Dieses Blog durchsuchen

Dienstag, 22. November 2022

Weßling, Bernhard - Anhang zum Buch: Was für ein Zufall!


3 von 5 Sternen


Was hält die Welt im Innersten zusammen? – Anhang

Bei dem Anhang zum Sachbuch „Was für ein Zufall!“ von Bernhard Weßling handelt es sich im Wesentlichen um eine Beschreibung der langjährigen Berufstätigkeit des Autors. Der Text ist stark autobiographisch geprägt. Weßling schildert die täglichen Herausforderungen, mit denen er während seines Berufsalltags konfrontiert war. Er stellt dar, welche Probleme sich ihm stellten und wie er diese bewältigt hat. Der Einfallsreichtum des Autors ist beachtlich. Seine Leistung ist beeindruckend. Bei der Lösung der verschiedenen Probleme war auch der Zufall immer einmal wieder mit im Spiel. Als Leser erhält man einen interessanten Einblick in die Berufspraxis eines Chemikers. Und sehr ehrlich und offen berichtet der Autor auch von seinen quälenden Nachdenkprozessen. Viel Raum nimmt die Dispersionsforschung ein.

Ich halte den Anhang eher für solche Leser:innen für geeignet, die an Chemie interessiert sind und die mehr in die Tiefe von Weßlings Grundlagenforschung eintauchen möchten. Für mich als Chemie-Laie waren viele Passagen unverständlich. Und mich hätten durchaus auch noch Ausführungen zum Arbeitsalltag in China interessiert, wo der Autor 13 Berufsjahre verbracht hat.

 

Fazit

Der Anhang bietet interessierten Leser:innen die Möglichkeit, noch mehr in die Tiefe von Weßlings Grundlagenforschung einzutauchen und die Herausforderungen seines Arbeitsalltags als Chemiker kennenzulernen. Für mich als Laie war dieses Buch aber über weite Strecken zu sperrig und unverständlich. Es ist also eher etwas für Fachleute. Deshalb vergebe ich 3 Sterne!

 

 

 

Weßling, Bernhard - Was für ein Zufall! Über Unvorhersehbarkeit, Komplexität und das Wesen der Zeit


4 von 5 Sternen


Was hält die Welt im Innersten zusammen?

In seinem sehr lesenswerten Buch „Was für ein Zufall!“ widmet sich der Autor Bernhard Weßling den großen allgemein-menschlichen Fragen von Unvorhersehbarkeit, Komplexität und dem Wesen der Zeit. Er gibt sich dabei als „Sinn-Suchender“ zu erkennen und unterbreitet auf der Grundlage eigener Erfahrungen Vorschläge, wie man die Beschaffenheit der Welt mit Hilfe der folgenden Begriffe besser beschreiben könnte: Zufall, Nicht-Gleichgewichtssystem, Entropie und Zeit. Und was ich direkt zu Beginn dieser Rezension bereits lobend herausstellen kann: Der Autor schreibt weitestgehend anschaulich und ist sehr darum bemüht, den Leser bzw. die Leserin auf seiner gedanklichen Reise „mitzunehmen“. Sein Text zeichnet sich in großen Teilen durch Verständlichkeit aus, was einerseits an den nachvollziehbaren Erklärungen liegt, andererseits an den zahlreichen Beispielen, die er anführt. Da der Autor jedoch mit vielen Internetquellen arbeitet, empfehle ich, die digitale Version des Buchs zu lesen, um den Hyperlinks folgen zu können, und sie nicht mühsam in die Adresszeile einzutippen.

 

Schon das Vorwort ist ein gelungener Einstieg ins Buch und macht Lust auf mehr, flüssig und leserlich geschrieben. Vereinfachend, aber nicht zu simplifizierend! Es wird ein eingängiger, leserfreundlicher und leserzugewandter Sprachstil verwendet. Auch die vielen direkten Leseransprachen lockern den Text gut auf und lassen ihn äußerst lebendig wirken. Ebenso sorgen die stellenweise eingestreuten chinesischen Sprichwörter dafür, dass der Fließtext nicht zu trocken wird. Und der Autor macht gut deutlich, um welche zentralen Fragen es ihm geht: Woher kommt der Zufall? Wie kommt er in unsere Welt? Warum ist er normal? Wie entsteht Komplexität? Auch der interessante Begriff des „Nicht-Gleichgewichtssystems“ wird von ihm eingeführt. Das führt zu den nächsten zentralen Fragen: Warum befinden sich kompliziert strukturierte Systeme nicht im Gleichgewicht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zufall und „Nicht-Gleichgewicht“? Und was ist das Wesen der Zeit? Der Autor gibt in diesem Zusammenhang auch unumwunden zu, dass er sich an vielen Stellen nicht an der klassischen Lehrmeinung orientiert, sondern eigene Wege beschreitet, um die genannten Fragen zu beantworten. Deshalb möchte ich zu Beginn meiner Rezension auch direkt festhalten: Ich kann als Nicht-Chemiker und Laie nicht alle Inhalte auf Plausibilität hin überprüfen. Fachliche Inhalte kann ich aufgrund fehlender Expertise nicht einschätzen, die vielen Thesen kann ich nicht alle auf Stichhaltigkeit hin prüfen. Ich kann mich nur meines eigenen Verstandes bedienen und im Wesentlichen solche „Stolperstellen“ benennen, die mir unklar oder nicht nachvollziehbar in Erinnerung geblieben sind.

 

Kapitel 1 – Der Zufall nimmt seinen Lauf (S. 1-14)

Ungewöhnlich für ein Sachbuch ist der recht autobiographisch geprägte Einstieg in die einzelnen Kapitel. Man lernt viel Privates über den Autor kennen. Vorteil dieser Herangehensweise: Der Autor ist für mich als Leser kein anonymer Fremder, über den ich nichts weiß, sondern ich kann eine persönliche Beziehung zu ihm herstellen. Ein ungewöhnlicher Stil, der die Leser aber in meinen Augen auch anspricht. Ich konnte mich jedenfalls darauf einlassen, wusste aber nach der Lektüre des ersten Kapitels noch nicht so recht, auf welche gedankliche Reise Weßling mich mitnehmen wird. Am interessantesten für mich war der Exkurs zum Internet und zu seiner Erfindung, den der Autor hier auf Basis seines persönlichen Erfahrungsschatzes skizziert.

 

Kapitel 2 – Der Zufall ist überall (S. 15-60)

Hier geht es nun vor allem um Zufälle. Der Autor nimmt eine inhaltliche Systematisierung vor und spielt an Beispielen durch, was für verschiedene Arten von Zufällen es gibt. Die zugrundeliegende Botschaft des Kapitels ist recht klar: Überall ist unser Leben von zufälligen Ereignissen geprägt. Für mich wurde das zweite Kapitel vor allem dann spannend, als der Autor sich der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens „Zufall“ widmet (S. 29 ff.). Es wird deutlich, dass es Weßling vor allem um sogenannte „essenzielle Zufälle“ geht (vgl. S. 33 ff.), also um solche Zufälle, die unvorhergesehen passieren. Sie seien dadurch charakterisiert, dass zwei oder mehr Kausalketten, die voneinander unabhängig sind, zusammentreffen. Mehr als eine Ursache läge ihnen zugrunde. Was dem Autor dabei gut gelingt, ist es, den essenziellen Zufall mit vielen konkreten Beispielen nachvollziehbar zu veranschaulichen.

Weßling ist es wichtig zu betonen, dass Zufall nicht bedeute, „dass das entsprechende Ereignis keine Ursache hat“ (S. 39). So werde es von Anhängern anderer Fachrichtungen aber häufig verstanden, so der Autor. Jedes Ereignis habe eine Ursache, meist mehrere, und bei essenziellen Zufällen hätten die zu den Ursachenden führenden Ereignisketten ursprünglich nichts miteinander zu tun, so Weßling. An vielen Stellen widerspricht Weßling der gängigen Lehrmeinung, was für mich insofern in Ordnung ist, als er die Leser auf diese Weise stärker dazu veranlasst, sich mit der Herangehensweise des Autors intensiv auseinanderzusetzen. Er fordert die Leser sozusagen zum Mitdenken förmlich heraus. Das ist gelungen. Aber man muss sich auf so etwas einlassen wollen.

Letztlich kann ich die gesamte, spannende und zum Nachdenken anregende Diskussion zum Zufall hier nicht im Detail wiedergeben, das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Ich möchte aber schon deutlich machen, dass ich nicht allen Aussagen des Autors zustimmen kann. Häufig ist er mir auch zu kategorisch in seinen Schlussfolgerungen.

