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Freitag, 31. Mai 2024

Geschke, Linus - Wenn sie lügt


„Schicksalsort“



Von Linus Geschke habe ich bisher „Das Loft“ und „Die Verborgenen“ gelesen, die mir beide sehr gut gefallen haben. Vor allem „Das Loft“ ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben (vgl. dazu eine frühere Rezension). Als Thriller-Autor ist Linus Geschke also bei mir gesetzt. Trotzdem stelle ich mir die Frage: Kann sein neuestes Werk qualitativ mit „Das Loft“ mithalten? Eines gleich vorweg: In meinen Augen, leider nein. Ich will gleich gerne begründen, warum…

Doch zunächst zum Inhalt: Goran kehrt in sein tristes Heimatdort Waldesroda zurück, weil seine alte Freundin Norah von einem Unbekannten Drohbriefe erhält und nun seine Unterstützung benötigt. Wer steckt hinter den Briefen? Was ist ihr Inhalt? Und warum wird Norah bedroht? Und von wem? Was bezweckt der Schreiber mit seinen Briefen? Auf der Autofahrt wird Goran bereits von dunklen Erinnerungen an ein vergangenes Verbrechen geplagt. Vor vielen Jahren wurde in Waldesroda ein junges Liebespärchen brutal ermordet. Stehen die Drohbriefe in Zusammenhang mit dem damaligen Mord, der nie vollständig aufgeklärt wurde? Ist der Täter, den man bislang für tot hielt, vielleicht doch noch lebendig und will sich an Norah rächen? Das sind die die Ausgangsfragen, die man sich stellt, wenn man den Thriller zu lesen beginnt.

 

Im Zentrum der Handlung stehen Norah und Goran sowie die Mitglieder der Clique von damals. Goran ist nach dem Mord damals nach Berlin geflüchtet, weil er es in seinem Heimatdort nicht mehr aushielt. Er hat einen harten Schnitte zu seinen Freunden von damals vollzogen. Norah trägt ihm seine Flucht immer noch nach. Eine Entfremdung zwischen Goran und Norah ist deutlich spürbar. Das Wiedersehen zwischen beiden verläuft zunächst alles andere als harmonisch. Norah begegnet Goran vorwurfsvoll. Werden sich die beiden einander wieder annähern? Ist Norah überhaupt bereit dazu, die Hilfe von Goran anzunehmen? Und ist Goran in der Lage, das Rätsel um die Briefe zu lösen?

 

Es handelt sich bei diesem Werk, wie man es von Linus Geschke kennt, um einen gut konstruierten, mehrperspektivischen Thriller. Neben den sich abwechselnden Perspektiven von Norah und Goran, die nach meinem Empfinden gut aufeinander abgestimmt sind, gibt es Rückblicke in die Jugendzeit der Clique sowie eingeschobenen Täterkapitel, die mit „Er“ überschrieben sind. Darüber hinaus fügt der Autor in unregelmäßigen Abständen zwischen die Kapitel auch immer einmal wieder statistische Angaben über Morddelikte in Deutschland ein. Der Bezug zum Inhalt der jeweiligen Kapitel ist mir dabei aber nicht so ganz klar geworden. Was ich in inhaltlicher Hinsicht etwas dünn fand: Der Autor bringt zu Beginn ein interessantes psychologisches Thema mit ins Spiel (die Borderline-Störung), vernachlässigt diese Thematik dann jedoch wieder. Schade! Das psychologische Element kommt mir dieses Mal leider eindeutig zu kurz. Dafür fand ich wiederum interessant, dass punktuell die Themen „Integration“ und „Interkulturalität“ aufblitzen, allerdings nur in sehr zurückhaltender Form.

 

Was ich loben möchte: Die Charakterzeichnung der einzelnen Charaktere ist gelungen und auch die Beziehungsverhältnisse zwischen den einzelnen Figuren sind durchdacht angelegt worden. Durch die Gegenwarts- und Vergangenheitsebene kann man auch dynamische Entwicklungen bei den einzelnen Cliquenmitgliedern feststellen. Auch das überzeugt. Was mir allerdings fehlte, war ein hohes Maß an Spannung. Der Thriller hatte zwischendurch schon auch immer wieder Längen. Die Spannung baut sich nur langsam auf, hält dann eine gewisse Zeit an und ebbt im Mittelteil des Buchs wieder stark ab, weil es inhaltlich einfach kaum vorangeht. Stattdessen liest man viele (redundante) Gespräche, die zu wenig neue Erkenntnisse zutage fördern. Langatmig! Für mich trat die Handlung stellenweise viel zu sehr auf der Stelle.

 

Wäre ich nicht so sehr an dem Schicksal der Clique interessiert gewesen und hätte Anteil an den Geschehnissen um Goran und Norah genommen, so hätte ich mir ernsthaft überlegt, ob ich noch weiterlesen möchte. Die Spannung wird in erster Linie (von außen) „erzwungen“, sie entsteht nicht aus der Handlung selbst heraus. Es muss immer wieder betont werden, dass es in der Vergangenheit „Geheimnisse“ gibt, die im Verborgenen liegen. Das macht natürlich neugierg und hielt mich auch bei der Stange. Aber ich war nicht gefesselt, es hat mich nicht gepackt. Ich wollte halt einfach nur wissen, was denn jetzt genau damals passiert ist. Das sind durchschnittliche 3 Sterne. Warum nicht weniger? Weil es immerhin noch einige überraschende Wendungen gab, die der Handlung etwas (wenn auch wenig) Schwung verliehen und auch das Ende war sauber auserzählt.

 

Dienstag, 28. Mai 2024

Röthlein, Brigitte - Schrödingers Katze


Würfelt Gott wirklich nicht?



