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Dienstag, 1. April 2025

McFadden, Freida - Die Kollegin


Hohe Spannung und schräge Figuren



Eines Morgens erscheint Dawn nicht pünktlich zur Arbeit und die Kolleginnen lästern bereits darüber (allen voran Kim und Natalie, die in der Bürozelle neben ihr arbeitet). Schließlich ist Dawn sonst äußerst strukturiert und vorbildlich, sie plant ihren Arbeitstag penibel, bis hin zu den Toilettenpausen. Von den anderen wird sie als seltsam wahrgenommen und ist nicht sehr beliebt. Hinter ihrem Rücken machen sie sich des Öfteren über sie lustig.


Kurze Zeit später findet man in Dawns Wohnung jede Menge Blut, allerdings keine Leiche. Was ist dort nur passiert? Und wohin ist Dawn verschwunden? Diese Fragen treiben die Handlung voran. Und Natalie hat große Angst, dass sie verdächtigt werden könnte, Dawn etwas angetan zu haben. Vermutlich hat sie ein schlechtes Gewissen und weiß genau, dass ihr oft intrigantes Verhalten gegenüber Dawn ein schlechtes Licht auf sie werfen könnte. Natalie erscheint uns als höchst unsympathische Figur. Sie ist eine richtige Tussi, die auch vor Mobbing und Ausgrenzung von Dawn nicht zurückgeschreckt hat.


In Rückblicken in Form von E-Mails können wir uns dann ein besseres Bild von Dawn machen. Sie schreibt regelmäßig an ihre beste Freundin Mia und gewährt einen Einblick in ihr Arbeits- und Seelenleben. Es wird z.B. deutlich, dass sie sehr schüchtern, scheu und unsicher ist. Gleichzeitig kann sie sehr pedantisch sein. Und sie steckt ihre Nase teils in Dinge, die sie nichts angehen. Ihre große Vorliebe für Schildkröten-Figuren lässt sie zudem etwas schrullig wirken. Sie hat wenig Freunde und agiert in sozialen Situationen oft unbeholfen. Auch eckt sie häufig an (u.a. bei ihrem Chef) und wird als anstrengend empfunden, weil sie hartnäckig unbequeme Wahrheiten ausspricht. Natalie bewundert sie jedoch, himmelt sie förmlich an und möchte gern mit ihr befreundet sein (sie hat also einen völlig falschen Eindruck von ihr).


Die Spannungskurve in diesem Thriller ist konstant hoch. Und natürlich gibt es auch den von McFadden inzwischen erwartbaren (genialen?) Plot-Twist, der die Handlung wieder in einem anderen Licht erscheinen lässt. Das alles hat mich überzeugt. Der Schreibstil bzw. die Übersetzung liest sich sehr flüssig. Man rast durch die Seiten. Eine Sogwirkung wurde spürbar (die bei mir selten vorkommt). Doch es gibt auch Dinge, die ich kritisch anmerken möchte. So erschienen mir dieses Mal einige Handlungselemente zu weit hergeholt und zu übertrieben. Ich fand nicht alles glaubwürdig, was mir so präsentiert wurde (v.a. nach dem Plot-Twist). Teils wirkte es etwas unrealistisch und konstruiert. Die Reihe um Millie fand ich insgesamt besser (auch Band 3). Ich komme deshalb auf (immer noch gute) 4 Sterne!

McFadden, Freida - Weil sie dich kennt


Millies Hochzeit



An ihrem Hochzeitstag erhält Millie einen Anruf mit einer Morddrohung und gleichzeitig erleben wir die letzten Hochzeitsvorbereitungen mit. Die Drohung bringt Millie überhaupt nicht aus der Fassung. Sie duscht erst einmal in Ruhe. Sie will sich schließlich den Tag nicht ruinieren lassen. Wir erfahren auch, dass Enzo Millie (ganz romantisch) einen Antrag gemacht hat, weil sie schwanger war. Und die letzten Vorbereitungen laufen alles andere als glatt. Aufgrund des angewachsenen Baby-Bauchs passt Millie plötzlich nicht mehr in ihr Hochzeitskleid und Enzo versucht das Problem zu lösen.

