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Dienstag, 27. Januar 2026

Khider, Abbas - Der letzte Sommer der Tauben




Leben im Kalifat





Wir befinden uns inmitten einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Islamisten haben die Macht ergriffen, führen ein Kalifat ein und erlassen strenge (religiöse) Gesetze zur Lebensführung. Sie betreffen auch den 14-jährigen Ich-Erzähler (Noah) und seine Familie. Zu Beginn erleben wir mit, wie Noah seinem Vater, einem Ladenbesitzer, helfend zur Hand geht. Dieser muss sein Inventar auf islamische Kleidung umstellen und macht sichtbare Frauenhaut mit einem schwarzen Stift unkenntlich. Nur die Augen dürfen noch zu sehen sein. Und über die Einhaltung der Regeln wacht die Religionspolizei.


Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir einiges über das streng reglementierte Leben im Kalifat. Verstöße werden streng geahndet. Geldstrafen und Verhaftungen sowie Folter und Hinrichtungen auf offener Straße sind an der Tagesordnung. Ein Kulturwandel setzt ein und die totalitären Strukturen werden immer umfassender. Die Verbote werden mit der Zeit immer gravierender. Zigarettenstangen, Poster und unislamische Kleidungsstücke werden öffentlich verbrannt. Mobiltelefone müssen bei der Polizei abgegeben werden. Die Jugend wird indoktriniert und mit einem neuartigen Gefühl von Zugehörigkeit verführt. Versammlungen werden überwacht und immer mal wieder werden Ausgangssperren verhängt. Und Noahs Familie ist auch direkt betroffen: Onkel Ali muss sein Café schließen. Noahs Schwager befindet sich sogar in einem Umerziehungslager.


Und v.a. die Frauen haben unter der neuen Herrschaft zu leiden. Sie dürfen nicht mehr arbeiten und nur noch in Begleitung das Haus verlassen. Noahs Schwester, die erfolgreich studiert hat, muss nun untätig zu Hause sitzen und Noahs Mutter darf nicht mehr im Laden aushelfen. Eines Tages erlebt Noah aus nächster Nähe mit, wie eine Frau gesteinigt wird, die leicht bekleidet auf einer Party erwischt wurde.


Und Noah und seine Familie müssen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen und mit den neuen Machthabern leben lernen. Doch man merkt an ihren Äußerungen und an ihren Verhaltensweisen, dass sie längst nicht mit allem einverstanden sind. In den eigenen vier Wänden fühlen sie sich noch sicher und sprechen kritische Dinge aus, die sie auf offener Straße niemals äußern könnten. Im Privaten ist noch ein erträgliches Leben möglich. Doch am Beispiel von Noah und Onkel Ali erleben wir mit, wie gefährlich es ist, im Kalifat zu rebellieren und zivilen Ungehorsam zu zeigen…


Eine tiefere Sinnebene des Romans (sowie ein autofiktionales Element) ergibt sich durch die Schilderung des Hobbys des Protagonisten: Er züchtet Tauben. Das ist gelungen arrangiert! Und noch etwas: Während der Lektüre habe ich mich oft gefragt, ob es sich bei dem im Buch geschilderten Kalifat um ein fiktives oder reales Szenario handelt. Es werden keine direkten Ort- oder Zeitangaben in den Text eingestreut, die eine klare Zuordnung erlauben. Ich vermute aber stark, dass der Handlungsort der Irak (zwischen 2014-2019) sein soll. Das könnte man an verschiedenen Hinweisen im Text festmachen (so spricht Onkel Ali z.B. davon, dass er an drei Kriegen teilgenommen hat).


Querverweise:
Khider, Abbas: Der falsche Inder
Khider, Abbas: Ohrfeige
Khider, Abbas: Deutsch für alle
Khider, Abbas: Palast der Miserablen


Freitag, 23. Januar 2026

Gmuer, Sara - Achtzehnter Stock

 


Über die schwierige Selbstverwirklichung einer alleinerziehenden Mutter




Die alleinerziehende Wanda lebt mit ihrer 5-jährigen Tochter Karlie in einem Plattenbau in Berlin und schlägt sich so durch, mehr schlecht als recht. Ab und zu nimmt sie an Castings teil, weil sie auf einen Durchbruch als Schauspielerin hofft. Sie erfährt aber regelmäßig eine Abfuhr nach der nächsten (die Schauspielschule hat sie nie abgeschlossen). Das Leben bietet ihr wenig Chancen. Sie muss sich mit ihrem armutsgefährdeten Dasein arrangieren, gibt aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann daraus auszubrechen. Sie sehnt sich nach einer Form von Selbstverwirklichung und wirkt dabei sehr selbstreflektiert. Ihrem Umfeld in der „Platte“ fühlt sie sich nicht wirklich zugehörig.