Der Besuch des Star-Trek-Vortrags von Metin Tolan (vgl. meinen Beitrag vom 17.05.24) hat mein Interesse an der Quantenphysik befeuert. Erstaunlich, aber wahr: Bisher habe ich mich noch nicht genauer mit diesem Teilbereich der Physik beschäftigt. Das möchte ich gern ändern. Einen ersten Zugang verschaffte ich mir mit einem Buch von Brigitte Röthlein, das den Titel „Schrödingers Katze“ trägt und aus dem Jahr 1999 stammt. Es ist also schon etwas veraltet und nicht mehr auf dem aktuellsten Stand, was man auch dem Literaturverzeichnis anmerkt, aber es ist äußerst kompakt und verständlich geschrieben. Für einen ersten Zugang reichte es mir völlig. Es ist für Leute ohne viel Vorwissen (wie mich) als Einstiegslektüre geeignet. Ich will nicht zu viel versprechen, aber vermutlich werden zukünftig noch weitere Besprechungen von Titeln aus diesem Themenbereich folgen. Denn natürlich interessieren mich auch Publikationen jüngeren Datums zu diesem Thema. Und wie schon erwähnt, steht Göttingen 2025 ganz im Jahr der Quantenphysik!


Das Beispiel von Schrödingers Katze bildet den Einstieg in dieses Buch. Das Bild der Katze zwischen Leben und Tod soll das Grundprinzip der Quantenmechanik veranschaulichen. Solange die Kiste, in der sich die Katze befindet, ungeöffnet bleibt, weiß man nicht, ob die Katze tot oder lebendig ist. Erst wenn man in die Kiste hineinschaut, kann man den „Zustand“ der Katze überprüfen. Ähnlich verhält es sich mit den Teilchen auf Quantenebene: „Kein Teilchen befindet sich zu einer bestimmten Zeit genau an einem bestimmten Ort, kein Lichtstrahl ist nur hier und nicht gleichzeitig woanders (…)“ (S. 11). Erst der Einsatz eines Messgeräts verändert die Welt und das Ungewisse wird beschreibbar.

Im nächsten Kapitel („Ist Licht Teilchen oder Welle?“, S. 15 ff.) wird deutlich, dass insbesondere die Beschäftigung mit dem Licht als Untersuchungsobjekt dazu geführt hat, dass sich die Quantenphysik begründete. Eine der zentralen Fragen war, ob das Licht aus Wellen oder aus Teilchen besteht. In knapper Form wird die Kontroverse um diese Fragestellung, was Licht nun ist, nachgezeichnet. Die Autorin streift dabei Forscher wie Newton, Huygens, Descartes sowie Thomas Young und geht auf die Weiterentwicklung durch Max Planck und Albert Einstein ein. Ein schöner, kompakter Abriss der Forschungsgeschichte, der uns hier geboten wird.

 

In einem weiteren Kapitel wird das Atommodell von Niels Bohr skizziert. Er entwickelte ein Modell, das bis heute Gültigkeit besitzt. Revolutionär an seiner Idee war, dass er annahm, dass für Elektronen nur ganz bestimmte Bahnen um den Atomkern herum erlaubt sind. Diese Bahnen werden als Quantenbahnen bezeichnet. Und Bohr beschrieb deren Eigenschaften und stellte die Hypothese auf, dass Elektronen von einer Quantenbahn auf eine andere Bahn „springen“ können. Beim Wechsel von einer äußeren auf eine innere Bahn gibt das Elektron Energie ab. Wechselt es hingegen in die umgekehrte Richtung, so nimmt es Energie auf. Was man jedoch nicht vorhersagen konnte, war, zu welchem Zeitpunkt ein Elektron die Bahn wechselt. Ähnlich verhält es sich auch mit dem radioaktiven Zerfall, bei dem man nie genau vorhersagen kann, wann ein Atom zerfällt. Daraus ergibt sich, dass in der Welt der Quantenphysik die Gesetze des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit gelten. Gott würfelt also doch (zumindest nach aktuellem Erkenntnisstand), wenn man auf die berühmten Worte von Einstein Bezug nehmen will.

 

Im nachfolgenden Kapitel („Quantenzahlen bringen Ordnung in die Welt“, S. 30 ff.) wird die Ausdifferenzierung des Bohrschen Atommodells als Schalenmodell näher ausgeführt, das bis heute noch gute Dienste leistet. Ein spannendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte! Anschließend wird ein berühmtes Experiment vorgestellt, das bereits tausendfach und mit immer neuen Anordnungen durchgeführt wurde: Das Experiment mit dem Doppelspalt (vgl. S. 39 ff.). Dabei wird das Verhalten von Objekten verglichen, wenn sie sich durch den Doppelspalt bewegen. Eine erste Wand weist zwei Löcher auf, dahinter befindet sich eine zweite Wand mit Detektoren. Von einer Quelle aus, werden verschiedene Objekte durch die löchrige Wand gesendet, die man im Anschluss beobachten will. In Bezug auf Elektronen stellte sich so heraus, dass diese sich manchmal wie eine Welle und manchmal wie ein Teilchen verhalten. Höchst mysteriös!

 

Danach wird genauer erläutert, was man eigentlich unter Quantenmechanik zu verstehen hat. Eine Wissenschaft, in der das Verhalten von Objekten auf atomarer Ebene beschrieben wird. Es zeigt sich, dass sich auf Quantenebene eine andere Welt auftut, in der weder die Logik noch die Eindeutigkeit der klassischen Physik Gültigkeit besitzt. Insbesondere der Erforschung der Elektronen widmete man in den 1920er Jahren große Aufmerksamkeit. Die Vorstellung des Schalenmodells wurde weiter modifiziert. Es setzte sich die Vorstellung von sogenannten stehenden Elektronenwellen durch. Man kann nie mit Sicherheit sagen, wo sich ein Elektron zu einem bestimmten Augenblick genau befindet. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten berechnen, wo es sich vermutlich momentan aufhält. Kurzum: Die Quantenmechanik, die v.a. in den 1920er Jahren an der Universität Göttingen unter Max Born wichtige Impulse erhielt, machte die Welt zu einem unsicheren Ort. Vorhersagen zum Verhalten von Objekten waren nicht mehr möglich!

 

In einem weiteren Kapitel geht es um Heisenberg und seine Unschärferelation, die er 1927 einführte. Auf atomarer Ebene gelten demnach nicht mehr die Gesetze von Ursache und Wirkung, sondern die von Zufall und Wahrscheinlichkeit. Die Unschärferelation drückt aus, dass man die verschiedenen Eigenschaft von Teilchen nicht gleichzeitig exakt messen kann. Das Weltbild der Physik wurde durch diese neuen Erkenntnisse schwer erschüttert. Faszinierend! Und die Quantenmechanik hat seit ihrer Entdeckung praktischen Nutzen bewiesen. Ohne die Erkenntnisse aus diesem Teilbereich der Physik gäbe es keine Halbleiter, keine Laser, keine Kernspintomographie und keine Atomuhren (vgl. S. 59).