Kaum ist Enzo unterwegs, erhält Millie noch einmal einen bedrohlichen Anruf und stellt fest, dass sie beobachtet wird. Die Bedrohungssituation spitzt sich zu. Millie fühlt sich auf einmal doch eingeschüchtert. Die Spannung zieht spürbar an. Wie wird Millie mit dieser Situation umgehen? Wird sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien können? Wenn ja, wie?

Und gleichzeitig wird ein humorvoller Kontrast deutlich. Auf der einen Seite laufen die zu treffenden Hochzeitsvorbereitungen weiter, auf der anderen Seite nimmt die Gefahr für Millie zu. Und es ist irrwitzig, dass Millie Enzo nichts von den Anrufen erzählt, weil sie den Tag nicht verderben will. Es ist jedenfalls erstaunlich, dass die Autorin auf wenigen Seiten erneut in der Lage ist, eine hohe Spannung zu konstruieren und gleichzeitig amüsante Effekte einzubauen. Alles läuft auf den Höhepunkt der Hochzeitszeremonie hinaus. Herrlich absurd! Und sogar im Rahmen dieser Kurzgeschichte verzichtet die Autorin nicht auf einen geglückten Plot-Twist. Durch einen eleganten Perspektivwechsel am Ende erscheint plötzlich das Geschehen in einem anderen Licht. Toll arrangiert. Von mir gibt es für diese Kurzgeschichte 5 Sterne!

 

Donnerstag, 27. März 2025

Das Buch von Boba Fett (Staffel 1)


Enttäuschend



Zu Beginn erleben wir, wie sich Boba Fett aus dem Schlund des Sarlacc befreit (ein schöner Rückbezug auf Episode VI). Dabei wird ihm die Rüstung abgenommen und er wird von Sandleuten verschleppt. In Rückblicken erfahren wir dann, wie er allmählich eine Beziehung zu seinen Entführern aufbaut, sich ihren Respekt erarbeitet und Kampfkünste bei ihnen erlernt. Dieser Zeitraum umfasst ca. 5 Jahre. Auf der Gegenwartsebene wird hingegen gezeigt, wie Boba Fett die Nachfolge von Jabba the Hutt übernimmt und seinen Machtbereich sichert und ausbaut. Dafür muss er sich u.a. gegen unbekannte Angreifer verteidigen und behaupten. Handlungsort der Serie ist die Stadt Mos Espa auf Tatooine. Vom Stil erinnert die Serie sehr an der Mandalorianer, der am Ende der ersten Staffel auch als handelnde Figur auftritt.




Die Serie enthält viele Referenzen auf Episode VI. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass Boba Fett als Figur eine große Zugkraft entfalten kann. Erst als der Mandalorianer auftaucht und in die Handlung eingreift, wird es wieder spannend und interessant. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Macher der Serie selbst wissen, was sie eigentlich zu Boba Fett erzählen wollen. Die Darstellung davon, wie er seinen Machtanspruch als Nachfolger von Jabba herstellen und verteidigen muss, hat mich nicht sonderlich mitgerissen. Da fand ich die Rückblicke auf das Zusammenleben mit den Sandleuten deutlich interessanter. Denn auf diese Weise erhalten wir einen umfassenderen Einblick in die Lebensweise dieser Spezies und in die lebensunwirtliche Welt von Tatooine.




Doch richtig spannend wird es, wie gesagt, erst, als der Mandalorianer auftritt. Er rückt ab Folge 5 verstärkt ins Zentrum und wir erfahren einiges über ihn. So muss er seinen Anspruch auf das Dunkelschwert verteidigen, erhält ein neues Schiff und nimmt wieder Kontakt zu seinem kleinen Schützling auf, um ihn vor eine Wahl über seinen weiteren Lebensweg zu stellen (so fügt sich auch wieder alles logisch ins Star-Wars-Universum ein). Irgendwie ist es aber bezeichnend, dass die besten Folgen der Serie diejenigen sind, in denen Boba Fett nicht oder kaum vorkommt. Meiner Meinung nach braucht es keine zweite Staffel. Ein paar Gastauftritte von Boba Fett in anderen Star Wars Serien würden mir reichen.