Zu Beginn des Romans wird deutlich, wie sie die Betreuung von Karlie sehr in Anspruch nimmt, die an einer hartnäckigen Mittelohrentzündung laboriert. Sie denkt viel über ihre eigene Rolle als Mutter nach und stellt fest, dass sich durch die Geburt ihrer Tochter Prioritäten verschoben haben. Der Männerwelt, die in diesem Roman an vielen Stellen in keinem sehr guten Licht erscheint, hat sie fürs erste abgeschworen. Was ebenfalls auffällt: Die triste häusliche Umgebung wird gut eingefangen. Wanda und die anderen benachbarten Mütter haben stets ein wachsames Auge auf ihre Kinder, wenn diese im Hof spielen.


Eines Tages wird Wanda wieder einmal zu einem Vorsprechen eingeladen, auf das sie sich gewissenhaft vorbereitet. Und nach langer Zeit des Misserfolgs hat sie endlich Glück. Sie bekommt die Rolle, für die sie vorgesprochen hat. Und nicht nur das: Sie lernt auch ihren Filmpartner Adam kennen, zu dem sie sich hingezogen fühlt und der eine wichtige Stütze für sie wird. Er ist in der Schauspielwelt kein Unbekannter und erfolgreich.


Doch leider hält das berufliche Glück nicht lange an und wird durch private Sorgen belastet: Karlies Gesundheitszustand verschlechtert sich. Ihre Schmerzen werden stärker und Wanda sucht Ärzte auf, die sich allesamt wenig empathisch verhalten. Die Fürsorge für Karlie nimmt Wanda völlig in Beschlag. Die Verantwortung für ihre Tochter drängt die mögliche Verwirklichung ihrer beruflichen Chance völlig in den Hintergrund. Und weil Wanda irgendwann nicht mehr weiterweiß und Angst um ihre Tochter hat, landet sie schließlich in der Notaufnahme. Und auch dort nimmt man sie nicht wirklich ernst. Das Personal wirkt überfordert und bringt wenig Mitgefühl auf. Als Leser ist man emotional berührt und nimmt Anteil am Geschehen, v.a. als man bei Karlie endlich den Verdacht auf eine Gehirnhautentzündung diagnostiziert und Wanda Todesängste ausstehen muss.


Wie wird es mit Mutter und Tochter nun weitergehen? Wird Wanda in einer rauen, harten und empathielosen Welt noch beruflich erfolgreich und „die Platte“ hinter sich lassen? Wird Karlie wieder auf die Beine kommen und sich erholen? Und wie wird sich die Beziehung zu Adam weiterentwickeln? Das sind die zentralen Fragen, die man sich ab diesem Zeitpunkt stellt. Ohne zu viel zu verraten, kann ich zumindest vorwegnehmen, dass Wanda ab einem gewissen Punkt in eine gefährliche Abwärtsspirale gerät. Immer wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, ereignet sich das nächste Unglück. Und man erhält einen Einblick in das harte Business des Filmgeschäfts. Die Nöte einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein krankes Kind kümmern muss, werden gut deutlich.


Abschließend noch ein wenig Kritik: Ich hätte gern noch mehr über Karlies Vater erfahren. Es stellt sich die Frage, was zwischen ihm und Wanda schiefgelaufen ist und was er für ein Mensch ist. Warum hat sie sich von ihm getrennt? Zu alldem hätte ich gern noch mehr gewusst. Stellenweise fand ich die Figurengestaltung und gewisse Handlungselemente etwas klischeehaft (aber nicht so, dass es mich gestört hätte. Es ist mir nur aufgefallen). Auch das Ende war für mich nicht ganz rund. Ich hätte mir einen anderen, härteren und weniger versöhnlichen Abschluss gewünscht (nach allem, was Wanda und Karlie durchgemacht haben).