 

In den nächsten Kapiteln stellt die Autorin einige wichtige Experimente vor, die im Verlauf der Forschung durchgeführt worden sind. So wird z.B. der sogenannte Tunneleffekt erläutert. Und auch die geheimnisvolle Fernwirkung zwischen zwei Teilchen wird genauer erklärt. Des Weiteren werden auch jüngere Experimente erwähnt (die Ionenfalle, das Verfahren der Laserkühlung und der sog. „Ein-Atom-Laser“). Nicht zuletzt schlägt Röthlein einen Bogen zur Kosmologie und zur Multiversums-Hypothese. Dabei greift die Autorin auf eine interessante, äußerst anschauliche Analogie zurück. Schrödingers Katze muss dafür herhalten. Nimmt man mehrere Welten an, die parallel existieren, so müsse man zwei Katzen annehmen. Eine sei tot, die andere lebendig. Und erst durch das Öffnen der Kiste hebe ein Beobachter eine der beiden Katzen in die Wirklichkeit. Eine faszinierende Idee, wenn auch unbeweisbar!

 

In einem abschließenden Abschnitt des Buchs wird dargestellt, wie die Quantenphysik unseren Alltag verändert hat. Zunächst wird dafür die Erfindung des Lasers in den Blick genommen. Im Buch wird nicht nur seine Funktionsweise genauer erläutert, es werden auch die verschiedenen Lasertypen vorgestellt (Rubinlaser, Gaslaser, Farbstofflaser, Halbleiterlaser) sowie ihre Einsatzgebiete. Eine weitere Entwicklung, die vertieft wird, sind die Supraleiter. Um Supraleitung zu ermöglichen waren anfangs extrem niedrige Temperaturen nötig. Im Laufe der weiteren Forschung zeigte sich aber, dass es auch Materialien gibt, die bei geringeren Temperaturen Supraleitung ermöglichen. Supraleitende Komponenten kommen v.a. in der Telekommunikation, im Elektrizitäts- und im Energiebereich zum Einsatz. Des Weiteren werden medizintechnische Erfindungen wie z.B. der Kernspintomograph und Mikroelektronik und Datenspeicherung thematisiert. Die dahinterliegenden Mechanismen und Funktionsweisen (u.a. auch von Halbleitern) werden dabei anschaulich erläutert. Eine große Zukunft sagt Röthlein den Solarzellen voraus. Auf den letzten Seiten widmet sich die Autorin dann der Idee von Quantencomputern. Deren Prinzip und die Grenzen des aktuell Machbaren werden verständlich dargelegt. Gerade in diesem Bereich bin ich gespannt, welche Erkenntnisfortschritte in Publikationen jüngeren Datums deutlich werden. Denn eines scheint klar, wird es irgendwann tatsächlich einmal funktionierende Quantencomputer geben, werden sie unsere Welt revolutionieren…

Samstag, 25. Mai 2024

De la Motte, Anders - Stille Falle


Leo Asker – eigenwillig, kompromisslos und durchsetzungsstark



Ein junges Paar verschwindet bei einer Höhlentour. Die Polizei wird eingeschaltet. Handelt es sich um eine Entführung? Leo Asker kümmert sich zunächst um die Aufklärung des Falls, erhält dann aber mitten in ihren Ermittlungen das Angebot einer vermeintlichen Beförderung und soll in eine andere Abteilung wechseln. Wird sie sich fügen? Will man sie etwa loswerden? Ein Schelm, der Böses dabei denkt…In einem weiteren Blickwinkel wird uns die Perspektive des Täters dargeboten, der unerkannt und unbemerkt in Häuser eindringt und dort Gegenstände entwendet.



Leo Asker ist eine ausgefallen gestaltete Figur, die den Thriller in meinen Augen maßgeblich trägt. Sie agiert kompromisslos-eigenwillig und tritt als Einzelgängerin auf. Wenn sie es für nötig hält, so zeigt sie „klare Kante“ und verhält sich keineswegs zurückhaltend und still. Sie eckt oft an und erweist sich als überaus durchsetzungsstark. Mit einem ehemaligen Vorgesetzten führte sie zeitweise eine Affäre, vollzieht dann aber einen harten Schnitt. Dies führt zu beruflichen Verwicklungen. Kollegen, die ihr gegenüber Respekt vermissen lassen, weist sie in die Schranken. Sie kann sich sehr gut behaupten. Gegenüber Männern verhält sie sich oft brüsk, distanziert, abweisend und unnahbar. Gleichzeitig scheint sie eine besondere Wirkung auf das andere Geschlecht auszuüben. Weitere Besonderheiten: Sie kennt sich sehr gut mit Waffen aus und hat eine besondere Beziehung zu ihrem Vater. Dieser war paranoid, lebte zurückgezogen und hat seine Tochter durch eine besondere Ausbildung abgehärtet.

 

Was ebenfalls gut zum Ausdruck kommt, ist der Umstand, dass im Ermittlungsteam Spannungen und Rivalitäten zutage treten. Zu den vermissten Personen werden unterschiedliche Theorien aufgestellt, die verschiedenen Ermittler konkurrieren miteinander. Kompetenz- und Machtgerangel wird spürbar. Es wird teils gegeneinander gearbeitet, es kommt zu Reibungsverlusten. Die Arbeitsatmosphäre hinterlässt einen wenig einladenden Eindruck. Leo Asker wird ungerecht behandelt, als sie in eine andere Abteilung gelockt werden soll. Das emotionalisiert. Und all das hat mich bei der Lektüre angesprochen und gefesselt. Die Charakterzeichnung von Asker sowie die differenziert angelegten Beziehungsverhältnisse überzeugen.