Freitag, 21. März 2025

Ashton, Edward - Mickey 7


Unsterblichkeit? Kein lohnenswertes Ziel…



Was wäre, wenn der Tod kein ungewöhnliches Ereignis darstellen würde, weil man als Klon einfach reproduziert werden könnte? Und was würde passieren, wenn ein für tot erklärter Klon unerwarteterweise doch überlebt hätte und trotzdem bereits ein neuer Klon angefertigt worden wäre? Wie fühlt es sich an, seinem eigenen Nachfolger zu begegnen und Angst haben zu müssen, nun aus dem Weg geräumt zu werden? Darum geht es in dem Buch „Mickey 7“, das auch als „Mickey 17“ verfilmt wurde und gerade im Kino läuft (Stand: März 2025).


In der futuristischen Welt von Mickey 7 kann sich jeder Mensch dafür entscheiden, ein sog. „Expandable“ zu werden. Doch sonderlich reizvoll ist das Dasein als Klon nicht. Der Preis, den man für die Unsterblichkeit zahlt, ist, gefährliche Missionen ausführen zu müssen, die das Leben kosten können. Wer würde ein solches Leben führen wollen? Eine interessante Frage, die hier aufgeworfen wird. Im Buch reißen sich nicht viele um diesen Job. Im Gegenteil: Mickey erscheint eher als Außenseiter und wird von Kameraden kritisch beäugt und gemieden.


Bei Mickey wird deutlich, dass er seinen Job als Expandable unterschätzt und nicht wirklich weiß, worauf er sich da eigentlich eingelassen hat. Er wirkt dadurch recht naiv und unbedarft. Sein Leben ist fortan nicht mehr viel wert. Häufig ist es leichter, eine Kopie herzustellen als einen todgeweihten Klon zu retten. Während der Lektüre bemitleidet man Mickey regelrecht, der einige Qualen zu durchleiden hat, wenn er mal wieder sein Leben im Rahmen einer gefährlichen Mission einsetzen muss.


Der Schreibstil ist aber ironisch-humorvoll, so dass das eigentlich schwer zu ertragende Schicksal von Mickey mich als Leser nicht zu sehr aufgewühlt hat. Stattdessen findet man viel Galgenhumor in diesem Buch. Der Protagonist nimmt sich selbst und sein Dasein nicht zu ernst. Gleichzeitig wird aber auch der Überlebenswillen von Mickey 7 deutlich. Er und sein Nachfolger einigen sich darauf, ein Versteckspiel in der Kolonie, in der sie leben, zu veranstalten, um nicht im sog. „Leichenschacht“ zu enden. Sie überlegen, wie sie sich ihre Schichten und das Essen aufteilen können, wen sie in das Geheimnis einweihen etc. Und die brenzligen Situationen, in die beide geraten, sowie die verbalen Schlagabtausche zwischen Mickey 7 und Mickey 8 sind amüsant gestaltet worden. Beide müssen sich gut abstimmen, um nicht erwischt zu werden (und die Kolonie ist klein…). Und als Leser bzw. Leserin wartet man förmlich darauf, dass beide irgendwie entlarvt werden. Kurzum: Eine kurzweilige, sehr unterhaltsame Lektüre, die aber trotzdem eine bedeutungsschwere Botschaft in sich trägt. Vom Erzählstil hat mich das Ganze sehr an Andy Weir erinnert und allein das ist großartig (auch hatte ich Assoziationen zu dem sehr sehenswerten Film „Moon“ von Duncan Jones, der aber philosophischer daherkommt).


