Dieses Blog durchsuchen

Freitag, 31. Oktober 2025

Garthoff, Sebastian - Tote wird man nicht los


Happy Halloween!




Lokalreporter Lorenz Lorenz, der für den Kreisboten arbeitet, klappert die Gegend auf der Suche nach berichtenswerten Nachrichten ab. So erfährt er z.B. von einem Selbstmord mit Kohlenmonoxid und lauscht andächtig der Rede des Bürgermeisters, zu der er sich Notizen macht. Der Großteil seiner Recherchen beschränkt sich auf Sonderbarhausen. Noch ahnt er nicht, mit welcher Gefahr er bald konfrontiert sein wird…


In einem anderen Blickwinkel erfahren wir etwas von einer namenlosen Frau, in deren Kopf sich ein Gewitter zusammenbraut („Hinter der Stirn rollt nun das Gewitter heran, Blitze brechen durch die Wolken, Donner ertönt wie Hammerschläge. Für die Frau sind sie wie ein Weckruf“, S. 12). Sie entdeckt an sich selbst eine schwere Kopfverletzung. Man ahnt Böses. Schon bald fällt sie ein erstes Opfer an. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Bald wird Sonderbarhausen überrannt…


Der Schreibstil ist gefällig, klar und pointiert. Wie schon bei „Schattenmann“ fließt ab und zu auch Bildlichkeit mit ein (oft mit unappetitlichem Beigeschmack). Interessant ist der Blick in die Gedankenwelt in eine sich zu einem Zombie verwandelnde Figur, die ihren Lustgewinn aus dem Verzehr von Menschenfleisch bezieht. Die Gedankenwelt beginnt zu zerfasern, die Erinnerungen verblassen. Menschlichkeit geht verloren…


Die Schilderung der Attacken durch die wandelnden Toten ist teils blutrünstig gestaltet. Es gibt Splatter-Effekte. Kurzum: Nichts für schwache Nerven! Immer wieder sind wir nah dran an einigen Bewohnern von Sonderbarhausen und erleben mit, wie sie um ihr Leben fürchten müssen. Das Geschehen wird packend erzählt. Die Ausbreitung des Schreckens wird kontrastiert mit der Schilderung des Kleinstadtalltags einzelner Provinzler (gleichzeitig eine schöne Kritik des Kleinbürgerlichen).

Montag, 27. Oktober 2025

Garthoff, Sebastian - Schattenmann

 

„Ich war die Arbeit und die Arbeit war ich“




Schattenmann arbeitet bei der Kronos Consulting GmbH. Er ist ein unauffälliger, scheuer und unbedeutender Angestellter, dessen Erwähnung auf der Homepage nicht erforderlich ist. Sein Arbeitsumfeld beäugt er aus kritischer Distanz und seinem Leben begegnet er mit großer Gleichgültigkeit. Eine Mitarbeiterversammlung zu Jahresbeginn macht ihn sichtlich nervös. Der Geschäftsführer kündigt an, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter auf den Prüfstand gestellt wird. Entlassungen drohen. So will er die Angestellten motivieren, Höchstleistungen zu bringen. Und ein Großteil der Belegschaft lässt sich freudig auf dieses „Spiel“ ein. Nicht aber Schattenmann. Er weiß, was das bedeutet…


Die Drucksituation wirkt sich negativ auf Schattenmann aus. Die Ungewissheit macht ihn fertig. Er fürchtet seinen eigenen Rauswurf. Bei einer Besprechung am nächsten Tag wirkt er abwesend. Er zweifelt an seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Seine Gedanken schweifen immer wieder ab und er hat Schwierigkeiten, sich zu fokussieren. Kurzum: Er hat seine Nerven nicht im Griff. Und damit bringt er sich selbst in eine äußerst gefährliche Situation. Kommt es, wie es kommen muss? Verliert er seinen Job? Und was wird dann aus ihm? Diese Fragen stellt man sich während der Lektüre. Und letztlich ist der Text eine klare Kritik an der Leistungsgesellschaft und an dem in der Arbeitswelt herrschenden Druck.


Der Schreibstil ist angenehm, klar und pointiert. Er hat mir sehr gut gefallen. Stellenweise wird es bissig. Und auch Bildlichkeit fließt ein. Das Ende der Erzählung hat mich dann überrascht, aber es passte auch irgendwie zur Situation (aber natürlich wäre auch eine andere Entwicklung von Schattenmann denkbar gewesen). Nur so viel: Es wird kafkaesk. Der Druck, der auf Schattenmann lastet, sucht sich ein Ventil…

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Morgan, J. O. - Der Apparat


Beam me up, Morgan!