Montag, 19. Januar 2026

McFadden, Freida - Der Freund




McFadden überzeugt erneut




Sydney ist auf der Suche nach dem Richtigen und nutzt dafür eine Dating-App. In einem Restaurant trifft sie sich mit Kevin. Doch das Profilbild und sein tatsächliches Aussehen weichen deutlich voneinander ab. Sydney ist sehr enttäuscht und scheut sich nicht davor, in seinem Beisein das Handy zu zücken, die App zu öffnen und ihn mit dem Foto zu vergleichen (sehr charmant :-). Ein kurioser Einstieg. Es wird sofort deutlich, dass Sydney Kevin nicht sonderlich attraktiv findet. Auch verläuft das Date sehr sonderbar. Das ist schon amüsant zu lesen. Beide haben überhaupt kein Problem damit, einander offen und direkt mitzuteilen, was sie am jeweils anderen stört. Noch dazu benimmt sich Kevin ziemlich daneben. Und bei Sydney setzt eine Fluchtimpuls ein. Ungeduldig wartet sie auf den vorher verabredeten Anruf einer Freundin, um sich aus ihrer misslichen „Date-Lage“ zu befreien. Doch der Anruf kommt nicht und Syndey muss ihrem Schwarm auf andere Art und Weise einen Korb erteilen. Dann wird die Situation ernst. Bei der Verabschiedung wird Kevin plötzlich aufdringlich und übergriffig. Er will mehr. Doch Sydney verteidigt sich und ein unbekannter Mann greift helfend ein und schlägt Kevin in die Flucht. Infolgedessen knistert es zwischen Sydney und dem Retter in der Not. Doch beide verabschieden sich zunächst, ohne Nummern auszutauschen. Als Sydney ihren Fehler erkennt, beschließt sie, ihn zu suchen und hofft auf ein Wiedersehen…


In einer weiteren Perspektive machen wir Bekanntschaft mit Tom, der schon seit seinem vierten Lebensjahr in Daisy verliebt ist. Er schwärmt für sie. Sein bester Freund Slug ermuntert ihn, sie anzusprechen. Und er findet tatsächlich den Mut dazu und wird für sein Engagement belohnt. Sie gehen gemeinsam von der Schule nach Hause. Beide sind einander sehr sympathisch und Tom zeigt sich von seiner besten Seite. Er verhält sich hilfsbereit und höflich. Weitere Annäherungen und Treffen werden folgen. Gleichzeitig ist man als Leser irritiert davon, was Tom so durch den Kopf geht, wenn er Daisys Hals betrachtet. Man hat sofort eine Vorahnung, dass mit Tom irgendetwas nicht stimmt. Wie wird sich die Beziehung der beiden Teenager weiter entwickeln?


Darüber hinaus lernen wir einige weitere interessante und teils skurrile Figuren kennen. Da ist z.B. Bonnie, die Freundin von Sydney, die ebenfalls Männer datet und einen Arzt an der Angel hat. Sie wird bald tot aufgefunden und Ermittlungen zu mehreren Verdächtigen folgen. Dabei tritt Jake auf den Plan. Er ist der leitende Ermittler und war früher einmal mit Sydney zusammen. Das ist geschickt arrangiert. Dadurch dass Jake und Sydney einander kennen, sind mögliche Komplikationen vorprogrammiert. Und bei der Perspektive von Tom ist es Slug, der als Figur eine wichtige Rolle spielt. Er hat eine Vorliebe für Insekten und hat beim anderen Geschlecht wenig Chancen. Eines Tages will er Entomologe werden. Und auch die Eltern von Tom sind relevant. Sein Vater hat ein Problem mit dem Alkohol und wird der Mutter gegenüber auch einmal handgreiflich. Tom hasst seinen Vater abgrundtief. Einmal hat er sogar die Polizei zur Hilfe gerufen, als die Situation zu Hause eskalierte. Doch die Mutter nimmt den Vater in Schutz und streitet ab, dass es zu häuslicher Gewalt gekommen ist. 


