wie Cliffhangern, mit einer
plausiblen Auflösung am Ende und mit unerwarteten Wendungen, sowie nicht
zuletzt eine innovative Herangehensweise. Denn die Autorin beginnt dort mit
ihrer Erzählung, wo andere Autoren aufhören, und zwar an dem Punkt, als das
Opfer sich aus den Fängen des Täters befreit und ihm entkommt. Damit hebt
dieser Thriller sich von anderen ab, weil vor allem die Opferperspektive
psychologisch ausgelotet wird. Und das ist durchaus verstörend und belastend
beim Lesen.
Romy
Hausmann bindet verschiedene Blickwinkel ein. Da ist zum einen die Perspektive
der Eltern, die ihr Kind vermissen: Matthias und Karin. Bedrückend wird die
Qual deutlich, die beide durchleben. Matthias wirkt kämpferisch, gibt nicht
auf, die Sorge um seine verlorene Tochter treibt ihn um. Doch der ungeheure
Druck, der auf ihm lastet, bricht sich auch Bahn in Form von Handgreiflichkeiten.
Karin geht anderes mit der Situation um als Matthias und beide machen sich auch
gegenseitig Vorwürfe. Das ist interessant zu lesen.
Eine
weitere Perspektive, die die Autorin in die Handlung integriert, ist die von
Hannah. Hannah ist die Tochter des Täters, die ebenfalls entkommen ist. Sie hat
das Asperger-Syndrom und zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine fantasievolle
Innenwelt besitzt, die nicht immer der Realität entspricht. Die Darstellung
dieser kindlichen Perspektive ist sicherlich eine erzählerische
Herausforderung, zumal ihr Vater für sie kein kranker Triebtäter war und das
Leben in der Hütte ihre Normalität darstellte. Hier offenbart Romy Hausmann in
meinen Augen ihr schriftstellerisches Talent, indem sie das alles erzählerisch
und sprachlich plausibel zum Ausdruck bringt.
Den
letzten Blickwinkel, den die Autorin einbaut, ist die Opferperspektive von
Jasmin, die nach ihrer Flucht von den schrecklichen Erlebnissen traumatisiert
ist. Ihre Perspektive war beim Lesen für mich die bedrückendste und
verstörendste. An ihrem Beispiel wird vor allem deutlich, was es mit einem
Menschen macht, wenn er entführt und gefangen gehalten wird.
Die
Blickwinkel von Matthias, Jasmin und Hannah werden allesamt aus der
Ich-Perspektive und im stetigen Wechsel geschildert. Und durch die geschickte
Platzierung der Perspektivänderung wird oft Spannung erzeugt. Das ist schon
richtig gut gemacht. Als weiteres belebendes Element greift Romy Hausmann auch
auf Zeitungsartikel zurück, die sie an passenden Stellen einbaut, um einerseits
die Rolle der Presse zu verdeutlichen, die durchaus kritisch beleuchtet wird,
als auch um ausführlichere Hintergründe zum Fall zu vermitteln. Das hat mich
ebenfalls überzeugt.
Was
auch lobenswert zu erwähnen ist, sind die facettenreich gestalteten
Beziehungsverhältnisse. Außer der bereits erwähnten Beziehung von Matthias und
Karin gibt es zwei weitere interessante Freundschaften, die in den Mittelpunkt
gerückt werden: So steht Matthias hin und wieder mit dem Polizisten Gerd
Brühling in Kontakt, der ihm Insider-Infos der Polizeiarbeit zukommen lässt.
Und Jasmin wird von ihrer ehemaligen Mitbewohnerin Kirsten freundschaftlich
umsorgt. Das habe ich als sehr bereichernd erlebt. Auch die Entwicklung des
Verhältnisses von Hannah zu ihrem Opa Matthias und ihrer Oma Karin verleiht der
Handlung zunehmend „Würze“. Das macht den Psychothriller nach meinem
Dafürhalten zu einem sehr durchdachten und vielschichtigen Werk, auch weil
Hannah die ganze Zeit sehr mysteriös und geheimnisvoll wirkt. Man ahnt die
ganze Zeit, dass mit ihr etwas nicht stimmt, das verleiht der Handlung eine
gute Triebkraft.
In
sprachlicher Hinsicht hat mir gut gefallen, dass Hausmann so eine Art assoziative
Gedankenblitze einflechtet, die mal auf die Gegenwart oder mal auf die
Vergangenheit Bezug nehmen. So kommt punktuell auch Gedankliches der Figuren
gut zum Ausdruck und es zeigt den labilen psychischen Zustand.
Das
einzige, was ich bemängeln kann, ist der Umstand, dass die Darstellung der
Psychiatrie und der Presse stellenweise etwas klischeehaft daherkommt, es hat
mich aber nicht sehr gestört. Deshalb gebe ich diesem gelungenen Psychothriller
volle fünf Sterne und freue mich auf die Lektüre weiterer Bücher von Romy
Hausmann.
Fazit:
Ein durchdachter und vielschichtiger Psychothriller, bei dem alles stimmt, was einen sehr guten Thriller ausmacht. In meinen Augen kann man ihn sogar als herausragend bewerten, weil er viele innovative Elemente enthält, die nicht in jedem Thriller zu finden sind. Absolute Leseempfehlung!
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