Was wäre, wenn die Menschheit eine Transport-Technologie erfinden würde? Wie würde eine solche Erfindung das gesellschaftliche Leben und das Leben jedes einzelnen verändern? Um diese Fragen geht es in dem äußerst lesenswerten Buch „Der Apparat“ (2023) von J.O. Morgan. Es handelt sich allerdings nicht um einen Roman, sondern um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die für sich stehen und aus einer jeweils anderen Perspektive die Erfindung thematisieren. Allerdings sind die einzelnen Geschichten nicht zusammenhanglos, sondern sie bauen aufeinander auf. So schreitet die Entwicklung des Apparats von Geschichte zu Geschichte immer weiter voran. Werden zu Beginn nur Gegenstände teleportiert, so sind es bald erste Versuchspersonen und später viele Touristen. Die Technologie durchdringt bald immer mehr Lebensbereiche der Menschen und wird für sie unverzichtbar. In späteren Geschichten ist die Erfindung so weit entwickelt, dass man innerhalb eines Hauses nicht einmal mehr die Treppe benutzen muss, um von Raum zu Raum zu gelangen.

 

Im Folgenden gebe ich einen kurzen Einblick in die 11 verschiedenen Kurzgeschichten, die ich alle, d.h. ohne Ausnahme, sehr gerne gelesen habe. Alle Geschichten haben ein gutes, gleichbleibend hohes inhaltliches Niveau und regen immer wieder auch zum Nachdenken an. Sehr gelungen!

 

Geschichte 1 – Bringen Sie’s rein

Mr. und Mrs. Pearson erhalten die erstaunliche Möglichkeit, ein Gerät zu testen, mit dem sich Dinge teleportieren lassen (das erste teleportierte Objekt ist ein simpler Plastiklöffel). Mit anfänglichen Berührungsängsten nähern sie sich dem Apparat und sind sich unsicher, ob nicht doch Gefahren von ihm ausgehen. V.a. Mrs. Pearson beäugt das Gerät skeptisch. Ihr Mann hingegen ist technikbegeistert und sieht die großen Möglichkeiten. Das Paar streitet sich über die Vor- und Nachteile des Apparats für die Weltwirtschaft. Der Erzählton ist amüsant und das ganze Setting wirkt höchst skurril.  

 

Geschichte 2 – Einbahn

Die Technik hat erste Fortschritte gemacht. Eine ältere Dame zieht mit Hilfe eines Unternehmens um und lässt ihre Möbel mit Hilfe des Transporters teleportieren. Die Protagonistin misstraut diesem Ding noch. Ein altes Familienerbstück bringt sie lieber selbst von A nach B. Es wird die interessante Frage aufgeworfen, ob ein Replikat noch das Original sein kann.

 

Geschichte 3 – Der Erste, Mensch

Nun wird auch der Mensch von der Technologie erfasst. Es wird uns ein Mann beschrieben, dem bereits Gewebeproben entnommen wurden, die man erfolgreich durch das Gerät geschickt hat. Er will sich selbst durch die Maschine schicken lassen und ist menschliches Versuchsobjekt. Und er hat erstaunlich wenig Probleme damit, sich für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen. Interessant ist auch die Charakterzeichnung. Der erste Mensch, der teleportiert werden soll, stellt sich als Ekel heraus, der die Wünsche und Sorgen seiner Frau nicht respektiert. Er ist dominant, lässt keinen Widerspruch zu. Zweifel an der Richtigkeit des Projekts lässt er nicht aufkommen. Pflichtbewusstsein geht ihm über alles, er vertraut den Verantwortlichen des Forschungsprojekts blind. Wird die Teleportation glücken? Und kommt im Anschluss der gleiche Mann wieder heraus, der in das Gerät hineingegangen ist?

 

Geschichte 4 – Trial and Error

Die gesamte Logistik der Menschheit hat sich verändert. Anstelle von Flughäfen gibt es nun sog. Telehäfen. Noch scheint die Infrastruktur aber ausbaufähig. Es gibt nur wenige Geräte, die Schlangen sind noch lang.