Der Thriller zeichnet sich dadurch aus, dass die Autorin jede Menge falsche Fährten legt und die Vermutungen der Leser stark mal in die eine oder mal in die andere Richtung lenkt. Ich hatte während der Lektüre immer mal wieder Vorahnungen im Kopf, die ich bestätigt oder widerlegt wissen wollte. Das ist schon sehr geschickt arrangiert und man liest neugierig weiter. Doch man will nicht nur seine eigenen Theorien überprüfen, auch ist man gespannt darauf, zu erfahren, wie die verschiedenen Blickwinkel zusammenhängen. Ab einem gewissen Punkt greifen die Perspektiven dann wunderbar ineinander und sind sehr gut aufeinander abgestimmt. Auch das ist lobenswert, wie ich finde. Und das Ende hat mich tatsächlich wieder überrascht. McFadden hat meine Erwartungen durchbrochen. Und das rechne ich der Autorin hoch an. Insgesamt fand ich den Fall spannend angelegt. Ich konnte gut miträtseln und habe mit Sydney mitgefiebert. Ich blieb fortlaufend „am Ball“ und habe das Ganze beteiligt und interessiert gelesen. Eine runde Sache! Der ein oder andere mag bemängeln, dass man stellenweise durch eingestreute Hinweise zu stark gelenkt wird. Aber mich hat das nicht gestört. Deshalb volle 5 Sterne! Und es ist beachtlich, dass McFadden immer wieder Thriller mit einer hohen Spannungsintensität nachlegen kann. Bei den Lesern scheint sie immer beliebter zu werden. Aktuell ist sie mit 5 Büchern in den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste vertreten (Stand: KW 3/2026).


Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt 
McFadden, Freida: Die Kollegin
McFadden, Freida: Der Lehrer


Montag, 12. Januar 2026

Melle, Thomas - Haus zur Sonne




Eine Krankheitsgeschichte




Der autofiktionale Erzähler berichtet uns zu Beginn davon, wie ihn die letzte Manie, die er durchlebt hat, ruinierte. Zwei Jahre hat sie gedauert, Freundschaften wurden zerstört, Geld verpulvert, Straftaten begangen und der Ruf hat gelitten. Die Krankheit überrollte ihn wie eine Welle. Er war machtlos. Auch Medikamente schützten ihn nicht davor. Das Loch, in das er fiel, war tief, sehr tief. Nach den zwei Jahren Manie folgten zwei Jahre schwerster Depression. Eine Zeit von Lethargie, Lähmung, Leere, Einsamkeit und Suizidgedanken. Das Leben als Last!


Die einzige Vertrauensperson, die sich hin und wieder um ihn kümmert, ihn stützt und Anteil an seinem Leben nimmt, ist Ella. Doch von seinen suizidalen Gedanken erzählt er ihr nichts (auch um sie zu schützen). Und es wird deutlich, dass die Beziehung zwischen beiden aufgrund der Erkrankung gestört ist. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Und der Erzähler hat Angst, dass er ihr nicht guttut.


Und inmitten dieser Phase, in der sich der Erzähler selbst den Tod herbeiwünscht, erreicht ihn ein Brief vom Haus zur Sonne. Dabei handelt es sich um ein Modellprojekt, staatlich finanziert. Ein Sanatorium, in dem den Klienten mit virtuellen Simulationen Wünsche erfüllt werden, bevor sie begleiteten Suizid begehen (die Schilderung der Simulationen sorgt für Abwechslung im Handlungsverlauf). Die Einrichtung ist luxuriös ausgestattet. Es fehlt dort nicht an Annehmlichkeiten, kulturellen Veranstaltungen und Wellness-Angeboten. Das Personal liest den Klienten dort jeden Wunsch von den Augen ab. Der lebensmüde Erzähler hofft, dass ihm der Aufenthalt dort wieder Struktur im Leben verleiht, er einige Glücksmomente durchlebt und er seinem Leid dann endlich ein Ende setzen kann. Wird er sich am Ende wirklich töten (lassen)? Oder gewinnt er neuen Lebensmut? Das sind die Fragen, die ich mir während der Lektüre stellte.


