"Orange is the new black" in Russland
Anja
demonstriert und landet für 10 Tage im Arrest. Trauriger Alltag in Russland, in
diesem Werk gut geschildert und aufbereitet. Die Autorin lässt dabei sicherlich
auch viele eigene Erfahrungen einfließen. Das gefällt und lässt das
Geschilderte sehr authentisch und realistisch wirken. Wer sich Einsichten in
das Leben in Russland erhofft, wird mit diesem Buch nicht enttäuscht, Themen
wie Alkoholismus, Korruption, Polizeiwillkür, Drogensucht, Homosexualität,
Feminismus und Sexismus sowie das Männer-Frauen-Rollenverständnis werden
durchaus am Rande erwähnt. Detailliert werden die Abläufe in der
Polizeidienststelle und im Gericht, die Aufnahmeprozedur in der Haftanstalt
sowie der Alltag dort beschrieben. Was mich erstaunt hat: Die Ordnungshüter
wirken bis auf einzelne Ausnahmen insgesamt recht nett, verständnisvoll sowie
korrekt. Beschwerden der Häftlinge werden ernst genommen, Anträge werden
weitergegeben und schnell bearbeitet. Dennoch gibt es einzelne schwarze Schafe,
unter deren Willkür die Häftlinge zu leiden haben. Auch die Mitinsassinen
verhalten sich Anja gegenüber freundlich und offen. Als sie in ihrer Zelle ankommt,
wird munter small-talk über die Haftgründe geführt, Scharade folgt, man bietet
Anja sogar Tee an. Die Atmosphäre wirkt insgesamt wohlig warm, nur der
psychische Zustand von Anja verschlechtert sich zusehends. Doch darauf komme
ich weiter unten zurück.
Im
Zentrum der Handlung steht Anja, ihren Gedanken und Gefühlen folgen wir vor
allem als Leser. In eingeschobenen Rückblicken erfahren wir auch etwas über
ihre Vergangenheit, vor allem über ihre verschiedenen Jugendsünden, ihre
schwierige Dreiecksbeziehung mit Sonja und Sascha sowie über das
Beziehungsverhältnis zu ihren Eltern, besonders das zu ihrem Vater. Neben Anja
bekommen die Mitinsassinnen Irka und Maja noch viel Raum in dem Roman; am
Beispiel von Irka wird uns eine gescheiterte Existenz vorgeführt, sie ist ein
Opfer, abhängig von Tabletten und Alkohol, die sich sogar dafür prostitutiert
und auch Misshandlung erlebt hat. Maja erscheint dem Leser hingegen als eine
Art „Barbie-Püppchen“, die in sich selbst mit Schönheitsoperationen investiert,
von ihren merkwürdigen geschäftlich-romantischen Beziehungen zu Männern erzählt
und dabei ein absurdes Männerbild und Frauenrollenverständnis offenbart.
Der erzählerische Höhepunkt des Romans ist für mich aber die Darstellung der Verschlechterung des psychischen Zustands von Anja; spätestens im letzten Viertel des Romans, als sie allein in ihrer Zelle sitzt, weil die anderen Insassinnen bereits entlassen wurden, tritt ihr labiler innerer Zustand immer deutlicher zutage. Immer stärker fühlt sie sich der Willkür der sog. „Diensthabenden“ ausgeliefert, sie scheint das Zeitgefühl zu verlieren. Meisterhaft wird erzählt, dass Anja plötzlich Zusammenhänge entdeckt, wo keine sind, wie sie mystische Gedankengänge entwickelt, sie nimmt merkwürdige Zufälle wahr, sie erlebt Stimmungsschwankungen, Grübeleien, assoziative Erinnerungsketten, innere Angespanntheit, Manie und Größenwahn. Ihre Wut gipfelt letztlich sogar in der Vorstellung eines Mords. Und ich finde plausibel, dass man in einer solchen Situation von Isolation solche depressiv-psychotischen Gedanken entwickelt, zumal Anja bereits im Vorfeld, als ihre Mitinsassinnen noch anwesend waren, in Form von Halluzinationen dem Leser zu erkennen gibt, dass es ihr psychisch nicht gut geht.
Fazit:
Ein Roman, der einen Einblick in das heutige Russland gewährt, vor allem
in den Haftalltag von Arrestierten und darin, welch psychische Belastung ein
solcher Aufenthalt für den/die Betroffene(n) sein kann.
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