 

Geschichte 5 – Gralssuche

Nun lernen wir einen mathematischen Analysten kennen, der im Hintergrund an der Verbesserung des Teleportationssystems arbeitet. Die Funktionsweise des Geräts wird beschrieben: Dinge werden analysiert, in Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Es geht um die exakte Übermittlung von komplexen Informationen in Form von Zahlen. Das Metier des Analysten sind genau diese Zahlen. Mit ihnen kennt er sich aus. Bei der Teleportation wird die ausgelesene Information in Zahlen übersetzt, die nicht verändert werden dürfen. Diesen Prozess gilt es zu verbessern und zu kontrollieren. Auch ein möglicher Missbrauch des Systems als Waffe muss bedacht werden. Doch eines Tages muss der Analyst einen Weg finden, den Teleporter umzuprogrammieren. Als seine Tochter an Krebs erkrankt, sucht er nach einer Möglichkeit, das infizierte Gewebe durch den Transport entfernen zu lassen. Wird die Maschine dieses Kunststück vollbringen können?

 

Geschichte 6 – Ein Missverständnis

Wir begegnen einer Journalistin, die auf Sensationsjagd ist. Gibt es etwa keine Skandale, die von der Firma, die für die Transporttechnologie zuständig ist, zurückgehalten werden? Die Protagonistin macht sich auf die Suche nach möglichen Vertuschungen. Bei ihren Recherchen stößt sie auf einen mysteriösen Umstand: Keiner weiß, wie die Transporter genau funktionieren. Man weiß zwar, dass sie funktionieren, aber was genau beim Teleport passiert, das bleibt im Dunkeln. Erstaunlich, dass die Menschheit trotzdem arglos auf diese Technologie zurückgreift. Ist es womöglich sogar denkbar, dass ein Objekt beim Transport komplett vernichtet wird und an anderer Stelle als Kopie wiederhergestellt wird? Wird überhaupt Information übertragen? Spannende Fragen, v.a. wenn man bedenkt, welche Konsequenzen solche Annahmen hätten (Was ist Existenz?).

 

Geschichte 7 – Letzte Abendmahle

Nun lernen wir einen aufgeweckten Jungen kennen, der zugleich ein Tüftler ist. Als seine Eltern einen Heimtransporter anschaffen, macht er sich heimlich daran, das Gerät näher zu untersuchen. Dabei entdeckt er einen Fehler und will das System auf eigene Faust optimieren. Was er jedoch nicht bedenkt, sind die Konsequenzen, die sein Eingriff mit sich bringt. Er bringt sich selbst und andere in große Schwierigkeiten und stiftet ein heilloses Chaos. Vor der Weltöffentlichkeit wird ihm schließlich der Prozess gemacht.

 

Geschichte 8 – Haushaltshilfe

Das Transportersystem wird erneut weiterentwickelt. Nun benötigt man nur noch eine Sende- und Empfangsschüssel und der Transport geht kabellos vonstatten. Es ist sogar möglich innerhalb eines Hauses von Raum zu Raum zu „springen“. Eine Treppe wird nicht mehr benötigt. Ein ganzes Dorf soll mit dieser Weiterentwicklung hochgerüstet werden. Doch eine Tochter redet ihrem betagten Vater ins Gewissen, sich nicht als Versuchskaninchen für dieses neuartige System zur Verfügung zu stellen.

 

Geschichte 9 – Ausgeschnitten

Die menschliche Gesellschaft wird von der Technologie immer stärker durchdrungen. Die Menschen werden immer abhängiger von der neuen Technik. Auch der Tourismus wird nun mit Hilfe von Transportern organisiert. Und es kommt erstmals zu einer (vermeintlichen) Katastrophe. Bei einem Schulausflug verliert eine Mutter ihre Tochter bei der Teleportation. Sie taucht nicht am Zielort auf und niemand von den Mitschülern hat gesehen, ob sie in den Transporter eingestiegen ist. Wo ist sie hin? Und wie lässt sich nachweisen, dass ihr etwas zugestoßen ist?

 

Geschichte 10 – Ein freier Weg

Es gibt keinen Weg an der Technik vorbei. Die Menschen können gar nicht mehr anders, als sie zu nutzen. Der Alltag wird vollständig von der Transport-Technologie bestimmt. In dieser Kurzgeschichte wird die Frage thematisiert, was man eigentlich während eines Transfers spürt. Wie fühlt es sich an, von A nach B teleportiert zu werden?


Geschichte 11 – Ferner, hin

Nun wird der Blick visionär geweitet. Zwei Männer verfolgen, wie eine Rakete einen Transporter zum Mond bringt. Ein schöner abschließender Ausblick: Die Menschheit beginnt, den Weltraum mit der neuen Technologie zu erobern. Ein Transport von der Erde zum Mond wird dann mehrere Minuten dauern. Dabei kann man wieder über einiges nachdenken: Was passiert in dieser Zeit mit der menschlichen Existenz, wenn man sich in einem solchen „Transport-Zwischenstadium“ befindet, zwischen „nicht mehr hier und noch nicht da“? 