Die innere Leere, Anhedonie, die Lethargie und der fehlende Antrieb des Protagonisten werden gut eingefangen. Die Symptome der Erkrankung werden nachvollziehbar. Es wird klar, dass der Erzähler sich aufgegeben hat und nicht mehr weiter gegen die zermürbende Krankheit ankämpfen will. Vor dem Rückfall in die Manie und Depression durchlebte er eine 10-jährige Phase von Stabilität. Er gesundete, fühlte sich gut. Doch die Krankheit schlägt trotz der Medikamente mit erbarmungsloser Härte erneut zu (Auslöser dafür war Stress durch konfrontative Kommunikation in den sozialen Medien). Infolgedessen gerät sein Leben wieder aus der Bahn und sein Leid beginnt von vorn. Zu seinem krisenhaften Zustand kommt Mittellosigkeit dazu. Ein Teufelskreis.


Im Haus zur Sonne angekommen, fällt es ihm schwer, überhaupt Wünsche zu äußern und Befriedigung aus den Simulationen zu ziehen. Und gerade das verdeutlicht das Ausmaß der Krankheit! Und was sich auch zeigt: Er lügt Ella an, was seinen Zustand betrifft. So schreibt er ihr aus dem Sanatorium, ist aber niemals ehrlich, wie es ihm wirklich geht. Im Haus zur Sonne trifft der Erzähler auch auf andere Klienten bzw. Leidensgenossen (so z.B. auf Vera). Doch tiefgründe Beziehungen entstehen dort nicht. Wohl auch eine Folge der Erkrankung. 


Was den ein oder anderen Leser bei der Lektüre belasten könnte, ist das Thema des Suizids. So geht der Protagonist in Gedanken immer wieder seinen Tod durch, wägt das Für und Wider eines Freitods ab und ringt mit sich, was seine Entscheidungsfindung angeht. Mit dieser Thematik sollte man umgehen können. Letztlich gelingt es dem Autor mit diesem Buch, ein Bild von der Krankheit und den damit verbundenen Symptomen zu vermitteln, und das auf eine sehr eindringliche Art und Weise. Es wird sehr deutlich, dass der Erzähler stark leidet. Hier wird Empathieförderung betrieben. Der Autor findet immer wieder neue und treffende Worte, um die Erkrankung erfahrbar zu machen. Gerade für Betroffene, die sich in den Beschreibungen wiederfinden und auf diese Weise nicht allein fühlen möchten oder für Angehörige, die sich in den Gemütszustand eines Erkrankten hineinversetzen wollen, kann dieses Buch eine große Hilfe sein. Nur hoffnungsfroh ist der Inhalt leider nicht. Das könnte den ein oder anderen enttäuscht zurücklassen. Das Ende des Buchs ist offen und lädt zur Interpretation ein. Das finde ich gelungen. Abschließend: Für mich hätte dieses Werk den deutschen Buchpreis verdient gehabt. Ich konnte ihm persönlich mehr abgewinnen als dem Titel, der tatsächlich ausgezeichnet wurde. Ich hätte der Jury mehr Mut gewünscht...


Querverweise:
Weitere Bücher, in den psychische Erkrankungen eine Rolle spielen: 

Rönne, Ronja von: Ende in Sicht (Suizid, Depression)
Usami, Rin: Idol in Flammen, (Depression)
Burnett, Frances H.: Der geheime Garten, (Depression)
Gutsch, Jochen und Maxim Leo: Frankie, (Depression)
Bjerg, Bov: Auerhaus (Suizid, Depression)
Spit, Lize: Ich bin nicht da (Psychose)


Mittwoch, 7. Januar 2026

Würger, Takis - Für Polina

 


„Hast du Tollkraut gegessen?“



Ein Jahr vor ihrem Abitur reist Fritzi Prager in den Sommerferien nach Italien. Dort stürzt sie sich in eine Liebesnacht mit einem älteren Mann, der ihr Avancen macht. Und kurze Zeit später, schon auf der Rückreise in ihre Heimat, stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Sie entscheidet sich dafür, das Kind zur Welt zur bringen und einige Monate später wird Hannes geboren. Im Mehrbettzimmer im Krankenhaus lernt sie Günes mit ihrer kleinen Tochter Polina kennen. Beide jungen Mütter freunden sich an. Es wird eine langjährige Freundschaft daraus entstehen, wie uns die Erzählerinstanz Wissen lässt.