Für mich persönlich ist der Zufall eine „Wahrnehmungskategorie“, d.h. abhängig von der eigenen Wahrnehmung. Erst meine eigene Bewertung und der Umstand, dass ich ein Ereignis mit Bedeutung auflade, macht es zu einem Zufall. Das, was ich selbst als Zufall erkenne oder nicht, hängt also von mir selbst ab, es ist subjektiv. Sonst müssten ja mehrere Menschen gleichzeitig denselben Zufall identisch wahrnehmen. Doch ist es nicht unterschiedlich, ob das, was der eine als Zufall wahrnimmt, von einem anderen Menschen auch als Zufall wahrgenommen wird? Ist der Zufall nicht eine „Wirklichkeitskonstruktionsleistung“ des Gehirns?  Das gebe ich hier zu bedenken. Kurzum: Ich finde das anthropische Prinzip, das der Autor ablehnt (vgl. S. 43-44), selbst am schlüssigsten. Und die Frage danach, warum es Zufälle gibt, lässt sich in meinen Augen also gar nicht beantworten. Erst der Mensch selbst verleiht dem Zufall mit seiner Wahrnehmung Bedeutung. Und auch die Einschätzung der Häufigkeit von Zufällen ist ja subjektiv. Dem Autor geht es in seinem Buch um solche Zufälle, die sich unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung ereignen. Trotzdem meine Frage: Kann es solche Zufälle überhaupt geben?

 

Kapitel 3 – Kreativität ist Zufall im Gehirn (S. 61-96)

Nach einem kurzen autobiographischen Exkurs, der das Gelesene auflockert, gewährt der Autor einen Einblick in die Dispersionsforschung. Er berichtet von den Erfolgen und Vorteilen angewandter Forschung. An einem Beispiel eigener Grundlagenforschung verdeutlicht er, dass er sich auch schon zu diesem Zeitpunkt der anerkannten wissenschaftlichen Meinung widersetzt habe und dennoch erfolgreich gewesen sei. Der Autor beschreibt, wie es ihm gelungen ist, erstmals leitfähige Polymere zu dispergieren und präsentiert eigene Forschungsergebnisse. Als Laie konnte ich hier viele Passagen nicht nachvollziehen.

Am Ende gelangt Weßling zu der Schlussfolgerung, dass in Nicht-Gleichgewichtssystemen andere Arten von Gesetzmäßigkeit herrschten als in Gleichgewichtssystem. Ein wichtiges Kennzeichen von Nicht-Gleichgewichtssystemen sei das Vorhandensein hochkomplexer Strukturen.  Im Anschluss führt der Autor auf nachvollziehbare Weise viele Beispiele für Nicht-Gleichgewichtssysteme an, z.B. Mayonnaise oder Eiscreme.

Bei seinen Ausführungen zur Kreativität ist gut und wichtig, dass der Autor auch betont, dass die Generierung von Ideen und das Phänomen von Geistesblitzen ein vorbereitetes Gehirn benötigen (vgl. S. 32, Fußnote 32 sowie die Bezugnahme auf Penrose). Doch was bedeutet das konkret? In meinen Augen sind es wohl vor allem die Einflüsse von außen, die hiermit gemeint sind. So handelt es sich bei unserem Gehirn nicht um ein in sich geschlossenes System. Wir setzen uns mit der Umwelt auseinander, führen Gespräche, lesen Publikationen, erhalten Rückmeldungen von Mitmenschen. All das befördert die Generierung von Idee. 

 

Kapitel 4 – „Gleichgewicht ist gut, Nicht-Gleichgewicht ist schlecht – stimmt das?“ (S. 97-118)

Nachdem es im dritten Kapitel vor allem um die mühsame Grundlagenforschung des Autors ging, widmet sich Weßling nun stärker den beiden Begriffen „Gleichgewicht“ und „Nicht-Gleichgewicht“. In diesem Zusammenhang werden auch die Begrifflichkeiten „Fließgleichgewicht“ und „Entropie“ besprochen. Und was mir gut gefallen hat: Die „Entropie“, ein Terminus, auf den man ja auch in der Kosmologie häufig stößt, wird sehr anschaulich erläutert. Insbesondere die Erklärung am Beispiel des Wirtschaftssystems finde ich gelungen. Auch die Darlegung zur Schneeflockengestaltung fand ich spannend. Schneeflocken seien Ergebnisse von Selbstorganisation von komplexen Strukturen in Nicht-Gleichgewichtssystemen. Sehr einleuchtend! Auch anhand der Funktionsweise eines Geysirs wird ein Nicht-Gleichgewichtssystem verständlich und nachvollziehbar erläutert. Weßling führt viele interessante Beispiele an, um sein Anliegen zu vermitteln. Das ist gut!

Abschließend wird konstatiert, dass Nicht-Gleichgewichtssysteme essentiell und lebensnotwendig seien. Ihre Existenz sei nötig.

 

Kapitel 5 – „Fast an der Wissenschaft verzweifelt“ (S. 119-146)

Der Autor beklagt den Umstand, dass die Nicht-Gleichgewichtssysteme in der Forschung immer noch ein Schattendasein führten, obwohl unsere Welt im Wesentlichen aus Nicht-Gleichgewichtssystemen bestehe. Und auch an den Universitäten fände die Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik zu wenig Beachtung, so der Autor. Weßling erläutert das Prinzip der „Irreversibilität“ von solchen Systemen im Rahmen dieses Kapitels dann sehr klar und verständlich. Gleichzeitig macht er durch viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung sehr deutlich, dass innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft reflexhafte Abwehrmechanismen zu beobachten seien, wenn es um neue wissenschaftliche Entdeckungen gehe, gerade etablierte Wissenschaftler würden hier keine Ausnahme darstellen. Entdecker neuen Wissens würden eher bekämpft als gefördert. Weßling stellt sogar die provokative These auf, dass innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin neue Erkenntnisse einfach ignoriert würden und man diese nicht einmal offen und fair diskutieren würde. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang seine kritische Würdigung des Begriffs „Paradigma“. Forschungsparadigmen, so der Autor, würden häufig wie ein Dogma wirken.

Stellenweise finde ich die persönlichen Ansichten des Autors sehr interessant und aufschlussreich. Er berichtet sehr offen und ehrlich von Verletzungen und Misserfolgen, die er selbst im Rahmen seiner Grundlagenforschung und Berufstätigkeit erlitten habe. Auch seine Selbstzweifel finden Erwähnung. Natürlich kann ich als Leser von außen seine Einschätzungen nicht beurteilen, aber ich kann mich gut in seine Situation hineinfühlen. Und seine Einschätzung zu dogmatischen Forschungsparadigmen teile ich.

Des Weiteren hat die Lektüre des Texts bei mir auch dazu geführt, dass ich eigene Überlegungen zum Thema „Sprache“ angestellt habe. So habe ich mir z.B. die Frage gestellt, ob auch Sprachsysteme ein Nicht-Gleichgewichtssystem darstellen. Allerdings kann ich den Begriff der Entropie nicht damit in Zusammenhang bringen. Ich werde weiter darüber nachdenken. Auch könnte man sich fragen, ob und inwieweit es sich bei sprachlichen Fehlern um Zufallsprodukte handelt.

 

Kapitel 6 – „Die Geburt des Zufalls in komplexen Systemen“ (S. 147-190)

Das sechste Kapitel unterscheidet sich in meinen Augen von den anderen Kapiteln. Es ist deutlich anspruchsvoller verfasst. Der Autor erweitert sein Begriffsspektrum um folgende Begrifflichkeiten: „Nicht-Linearität“ sowie „Emergenz“ und „Reduktionismus bzw. Holismus“. Auch das Ereignis von Symmetriebrüchen wird erläutert. Insgesamt fand ich dieses Kapitel bei der Lektüre sehr sperrig, der verständliche und anschauliche Charakter ging mir zu sehr verloren. Es wirkte zu „expertenhaft“. Es wird mir zu viel Vorwissen vorausgesetzt und mir ist nicht klar, wohin die Argumentation des Autors führt. Mir fiel es schwer den Gedankengängen des Autors zu folgen. Resümierende Passagen in Form eines Zwischenfazits wären hilfreich gewesen. Auch hätte Weßling für mich noch deutlicher machen müssen, was das Ziel seiner Ausführungen ist. Mir war nicht klar, wie die verschiedenen Zufälle, denen sich der Autor widmet, nun genau zusammenhängen. Was ist das verbindende Element? Am interessantesten fand ich solche Stellen, an denen ein inhaltlicher Brückenschlag zur Kosmologie stattfand.

 

Kapitel 7 – „Was fließt da, wenn die Zeit fließt, und wohin fließt sie?“

Hier geht es um das Problem der Zeit. Der Autor stellt eine Art kurzen geschichtlichen Abriss über die Forschung zum Thema der Zeit dar. In diesem Zusammenhang fand ich insbesondere wieder die kosmologischen Arbeiten interessant, die Weßling erwähnt. Allerdings macht der Autor auch sehr deutlich, dass er sich mit vielen Hypothesen der theoretischen Physiker nicht anfreunden kann. V.a. die Annahme eines Multiversums sieht er skeptisch.

Auch dieses Kapitel konnte mich nicht so recht überzeugen, es ist nicht so verständlich wie die ersten fünf Kapitel geraten. Was ich mich bei der Lektüre gefragt habe: Mit welchem Ziel stellt der Autor seine Überlegungen zum Wesen der Zeit an? Wozu benötigt er dieses Phänomen? Was ist der Vorteil seiner eigenen Betrachtungsweise?