Montag, 20. Oktober 2025

Ashton, Edward - Antimatter Blues

 

Gelungene Fortsetzung




Der Roman „Antimatter Blues“ ist die Fortsetzung zu „Mickey 7“ und knüpft nahtlos an die Geschehnisse des ersten Bands an. Die Kolonie, in der Mickey lebt, wächst und gedeiht. Auf dem Planeten Niflheim hat der Sommer Einzug gehalten. Und Mickey muss nicht mehr als „Wegwerfklon“ sein Leben fristen. Das Einzige, was den Kolonisten große Sorgen bereitet, ist der Umstand, dass die Energie langsam zu Neige geht. Mickeys Vorgesetzter kommt deshalb auf die Idee, dass Mickey die Antimateriebombe wieder beschafft, die er am Ende von Teil 1 angeblich den sog. Creepern überlassen hat. Nur so ist die Versorgung mit Energie sichergestellt. Mickeys Lügengebilde droht nun der Einsturz. Wenn er die Bombe zurückholt, gibt er sein wichtigstes Faustpfand aus der Hand. Sie hat ihm seine Existenz gesichert und ein angenehmeres Leben in der Kolonie beschert. Denn nur er ist in der Lage, mit den sog. Creepern zu kommunizieren. Andererseits steht das Schicksal der Kolonisten auf dem Spiel, wenn er sich weigert, die Antimateriebombe zu besorgen. Ein Dilemma…



Schließlich entscheidet sich Mickey dazu, der Kolonie zu helfen. Doch beim Versteck der Bombe angekommen, muss er ungläubig feststellen, dass von ihr jede Spur fehlt. Wo ist sie hin? Von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich eine ereignisreiche Suchaktion, bei der man auch mit den eigentlichen Bewohnern des Planeten, den Creepern, in Kontakt kommt. Und die Kommunikation mit den Aliens verläuft erstaunlich reibungslos und ist amüsant gestaltet worden. Mickey taucht tief in die Welt der Creeper und in die lebensfeindliche Umwelt von Niflheim ein, um die Bombe wiederzuholen. Dabei muss er sein ganzes diplomatisches Geschick einsetzen. Gegenseitiges Vertrauen und Loyalität spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle.



Der Erzählton ist wieder herrlich humorvoll. Mickey bekommt es wieder mit jeder Menge Sarkasmus zu tun und der Inhalt strotzt vor (Selbst-)Ironie. Der Autor bleibt sich also treu und schreibt die Fortsetzung zu Mickey 7 im gleichen Stil weiter. Das hat mir gut gefallen. Es ist wieder deutlich spürbar, dass Mickey ein Dasein als Außenseiter fristet und man ihm in der Kolonie oft mit Abneigung begegnet. Unsterblichkeit ist für die Menschen kein erstrebenswertes Ziel. Expendables wie Mickey sind weitestgehend sozial isoliert. Das ist ein etwas kurioser und ungewöhnlicher Zugang zu der Thematik. Und gerade deshalb hebt sich das Werk von vielen anderen Science-Fiction-Büchern ab.



Was man kritisch sehen kann, ist, dass für die Lektüre die Vorkenntnis des ersten Bands nötig ist. Der Inhalt von „Antimatter Blues“ ist sonst schwerer zugänglich. Das Buch ist v.a. für solche Leserinnen und Leser geeignet, die etwas mit einer futuristischen Welt in weit entfernter Zukunft sowie dem Thema „Erstkontakt“ anfangen können und die sich auf einen Erzählton einlassen können, der sich selbst nicht zu ernst nimmt. Das Geschehen wird ereignisreich erzählt, der Plot ist gut durchkonstruiert. Nach meinem Empfinden gab es kaum Längen, es passiert ständig etwas. Das Einzige, was mir noch negativ aufgefallen ist, ist das Folgende: Die Verhaltensweisen der Figuren sind nicht an jeder Stelle immer klar nachvollziehbar. Aus diesem Grund ziehe ich einen Stern ab und komme auf 4 Sterne.