Aufgrund einer angespannten Beziehung zu ihren Eltern zieht Fritzi bald aus, landet in einer kleinen Einzimmerwohnung mit Kochnische und geht in einem Supermarkt putzen. Als ein Nachbar übergriffig wird, zieht sie abermals um. Dabei lernt sie Heinrich Hildebrand kennen, der aufgrund von Geldknappheit einen Untermieter sucht und sie bei sich in seiner Villa aufnimmt. Der kauzige Hildebrand hat Mitleid mit der jungen Mutter und kann sich für ihre kecke und charmante Art erwärmen. Er verschafft ihr sogar eine neue Arbeit. Sie wird seine Assistentin.


Fritzi und ihrem Sohn fehlt es an nichts, sie sind glücklich. Günes und die aufgeweckte Polina besuchen sie häufig. Lediglich die Entwicklung von Hannes bereitet Fritzi Sorge. Der Junge ist zu ruhig und verträumt. Er schreit so gut wie gar nicht. Ärzte geben ihr den Rat, für das Kind Reize zu finden, die es aus seiner Lethargie wecken. Dank Hildebrand kommt Hannes schon früh mit Musik in Berührung. Er spielt dem Jungen zum Einschlafen klassische Musik vor. Und bald blitzt Hannes Talent auf. Was musikalische Dinge betrifft, hat er eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe (seine Lehrer in der Schule halten ihn übrigens für zurückgeblieben). Hildebrand fördert den Jungen, lässt sein altes Klavier in Stand setzen und unterrichtet ihn.


Die Handlung wird gerafft vorangetrieben, die Jahre ziehen vorbei. Hannes wird älter und er verbringt viel Zeit mit Polina, die als Kontrastfigur zu ihm angelegt ist. Sie verlieben sich ineinander. Gleichzeitig wird Hannes neugieriger, was seine Vergangenheit betrifft. Er will seinen Vater kennen lernen. Fritzi nimmt schließlich Kontakt zu ihm auf und es kommt zu regelmäßigen Begegnungen von Hannes und seinem Vater, die holprig verlaufen. Vater und Sohn teilen keine gemeinsamen Interessen, doch auch er erkennt das besondere Talent von Hannes und will ihn fördern. Dann ereignet sich eine Wendung, die auch im Klappentext erwähnt wird. Fritzi verstirbt an den Folgen eines Arbeitsunfalls und es stellt sich die Frage, wie Hannes weiterer Lebensweg ohne sie verlaufen wird. Seine Trauer führt dazu, dass er das Klavierspiel aufgibt. Auch trennen sich Polinas und Hannes Wege (vgl. dazu auch den Klappentext). Wie wird es mit Hannes weitergehen? Werden er und Polina irgendwann wieder zusammenfinden? Wird Hannes sein Talent eines Tages nutzen und die Anerkennung erhalten, die ihm gebührt?


Eines kann ich jedenfalls versprechen: Man nimmt bei der Lektüre Anteil an dem Schicksal von Hannes und hofft darauf, dass sein Leben sich irgendwann wieder glücklich fügen wird. Ich habe mit Neugier verfolgt, wie sich die verschiedenen Beziehungsverhältnisse weiterentwickeln: Hannes Beziehungen zu seinem Vater, zu Hildebrand, zu Polina und zu Günes. Auch tritt mit dem Arbeitskollegen Bosch eine weitere interessante Figur hinzu, die tiefgründiger ist, als sein bärenhafter Körperbau es vermuten lässt. Der Schreibstil ist bildhaft, kreativ und warmherzig, mit Blick für ausgefallene Details (teils amüsant). Das Buch liest sich richtig rund und flüssig. 5 Sterne von mir!