 

Was mich auch angesprochen hat, ist die Tatsache, dass sich das Buch an vielen Stellen selbst nicht zu ernst nimmt. Es gibt einige amüsante Passagen, die insbesondere den Wechsel von Asker in die neue Abteilung betreffen. Dort trifft sie auf einige skurrile Figuren. Und noch etwas, das mir gut gefallen hat: Die Einbindung des Themas der „urban explorations“ (also das Aufsuchen von leer stehenden Orten). Die verlassenen Ortschaften weisen in den Augen der Besucher eine besondere Ästhetik auf. Die Natur erobert sich die von Menschen erschaffenen Bauwerke allmählich zurück und das übt auf einige Personen einen besonderen Reiz aus. Interessant!

 

Noch etwas: Alle Handlungsstränge werden geschickt vorangetrieben, so dass man an den Zeilen haften bleibt. Wir erfahren im weiteren Handlungsverlauf beispielsweise mehr über den Täter und seinen Werdegang. Er wird immer rücksichtsloser und überschreitet immer mehr Grenzen. Die Figur entwickelt sich also dynamisch. Und auch in Bezug auf die anderen Figuren im Werk werden Entwicklungen deutlich. Das ist gelungen. Nicht zuletzt fand ich die Idee, wie der Täter seine Spuren hinterlässt, kreativ gelöst. Dafür wird das Thema „Modelleisenbahn“ in die Handlung integriert. Auch das hat mich überzeugt.

 

Fazit: Der Thriller ist gelungen. Leo Asker ist eine reizvoll angelegte Figur, die sicherlich auch weitere Bände tragen kann. Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass sie dem ein- oder anderen Leser etwas zu extravagant angelegt ist. Aber das ist sicherlich Geschmackssache… Die Beziehungsverhältnisse sind allesamt facettenreich angelegt, die Charaktere entwickeln sich dynamisch. Perspektivwechsel sorgen dafür, dass Spannungsbögen immer wieder geschickt unterbrochen werden. Der Autor greift auf viele kreative Ideen zurück („urban explorations“, „Modelleisenbahn“). Kurzum: Mir hat das Werk sehr gut gefallen, auch wenn das Tempo noch höher hätte ausfallen können.

Mittwoch, 22. Mai 2024

Spit, Lize - Ich bin nicht da


Schonungslos und direkt


Von Lize Spit habe ich zuletzt „Der ehrliche Finder“ gelesen und war sehr angetan von diesem Werk. Aus diesem Grund wollte ich gern noch mehr von dieser Autorin lesen und entschied mich für „Ich bin nicht da“. Und darum geht es…

Mitten in der Nacht kommt Simon zurück in seine Wohnung, weckt seine Freundin Leo auf und wirkt völlig überdreht und fahrig. Sie erkennt ihn kaum wieder. Er hat sich ein Tattoo stechen lassen, war die ganze Nacht unterwegs, hat nicht auf Kontaktversuche reagiert und erzählt ihr von Freunden, die diese nicht kennt. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Das ahnt man schon auf den ersten Seiten. Ein starker Einstieg in das Werk, der sofort neugierig macht. Was hat Simon in den vergangenen Stunden nur gemacht und erlebt? Was ist mit ihm los? Am nächsten Tag verfolgt er plötzlich wilde Ideen, will seinen Job kündigen und sich mit einem eigenen Tattoo-Studio selbstständig machen. Dabei agiert er übertrieben selbstsicher, erfolgszuversichtlich und wirkt geradezu euphorisch. Für die Umsetzung seiner Ideen verprasst Simon massig Geld, ohne Rücksprache mit Leo zu halten. Und Leo ist unsicher, wie sie mit ihm umgehen soll. Seine Verhaltensänderung bleibt für sie zunächst ein Rätsel. Wie wird es weitergehen?

 

Was auch gut auf den ersten Seiten zum Ausdruck kommt, ist die Vertrautheit der beiden Partner im Umgang miteinander. Sie führen eine intakte Beziehung, kennen sich gut und gehen äußerst innig miteinander um. Als Leser ahnt man schon, dass eine schwierige Krise auf die beiden zurollt und die Partnerschaft eine schwere Belastungsprobe wird überstehen müssen. Ein Kontrast wird aufgebaut. In Form von Rückblicken erfahren wir mehr darüber, wie sie sich kennen gelernt haben und erleben den Beginn der gemeinsamen Verbindung mit. Dabei wird deutlich, dass Simon in der Vergangenheit ein äußerst arbeitswütiger Mensch war, der sich so sehr in seine Arbeit vertiefen konnte, dass er alles um sich herum vergaß. Eine Charaktereigenschaft, die ihm vermutlich zum Verhängnis geworden ist.

 

Auf der Gegenwartsebene stellt man sich als Leser die Frage, ob Leo heilsam auf Simon einwirken wird. Kann sie ihm helfen bzw. lässt er sich überhaupt helfen? Es zeigt sich, dass Leo sich fortwährend große Sorgen um ihren Partner macht. Seine Verhaltensänderung verunsichert und belastet sie, zumal sich Simons Zustand zusehends verschlechtert. Mit der Zeit wird er immer rastloser und irgendwann entwickelt er psychotische Symptome (die Verhaltensauffälligkeiten werden dezidiert beschrieben). Simon entgleitet Leo immer mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass außer ihr niemand sonst Simons geändertes Verhalten zu bemerken scheint. Sie ist am nächsten an ihm dran, kennt ihn am besten. Der Freundeskreis bemerkt zunächst nichts und bestärkt Simon sogar noch, seine Pläne der Selbstständigkeit in die Tat umzusetzen. Eine äußerst verfahrende Situation. Was wird Leo tun, um Simon zu helfen? Wird er sich davon erholen und wieder normal werden? Hält Leo zu ihm? Wird ihre Liebe die Zerreißprobe aushalten?