Gut gefallen hat mir auch, dass einige Kontextinformationen zur futuristischen Welt in die Handlung eingeflochten werden. So erfahren wir etwas darüber, welche Prozeduren ein Klon zu durchlaufen hat, wenn er wiederhergestellt wird. Es gibt Rückblicke in die Leben von Mickey 3, 4, 5 und 6. Wir erfahren mehr über ihre Einsätze und wie sie umgekommen sind. Auch wird der Gefühlszustand von Mickey problematisiert: Wie lebt es sich damit, zu wissen, dass bereits einige Vorgängerversionen existiert haben? Ein weiteres Element, das Spannung erzeugt, sind die Creeper. Dabei handelt es sich um eine außerirdische Lebensform, die die Kolonie zu bedrohen scheint, in der Mickey lebt. Und nicht zuletzt wird der Blick auf die Menschheitsgeschichte insgesamt erweitert. Wir erfahren etwas über die Kolonisierungsgeschichte und die Entwicklung rund um die Expandables. Für mich ein rundum gelungenes Buch, das mich richtig gut unterhalten hat. Von mir gibt es dafür 5 Sterne! Ich bin schon gespannt auf die filmische Umsetzung.

Mittwoch, 19. März 2025

Im Schatten des Mondes (DVD)


Zeitzeugen berichten



In der Dokumentation „Im Schatten des Mondes“ kommen zehn der insgesamt 24 Astronauten, die den Mond besucht haben, selbst zu Wort (darunter Buzz Aldrin und Michael Collins von Apollo 11, Alan Bean von Apollo 12, Jim Lovell von Apollo 8 und 13, Edgar Mitchel von Apollo 14 und weitere). Sie sind die Zeitzeugen, die ein unvorstellbares Risiko eingegangen sind, um unseren Trabanten zu erreichen. Sie sind die einzigen Menschen unseres Planeten, die jemals einen anderen Himmelskörper betreten haben. Sie sind Pioniere! Und mit dieser Dokumentation wird ihnen ein kleines Denkmal gesetzt.


Der Wettlauf zwischen der UdSSR und den USA wird im Film gut nachgezeichnet. So werden z.B. die gesellschaftspolitischen Umstände der damaligen Zeit immer wieder in den Blick genommen (teils in Form von Original-Fernsehausschnitten von damals). Und es kommt sehr gut zum Ausdruck, dass die Tätigkeit als Test- und Kampfpilot eine wichtige Voraussetzung dafür war, um Astronaut werden zu können. Die interviewten Astronauten erläutern die Abläufe der Missionen und geben preis, was ihnen damals alles so durch den Kopf ging und was sie fühlten (z.B. beim Start der Trägerrakete). Sie lassen uns auf diese Weise ein wenig an ihren Erfahrungen teilhaben, die sie damals gesammelt haben (nach meinem Gefühl, kam vor allem Collins oft zu Wort).


Besonders spannend fand ich die Ausführungen zu Apollo 8 und natürlich zu Apollo 11. So wird z.B. erläutert, wie die Astronauten die drei Tage auf dem Weg zum Mond verbracht haben (es war sogar Zeit für eine Rasur :-) Collins berichtet, dass er sich die ganze Zeit in einem Zustand innerer Anspannung befunden hat, immer mit der Sorge im Hinterkopf, dass etwas schiefgehen könnte. V.a. auch über den Sinkflug und das Landemanöver auf dem Mond wird ausführlich und spannend berichtet. So musste z.B. einiges improvisiert werden, weil der Computer an Bord überlastet war und ausfiel. Ein besonderes Highlight waren Aufnahmen vom Mond, die während einer Fahrt mit einem Mondauto entstanden sind.


Was ich etwas schade fand, war die Tatsache, dass keine Statements von Neil Armstrong integriert wurden. Er und seine Fähigkeiten werden zwar lobend von seinen Kameraden Collins und Aldrin erwähnt, doch ich hätte mir noch mehr Material zu ihm gewünscht. Dass von ihm so wenig zu sehen ist, ist aber wohl dem Umstand geschuldet, dass er nach der Mondlandung ein sehr zurückgezogenes Leben geführt hat und ein sehr bescheidener Mann war. Trotzdem schade! Darüber hinaus wäre es hilfreich gewesen, wenn die Namen der Astronauten, die sich äußern, häufiger eingeblendet worden wären. Hin und wieder war ich ratlos, wer gerade überhaupt spricht, und zu welcher Apollo-Mission er denn gehört.