Am interessantesten fand ich die Passage, wo der Autor den Leser mit Fragen zum Wesen der Zeit konfrontiert und ihn damit zum Nachdenken anregt: Existiert Zeit nur in der Gegenwart? Wie lange dauert die Gegenwart? Das sind schöne Denkanstöße. Und es ist auch einmal spannend, eine andere Herangehensweise an das Thema kennenzulernen, nämlich die eines Nicht-Gleichgewichtssystem-Thermodynamikers. Sonst sind es ja eher die theoretischen Physiker, die sich mit der Frage nach dem Wesen der Zeit beschäftigen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Welche Vorteile bringt eine solche Herangehensweise? Was bringt es uns, wenn wir uns den Themen „Zufall“ und „Zeit“ mit den Augen eines Thermodynamikers annähern?

 

Kapitel 8 – „Unsere Wahrnehmung der Zeit“

Im letzten Kapitel geht der Autor noch einmal darauf ein, dass der Zufall und die Zeit die Entropie in Nichtgleichgewichts-Systemen als Gemeinsamkeit hätten. Die Betrachtung des Konzepts der Zeit wird erweitert um den psychologischen Aspekt der Zeitwahrnehmung und um chronobiologische Betrachtungen. Er erläutert, dass noch unzureichend erforscht ist, wo und wie genau der Ablauf der Zeit wahrgenommen und in Empfindung umgewandelt wird. Es herrsche die einheitliche Vorstellung, dass es körperliche Prozesse seien, die im Gehirn die Wahrnehmung der Zeit veranlassten. Auch widmet sich Weßling einem Phänomen, das wohl jeder kennt: die sogenannt „Verdünnung der Zeit“. Damit ist gemeint, dass im Alter die Zeit scheinbar schneller vorbeigeht. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus berichtet der Autor, dass er die Zeit immer dann umso intensiver wahrnehme, je mehr er in seinem Leben erlebe und bekannte Routinen verlasse.

 

Fazit

Der Autor legt hier ein Sachbuch vor, in dem er sich den großen menschlichen Fragen widmet. Er argumentiert aus der Sicht eines Thermodynamikers und stützt sich dabei auf die Theorie von Ilya Prigogine, der 1977 den Nobelpreis für seine Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik erhielt. Weßling liefert viele Denkanstöße. Der Schreibstil ist lebendig, zugewandt und weitestgehend anschaulich und verständlich. Dennoch ist Mitdenken bei der Lektüre gefragt und Wissen zum Fachgebiet der Chemie ist sicherlich verständnisförderlich. Mich persönlich hat die Lektüre bereichert, ich konnte einiges neu dazulernen. Für mich hätte der Autor nur noch etwas stärker herausstellen können, welche Vorteile seine Betrachtungsweise der Beschaffenheit der Welt hat. Nicht immer war mir der inhaltliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln deutlich genug ausformuliert. Das Ziel der gedanklichen Reise war mir nicht immer klar. Ich vergebe 4 Sterne.

Sonntag, 20. November 2022

Kuschik, Karin - 50 Sätze, die das Leben leichter machen


5 von 5 Sternen


Von der Wirkungsmacht des Sprachgebrauchs

In zwischenmenschlichen Begegnungen, v.a. im beruflichen Umfeld, kommt es häufig zu sog. „Reibungsverlusten“ durch (verbale) Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten oder Missverständnisse. Jeder wird wohl kennen, dass man auch mal Sticheleien (teils von Kollegen und Kolleginnen oder dem eigenen Chef bzw. der eigenen Chefin) ausgesetzt ist. Die Autorin Karin Kuschik widmet sich genau dieser Problematik, und zwar in ihrem Buch „50 Sätze, die das Leben leichter machen“ aus dem Rowohlt-Verlag.

 

Die Autorin hat über 20 Jahre Erfahrungen als Coach gesammelt und vermittelt den Leser:innen mit diesem Buch Wissen darüber, wie man mit fehlender Klarheit oder mangelnder Wertschätzung souverän umgehen kann. Sie formuliert hilfreiche Formulierungen, an die man sich in stressigen Situationen erinnern und auf die man zurückgreifen kann, wenn die Emotionen „hochkochen“. Das Ziel dieses Ratgebers: innere Souveränität zurückgewinnen (vgl. Klappentext). Und in meinen Augen ist dieses Büchlein wirklich hilfreich und durchdacht arrangiert.

 

Im Inhaltsverzeichnis werden die 50 Leitsätze präsentiert, man kann sich dann einen passenden heraussuchen und etwas Vertiefendes dazu nachlesen. In meiner Rezension kann ich natürlich nur einen Ausschnitt präsentieren. Ich gehe exemplarisch einmal auf 5 Formulierungen ein, die ich selbst für mich als hilfreich empfand.

 

„Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich“

Dieser Satz verdeutlicht eine wichtige Haltung: die der Selbstbestimmung. Es geht darum, die Macht über die eigenen Gefühle nicht an andere abzugeben. Ein anderer sollte nicht darüber bestimmen dürfen, wie man sich selbst fühlt. Und sollte man doch in Situationen geraten, in denen man sich aufregt: erst einmal durchatmen, nicht sofort reagieren. Und erst dann entscheiden, ob man dem „Sich-Ärgern“ überhaupt Raum gibt. Am besten ruft man sich den genannten Leitsatz einfach in Erinnerung und kann ihn im Zweifelsfall auch laut aussprechen: „Och, weißt du…Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich.“

 

„Ich verstehe Sie absolut, und ich möchte gern was anderes“

Bei dieser Formulierung geht es vor allem um das wirkmächtige Wort „und“. Durch die Konjunktion wird eine Bewertung der damit verknüpften Botschaften vermieden, beide verbundene Aussagen sind gleichgewichtig. Es wird folgende Haltung ausgedrückt: „Ich verstehe dich gut, und es gefällt mir nicht, was du sagst.“ Man muss nicht etwas gutheißen, nur weil man es versteht. Stattdessen kann man sich die Freiheit nehmen, etwas zu verstehen und es dennoch nicht zu mögen. Hätte man anstelle von „und“ die Konjunktion „aber“ verwendet, so kann man fast davon ausgehen, dass beim Gegenüber eine Rechtfertigung evoziert wird. Oder wie sich die Autorin ausdrückt: „Aber lässt Inhalte nie gleichwertig nebeneinanderstehen, es zerstört alles, was vor dem Aber stattfindet.“ (S. 60). Tipp der Autorin: aber durch und ersetzen!

 

„Das verzeihe ich mir am besten gleich mal selbst“

Wenn man sich bewertungsfrei und bedingungslos sowie liebevoll selbst annehmen möchte, auch wenn man einmal eine schlechte Figur macht oder versagt, so ist diese Formulierung genau die richtige. Statt peinlich berührt eine Entschuldigung von sich zu geben, weil man etwas vermeintlich nicht richtig gemacht hat oder mit einer bestimmten Einschätzung danebenlag, kann man so menschlich, professionell und souverän mit der Situation umgehen, indem man diesen Satz zu sich selbst oder auch zu anderen sagt. Das verschafft innere Gelassenheit und ist insbesondere für Perfektionisten ein hilfreiches Mantra. Wie die Autorin treffend festhält: „Wir erschaffen uns damit die Freiheit, uns wohlzufühlen, egal, was uns gerade gelingt oder danebengeht“ (S. 65).

 

„Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt dabei mit drei Fingern auf sich“

Die Autorin stellt sehr treffend Folgendes fest: „Wenn wir uns aufregen über jemanden, wenn uns etwas am anderen stört, wenn wir meckern, jammern, uns beschweren, ist es eine schöne Abkürzung, mal kurz zu überlegen, was dieses Störgefühl eigentlich über uns selbst aussagt. Meinen wir wirklich den anderen? (…) Oder sind wir es, die gestört sind (…)? (S.96). Nach Schulz von Thun haben wir es mit der sogenannten Selbstoffenbarungsebene zu tun. Nach Ansicht der Autorin bringt es nichts, wenn wir andere Menschen belehren oder uns in Rechthabergespräche begeben, zumal man anschließend meist aufgeregter ist als vorher. Jemand anders lässt sich nicht ändern, aber man selbst kann sich ändern.

 

„Das sagt, glaube ich, mehr über Sie als über mich“

Bei dieser Aussage handelt es sich nach Ansicht der Autorin um einen leichtfüßigen und effektiven Satz, der privat und beruflich wirkt, besonders dann, wenn Neid und Eifersucht im Spiel sind. Am besten ist doch, wenn man sich selbst und anderen einfach alles gönnt. Dazu hält die Autorin treffend fest: „Macht das Herz groß, den Verstand weit und hat nebenbei den Vorteil, dass wir mit dieser Haltung ähnlich großzügige, freie und wertschätzende Menschen anziehen“ (S. 126).

 

Fazit

Ich halte die Lektüre dieses Buchs für sehr gewinnbringend, die Autorin beweist ein gutes Sprachgefühl und kennt die zwischenmenschlichen „Kommunikations-Fettnäpfchen“. Ihre Ratschläge sind sehr leicht umsetzbar und sie schreibt sehr anschaulich und nachvollziehbar. Es wird einfach gut deutlich, wie mächtig Sprache doch wirken kann. Ich empfehle dieses Buch vor allem solchen Leser:innen, die gerne ihre eigene Persönlichkeit weiterentwickeln wollen und zu mehr Souveränität und Gelassenheit finden wollen.