 

Im weiteren Handlungsverlauf erhalten wir einen Einblick in den Fortgang von Simons Erkrankung und in die Behandlung seiner Psychose. Gemeinsame Arztbesuche werden ebenso geschildert wie Klinikaufenthalte und (negative) Auswirkungen der Krankheit und der Einnahme von Antipsychotika. Dabei werden auch intime Details nicht ausgelassen. Und wir erleben mit, wie schwierig es ist, einen Betroffenen davon zu überzeugen, Hilfe anzunehmen, und welches Leid Angehörige dabei durchleben. Auch das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung wird in diesem Zusammenhang thematisiert. Kurzum: Wir erhalten einen intensiven Eindruck von der medizinischen Behandlung eines Betroffenen. Und wir sehen, dass die Krankheit nicht auf Simon beschränkt bleibt, sondern dass sie auch die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung erfasst. Folgende Aspekte werden ebenfalls vertieft: Wie geht man mit einem Betroffenen wie Simon um? Was erzählt man dem Umfeld, ohne dass Simon eine Stigmatisierung befürchten muss? Wie fühlt sich Simon mit dieser Erkrankung, v.a. als er nach und nach wieder auf die Beine kommt? Etc. Zum Ende hin wird auch noch ein weiterer packender Spannungsbogen konstruiert. Leo erhält das Angebot, über die Erkrankung ihres Partners zu schreiben. Wie wird sich Leo entscheiden? Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten… nur so viel: Dieses Handlungselement verleiht dem Inhalt noch einmal zusätzlich Schwung.

 

Fazit: Eine herausfordernde Lektüre. Aber für alle geeignet, die einen ungeschönten Einblick in das Leid, das diese Krankheit verursacht, erhalten möchten. Was ich an Lize Spit wieder sehr schätze und ihr hoch anrechne, ist die Tatsache, dass sie die Dinge direkt, schonungslos und gnadenlos ehrlich beschreibt. Man merkt, dass Spit sich gut informiert hat und von dem, was sie schreibt, Ahnung hat. Einziger kleiner Kritikpunkt: Ich hätte mir noch mehr Hintergründe zu den Ursachen von Simons Krankheit gewünscht. Was war der Auslöser für seine Krise? Dazu hätte ich gern noch mehr erfahren.

Samstag, 18. Mai 2024

Olsberg, Karl - Boy in a white room


Ich denke, also bin ich



Ein jugendlicher Ich-Erzähler wacht ohne Erinnerung in einem würfelförmigen, weißen Raum auf. Er weiß nicht, wo er ist oder warum er dort ist. Und er kann keine Verbindung zur Außenwelt herstellen. Nur die Interaktion mit einer KI namens Alice, die aber nur wenige Befehle versteht, ist ihm möglich. Mit Hilfe von Alice kann er das Internet nutzen, auf webcams zugreifen und livestreams verfolgen. Mehr nicht. Was ist nur mit dem Protagonisten los? Wo befindet er sich? Was wird aus ihm? Und was wird er über sich selbst herausfinden? Was hält man vor ihm geheim? Das sind die Fragen, die zu Beginn Neugier erzeugen und die Handlung vorantreiben.

 

Das Setting von „Boy in a white room“ von Karl Olsberg hat mich direkt für sich eingenommen. Es werden jede Menge interessante Themen angeschnitten: KI, Bewusstsein, Menschlichkeit, virtuelle Realität, Intelligenz, Tod, Unsterblichkeit, Freiheit, Selbstbestimmung. Man kann wunderbar über folgende Fragen nachdenken: Würde man selbst so leben wollen wie der Ich-Erzähler? Wie würde man selbst in seiner Situation handeln? Was ist ein lebenswertes Leben? Kann man ohne Erinnerungen und Sinneswahrnehmungen erträglich existieren? Was macht einen Menschen zum Menschen? Etc.

 

Der Text bietet auch passende intertextuelle Anknüpfungspunkte. So wird „Der Herr der Ringe“ als Fantasiewelt ebenso aufgegriffen wie „Alice im Wunderland“. Die Leserinnen und Leser sollten im Idealfall Vorkenntnisse zu diesen Werken haben oder das Interesse, sich näher mit diesen beiden Büchern zu beschäftigen. Auch Descartes Grundsatz „cogito ergo sum“ kann problematisiert werden. Nicht zuletzt zeichnet sich „Boy in a white room“ durch ein hohes Maß an Spannung, einen schönen Wendepunkt sowie ein starkes Finale aus. Der Handlungsverlauf ist überraschend und man kann wunderbar darüber nachdenken, was eigentlich Realität ist. Wie kann man Einbildung bzw. Traum von der Wirklichkeit unterscheiden? Wie lässt sich feststellen, was real ist? Kurzum: In meinen Augen ein tolles, gewinnbringendes Jugendbuch, das zahlreiche Reflexionsanlässe bietet.

Mittwoch, 15. Mai 2024

Wahl, Caroline - Windstärke 17


„Wutklumpen“



Zu Beginn des Romans „Windstärke 17“ wird vor allem die Orientierungslosigkeit von Ida, der kleinen Schwester von Tilda, nur allzu deutlich. Ihre alkoholkranke Mutter ist verstorben und sie muss sich darum kümmern, die Wohnung zu kündigen, und sich entscheiden, welche Richtung sie ihrem Leben geben möchte. Sie schottet sich von ihrer Umwelt ab und sucht nach Halt. Was hat sie nun vor? Wird sie ihr Studium fortsetzen? Wo wird sie wohnen? Viele ungelöste Fragen, die sie und die Leserinnen und Leser gleichermaßen beschäftigen.



Ida wirkt überfordert mit der Situation. Sie will mit sich alleine sein, sich neu ausrichten. Um ihren psychischen Zustand ist es nicht gut bestellt. Das wird gut greifbar. Tildas Hilfsangebote lehnt sie ab. Stattdessen setzt sie sich in einen Zug nach Rügen und quartiert sich in einer Jugendherberge in Binz ein. Sie nimmt einen Job als Kellnerin an, um ihren Unterhalt zu verdienen, und lernt Leif kennen. Als Ida krank wird, kümmert sich ihr Chef Knut zusammen mit seiner Frau Marianne um sie. Sie bieten Ida an, bei ihnen zu wohnen. Wird es den beiden gelingen, Ida aus ihrem Loch herauszuholen? Oder wird Leif sie wieder aufbauen und aus ihrer Krise herausführen? Und wie geht es mit Ida weiter?