Donnerstag, 16. Oktober 2025

Schneider, Frank Holger - Ennos Tanz



Jugend und Reiselust




Den 14-jährigen Ich-Erzähler Enno zieht es in die Ferne. Zu Beginn des Buchs „Ennos Tanz“ möchte er ein Zugticket für Baden-Württemberg kaufen, mit dem er die restlichen zwei Wochen vom Juli die Gegend erkunden kann. Seine Eltern sind im Urlaub an der von ihm ungeliebten Ostsee und Enno möchte etwas erleben, und zwar ganz allein. Daran lässt er uns in Form eines inneren Dialogs teilhaben, den er mit uns Leser:innen führt. Die Sehnsucht nach Abenteuern und Reiselust bestimmen sein Handeln. Und es entwickelt sich ein Roadtrip in Form eines Abenteuerromans, bei dem Enno einige unvorhersehbare Ereignisse meistert.


Sein erstes Ziel ist Konstanz und er trifft auf seiner Reise immer wieder auf interessante, teils kuriose Menschen, mit denen er in Kontakt kommt. Dabei verbleibt er aber nie lange bei den Gelegenheitsbekanntschaften, sondern er lässt sich treiben. Es zieht ihn immer weiter, bis in ihm irgendwann der Wunsch aufkommt, wieder nach Hause zurückzukehren. Dabei entwickelt sich der Protagonist auch weiter und gelangt zu einer inneren Reife, die er vor Antritt der Reise noch nicht hatte.


Spannung entsteht bei der Lektüre dadurch, dass man sich fragt, welchen Leuten Enno noch begegnen wird und was er alles erleben wird. Man begleitet seine Reise mit Neugier und ist gespannt, was aus ihm wird. Dadurch, dass er immer wieder neue Abenteuer und auch Widrigkeiten erlebt, kommt keine Langeweile auf. Enno tritt seinen Roadtrip nicht in jedem Detail geplant und gut vorbereitet an, aber er ist handwerklich geschickt (so nimmt er sich z.B. ein selbst gebautes Zelt mit, in dem er übernachten will). Vieles lässt er einfach auf sich zukommen. Gleichzeitig hat er aber auch keine Angst vor der großen, weiten Welt. Er wirkt auf mich oft etwas unbedarft und leichtsinnig. Das passt gut zu seinem Alter, wie ich finde. Ihm fehlt oft noch der Weitblick. Auch fehlt ihm noch ein Unrechtsbewusstsein. Sein moralischer Kompass muss sich noch ausbilden. Auch das passt zu seiner Jugend. Das wird an vielen Stellen deutlich. So stiehlt er beispielsweise ein Fahrrad, um damit voranzukommen oder bricht in eine fremde Hütte in einem Schrebergarten ein, um dort übernachten zu können. Über die Konsequenzen seines Handelns macht er sich dabei nur wenig Gedanken. Gleichzeitig wiederum wirkt Enno aber auch kultiviert und belesen. Er ist kein „Zockertyp“ oder "Computernerd" wie z.B. Klapper von Kurt Prödel.


Das Werk hat mich inhaltlich an „Tschick“ erinnert. Aber es lässt sich ein Bogen bis hin zur Epoche der Romantik spannen. Man denke nur an Joseph von Eichendorffs „Das Leben eines Taugenichts“ oder an das Wander- oder Sehnsuchtsmotiv allgemein. In diese lange Tradition lässt sich auch dieses Buch von Frank Holger Schneider einordnen. Man könnte viele Bezüge zu dem Werk von Eichendorff oder zu anderen Werken mit einer ähnlichen Coming-of-Age-Thematik herstellen. Aus meinem Kontakt mit dem Autor weiß ich, dass er „Ennos Tanz“ auch als Hommage an Bücher wie „Die neuen Leiden des jungen W.“ oder „Fänger im Roggen“ verstanden wissen will. Damit ist auch ein Einsatz als Schullektüre für die Sek. I gut denkbar. Viele altersgemäße Themen ließen sich am Beispiel von „Ennos Tanz“ vertiefen, textuelle Vergleiche ließen sich herstellen und man könnte auch wunderbar über Genremerkmale (Stichwort: Abenteuerroman) sprechen und darüber, wie sehr die Grenzen zwischen Genres sich auch vermischen können. 