Freitag, 18. November 2022

Robotham, Michael - Fürchte die Schatten


3 von 5 Sternen


Evies Vergangenheit

Der Psychothriller „Fürchte die Schatten“ von Michael Robotham ist die Fortsetzung des gelungenen ersten Teils „Schweige still“ (vgl. dazu eine frühere Rezension). Schon in meiner Rezension zu Band 1 habe ich die Stärke dieser Reihe herausgehoben: Die Konzeption der Figur Evie Cormac. Nun habe ich erwartet, dass diese interessant ausgestaltete Figur auch in Teil 2 im Zentrum stehen wird. Und das tut sie! Das ist schon einmal sehr gelungen! Insbesondere die Rekonstruktion ihrer Vergangenheit nimmt viel Raum ein. Ich empfehle aber allen Interessierten mit dem ersten Band zu beginnen, um sich mit der Vorgeschichte der beiden Hauptfiguren vertraut zu machen.

 

Die Charakterzeichnung von Evie ist in meinen Augen erneut hervorragend gelungen. So kommt Evies verächtlicher Blick auf die Welt einerseits zum Ausdruck, andererseits zeigen sich auch ihr guter Kern und ihre Hilfsbereitschaft. Sie ist ein traumatisiertes Mädchen mit einer seltenen Gabe: Sie kann ihre Mitmenschen durchschauen und Lügen erkennen. Und sie agiert stellenweise kompromisslos. Sie ist einfach eine interessante Figur, die sich durch Dickköpfigkeit und Sturheit auszeichnet sowie durch Selbsthass. Sie macht, was sie will, sie eckt an, und das mehrfach. Gleichzeitig macht sie sich mit ihrem trotzigen Verhalten selbst das Leben schwer und steht sich selbst im Weg. Die Passagen, in denen es um die Beziehung zwischen Evie und ihrem Peiniger geht, sind nur schwer auszuhalten.

 

Cyrus untersucht parallel zu der Handlung um Evie einen vermeintlichen Selbstmord und taucht in diesem Zusammenhang auch tief in Evies Vergangenheit ein. Cyrus ist ein ebenso vielversprechend angelegter Charakter wie Evie. Er vermag gut zu beobachten und treffende Schlussfolgerungen zu ziehen. Sein geschulter psychologischer Blick blitzt oft gut auf. Das gefällt mir! Allerdings steht er in diesem zweiten Band weniger im Fokus als Evie. Vermutlich wird seine tragische Familiengeschichte noch in einem der nachfolgenden Bücher genauer ins Blickfeld rücken. Wir lernen zumindest auf ein paar Seiten seinen Bruder kennen, der an Schizophrenie erkrankt ist. Diese Figur bietet noch einiges an Potential, auch wenn die Erkrankung hier etwas klischeehaft dargestellt wird.

 

Verglichen mit dem ersten Band hat sich der Sprachgebrauch von Evie etwas verändert. Auf mich hat es den Eindruck gemacht, als würde sie häufiger „anzüglich“ sprechen. Sie verstößt gegen Normen, indem sie Witze über Intimes anstellt und andere häufiger bloßstellt. Das ist mir im ersten Band nicht so deutlich aufgefallen. Hier scheint sie eine negative Entwicklung durchlaufen zu haben. Das ist erzählerisch durch die Veränderung des Sprachduktus gut umgesetzt worden.

 

Es gibt aber dennoch auch Dinge, die mir nicht so gut gefallen haben: So hätte ich mir gewünscht, dass Evie häufiger von ihrem Talent als „Wahrheits-Zauberin“ Gebrauch gemacht hätte. Diese Idee mit Potential kommt mir eindeutig zu kurz. Auch hätte ich mir gewünscht, dass Cyrus sich ihre Begabung stärker zunutze macht und sie in die Ermittlungen stärker einbindet. Das hat mir gefehlt. Nicht zuletzt war mir die Spannungsintensität insgesamt zu gering. Mir fehlten spannungserregende Momente. Auch das Erzähltempo hätte höher ausfallen können. Erst nach der Hälfte des Buchs spürt man, dass das Tempo und die Spannung anziehen.

 

Fazit

In Band 2 steht v.a. die Rekonstruktion der Vergangenheit von Evie im Zentrum. Für mich ist die Charakterzeichnung von Evie und Cyrus das gelungenste an diesem Thriller. Beide sind interessante und vielversprechende Figuren, vor allem Evie hat so viel Potential. Für mich hätte aber das Talent von Evie noch viel stärker erzählerisch aufbereitet werden müssen. Auch hätte ich mir eine mögliche Zusammenarbeit von Evie und Cyrus gewünscht. Ich hatte einfach eine andere Erwartungshaltung, das hat mich schon etwas enttäuscht zurückgelassen. Ich hoffe sehr, dass der Autor im dritten Band das Potential seiner Figuren stärker ausschöpft. Ich vergebe 3 Sterne, auch weil mir Tempo und Spannung fehlten.

Mittwoch, 16. November 2022

Ware, Ruth - Hinter diesen Türen


3 von 5 Sternen


Unblutig, unheimlich und psychologisch durchdacht

Der Thriller „Hinter diesen Türen“ zeichnet sich durch die typischen „Ruth-Ware-Charakteristika“ aus: unblutig, psychologisch durchdacht, unheimliche Atmosphäre und abgelegene, von der Außenwelt abgeschnittene Handlungsorte. Hinzu kommen stimmige Charaktere und eine realistische sowie authentische Dialoggestaltung. All das findet man wieder (vgl. auch meine früheren Rezensionen zu „Im dunklen, dunklen Wald“, „woman in cabin 10“, „Der Tod der Mrs. Westaway“ und „Wie tief ist deine Schuld“).

 

Dieses Mal spielt die Handlung in einem düsteren, atmosphärisch aufgeladenen, alten Herrenhaus in den Highlands. Und der Beginn ist direkt gelungen. Ich wurde sofort mitgerissen. Eine Ich-Erzählerin namens Rowan Caine schreibt einen Brief an ihren Anwalt und behauptet darin, den ihr zur Last gelegten Mord nicht begangen zu haben. Natürlich will man dann sofort wissen, was passiert ist und ob die Ich-Erzählerin tatsächlich unschuldig ist. Wird Mr. Wrexham, der Anwalt, ihr helfen können?

 

Im Rückblick werden dann einerseits die Ereignisse geschildert, andererseits immer wieder Briefe an den Anwalt auf einer gegenwärtigen Zeitebene eingeschoben. Wir haben es also mit einem Thriller zu tun, wo der vermeintliche Mörder sofort bekannt ist und es um die Geschehnisse im Vorfeld des Mords geht. Nur leider spielte Mr. Wrexham dann im Laufe der Handlung keine aktive Rolle. Hier hätte ich mir eine zusätzliche Perspektive gewünscht. Stattdessen sind wir als Leser ganz nah an die Perspektive von Rowan gebunden und bleiben auch die ganze Zeit bei ihr. Mit anderen Worten: Der Thriller wird geradlinig erzählt. Kann man mögen, aber ich hätte mir mehr Abwechslung gewünscht.

 

Der Schreibstil von Ruth Ware ist erwartungsgemäß flüssig, auch die Handlung wird logisch und gut aufgebaut. Und was mir dieses Mal besonders gut gefallen hat: Die authentisch gestalteten Dialoge. Auch gibt es immer mal wieder gute spannungserregende Momente zwischendurch, insbesondere auf den ersten 100 Seiten. Leider flacht der Spannungsbogen dann aber zwischen dem guten Auftakt und dem dynamischeren Ende auf den letzten 60 Seiten ziemlich ab. Zwischen Beginn und Auflösung nimmt die Alltagsschilderung mit den Kindern viel Raum ein. Es geht vor allem um die Hürden der Kinderbetreuung. Und zusätzlich legt die Autorin v.a. Wert auf das Erzeugen einer unheimlichen, fast mysteriösen Atmosphäre. So eindringlich wie in diesem Thriller ist der Autorin das in meinen Augen noch nie gelungen.

 

Aber man sollte solche „Gruselmomente“ und das Spiel mit den menschlichen Urängsten mögen. Geräusche und Schatten erschrecken die Ich-Erzählerin des Öfteren. Mich hat das leider nicht richtig angesprochen. Ich hätte mir stattdessen gewünscht, dass das Thema der akustischen und visuellen Überwachung, das auch im Thriller vorkommt, noch mehr Raum einnimmt. Auch die Kinder und ihr Verhalten gerieten mir im Laufe der Handlung zu sehr aus dem Blick. Ich hatte schon den Eindruck, dass die Autorin bei der inhaltlichen Schwerpunktsetzung keine klare Entscheidung treffen konnte, in welche Richtung sie gehen möchte. Das wirkt sich negativ auf die Spannung aus. Gleichzeitig war ich froh, dass das mystische Element des Spuks keine so große Rolle gespielt hat, wie es der Klappentext zunächst vermuten ließ. Auch fand ich dieses Mal einige Dinge etwas unrealistisch. Das kannte ich von Ruth Ware bisher so nicht: Wer tritt schon eine Stelle als Nanny an, ohne seine Arbeitgeber zu kennen? Welche Eltern verlassen direkt nach dem ersten Arbeitstag des neuen Kindermädchens die eigenen Kinder wegen einer Dienstreise? Auch pädagogisches Handlungswissen kann man diesem Thriller nicht entnehmen. Das wirkte auf mich schon etwas überzeichnet.