 

Während der Lektüre habe ich Idas Entwicklung mit Neugier begleitet. Ich wollte wissen, ob sie in ihr Leben zurückfindet, wieder auf die Beine kommt und von jemandem aufgefangen wird. Das hat für mich die Spannung des Romans ausgemacht. Hinzu kommen die authentischen Darstellungen des psychischen Zustands von Ida, der zwischenmenschlichen Beziehungen und vertiefende Rückblicke in glücklichere Zeiten. Wir erfahren nun, was aus Ida geworden ist, nachdem Tilda sie im Alter von 11 Jahren bei ihrer Mutter zurückgelassen hat. Anders als in „22 Bahnen“ steht dieses Mal die jüngere Schwester im Zentrum der Handlung, über Tilda erfahren wir zwar auch etwas, aber das immer nur am Rande. Ohne zu viel zu verraten: Es zeigt sich ein klarer Kontrast zwischen beiden Schwestern. Während die eine ihr Leben im Griff hat, steckt die andere in einer tiefen Krise.

 

Das Werk weist nach meinem Gefühl eine traurig-hoffnungsvoll Stimmung auf. Und es gelingt der Autorin hervorragend, die Stimmung der Leserinnen und Leser mal in die eine, mal in die andere Richtung zu lenken. Was mir auch wieder gut gefallen hat, waren die Passagen mit wörtlicher Rede, die mit redeeinleitenden Vornamen markiert werden. Sie verleihen der Handlung Unmittelbarkeit, Direktheit und Lebendigkeit. Und die Warmherzigkeit von Knut, Marianne und Leif hat mir ebenfalls zugesagt. Sie kümmern sich uneigennützig, ohne Hintergedanken und aufopferungsvoll um Ida. Darin steckt eine hoffnungsfrohe Botschaft, wie ich finde. Letztlich behandelt „Windstärke 17“ die großen menschlichen Themen: Liebe, Tod, Krankheit. Und die Umsetzung dieser Themen hat mir sehr, sehr gut gefallen. Man nimmt Anteil an dem Schicksal der Figuren und die Spannung ergibt sich aus der Handlung von selbst heraus. 5 Sterne von mir.

Donnerstag, 9. Mai 2024

Bronsky, Alina - Und du kommst auch drin vor


Über die Wirkungsmacht von Literatur



Eine undisziplinierte Schulklasse besucht mit ihrer überforderten Lehrerin eine Lesung. Während die Autorin ihr Werk vorliest, sind die Lernenden mit völlig anderen Dingen beschäftigt. Eine Ausnahme stellt jedoch die Schülerin Kim dar, die aufmerksam zuhört, und die sich vom Gelesenen direkt angesprochen fühlt. Sie bezieht das Gehörte auf sich und ihr eigenes Leben, und sie kann sich mit dem, was die Autorin vorträgt, gut identifizieren. Ihr Interesse an dem Buch wird so sehr geweckt, dass sie sogar bereit ist, ein Exemplar zu kaufen.



Als Kim beginnt das Buch zu lesen, macht sie eine erstaunliche Erfahrung. Sie erkennt zahlreiche Parallelen zwischen dem fiktiv Beschriebenen und dem real Erlebten. Ihr Dasein spiegelt sich in dem Gelesenen wider. Dem Text entnimmt sie sogar Handlungsanweisungen. In einer Unterrichtsstunde zur Nachbesprechung der Lesung erklärt sich Kim bereit, ein Referat über das Buch zu halten. Als Referatspartner springt ihr Jasper zur Seite. Folgende Fragen stellen sich: Wie wird es mit Kim, ihrem Partner und ihrer Lektüre weitergehen?

 

Ein Psychologe hätte vermutlich seine wahre Freude daran, Kims Symptome zu diagnostizieren. Ich vermute aber sehr stark, dass es Bronsky um etwas anderes ging. Im Mittelpunkt steht wohl eher die Botschaft, was Literatur auszulösen und welche Macht sie über lesende Personen auszuüben vermag. Gelesenes hat Wirkung. Text und Rezipient interagieren miteinander. Jede Leserin und jeder Leser entdeckt im Geschriebenen subjektive Anknüpfungspunkte und überträgt Inhalte auf sich selbst. Diese Erfahrung hat wohl schon jede/r gemacht. 

 

Was mir gut gefallen hat, war die Gestaltung der Dialoge, bei denen ich oft schmunzeln musste, und die ausgefallene Charakterzeichnung von Kims Freundin (Petrowna). Sie ist die heimliche Chefin in der Klasse und sorgt dort für Ruhe und Ordnung. Petrowna zeichnet sich durch eine hohe Intelligenz aus, verfügt allerdings gleichzeitig über eine vorlautes Mundwerk. Herrlich! Und letztlich weist der Inhalt des Buchs von Bronsky eine wertvolle Botschaft auf, über die es nachzudenken lohnt. Auch das hat mir gut gefallen.

Samstag, 4. Mai 2024

Logan, T. M. - Trust me


Furioses Ausgangssetting, dann Qualitätsverlust



Die ersten 100 Seiten von „Trust me“ aus der Feder von T.M. Logan gehören mit zum Besten, was ich dieses Jahr gelesen habe. Eine Ich-Erzählerin lernt eine unbekannte junge Frau im Zug kennen, die sie darum bittet, kurz auf ihr drei Monate altes Baby aufzupassen, weil sie mal eben telefonieren muss. Und dann der Schreckmoment: Die Protagonistin sieht an der nächsten Haltestelle, wie die Mutter des Kindes sich aus dem Staub macht. Ein tolles Ausgangssetting, das mich sofort gepackt hat. Viele Fragen entstehen. Handelt es sich um einen Akt postnataler Depression? Warum lässt die Mutter ihr Kind zurück? Und was wird die Ich-Erzählerin nun tun? Wie wird sie mit dieser Situation umgehen? Wird sie die Mutter wiederfinden? Das Ganze scheint jedenfalls kein Zufall zu sein. Im Rucksack, den die junge Frau für ihr Kind zurückgelassen hat, findet sich eine Nachricht. Darin heißt es: Vertrauen Sie niemandem, nicht einmal der Polizei!