Als Bonusmaterial gibt es noch eine weitere interessante Reportage mit dem Titel „Behind the shadow“. Darin werden wichtige historische Vorläuferstationen im Vorfeld der Apollo-11-Mission thematisiert, so z.B. der Sputnik-Schock. Erst dieser Schock hat dazu geführt, dass die Amerikaner erkannten, dass sie vermehrt Anstrengungen im Bereich der Raumfahrt unternehmen mussten, um den sowjetischen Kontrahenten zu übertrumpfen. Darüber hinaus wird das Vorläufer-Programm von Apollo genauer vorgestellt: Gemini. In diesen Missionen wurden erstmals Außenbordeinsätze und Andockmanöver trainiert. Zwischendurch kommen immer auch wieder die Astronauten als Zeitzeugen zu Wort und schildern ihre Erinnerungen an diese Zeit. Es wird deutlich, dass die Astronauten viele persönliche Opfer bringen und Risiken eingehen mussten, um erfolgreich zu sein. Und was auch gut zum Ausdruck kommt: Es war ein langer Weg hin zu Apollo 11. Die einzelnen Missionen bauten stark aufeinander auf und setzten verschiedene Schwerpunkte, die im Hinblick auf das Ziel einer zukünftigen Mondlandung trainiert wurden. Viele, viele Tests waren nötig, um wichtige Erfahrungen zu sammeln und dann den großen Schritt auf den Trabanten zu wagen. Kurzum: Es handelt sich bei diesem Bonusmaterial um interessante Ergänzungen zur Hauptdokumentation, die vermutlich dort keinen Platz mehr gefunden haben.


Eine weitere Kurzdokumentation (Dauer: 10 Minuten) thematisiert, wie speziell für die Dokumentation Musik komponiert und arrangiert wurde. Ein wirklich großer Aufwand, der da betrieben wurde. Ich kann jedenfalls bestätigen, dass die für den Film verwendete Musik sehr stimmungsvoll ist und dem Inhalt noch eine besondere Atmosphäre verleiht. An vielen Stellen findet man eine passende musikalische Untermalung, die gut auf die sichtbaren Bilder abgestimmt ist.

Freitag, 14. März 2025

Westerboer, Nils - Lyneham


Ein ethisches Dilemma

 


In seinem Science-Fiction-Roman „Lyneham“ entwirft Nils Westerboer ein interessantes futuristisches Setting. Die Menschheit ist in der Lage, interstellare Reisen zu unternehmen und andere Welten zu „terraformen“ sowie zu besiedeln. Dabei wird man auch mit der Herausforderung konfrontiert, veränderte Zeitdimensionen zu bewältigen. So macht es der technologische Fortschritt möglich, dass ein Raumschiff, das später als ein anderes Schiff von der Erde gestartet ist, schon früher auf einem fremden Himmelskörper ankommt.

 



Perm

Bei Perm handelt es sich um einen Exomond. Man benötigt 12.000 Jahre um ihn von der Erde aus zu erreichen (Kälteschlaf und sog. Stasiskammern machen es möglich). Seine Umwelt ist lebensfeindlich, das Terraforming ist noch nicht abgeschlossen. Was auffällt: Die Beschreibung der fremden Astrobiologie, der andersartigen Geologie und der dort vorherrschenden Umweltverhältnisse ist äußerst kreativ und gelungen. Das hat mir alles richtig gut gefallen. Zudem findet man innen, auf dem vorderen und hinteren Buchdeckel, Skizzen zu den sog. Biomen, in denen die Kolonisten leben. So kann man sich gut in die Lebenswelt der Protagonisten einfühlen und sich einen Eindruck von den Örtlichkeiten auf dem fremden Himmelskörper machen. Auch das Glossar am Ende des Buchs hilft dabei, sich in die andersartige Lebenswelt auf dem Exomond einzufinden.