 

Fazit

Das ist bisher mein schwächster Thriller von Ruth Ware. Er ist zwar solide, aber Spannung will nicht so recht aufkommen. Gelungen sind in meinen Augen v.a. der Auftakt und die Auflösung. Das konnte die Autorin in der Vergangenheit besser (vgl. meine früheren Rezensionen). „Hinter diesen Türen“ ist mir zu ereignislos. Es werden vor allem die Geschehnisse im Vorfeld eines Tods beleuchtet, nicht die Geschehnisse nach der Tat. Ich vergebe 3 Sterne. Trotzdem muss man der Autorin zu Gute halten, dass sie in ihren Thriller immer wieder neue Ideen generiert und so ein abwechslungsreiches Gesamtwerk hervorbringt.

Dienstag, 15. November 2022

Atai, Golineh - Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist


5 von 5 Sternen


Starke, differenziert und weitsichtige Analyse

Der russische Angriffskrieg war unvorhersehbar. Niemand konnte ahnen, dass es soweit kommt. Keiner hätte vermutet, dass Putin einen Krieg gegen die Ukraine beginnt. Ähnliche Aussagen hört man häufiger, wenn man politische Talkshows im Fernsehen verfolgt. Doch ist das wirklich so? Diese Frage hat mich sehr beschäftigt. Aus diesem Grund entschied ich mich dafür, das Buch „Die Wahrheit ist der Feind“ von Golineh Atai aus dem Jahr 2019 vom Rowohlt-Verlag genauer in den Blick zu nehmen. Atai ist 2014 mit dem Preis „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Von 2013 bis 2018 war sie ARD-Korrespondentin in Moskau (vgl. Klappentext). Und in meinen Augen zeigt sie tatsächlich sehr genau auf, was für eine autokratische und aggressive Innen- und Außenpolitik der Kreml v.a. seit 2012 verfolgt hat. Da verspricht der Klappentext nicht zu viel. Und als ergänzende Lektüre zu Atai empfehle ich auch noch das Werk „In Putins Kopf“ von Michel Eltchaninoff, das bereits 2016 erstmals erschienen ist. Vielleicht hätte die deutsche Bundesregierung diese Bücher auch einmal lesen sollen? Doch nun zum Inhalt:

 

Kapitel 1 - „Der Zar kommt zurück. Die Jahre 2011 bis 2013“

Die Autorin macht deutlich, dass Putins Wiederwahl im Jahr 2012 von massiven Protesten begleitet gewesen sei. Das Regime sei barsch gegen Demonstranten vorgegangen und bereits zu diesem Zeitpunkt habe der russische Präsident erkennen lassen, dass er ein Intrigenspiel des Westens hinter den Versammlungen und Demonstrationen vermutet. Nach seiner Wiederwahl habe Putin jede Menge Gesetze unterschrieben, um oppositionelle Stimmen zum Verstummen zu bringen. Auch die Medienlandschaft sei umgekrempelt worden, so Atai. An diesen Handlungen sei die sowjetische Sozialisation Putins erkennbar gewesen: Das Denken im Freund-Feind-Schema und die Interpretation innerer Kritik als Gefahr von außen. Weitere Pfeiler seiner Politik seien die folgenden gewesen: Das Werben um den Beitritt der Ukraine zur Eurasischen Union, die Hinwendung zu einem konservativen und anti-westlichen Weltbild, eine patriotische Mobilisierung durch Inszenierung von Gedenkfeiern, die Konfrontation mit der Ukraine seit 2013, die Bestrafung der EU-Ambitionen der Ukraine mit einer Handelsblockade, die Kleinhaltung der Zivilgesellschaft im eigenen Land, z.B. durch die Einführung von Repressalien, und eine Zunahme der Fernsehpropaganda. Letztlich finde ich vor allem die Ausführungen zum außenpolitischen Umgang Russlands mit der Ukraine interessant. Wenn man die Darstellung der Autorin liest, so fragt man sich schon, warum die deutsche Regierung die Zeichen der Zeit damals nicht erkennen konnte.

 

Kapitel 2 – „Die Dominosteine beginnen zu fallen. Die Jahre 2013 bis 2014“

In diesem Kapitel rücken v.a. die Ereignisse auf dem Maidan in den Blickpunkt. Im Jahr 2014 hätten sich zwei Akteure direkt gegenüber gestanden, so Atai: die ukrainische Zivilgesellschaft einerseits und der russische Staat mit Putin andererseits. Die Revolution auf dem Maidan sei von Russland als rechtswidriger, faschistischer Staatsstreich umgedeutet worden. Moskau habe die Deutungsmacht über die Ereignisse auf dem Maidan behaupten wollen. Nach der Annexion der Krim hätten Kritiker im eigenen Land unter Diskriminierung gelitten und seien mundtot gemacht worden. Dezidiert und mit vielen nachvollziehbaren Beispielen wird in diesem Zusammenhang auch der Informationskrieg nach innen und außen durch Russland dargestellt, in dem v.a. Fakten verdreht worden seien (was für eine Parallele zu heute! Anm. d. Verf.). Vernebelung und Verwirrung seien an der Tagesordnung gewesen. Falschmeldungen seien verbreitet worden. Und begleitend dazu hätte eine Medienzensur stattgefunden. Medien und Internet seien immer mehr unter staatliche Kontrolle geraten. Und nicht zuletzt hätte sich der Kreml darum bemüht, eine neue Geschichtsschreibung zu manifestieren. So wurden z.B. 2015 neue Geschichtslehrbücher an den Schulen ausgeteilt, um auf diese Weise einen nationalen Konsens über die russische Geschichte herzustellen. In den Lehrwerken sei eine kritische  Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ausgespart geblieben, so Atai. Stattdessen werde Stolz und Liebe zum Vaterland kolportiert. Auch die KGB-Archive blieben weiterhin verschlossen.

Was mir gut gefallen hat: Die Geschehnisse um den Maidan und die Umwälzungen in der Ukraine werden bei Atai viel genauer dargestellt als bei Eltchaninoff. Und auch der Bericht über die illegale Machtübernahme Russlands über die Krim wird sehr detailliert und kenntnisreich dargestellt. Besonders brisant ist, dass Atai sehr nachvollziehbar die vielen Lügen des Kremls offenlegt, die vor dem Hintergrund der Krimannexion verbreitet worden sind. Und wieder stelle ich mir die Frage: Warum hat von den politisch Verantwortlichen niemand die Warnzeichen erkannt? Aus heutiger Sicht erscheint es unverständlich.

 

Kapitel 3 - „Die Neue Front. Die Jahre 2015 bis 2017“

Hier geht es vor allem um das Thema der Militärintervention in Syrien. Im Syrienkrieg seien durch russische Flugzeuge immer wieder Zivilisten attackiert worden, in den Medien sei zeitgleich dazu ein verfälschtes Bild dieses Einsatzes gezeichnet worden. Ein weiteres Instrument russischer Kriegsführung, auf das die Autorin eingeht: der Einsatz von Söldnertruppen. Der Grund für den Einsatz solcher Truppen sei, dass der Kreml jegliche Verantwortung von sich weisen könne. Im Netz seien Desinformationskampagnen gestartet worden. Internettrolle hätten beispielsweise die Arbeit von Oppositionellen gestört. Und auch in Talkshows sei zu beobachten gewesen, wie Kritiker mit Ironie und rüdem Ton angegriffen worden sind. Überhaupt sei der Ton in den Medien sehr aggressiv und konfrontativ, so die Autorin. Im Fernsehen würde das Bild eines vom Feind umzingelten Landes erzeugt. Wut, Hass und Aggression beeinflussten auf diese Weise die gesamte Bevölkerung.

Besonders gelungen fand ich, dass die Autorin die Manipulations- und Beeinflussungsstrategien des Kreml sehr anschaulich mit Beispielen und nachvollziehbar erläutert und begründet. Vor allem die Technik der Desinformation und der strategischen Täuschung wird gut erklärt. Dabei gehe es darum, den Rezipienten zu verwirren und seine Wahrnehmung zu destabilisieren, um seine Standfestigkeit zu erschüttern (vgl. S. 215).

 

Kapitel 4 – „Angriff auf den Westen. Die Jahre 2016 bis 2019“

Hier geht es u.a. um die Einmischung des Kremls in den amerikanischen Wahlkampf und in Europa. Gezielte Hackerangriffe hätten stattgefunden. Ziel sei gewesen, Hillary Clinton zu diskreditieren. Auch auf den Balkan habe man „Internet-Einflussoperationen“ unternommen. So wirke Russland z.B. in Serbien stark in Politik und Gesellschaft hinein, u.a. mit Cyberattacken. Eine beliebte Taktik sei es, in sozialen Medien Desinformationen und die Narrative russischer Staatsmedien zu streuen, immer auch mit der Absicht eine Art Unruhe in anderen Ländern zu erzeugen und sie zu destabilisieren. Weiterhin verdeutlicht die Autorin, dass Putin trotz sinkender Beliebtheitswerte nicht auf Reformen oder auf eine Umgestaltung des eigenen Landes setze, sondern stattdessen auf Konfrontation mit dem Westen. Er zeichne das Bild eines vom Westen bedrohten Russlands. Russland sei eine Festung, umzingelt von äußeren Feinden. Viel Geld fließe also in militärische Aus- und Aufrüstung statt in Sinnvolleres, wie z.B. den Wohlstand der eigenen Bevölkerung.