 

Man spürt sofort, welches Unbehagen diese ungewohnte Situation bei der Ich-Erzählerin auslöst. Sie weiß nicht so recht, wie sie sich verhalten soll. Soll sie sofort zur Polizei? Soll sie erst einmal zu sich nach Hause? Gefühle von Unsicherheit und Überforderung machen sich breit. Hilflosigkeit wird deutlich. Ich konnte mich als Leser sehr gut in die Lage der Protagonistin hineinversetzen. Ich konnte ihren Zustand der inneren Anspannung und Unruhe spüren. Und zu Beginn ist der Schreibstil äußerst fesselnd, das Tempo ist hoch. Ein wahnsinnig guter Beginn! Auch weil man als Leser die ganze Zeit im Ungewissen gelassen wird, was denn nun eigentlich los ist. Die anfängliche Neugier ist groß. Man will wissen, in was die Ich-Erzählerin da hineingeraten ist. Hinzu kommen einige gefällige Wechsel der Perspektiven. Spannungsbögen werden immer wieder passend unterbrochen. Die Ereignishaftigkeit ist stark ausgeprägt, Cliffhanger am Kapitelende animieren zum Weiterlesen. All das überzeugt.


Und jetzt kommt das große ABER. Mit zunehmendem Handlungsverlauf „verwässert“ der Inhalt dann zusehends. Der Autor gibt den Roman meiner Meinung nach aus der Hand. Er schafft es nicht, die Erwartungshaltung, die man eingangs als Leser hat, angemessen zu bedienen. Er entfernt sich einfach zu sehr vom Ausgangssetting. Es wird immer verworrener und abgedrehter. Auch wird die packende Erzählweise des Beginns zugunsten einer mehrperspektiven Erzählweise aufgegeben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das in diesem Fall eine gute Idee war. Denn es bleibt einerseits zu viel im Dunkeln und andererseits kommen immer wieder neue Blickwinkel hinzu, die die Konzentration des Lesers stark fordern. Auf mein Leseerlebnis wirkte sich das negativ aus. Kurzum: Nach dem furiosen Start verliert der Thriller zu sehr an Qualität. Es machte auf mich fast den Eindruck, als wollte der Autor seine Leser mit einem tollen Ausgangssetting angeln, aber dann zu sehr auf die Folter spannen, was die Auflösung angeht. Man wird zu lange im Unklaren gelassen, in welche Richtung es nun eigentlich geht. Schon vor dem Schluss verlor ich dadurch das Interesse an den Geschehnissen. Schade, schade. Somit komme ich auf durchschnittliche 3 Sterne. 

Donnerstag, 2. Mai 2024

Kuang, Rebecca F. - Yellowface


Einblick in eine hart umkämpfte Branche

 


Warum lese ich überhaupt dieses Buch? Ich gebe ehrlich zu, der Hype hat mich neugierig gemacht. Und darüber hinaus interessiert mich der Einblick in den Betrieb rund ums Buch. Nun zum Inhalt…

 

Auf den ersten Seiten trieft „Yellowface“ von Rebecca F. Kuang vor allem vor eines: vor NEID. Die Ich-Erzählerin June Hayward berichtet uns Lesern von ihrer besten Freundin Athena Liu. Beide sind Schriftstellerinnen, doch die eine ist erfolgreicher als die andere. Und June neidet Athena ihren Erfolg. Sie erscheint uns also als höchst unsympathischer Charakter. Für sie macht es den Eindruck, als würde in der Buchbranche sehr willkürlich darüber entschieden, welche Autoren „gepusht“ werden und welche nicht. Athena kommt in ihrem Bericht nicht gut weg. Sie sei keine gute Zuhörerin und gebe gehörig mit ihrem Erfolg an. Als Leser hatte ich den Eindruck, als stünde Athena mehr Bescheidenheit gut zu Gesicht. Kurzum: Von einer Freundschaft zwischen den beiden kann nicht die Rede sein.

 

Auf ihrem Höhepunkt des Erfolg angekommen (Athena hat gerade erst einen Vertrag über eine Verfilmung unterschrieben), bricht das Unglück hart über sie herein. Athena erstickt an einem Stück Pfannkuchen und June kann ihr nicht mehr helfen. Die Ich-Erzählerin nutzt die Gunst der Stunde, entwendet Athenas unvollendetes Manuskript, überarbeitet es und gibt es als ihr eigenes heraus. Ihre Trauer hält sich in Grenzen. Sie schlachtet das Geschehen sogar noch für Twitter aus. Dabei wird deutlich, dass sie ihre Betroffenheit über den Tod der Freundin regelrecht spielt. Spätestens jetzt hat June alle Sympathien beim Leser verloren.

 

Im weiteren Handlungsverlauf erleben wir die Geschichte des Auf- und des Abstiegs von June. Sie rechtfertigt sich in einer direkten Leseransprache sogar für ihr Handeln. Und zunächst ist sie überaus erfolgreich. Sie verdient gutes Geld. Ihr plagiiertes Buch schlägt sofort in die Bestseller-Liste ein. Sie wird mit Preisen überhäuft und erhält viele Einladungen zu verschiedenen Veranstaltungen. Und wir erhalten folgende Einblicke in den Literaturbetrieb: in die Überarbeitungsprozesse eines Textes sowie in das Marketing eines Titels. Spannend und für mich neu war auch die Information, wie sensibel Werke vermarktet werden müssen (Stichwort: kulturelle Aneignung), um nicht den Zorn der sozialen Medien auf sich zu ziehen. Es gibt sogar sogenannte „sensitivity reader“, die ein Werk im Vorfeld auf problematische Textstellen überprüfen. Das wusste ich nicht! Auch ein entsprechendes Image von Autoren muss kreiert werden. Und um die Verkaufszahlen zu forcieren, muss auf „social-media“- Kanälen viel zur textverfassenden Person und zum Buch gepostet werden. Zu einer Wendung kommt es, als dann die Vorwürfe im Netz auftauchen, dass June plagiiert hat. Es stellen sich folgende Fragen: Wie wird June mit der Beschuldigung umgehen? Wie geht es mit ihr weiter? Und wer steckt hinter den anonymen Behauptungen? Und woher wissen die anonymen Stimmen von Junes Diebstahl? Ich verrate nur so viel: Es ist unglaublich, mit welcher Verachtung und mit welchem Psychoterror man June fortan begegnet. Auf den sozialen Medien wird eine Hexenjagd auf sie veranstaltet. Der Klatsch und Tratsch, der entsteht, ist niederträchtig. Paradoxerweise kurbelt der Hass auf June aber ihre Verkaufszahlen an. Verrückte Welt! Sicherlich auch ein Seitenhieb auf den „hatespeech“ im Internet und noch dazu ein kritischer Hinweis auf die Macht von „social-media“. Und letztlich wird auch die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Betriebs rund ums Buch beanstandet. Die Marktmechanismen werden gut veranschaulicht und auch nebenbei wird auch deutlich, wie schwer es für Autoren sein kann, immer wieder aufs Neue kreativ zu werden.