Familienbande

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des 12-jährigen Henry, der zusammen mit seinen beiden Geschwistern Loy und Chester und seinem Vater Charles bereits nach Perm gereist ist. Die Mutter, eine Wissenschaftlerin, die das Ökosystem des Himmelskörpers genauer untersucht, wird vom Rest der Familie getrennt nachreisen. V.a. ihre Perspektive sorgt dafür, dass in dem Buch auch genügend „science“ vorkommt.

Die Anreise verläuft nicht ohne Komplikationen. Beim Anflug auf dem Mond stürzen sie mit ihrem Schiff ab und müssen sich zur nächsten Kolonie durschlagen, um zu überleben. Der Sauerstoffvorrat ist begrenzt. Das erzeugt v.a. zu Beginn jede Menge Spannung. Später rücken dann andere Dinge in den Fokus. Es wird v.a. das Leben in der Kolonie geschildert, die Spannungskurve ebbt nach meinem Gefühl deutlich ab. Auch erfährt man am Rande etwas darüber, was aus der Erde geworden ist, welches Forschungsinteresse die Mutter verfolgt und über die Gründe, warum sie nicht mit ihrem Ehemann und den Kindern mitgereist ist. Und darüber schwebt v.a. die Frage, ob, wie und wann die Familie wieder zusammenfindet.



Der ethische Konflikt

In den eingeschobenen Kapiteln zur Mutter wird deutlich, dass das Forschungsteam um sie herum mit seinem Gewissen vereinbaren muss, für das Terraforming in das Ökosystem eines fremden Trabanten einzugreifen. Die Ankunft der Menschen stört das seit Millionen von Jahren bestehende Gleichgewicht. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für die Flora und Fauna sowie für die Tierwelt, die sich deutlich von der irdischen unterscheiden und an andersartige Umweltbedingungen angepasst ist. Die Konsequenzen des Eingriffs der Menschen sind schwer kalkulier- und vorhersehbar. Als Leserin und Leser ist man mit einem ethischen Dilemma konfrontiert. Darf man in ein fremdes Ökosystem eingreifen, um das eigene Überleben zu sichern?



Schreibstil

Den bedeutungsoffenen Schreibstil empfand ich als sperrig und herausfordernd, das muss ich ehrlich zugeben. Der Inhalt ist oft mehrdeutig, ambivalent, vage und interpretierbar. Es entstehen viele, viele Leerstellen, die man selbst aktiv mit dem eigenen Textverständnis schließen muss. Häufig fehlen Kontextualisierungen, Erklärungen und Begründungen. Vieles wird nur angedeutet und nicht explizit ausformuliert. Zusammenhänge werden nicht immer deutlich. Ob man sich mit einem solch unklaren Schreibstil anfreunden kann, muss jede und jeder für sich selbst herausfinden. Ich konnte mich darauf einlassen, lese aber lieber Bücher mit einem verständlicheren Schreibstil.



Leseempfehlung

Das Buch ist v.a. für solche Leserinnen und Leser geeignet, die sich für ein Setting in einer weit entfernten Zukunft begeistern können und sich mit einem Schreibstil anfreunden können, der die Leserinnen und Leser die Bedeutung des Textes aktiv mitkonstruieren lässt. Der Roman fragt vor allem auch nach der Verantwortung von Wissenschaft und thematisiert die Bedeutsamkeit von Familie. Da mir aber über weite Strecken Spannung fehlte, gebe ich vier von fünf Sternen.