 

Fazit

Die Analyse, die die Autorin hier vorlegt, ist sehr kenntnisreich, differenziert, anschaulich und nachvollziehbar verfasst. Ich empfinde das Werk aus dem Jahr 2019 als äußerst vorausschauend. Atai antizipiert bereits viele Entwicklungen, die dann tatsächlich eintreten. Und im Nachhinein wünscht man sich, dass die Bundesregierung schon früher die „Warnzeichen“ erkannt hätte, um angemessen darauf zu reagieren. Ich empfehle die Lektüre dieses Buchs solchen Lesern, die an einer treffenden Bestandsaufnahme der Jahre 2011 bis 2019 interessiert sind. Ich habe nichts zu bemängeln und vergebe 5 Sterne.

Samstag, 12. November 2022

Raack, Christina et al. - Eule findet den Beat


5 von 5 Sternen


Ohrwurm-Garantie

Musikalische Früherziehung hat das Ziel, Kinder schon früh mit Musik vertraut zu machen. In vielen Vereinen, Musikschulen und Kindergärten gibt es solche Angebote. Man singt, tanzt und bewegt sich zu Musik, lernt Instrumente kennen, hört Musik, probiert Instrumente aus und schult das Gehör. All das ist auch für die kognitive Entwicklung von Kindern wichtig. Und die vorliegende Hörspiel-CD mit dem Titel „Eule findet den Beat“ sensibilisiert die Jüngsten für die verschiedenen Musikrichtungen. Sehr gelungen!

 

Das Set besteht aus zwei CDs, auf der einen CD findet man ein Hörspiel und auf der anderen CD sind nur die Songs aus dem Hörspiel. Sehr durchdacht! Die 10 Tracks auf der CD haben Ohrwurmqualität, sie sind in meinen Augen klasse arrangiert. Meine Kinder kriegen nicht genug davon, hören die CD immer und immer wieder. Das spricht für das Hörspiel. Am Beispiel der Lieder auf den CDs werden den Kindern dann verschiedene Musikrichtungen anschaulich vermittelt: Pop, Jazz, Rock, Oper, Punk, Reggae, Hiphop und Elektro. Auf der Hörspiel-CD findet man dann noch theoretische Erläuterungen zu den Besonderheiten der jeweiligen Musikrichtung. Dazu gehört Wissen zu den Eigenheiten des Stils, zu den typischen Instrumenten, zur Geschichte und Entstehung und zur damit verbundenen Weltanschauung. Grandios! Nicht zuletzt ist der gesungene Liedtext selbst noch eine zusätzliche Informationsquelle und verdeutlicht exemplarisch, was einen guten Song ausmacht. Die jungen Zuhörer:innen lernen zudem auch noch viele nützliche Begriffe kennen, so z.B. „Melodie“, „Refrain“, „Intro“, „Strophe“, „Swing“, „Improvisation“, „Solo“, „Orchester“, „Takt“, „Dirigent“, „Beat“, „Sprechgesang“, „DJ“, „Scratch“, „Sampler“ und „Freestyle“. Was will man mehr? Auf diese Weise gelingt musikalische Früherziehung zu Hause, und das beiläufig.

 

Das Hörspiel ist absolut gewinnbringend und vermittelt nebenbei viel Nützliches. Es wird Wissen über die musikalischen Unterschiede nähergebracht. Und was ich am wichtigsten finde: Es fördert die kindliche Freude am Entdecken. So können sie beim Radiohören plötzlich selbst Musikrichtungen identifizieren und beginnen Fragen zu stellen wie „Ist das Rock?“. Absolut genial! Auf diese Weise finden sie vielleicht auch noch ihre eigene bevorzugte Lieblingsrichtung heraus.

 

Abschließend noch ein Wort zu den Sprechern: Diese leisten großartige Arbeit. Die Intonation ist passend, abwechslungsreich und emotional. Kurzum: Absolut professionell umgesetzt. Besonders gefallen hat mir persönlich die sehr entspannte Kellerassel, die Jazz liebt.

 

Fazit

Ein unterhaltsames und lehrreiches Hörspiel, das immer wieder gehört wird. Meine Kinder lieben die CDs und lernen nebenbei viel über Musik. Das ist musikalische Früherziehung für zu Hause. Ich habe nichts zu bemängeln und kann auch keine Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Ich bin einfach begeistert, vergebe 5 Sterne und empfehle dieses Hörspiel unbedingt weiter!

Ulich, Andreas - Die Crew. Rückkehr zum 9. Planeten



3 von 5 Sternen


Ein Instrument zur Förderung der Leseflüssigkeit?

Das Jugendbuch „Die Crew. Die Rückkehr zum 9. Planeten“ von Andreas Ulich aus dem Kosmos-Verlag weist ein innovatives und kreatives Konzept auf. Man wird als Leser interaktiv in die Handlung mit einbezogen und trifft während der Lektüre Entscheidungen. Abhängig von der Wahl der Antwort entwickelt sich der Inhalt dann in unterschiedliche Richtungen. Man erhält beim Kauf dieses Werks zwei Bände. In Band 1 berichtet Cim die Ereignisse, in Band 2 erzählt Prosper Alan, was um ihn herum passiert. Ein- und dieselbe Situation wird so aus unterschiedlichen Perspektiven veranschaulicht. Und als ob das noch nicht genug wäre, kann man diese beiden Bände sogar zusammen im Wechsel zu zweit lesen. Man muss dann nur im Vorfeld festlegen, wer welche Rolle übernimmt. Wer jetzt glaubt, das funktioniert doch im Leben nicht, der irrt sich. Es klappt! Ich habe es ausprobiert, allerdings nur für die Perspektive von Prosper Alan, den zweiten Kommandanten. Für die Lektüre und inhaltliche Überprüfung des zweiten Bands habe ich bereits mehrere Stunden benötigt. Und ich ziehe meinen Hut vor dem Autor, der ein solch komplexes Werk generiert hat. Das muss unglaublich viel Arbeit gewesen sein. Und selbst den Überblick über die Handlung zu behalten und an den passenden Stellen Entscheidungsfragen zu integrieren, das muss herausfordernd gewesen sein. Es erfordert höchste Konzentration. Noch dazu die passende inhaltliche Abstimmung der zwei Perspektiven aufeinander. Großartige Leistung! Beachtlich!

 

Und wer jetzt glaubt, er könnte überfordert werden, den kann ich beruhigen. Als Einführung in dieses Werk gibt es sehr nachvollziehbare Ausführungen zum Konzept und zur Herangehensweise. Es ist also absolut durchdacht, was uns die Macher von „Die Crew“ hier präsentieren. Trotzdem möchte ich am Ende der Rezension noch einige Verbesserungsvorschläge machen. Doch erst einmal noch zum Positiven: Die Stärke dieses Werks ist in meinen Augen ganz klar das zugrundeliegende Konzept. V.a. die Idee des Partnerlesens fand ich interessant. Ich könnte mir z.B. auch einen Einsatz in der Schule vorstellen, und zwar am besten für leseschwache Leser:innen, die noch Schwierigkeiten mit dem flüssigen Vorlesen haben. So könnten zwei unterschiedlich lernstarke Leser:innen jeweils einen Part übernehmen und sich mit Hilfe eines Feedback-Bogens gegenseitig Rückmeldung zum Vorgelesenen geben. Im Internet findet man dazu auch genügend Anregungen, wie so etwas aussehen könnte (Stichwort: Lautlese-Training). Einen Versuch ist es wert. So würde beiläufig auch das gegenseitige Zuhören noch gefördert sowie der Mut, im Beisein eines Partners laut vorzulesen. V.a. für wenig selbstbewusste Leser könnte ein solches Training eine gute Hilfe sein. Das Thema könnte auch gerade für Jungen interessant sein.