 

Folgendes hat mich an dem Buch gestört: Wie erwähnt, muss man sich als Leser darauf einlassen können, dass es sich bei June um eine unsympathische Figur handelt. Ich habe mich stellenweise etwas schwer mit der Protagonistin getan. Darüber hinaus habe ich mich stellenweise gefragt, wie realistisch der Einblick in die Buchbranche ist. Ist das, was über den amerikanischen Betrieb rund ums Buch geschildert wird, ohne Weiteres auf den deutschen Markt übertragbar (z.B. das hohe Honorar im Zuge von Vertragsverhandlungen? Werden wirklich sechsstellige Summen für Bücher bezahlt?). Ich denke eher nicht, aber ich bin natürlich kein Experte. Mir erschien die Darstellung von Autoren als „Popstars“ nicht sehr wirklichkeitsnah. In Deutschland stellt sich die Situation sogar eher so dar, dass gerade junge Autoren, die sich durchsetzen wollen, nicht gerade üppig bezahlt werden. Sie erhalten als Tantiemen ca. 5-10% des Verkaufspreises pro Buch (vgl. dazu z.B. die Informationen auf der Seite von „Autorenwelt“). Was ich mich auch gefragt habe: Führen die Verlage eigentlich Marktforschung durch, um zu überprüfen, ob die Marketing-Strategien auch den gewünschten Effekt nach sich ziehen? Nach meinem Geschmack hätte der Einblick in den Literaturbetrieb sogar noch tiefgründiger ausfallen können. Das Geschäft mit den „sensivity readern“ kannte ich zwar bisher nicht, aber der Rest war für mich nichts Neues oder Überraschendes. Und abschließend noch ein Kritikpunkt, der auch in vielen anderen Rezensionen bereits benannt worden ist: Ist die genderneutrale Schreibweise in dem Buch ein Störfaktor? Mich hat es nicht gestört, aber ich möchte darauf hinweisen, dass die Doppelpunkt-Schreibung nicht barrierefrei ist (vgl. dazu meine Rezension zu Johanna Usinger: „Einfach können. Gendern“). Auch gebe ich zu bedenken, dass es vom Rat für Rechtschreibung noch keine klare Regelung gibt. Ich gebe dem Buch aufgrund der genannten Kritikpunkte 4 Sterne. Es war eine unterhaltsame Lektüre, aber kein Highlight, das 5 Sterne verdient.

Mittwoch, 1. Mai 2024

Scarlett, Sophie - Totgespritzt


Dem Mörder auf der Spur



Am Ufer eines Sees findet man eine unbekleidete Frau tot auf. Handelt es sich um einen Badeunfall oder ist sie ein Mordopfer? Danach ein Rückblick auf eine namenlose Zweitklässlerin, die gerade ihr Seepferdchen gemacht hat und ihre erste Schwimmerfahrung in einem See unternimmt. In einer Vorausdeutung wird bereits auf die Gefahr des Wassers hingewiesen. Man ahnt bereits Schlimmes. Was wird diesem Mädchen widerfahren? Und wie hängen die Ereignisse zusammen? Das sind die zentralen Fragen, die man sich stellt, wenn man die Lektüre von „Totgespritzt“ von Sopie Scarlett zu lesen beginnt. Und hinzu kommt noch ein weiterer Blickwinkel, der etwas später auftaucht: Ein sechsjähriger Junge erlebt hautnah den erbitterten Rosenkrieg zwischen seinen Eltern mit, die sich trennen. Die Mutter verhält sich ihm gegenüber regelrecht psychotisch. Handelt es sich bei diesem Jungen etwa um den Täter?


Vor unserem inneren Auge werden alle Facetten von Polizeiarbeit ausgebreitet: Die Spurensicherung, die rechtsmedizinische Untersuchung des Leichnams, die Informierung der nächsten Angehörigen über den Todesfall, Zeugenbefragungen und die Vernehmungen von Verdächtigen. Und wir lernen eine charismatische Ermittlerin kennen, die unter Panikattacken leidet: Johanna Baro. Es gibt viele Textstellen, die heftig unter die Haut gehen. Das Geschriebene kann oft emotionale Betroffenheit erzeugen. Das hat mir richtig gut gefallen. Auch der klare Schreibstil der Autorin überzeugt über weite Strecken und kann durchaus fesseln. Darüber hinaus wird den Figuren durch Rückblicke eine psychologische Tiefe verliehen. Das ist geglückt. Der Thriller offenbart viele gute Ansätze: So hat mir auch gefallen, wie Handlungsstränge parallel entwickelt werden und zusammen kulminieren (die Entwicklung des Täters auf der einen Seite, der Fortgang der Ermittlungen auf der anderen Seite). Später ist es dann die zeitgleiche Befragung von Zeugen durch die beiden polizeilichen Ermittler, die mich überzeugt hat. Beide Vernehmungen greifen gut ineinander und sind durch flotte Perspektivwechsel gut aufeinander abgestimmt. Die packendste Stelle war für mich, als wir nah am Täter drin sind und geschildert wird, wie dieser seine Tat plant und ausführt. Diese Passagen habe ich mich hoher innerer Anspannung gelesen. Das innere Erleben der Figuren ist oft nachvollziehbar und anschaulich greifbar. Eine atmosphärisch dichte Beschreibung, die treffend zur Situation passt, wird ebenfalls stellenweise gut deutlich. Der Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsebene ist vor allem in der ersten Hälfte des Buchs gut durchdacht. Kurzum: Die Autorin macht in ihrem Debut vieles richtig.