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Mittwoch, 6. April 2022

Hillenbrand, Tom - Hologrammatica


5 von 5 Sternen

Kreativer futuristischer Weltenentwurf

Tom Hillenbrand versetzt den Leser in seinem Science-Fiction-Krimi „Hologrammatica“ in eine Welt, in der sich Gehirne digital speichern lassen (= Cogits) und Körper dank sogenannter Klon-„Gefäße“ munter durch Cogits gewechselt werden können. Hinzu kommt das omnipräsente Holonet, mit dem holographische Projektionen und Holotexturen in der realen Welt erzeugt werden können, um z.B. Schönheitsfehler an Gebäuden zu überdecken, Werbung oder Beschriftungen einzublenden oder Personen und ihre Kleidung zu verschönern. Insgesamt also eine interessante, futuristische Welt mit cleveren Ideen, die der Autor konstruiert. Inmitten dieser Welt verschwindet die Computerexpertin Juliette Perrotte spurlos und der Quästor Galahad Singh wird damit beauftragt, sie zu suchen. Es beginnt ein rasanter und spannungsgeladener Trip, bei dem der Leser völlig in einen anderen Kosmos eintaucht. Wir lernen „Quants“ kennen, die sich ihr Gehirn durch Cogits haben ersetzen lassen, auch begegnen wir „Deathern“, also Quants, die freiwillig Nahtoderfahrungen sammeln wollen, mit dem Ziel, den Tod irgendwann ganz auszutricksen. Eine Untergruppe der „Deather“ sind die „Crasher“, die ihren Suizid mittels Autounfällen herbeiführen. Auch lernen wir, dass das „Ein-Körper-Problem“ existiert, d.h. ein Cogit kann nur für 21 Tage in einem Klon-Gefäß überleben, bevor es wieder in dem Stammkörper zurückversetzt werden muss, denn sonst droht ein „brain-crash“. Dies wiederum führt dazu, dass es Leute gibt, die nur noch in sogenannten „Loops“ weiterleben, d.h. sie laden ihr Cogit in immer neuen Klon-Gefäßen wieder hoch, um den Tod zu überlisten. Bei seinen Ermittlungen stößt Galahad Singh zudem auf das Rätsel der „Revenants“, bei denen der Körper scheinbar zurückkehrt, nicht aber der dazugehörige Verstand. Nicht zuletzt werden wir über ein besonderes Ereignis aufgeklärt, das sich zur Mitte des 21. Jahrhunderts ereignet hat: Der „Turing-Zwischenfall“. So hat die Menschheit, um das Problem des Klimawandels zu lösen, eine Künstliche Intelligenz erschaffen, die dann aber zur Bedrohung und aus diesem Grund vernichtet wurde. Um die Bedrohung durch eine KI und ihren „Proxies“, also menschlichen Handlangern, abzuwehren, hat man dann die Organisation UNANPEI gegründet, mit der Galahad Singh im Laufe seiner Suche ebenfalls in Kontakt kommt.

 

Anhand der vielen Begriffe, die ich hier erwähne, wird deutlich, dass der Autor eine komplexe, aber auch sehr durchdachte und plausible Fiktion entwickelt. Darauf muss man sich einlassen wollen, denn Schritt für Schritt werden vom Autor immer weitere Elemente dieser Welt eingeführt, so dass sie immer vielschichtiger wird. So habe ich bisher noch nicht erwähnt, was es mit dem „Holonet“ auf sich hat, und dass mit diesem Element wieder weitere interessante Begriffe zusammenhängen, z.B. auch die sogenannten „Stripper“-Brillen, mit denen sich Teile des Holonets ausblenden lassen, was mich sehr an den Science-Fiction-B-Movie „Sie leben!“ erinnern ließ. Allerdings gelingt es dem Autor in meinen Augen, den Leser nicht zu überfordern, weil er sehr darauf achtet, neuartige Technologien nur schrittweise einzuführen. Gleichzeitig gewinnt die fiktive Welt auf diese Weise immer mehr Konturen und wird immer vielfältiger. Das halte ich für eine große Leistung des Autors! Solche Ideen zu generieren, die gleichzeitig in sich konsistent sind, verdient höchste Anerkennung. Und auch schafft er es, über das ganze Buch hinweg, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, z.B. auch indem er immer wieder Kapitelabschnitte aus der Sicht von Juliette Perrotte einstreut, die ihrerseits ohne Erinnerung auf einer Insel aufwacht. Wie ich schon sagte, muss man sich als Leser auf diese Welt mit all ihren Begrifflichkeiten einlassen wollen. Man könnte natürlich auch sagen, dass es eine komplett abwegige Idee ist, dass sich Menschen digitale Gehirne anfertigen lassen und sich ihr reales Gehirn entfernen und durch ein Cogit ersetzen lassen, ohne zu wissen, wie genau das Gehirn eigentlich funktioniert. Denn eigentlich ist es abwegig, dass Menschen bei einem solch geringen Kenntnisstand  zur Funktionsweise des Gehirns eine solche Technologie bei sich anwenden. Ich aber konnte mich auf diese Vorstellung einlassen und habe auf diese Weise viele schöne Lesestunden genossen.

Fazit

Ein Science-Fiction-Krimi, der vor allem dadurch besticht, dass der Autor eine unglaublich kreative futuristische Welt mit vielfältigen cleveren Ideen entwickelt, die plausibel, in sich konsistent und durchdacht sind.

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