Warum
bespreche ich hier einen Film? Weil mich das erzählerische Arrangement
begeistert und positiv überrascht hat. Ich wusste im Vorfeld nicht, was auf
mich zukommt. Es geht um den Film „The Last Duel“ vom Regisseur Ridley Scott,
der momentan durch den Historienfilm „Napoleon“ wieder auf sich aufmerksam
macht. Bekannt geworden ist er sicherlich durch „Alien“ und „Gladiator“. Die Handlung
von „The Last Duel“ ist in Frankreich des 14. Jahrhunderts angesiedelt, doch
die Thematik ist hoch aktuell. Eine Frau wird vergewaltigt, macht ihre Vorwürfe
gegen den potentiellen Täter öffentlich und muss ihre Ehre verteidigen. Sie
durchläuft regelrecht eine Hölle, ihre Anschuldigungen werden immer wieder in
Zweifel gezogen. Und die Gerichtsbarkeit zu jener Zeit ist natürlich nicht
vergleichbar mit einem Prozess in einem modernen Rechtsstaat, wie wir es
kennen. Ein Gottesurteil soll gefällt werden. Der Ehemann des Opfers stellt
sich in einem Duell dem beschuldigten Täter. Und über allem schwebt immer auch
die Frage: Wie verzweifelt muss sich das Opfer fühlen, dem Unrecht widerfahren
ist, dem man aber nicht glaubt? Sie legt ihr Schicksal in die Hände ihres
Ehemanns, der sie verteidigen muss und ist völlig abhängig vom Ausgang des Duells.
Verliert ihr Mann, so landet sie auf dem Scheiterhaufen und wird verbrannt. Ihr
ungeborenes Kind, von dem wir nicht wissen, wer der Vater ist, wird dann zur
Waise. Dieser Stoff emotionalisiert!
Und
was den Film weiterhin besonders macht, ist nicht nur der Inhalt, sondern auch
die Erzählweise: Das Geschehen wird nacheinander aus drei unterschiedlichen
Perspektiven erzählt. Zunächst wird uns der Blickwinkel des Ehemanns
dargeboten, der seiner Frau glaubt und zur ihr hält. Danach wird den
Zuschauer:innen das Ganze aus der Sicht des Täters präsentiert, der die
Situation anders darstellt. Und zuletzt kommt das Opfer zu Wort und es wird
deutlich, was wirklich passiert ist (wenn man ihr denn Glauben schenkt). Was
ich daran gelungen finde: Verschiedene Szenen aus dem Leben der Protagonisten werden
jeweils aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so dass unterschiedliche
Lesarten des Falls deutlich werden. Wir fühlen uns als Zuschauer wie ein
Richter, dem verschiedenartige Versionen derselben Geschichte vorgestellt
werden und der dann sein Urteil fällen muss. Das ist sehr geschickt arrangiert.
Die drei Blickwinkel sind gut aufeinander abgestimmt und ergänzen sich
teilweise gegenseitig. Und man leidet mit dem Opfer mit und hofft darauf, dass der
Täter bestraft wird. Über allem schwebt die Frage, ob das Duell am Ende des
Films zur Gerechtigkeit führen wird. Gewinnt der Ehemann das Duell am Ende des
Films, wird die Ehre seiner Frau und seine eigene wiederhergestellt.
Mir
hat der Film sehr, sehr gut gefallen. Und was ich an dem Stoff zusätzlich
schätze, ist die Tatsache, dass die Handlung ohne weiteres auf die heutige Zeit
übertragen werden kann (man denke nur an die „me-too-Debatte“). Es wird
deutlich, wie sehr ein potentielles Opfer leidet, wenn es die Vorwürfe der
Vergewaltigung erhebt. Die Frau, die Furchtbares durchlitten hat, muss sich
einer Befragung stellen und darauf hoffen, dass man ihr glaubt. Die
Beweisführung ist außerordentlich schwierig. Kurzum: Es handelt sich um eine
Erzählung mit emotionaler Wucht, die noch dazu auf realen historischen
Begebenheiten beruht. Ridley Scott hat seinen Film auf das Buch von Eric Jager
gestützt („The last duel. A true story of crime, scandal, and trial by combat“),
das bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Darin wird der Fall
erzählt, der sich 1368 ereignet hat. Eine Frau namens Marguerite de Carrouges
behauptet von Jacques Le Gris vergewaltigt worden zu sein. Ihr Mann Sir Jean de
Carrouges wendet sich an König Karl VI., um die Angelegenheit vor Gericht zu
bringen. Es ranken sich viele Theorien um das Geschehen: Wollte Jean sich mit
dieser Geschichte an seinem Widersacher Jacques rächen? Hat Marguerite
vielleicht den falschen Mann beschuldigt? Schenkt man jedoch solchen Theorien
Glauben, so spricht man damit dem Opfer wiederum ab, die Wahrheit zu sagen.
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