Querverweis:
Würger, Takis: Unschuld


Freitag, 2. Januar 2026

Schoeters, Gaea - Trophäe

 


„Big Six“




Der Investmentbanker Hunter White macht seinem Namen alle Ehre. Als Weißer in Afrika hat er eine Jagdlizenz für ein Spitzmaulnashorn erworben und begibt sich in Begleitung seines Gastgebers van Heeren auf Safari. Van Heeren ist Jagdleiter und Berufsjäger und Hunter will die sog. „Big Five“ zur Vollendung bringen. So werden die bekanntesten und gefährlichsten Großwildarten genannt: Löwe, Leopard, afrikanischer Elefant, Nashorn und afrikanischer Büffel. Sie sind besonders schwer zu erlegen und stellen ein großes Risiko für den Jäger dar…


In freudiger Erwartung und mit großer Anspannung erwarten beide den nächsten Tag und hoffen auf ein Abenteuer. Sie wollen sich zusammen mit zwei einheimischen Fährtenlesern auf die Pirsch begeben. Doch es kommt anders als geplant: Wilderer funken White und van Heeren dazwischen und töten noch vor den Jägern ein Nashorn. Hunter ist außer sich vor Wut, denn nun ist seine Trophäe in Gefahr und er hat viel Geld dafür bezahlt, ein Tier zu erlegen…


Die atmosphärische und emotionale Schilderung der Jagd ist dicht und gut spürbar. Auch Wissen um Jagdlizenzen und Naturschutzzuchtprogramm fließt beiläufig mit ein. Illegale Wilderei ist ein großes Problem. Die Art von Jagd, die Hunter betreibt, ist detailliert reguliert und verfolgt einen anderen Zweck. Das entsprechende Jagdwild wird vorher ausgewählt und zum Abschuss freigegeben. Das „Abenteuer“ läuft streng reglementiert ab. Durch die Anwesenheit des Jagdleiters van Heeren und der Fährtenleser ist das Risiko der Jagd minimiert. Unannehmlichkeiten und Entbehrungen halten sich in Grenzen. Kein Vergleich zur Jagd während der Kolonialzeit. Ginge es nach Hunter, würde er gern ein größeres Risiko eingehen. Das gibt ihm den besonderen „Kick“…


Der Blickwinkel von Hunter wirkt auf die Leserinnen und Leser vermutlich befremdlich. Er hat eine andere Sicht auf die Dinge. Er sieht seine potentielle Beute als Besitz an. Für ihn ist die Jagd ein Kräftemessen zwischen Mensch und Tier. Er möchte so wenig Hilfsmittel wie möglich in Anspruch nehmen, um seine Beute Auge in Auge zu erlegen. Er möchte Todesangst und einen Adrenalinrausch spüren. Dadurch erlebt er seinen Triumph noch intensiver. Auch ist die Jagd für ihn die Fortführung einer Familientradition. Schon sein Großvater war Jäger und hat ihn in der Kunst des Tötens unterwiesen. Das wird immer mal wieder in Rückblicken deutlich. Hunters Denken basiert auf einem archaischen Wertesystem. Sein Gefühlsleben wird uns nachvollziehbar und gut nähergebracht.


Um die Frustration seines zahlenden Kunden abzumildern, macht van Heeren White nach der missglückten Jagd auf das Nashorn ein unmoralisches Angebot. Er erzählt ihm von den „Big Six“, der Jagd auf einen Menschen. Als potentielle Opfer bringt er Buschmänner ins Spiel, die ein ziemlich rechtloses Dasein im korrupten Afrika fristen (wir erfahren dabei auch einige Hintergründe zu den entrechteten Stämmen). Zunächst wirkt selbst Hunter von dem Angebot verstört und abgeschreckt. Doch zugleich fasziniert ihn die Vorstellung. Schließlich lässt sich Hunter auf die Big Six ein und fordert, dass sein potentielles Opfer ebenfalls bewaffnet ist. Mehr möchte ich nicht verraten. Es kommt zu einer Jagd auf Leben und Tod, bei der Hunter alles abverlangt wird. Wer wird am Ende siegen? Und am Ende wird das Geschehen durch eine unvorhersehbare Wendung noch einmal in eine neue Richtung gelenkt.


Insgesamt liest sich das Buch durchgängig fesselnd. Das Thema der Jagd sorgt für eine permanente Bedrohungssituation und Dynamik. Hinzu kommt die Frage der Moral, die die Leserinnen und Lesern in höchstem Maße zu einer Positionierung herausfordert. Für mich ein interessantes Buch, das ich mit Anspannung gelesen habe, das Spielräume zur Interpretation eröffnet und das mich zum Nachdenken angeregt hat. 5 Sterne!