 

Nun zu meinen Verbesserungsvorschlägen: Für die Lektüre von Band 2 habe ich mehrere Stunden benötigt. Irgendwann habe ich einen Stift zur Hand genommen, um die verschiedenen Lösungswege nachvollziehen zu können. Denn trifft man an bestimmten Stellen die falsche Entscheidung, so dreht man sich auch einmal im Kreis bei seiner Lektüre, und das mehrfach. Das fördert zwar einerseits die Frustrationstoleranz, verdirbt den Lesern aber auch ein wenig den Spaß. Zettel und Stift schaffen hier Abhilfe. Oder eine andere Möglichkeit: Im Anhang gibt es eine idealtypische Musterlösung in Form eines Pfeildiagramms. So hätte man eine Orientierungsmöglichkeit. Was mir noch bei der Lektüre aufgefallen ist: Der Start ins Buch verläuft etwas schleppend. Zu Beginn bin ich oft nicht über den Mars hinweggekommen. Es gibt eine Art „Nadelöhr“ am Anfang, das man erfolgreich durchlaufen muss. Danach wird’s besser und variantenreicher. Ich habe mich gefragt, ob eine solche „Engstelle“ zum Einstieg ins Buch nötig ist. Mich hat es schon etwas frustriert, immer wieder das Gleiche lesen zu müssen, und nur mit Hilfe von Zettel und Stift den richtigen Lösungsweg herauszufinden. Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass es punktuell auch nur recht kurze Umwege sind, die man einschlägt, um dann doch an der gleichen Stelle wieder herauszukommen. Das war dann etwas ernüchternd. Weiterhin gibt es einige Schlüsselstellen, an denen die Fäden wieder zusammenlaufen (z.B. P137 oder P118). Diese könnten doch im Anhang anhand eines Pfeildiagramms schön verdeutlicht werden. Gelungen fand ich es, wenn bei einem vorzeitigen Missionsende verschiedene mögliche Startpunkte zum Wiedereinstieg vorgeschlagen wurden (vgl. z.B. P80). So sollte es konsequent durchgehalten werden, wenn ein vorzeitiges Missionsende eintritt. Und abschließend muss ich doch noch eine etwas steile These in den Raum stellen, die jeder für sich beantworten muss: Verliert der Inhalt des Werks nicht zu sehr an Bedeutung, wenn man in erster Linie darauf achtet, den richtigen Weg zu suchen? Mir ging es so, aber das kann anderen Lesern, die gerne knobeln, ganz anders ergehen. Auch sollten die Entscheidungsfragen „echte“ Entscheidungen abverlangen. Wer würde z.B. ein Telefonat mit der eigenen Mutter ablehnen oder eine Rettungsmission verweigern? Wohl niemand, nehme ich an.

 

Fazit

Ein Jugendbuch mit einem innovativen Konzept, das auf vielfältige Weise eingesetzt werden kann. Man kann es alleine oder auch zu zweit lesen. Denkbar ist sogar ein Einsatz als Instrument zur Leseflüssigkeitsförderung im Sinne des kooperativen Lernens. Die Leistung des Autors ein solch durchdachtes und komplexes Buch zu erstellen, ist beachtlich und verdient höchste Anerkennung. Dennoch gebe ich einiges zu bedenken und habe einige Verbesserungsvorschläge. Ich vergebe 3 Sterne, vor allem weil mir das Knobeln mit Zettel und Stift zu sehr auf Kosten des Inhalts ging. Deshalb abschließend noch eine Anregung an den Kosmos-Verlag: Könnte das Konzept nicht auch für Sachbücher geeignet sein? Könnte man ein Oberthema nicht in verschiedene Unterthemen aufteilen und je nach Interesse Wahlmöglichkeiten fürs Weiterlesen eröffnen? Auch das wäre als kooperatives Lesen möglich, ggf. sogar mit inhaltlichen Fragen zur Nachbereitung im Sinne eines Leserkompetenz-Trainings.  

Freitag, 11. November 2022

Albrecht, Henrik und Sonja Wimmer (Hrsg.): Das Gespenst von Canterville nach Oscar Wilde


5 von 5 Sternen


Akustisches und visuelles Erlebnis

Das Orchesterhörspiel „Das Gespenst von Canterville“, herausgegeben von Henrik Albrecht und Sonja Wimmer, basierend auf der Geschichte von Oscar Wilde, ist einfach nur genial und sehr durchdacht arrangiert. Ich werde in der nun folgenden Rezension viel Lobendes erwähnen, aber nichtsdestotrotz am Ende auch noch einige Verbesserungsvorschläge machen. Doch diese Vorschläge sind lediglich als Anregung zu verstehen. Leider kenne ich keine weiteren Bücher aus der Reihe „Weltliteratur und Musik“, so dass mir kein Vergleich mit anderen Werken möglich ist, aber wenn jedes Werk so kunstvoll gestaltet worden ist wie dieses, dann kann ich nur zu einem Kauf raten. Die Reihe hat bei mir einen unglaublich positiven Eindruck hinterlassen. Und nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Töchtern. Diese wollten das Hörspiel wiederholt hören und sich auch das Buch dazu immer wieder anschauen. Sie waren begeistert und gefesselt. Ich denke, das spricht für sich.

Das Werk bietet erst einmal in künstlerisch-kultureller Hinsicht einiges: Wir lernen als Leser nicht nur ein interessantes klassisches Werk kennen, das für Kinder adaptiert wurde, sondern der Inhalt des Textes wird untermalt von passender, stimmungsvoller Musik, die sogar eigens nur für dieses Buch komponiert wurde. Das ist absolut fantastisch! Und letztlich erwirbt man beim Kauf dieses Werks zwei Medien: Das Vorlesebuch mit vielen ansprechenden, großformatigen Illustrationen, die eine faszinierende Wirkung bei den jungen Zuhörer:innen hinterlassen sowie das Hörspiel, das sich sowohl unabhängig vom Vorlesebuch aber auch in Kombination mit diesem anhören lässt. Man hat also viele Möglichkeiten mit diesen Medien umzugehen.

Das Hörspiel entfaltet eine ungeheuer anziehende Wirkung auf die jungen Zuhörer:innen, was wohl daran liegt, dass durch die Musik viele Emotionen beim Anhören, Anschauen und Vorlesen ausgelöst werden. Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es auch noch kindgerechte Hintergrundtexte zur Musiktheorie. In kursiver Schrift werden auf jeder Seite im Buch Erklärungen zu Details der Musik und der Instrumente dargelegt. Dabei wird stellenweise auch darauf eingegangen, welche Wirkung mit der musikalischen Untermalung erreicht werden soll. Auch das ist durchdacht und gelungen. Und es überlässt den Eltern selbst die Entscheidung, ob sie an passender Stelle das Hörspiel unterbrechen wollen und den Kindern ein wenig Musiktheorie näherbringen möchten. Auf der CD sind diese kursiv gesetzten Texte (leider?) nicht zu finden (vgl. dazu gleich meine Verbesserungsvorschläge).

Auffällig: Der Text im Hörspiel geht bei Weitem über das hinaus, was das Buch als Text bietet. Der Text im Vorlesebuch wurde stark gekürzt und stimmt teilweise auch nicht mit dem Vorlesetext auf der CD überein. Das hat mich beim ersten Anhören und Vorlesen schon etwas irritiert, aber die Kinder haben sich nicht daran gestört. Bei genauerer Betrachtung ist diese Herangehensweise vermutlich sogar gelungen, weil man mit Hilfe der CD also über das Vorgelesene hinausgehen kann. Ich würde nur bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Werk wie folgt vorgehen: Erst das Buch vorlesen, damit die jungen Zuhörer:innen den Inhalt bereits kennen. Und erst danach das Hörspiel als Erweiterung hören. Die Texte zur Musiktheorie nur bei Bedarf integrieren, da sonst der Redefluss gestört wird.

Noch ein paar Worte zur Atmosphäre: Es handelt sich um eine Geistergeschichte. Der Gruselfaktor ist also deutlich spürbar. Der Tod wird häufig sehr explizit als Thema erwähnt. Mord und Leichen kommen vor. Ich würde Eltern ängstlicher Kinder davon abraten, dieses Hörspiel zu hören. Einige Stellen sind schon sehr unheimlich geraten, zumal die gruselige Musikuntermalung auch noch ihren Teil zur schauerlichen Atmosphäre beiträgt. Diese ist oft dramatisch und schürt Ängste noch einmal zusätzlich, besonders am Anfang des Werks. Das ist nichts für schwache „Kinder-Nerven“. Ich muss aber auch sagen: Meine Töchter (5 und 7 Jahre) haben den Inhalt gut verkraftet und hatten auch keine schlechten Träume nach Anhören des Hörspiels. Dennoch hatten sie beim Zuhören ein höheres Kuschelbedürfnis. Vielleicht war auch von Vorteil, dass wir erst kürzlich Halloween begangen haben, wo es ja auch gruselig zugeht. Letztlich sollten die Eltern selbst entscheiden, was sie ihren Kindern zumuten können. Sie kennen ihr Kind selbst am besten. Ein Probehören im Vorfeld ist bestimmt eine gute Idee.

Zu den Sprecher:innen des Hörspiels: Diese sind fabelhaft ausgewählt worden und machen einen großartigen Job. Die Intonation gelingt hervorragend, die Emotionen kommen gut und passend zum Text zum Ausdruck. Kurzum: Der Inhalt wird auf diese Weise sehr ansprechend transportiert. Das macht einen außerordentlich professionellen Eindruck!

 

Verbesserungsvorschläge

In meinen Augen sind einige wenige Passagen für das kindliche Vorstellungsvermögen doch zu heftig. So hätte die Stelle, an der darauf eingegangen wird, dass ein Dolch in die Kehle gestoßen wurde in meinen Augen ruhig gekürzt werden können. Auch die ausführliche Darstellung eines Begräbnisses (Track 16, ca. 2.00 Min.) hätte ausgelassen werden können. Das habe ich an den Reaktionen meiner Kinder gemerkt.

Zwischen den Zeichnungen im Buch und dem Gesagten im Hörspiel gibt es logische Widersprüche. So hat Virginia im Hörspiel goldene Locken (vgl. Track 17, ca. 1.30 Min.), im Buch hingegen wurde sie mit langen schwarzen Haaren gezeichnet. Noch ein Widerspruch zwischen Buch und Hörspiel: Mrs. Otis sitzt im Hörspiel nicht auf einem Stuhl, sondern sie liegt auf einem Sofa (vgl. S. 26).