Mittwoch, 12. März 2025

Green, Hank - Ein wirklich erstaunliches Ding


Mediale Aufmerksamkeit und ihre Konsequenzen



Auf dem Weg nach Hause stößt die 23-jährige Grafikdesignerin April eines Nachts in New York auf eine Skulptur, die aussieht wie ein Roboter und ihr den Atem verschlägt. Sie ist so fasziniert von der Figur, dass sie ihren Freund Andy kontaktiert und ihn darum bittet, ein Video davon aufzunehmen. Darin übernimmt sie die Moderation. Später geht dieses Video viral. April und Andy erhalten zahlreiche Reaktionen auf ihren Youtube-Beitrag und schnell stellt sich heraus, dass solche Skulpturen auf der ganzen Welt aufgetaucht sind, und keiner weiß, wer sie aufgestellt und was es mit ihnen auf sich hat. Der Ereignisse überschlagen sich. Andy und April erhalten Interviewanfragen von Fernsehsendern und verdienen innerhalb kürzester Zeit viel, viel Geld. Sie durchlaufen eine Schleife medialer Aufmerksamkeit.


Es wird deutlich, dass April mit diesem Hype um ihre Person wenig anfangen kann. Der ganze mediale „Zirkus“ wird von ihr recht negativ wahrgenommen. Sie behält eine kritische Distanz zum Geschehen und gerade das macht sie besonders authentisch. Ihr ist die Meinung anderer nicht so wichtig und sie passt sich nicht vorschnell an die Erwartungen an, die von außen an sie herangetragen werden (Andy wirkt da deutlich angepasster). Kurzum: April bewahrt sich ihre Freiheit, Unabhängigkeit und Unbedarftheit. Und Andy und April treiben ihre eigene mediale Inszenierung voran. Ihr medialer Auftritt wird im Laufe der Zeit immer professioneller und sie machen von Marketing-Tricks Gebrauch. Sie wollen den maximalen Profit aus der Aufmerksamkeit ziehen und diese so lange aufrechterhalten wie möglich. Dabei zeigt sich aber auch, unter welchem Druck v.a. April steht. Sie geht voll in ihrer Aufgabe auf und will stets als Erste neue Informationen zur Figur posten. Dabei muss sie sich auch gegen Konkurrenten durchsetzen und Anfeindungen aushalten. Sie zahlt also einen hohen Preis für ihren medialen Erfolg.


Neben der Kritik an den Medien, die in diesem Roman durchscheint, geht es auch darum, das Rätsel um die Skulptur aufzulösen. Was hat es mit ihr auf sich? Handelt es sich etwa um eine außerirdische Kontaktaufnahme? So findet man z.B. heraus, dass das Material aus dem die Figur hergestellt wurde, nicht-irdische Eigenschaften aufweist. Auch diese Fragen treiben die Handlung voran. Im weiteren Handlungsverlauf zeigt sich dabei auch, dass die Menschheit im Wesentlichen in zwei Lager zerfällt, und zwar in diejenigen, die etwas Schlechtes in der Skulptur sehen, und in diejenigen, bei denen sie Hoffnungen auf eine bessere Zukunft weckt. Die Stimmung zwischen den Anhängern dieser beiden Lager wird zunehmend aufgeheizter. Eine interessante Analyse der Psychologie von Massen, die hier deutlich wird.


Der Erzählton ist sehr jugendlich und erfrischend. An vielen Stellen finden sich direkte Leseransprachen, die den Inhalt auflockern und einen persönlichen Draht zur Leserschaft herstellen. Ab und zu schüren vorausdeutende Aussagen weiter die Neugier. Das ist gut gemacht. Darüber hinaus ist die Handlung auch nicht langatmig. Es gibt immer wieder neue Entwicklungen, die das Geschehen in eine neue Richtung lenken. Auch das hat mir gut gefallen. Lediglich das Ende fand ich etwas enttäuschend. Das war mir insgesamt zu dünn, was als Auflösung präsentiert wurde. Die Erwartungshaltung, die geschürt wurde, war schließlich ziemlich hoch. Sie wurde aber in meinen Augen nicht zufriedenstellend bedient. Ein paar mehr Informationen und Hintergründe zu dem, was sich ereignet hat, hätte ich mir schon noch gewünscht.