Querverweis:
Schoeters, Gaea: Das Geschenk


Samstag, 20. Dezember 2025

Brown, Dan - The secret of secrets

 

Paranormal und mystisch



Robert Langdon und seine Begleiterin Dr. Katherine Solomon erwachen im Four Seasons Hotel in Prag. Anlass für den Besuch der tschechischen Hauptstadt ist ein Vortrag, den Katherine im Rahmen einer Vortragsreihe an der Karls-Universität hält. Darin geht es um das menschliche Bewusstsein. Schon bald geraten sie in eine bedrohliche Situation, bei der auch Geheimdienste und undurchsichtige kriminelle Strukturen ihre Finger im Spiel haben, und Langdon muss wieder als cleverer Analytiker agieren…


In einer weiteren Perspektive erfahren wir mehr von einem Täter, der sich selbst der Golem nennt, und die Veranstalterin der Vortragsreihe (Dr. Gessner) ermordet hat. Gessner war Neurowissenschaftlerin und hat an etwas Geheimen geforscht. Anders als Solomon ist sie Materialistin und keine Noetikerin, d.h. sie glaubt v.a. an die Biochemie und Physik, um die Prozesse im Gehirn erklären und verstehen zu können. Doch was hat sie entdeckt? Woran hat sie geforscht? Warum wurde sie getötet?


Darüber hinaus erfahren wir, dass das Manuskript eines Buchs von Katherine Solomon, das kurz vor Veröffentlichung stand und sich auf den Servern des Verlags befand, durch einen Hackerangriff zerstört wird. In dieser Arbeit wollte Katherine ihre Erkenntnisse zum menschlichen Bewusstsein publik machen. Was hat sie nur herausgefunden, dass jemand das Erscheinen verhindern will? Und wer hat es auf die Wissenschaftlerin und ihr Werk abgesehen?


Wie wir es aus Büchern von Dan Brown kennen, wird auch viel Wissenswertes zum Handlungsort in die Handlung eingeflochten (z.B. zu Architektur und Stadtgeschichte Prags). Das hat mir gut gefallen. Der Schreibstil ist bildhaft und flüssig. Man bleibt an den Zeilen haften. Prima! Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf, man ist schnell im Geschehen drin. Auch das finde ich lobenswert, schließlich weist das Buch einen Umfang von 800 Seiten auf. Ich hatte im Vorfeld damit gerechnet, dass man lange braucht, um einen Überblick über die Handlung zu gewinnen. Dem ist aber glücklicherweise nicht so. Die Spannung ist stark ausgeprägt, die Neugier wird permanent befeuert. Ich hatte immer wieder offene Fragen im Kopf. Nur das Tempo des Thrillers ist nicht allzu hoch.


Worauf man sich bei diesem Buch einlassen können sollte, ist der Umstand, dass Paranormales und Mystik eine Rolle spielen, so dass der Thriller stellenweise mehr ins „fantasiemäßige“ abdriftet. Man sollte einiges in Zweifel ziehen von dem, was im Hinblick auf wissenschaftliche Erkenntnisse in diesem Buch präsentiert wird. So gibt es diverse Exkurse zu unterschiedlichen Wissensgebieten (z.B. zur Thanatologie etc.), aber das meiste davon ist erfunden! Darüber sollte man sich im Klaren sein. Der Autor verwebt reale Schlagworte und Konzepte aus der Wissenschaft mit fiktiven Ideen und Spekulationen. Nicht immer fällt die Abgrenzung leicht zwischen dem, was real und was fiktiv ist (so ging es mir zumindest). Deshalb hätte ich ein Nachwort interessant gefunden, in dem der Autor darlegt, wovon er sich inspirieren lassen hat und was er wie fiktionalisiert hat.


Auch die letzten 100 Seiten haben mich nicht überzeugt. Eine Wendung in Bezug auf eine Figur fand ich viel zu weit hergeholt und konstruiert. Das war mir dann doch zu abgedreht und in psychologischer Hinsicht absolut unglaubwürdig. Auch zieht die Spannung am Ende nicht spürbar an, sondern sie bleibt auf einem konstanten Niveau. Das alles führt dazu, dass ich diesem Buch keine 5 Sterne geben kann. Ich schwanke zwischen 3 und 4 Sternen und komme so auf 3,5 Sterne.