Die Zuordnung der Tracks zu den Seiten im Vorlesebuch ist auch nicht immer präzise. So bezieht sich Track 3 schon auf S. 9, Track 4 bezieht sich schon auf S. 10, Track 9 bezieht sich schon auf. S. 17 usw. Ich könnte hier noch weitere Beispiele anführen.

Es wäre überlegenswert, ob man einige der interessanten musikalischen Erläuterungen nicht stärker ins Hörspiel integrieren möchte. Allerdings ist mir klar, dass dies auch seinen Preis hätte: Der Inhalt der Geschichte müsste kurzzeitig zurückstehen und müsste unterbrochen werden. Gelungen fand ich aber, wie Virginia z.B. bei Track 1 aus ihrer Rolle heraustritt und Erläuterungen zum Musikinstrument einfordert. Wäre das nicht eine mögliche Option? Die Figuren aus ihren Rollen heraustreten lassen und einzelne musiktheoretische Dinge auf Metaebene erläutern lassen? Auch der Einsatz eines Erzählers wäre denkbar. Will man die Erklärungen zur Musik und zu den Instrumenten als fakultatives Angebot an die Eltern belassen, so hätte ich aber auch hier noch einen Vorschlag: Man sollte eine Empfehlung geben, bei welchem Track an welcher Stelle (Minuten- und Sekundenangabe) sich eine Pause anbieten würde. So wie es jetzt gestaltet ist, muss ich als erwachsener Zuhörer schon sehr konzentriert mithören und entscheiden, wann ich das Stück unterbreche.

Noch ein Punkt: Zwischen dem Vorlesetext im Buch und dem Hörspieltext auf der CD gibt es große Abweichungen. Teilweise gibt es lange Textauslassungen, auch Wörter werden abgeändert. Hier habe ich mich gefragt, ob wortwörtliche Übernahmen nicht möglich gewesen wären. Warum haben sich die Macher des Werks dazu entschieden, hier eine solche Differenz entstehen zu lassen. Ich habe es nicht verstanden. Mein Vorschlag: Lese- und Hörspieltext sollten sich genauer entsprechen, man stolpert sonst darüber.

Ein letzter Aspekt: Teilweise sind die Tracks sehr lang, aber es gibt vergleichsweise wenig Bilder. Hier stelle ich eine weitere Überlegung in den Raum: Könnte man den Text nicht ggf. stärker aufteilen und mehr Bilder pro Track einplanen?


Fazit: 


Selten habe ich ein so gut durchdachtes Werk wie dieses gelesen bzw. gehört. Musikalische Früherziehung trifft auf klassische Literatur für Kinder. Hier wird Kulturvermittlung großgeschrieben. Und es steckt so unglaublich viel Arbeit darin. Die Musik ist filmreif, die Sprecher agieren unglaublich professionell. Davor ziehe ich meinen Hut! Das Anhören und das Vorlesen des Buchs bzw. der CD sind ein akustisches und ein visuelles Erlebnis, es fesselt die jungen Zuhörer:innen und erzeugt starke Emotionen. Was will man mehr? Mehr davon! Und dennoch: Es gibt nach meinem Dafürhalten auch Raum für Verbesserungen. Diese habe ich ebenfalls angeführt. Doch ich verzeihe bei einem solch „komplexen Gefüge“ durchaus auch Nachlässigkeiten und vergebe aufgrund der grandiosen Idee und Machart trotzdem 5 Sterne! Ich würde mir aber wünschen, dass die Autoren oder Herausgeber ihr Werk noch weiter optimieren. Und allen, die solche Art von Buchhörspielen mögen, sei an dieser Stelle auch noch „Ritter Rost“ als weitere Referenz ans Herz gelegt. 

Mittwoch, 9. November 2022

Le Tellier, Herve - Die Anomalie


5 von 5 Sternen


Protokoll 42

Der Roman „Die Anomalie“ von Herve le Tellier ist in meinen Augen ein großartiges, auch feinsinniges Buch mit einer simplen Idee, die dann mit vielen Zwischentönen äußerst kreativ und durchdacht umgesetzt wurde. Ausgangsfragen: Was passiert, wenn man plötzlich verdoppelt wird? Wie wirkt sich das auf das Leben der Doppelgänger und auf das derjenigen aus, die kopiert worden sind? Und was ich ebenfalls gelungen finde: Das Buch nimmt sich selbst nicht zu ernst. Der Erzählton schwankt passagenweise zwischen ernsthaft und ironisch. Das künstlerisch umzusetzen, ist schwierig. Doch es ist meisterhaft gelungen! Und für mich auch eine innovative Art sich mit dem klassischen Motiv des „Doppelgängers“ auseinanderzusetzen (vgl. hierzu den Eintrag im Lexikon „Motive der Weltliteratur“ von Elisabeth Frenzel). Toll!

 

Das Werk ist auch kunstvoll durchgestaltet, die Konzeption der Kapitel ist kreativ. Zunächst lernen wir sieben Figuren jeweils mit ihrem individuellen Einzelschicksal kennen: 1. Blake, einen rücksichtslosen, gefühlskalten Auftragskiller, 2. Victor Miesel, einen erfolglosen Schriftsteller und Übersetzer, 3. Lucie und ihren Partner Andre mit all ihren Gefühlen, 4. David, dem eine Krebsdiagnose eröffnet wird, 5. Sophia Kleffmann, eine Tochter, die innerhalb eines feindlichen Elternhauses groß wird, 6. Joanna, eine schwangere Anwältin, die eine Verteidigungsstrategie für ein Pharmaunternehmen entwickelt hat sowie 7. Slimboy, einem erfolgreichen Musiker, der einen Hit gelandet hat. Hinzu kommen dann noch weitere Kapitel, beispielsweise zu einem Forscherteam und solche, die dem Leser einen Einblick in das verdoppelte Flugzeug gewähren.

 

Grundsätzlich erfordert das Buch aufgrund der Anzahl der vielen Figuren hohe Aufmerksamkeit. Die Idee der Handlung ist zwar simpel, nicht aber die erzählerische Umsetzung. Diese hat viel Tiefe und ist durchdacht. Man muss sich vor allem auf den ersten Seiten schon sehr in Geduld üben, bis klar ist, wohin die „inhaltliche Reise“ geht. Doch gerade dann, wenn man beginnt zu denken, dass es mit der Einführung von Charakteren reicht, erlöst der Autor seine Leser. Die Handlung gewinnt dann an Dynamik, was daran liegt, dass sich die Verdoppelung eines Flugzeugs ereignet hat.

 

Danach stehen die Schilderung der Erforschung dieses Phänomens sowie die der psychologischen Auswirkungen auf die Betroffenen im Vordergrund. „Highlights“ waren für mich zwei Textstellen: einerseits die Passage, als die unterschiedlichen Hypothesen der Wissenschaftler zum Grund der Verdoppelung ausgeführt werden, andererseits der Abschnitt, als Anhänger verschiedener Weltreligionen sich über die Frage streiten, ob es sich bei den Doppelgängern noch um eine göttliche Schöpfung handelt. Nicht zuletzt ist die Darstellung des Aufeinandertreffens der Doppelgänger mit ihren „Originalen“ sehr lesenswert, weil es psychologisch sehr feinsinnig ausgestaltet worden ist. Mit dem Phänomen der Verdoppelung beschäftigen sich also Physiker, Theologen und Psychologen. Das hat mir sehr gut gefallen! Nicht zuletzt werden sogar noch Überlegungen einbezogen, wie sich ein solches Phänomen auf die Öffentlichkeit auswirkt. Klasse!

 

Am Ende jedes Handlungsabschnitts zu den einzelnen Figuren entstehen dann offene Fragen, die zum Weiterlesen animieren. Auch das ist gut arrangiert. Auch gibt es immer einmal wieder „textuelle Auflockerungen“, die von der Kreativität des Autors zeugen: Die Gesprächsprotokolle mit den sieben Figuren oder ein integrierter Zeitungsbericht. Darüber hinaus hat mir die Wahl der Erzählperspektive gut gefallen, vor allem zu Beginn, als die verschiedenen Figuren eingeführt werden. Dort haben wir es mit einem auktorialen Erzähler zu tun, der das Handeln seiner Protagonisten süffisant und mit ironischer Distanz kommentiert. Einfach genial und gut umgesetzt. Nicht zuletzt beherrscht der Autor das Spiel des Einsatzes verschiedener Sprachstile, nicht nur von gehoben bis vulgär, sondern auch von poetisch bis alltagssprachlich. Das ist nicht nur abwechslungsreich, sondern verleiht den Figuren auch eine individuelle Charakteristik. Abschließend ein Wort zum Ende des Werks: Absolut raffiniert!

 

Fazit

Selten schaffen es Bücher, mich so sehr zu begeistern, dass ich aus dem Loben nicht mehr herauskomme. In diesem Fall ist es aber genauso. Das Buch ist zugleich simpel und zugleich genial, es ist absolut durchdacht und strotzt vor Kreativität. Ich bin einfach begeistert und empfehle dieses Buch dringend weiter! Klare 5 Sterne.