Was ich mich bei der Lektüre lediglich die ganze Zeit gefragt habe, ist, zu welcher Zeit die Handlung spielt. Hier hätte ich mir noch mehr hilfreiche Kontextinformationen gewünscht, um eine zeitliche Einordnung vornehmen zu können. Es wirkte jedenfalls nicht wie die Gegenwart auf mich (Enno erinnert sich z.B. an Kate Winslet und Leonardo DiCaprio aus Titanic). Darüber hinaus hätte ich es toll gefunden, wenn Lotti als Figur noch eine größere Rolle gespielt hätte. Dieses Mädchen wirkt sehr mysteriös, weil sie sehr selbstständig und auch unabhängig wirkt. Einiges zu ihr bleibt im Dunkeln. Ich hätte gern mehr über sie erfahren.

Montag, 13. Oktober 2025

Wells, Benedict - Hard Land



Ein unvergesslicher Sommer in Grady





Missouri 1985: Die erste Liebe, der erste Sommerferien-Job, mittendrin der schüchterne, introvertierte Jugendliche Sam und seine Eltern, die mit einer Krebserkrankung und Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Benedict Wells legt mit „Hard Land“ ein sehr einfühlsam erzähltes Werk vor, das sehr realistisch und authentisch wirkt. Die Handlung spielt in den 80er Jahren und das Gefühl dieser Zeit und das der Jahreszeit werden sehr gut eingefangen (Assoziationen zum Film „stand by me – das Geheimnis eines Sommers“ stellen sich ein). Die Ereignisse werden von dem Ich-Erzähler Sam im Rückblick erzählt.

 

Der Inhalt bewegt und lässt mich als Leser traurig zurück. Über den Zeilen schwebt Melancholie. Und das zeigt sich auch bei den Figuren. Der Vater z.B. ist überfordert mit der Lebenssituation und hat Schwierigkeiten damit, seinem Sohn gegenüber Gefühle zu zeigen. Und der 15-jährige Sam wirkt auf mich verzweifelt. Die Krankheit seiner Mutter überfordert ihn und ihr Kampf gegen den Krebs erscheint ihm aussichtslos. Eine äußerst belastende Situation. Ein starker Kontrast entsteht, die beschwerliche Situation zu Hause auf der einen Seite und die entstehenden Freundschaften während der Ausübung des Ferienjobs auf der anderen Seite. Alltägliche Sorgen um die Mutter einerseits und das Ausleben der jugendlichen Freiheit andererseits.

 

Das Gefühl von Jugend, Freiheit, Leichtsinn und Unbekümmertheit kommt gut zum Ausdruck. Noch wissen die jugendlichen Protagonisten nicht, wohin sie ihr Leben treibt. Und die Begebenheiten des Cliquen-Lebens, von denen erzählt wird, sind atmosphärisch dicht und treffend aufgeladen. Es ist ein ereignisreicher Sommer für Sam: Liebeskummer und Sehnsucht, Gefühlschaos und Mutproben. Und zeitgleich: Angst vor dem Verlust der Mutter und Konfrontation mit dem Tod. Dieses Buch hat es in sich! Man wird bei der Lektüre emotional gefordert. Einerseits fühlt man sich selbst jung, wenn man das Buch liest und wird an die eigene Jugendzeit erinnert, andererseits ist da dieses Tieftraurige, wenn es um die belastende Familiensituation geht. Die Jugend von Sam wird überlagert von der Krebserkrankung der Mutter. Eine stetige Verschlechterung des Gesundheitszustands schwebt über allem. Es wird eine große Bandbreite von Emotionen beim Lesen hervorgerufen. Das ist beachtlich und der Autor hat das große Talent, eine intensive Wirkung zu erzeugen. 

 

Abschließend möchte ich noch auf die gelungene Integration einer weiteren Textebene in Form eines Gedichts eingehen. Dieses fiktive Gedicht trägt den Titel „Hard Land“ und taucht immer wieder auf. Es eröffnet wunderbare intertextuelle Interpretationsspielräume. Eine schöne Idee des Autors! Vor allem das Ende, fand ich klasse: Beide Textebenen verschmelzen kreativ miteinander. Und mit der Interpretation des Gedichts am Ende des Romans wird gleichzeitig eine mögliche Interpretation des Werks selbst eröffnet. Das hat mir richtig gut gefallen. Es gibt auch viele weitere intermediale und intertextuelle Verweise, die sich wunderbar vor dem Hintergrund des Ausgangstexts interpretieren lassen. Ein großartig kunstvolles Arrangement, wie ich finde! Von mir gibt es für dieses Buch 5 Sterne.

Freitag, 10. Oktober 2025

Scarlett, Sophie - Totgespritzt


Dem Mörder auf der Spur



Am Ufer eines Sees findet man eine unbekleidete Frau tot auf. Handelt es sich um einen Badeunfall oder ist sie ein Mordopfer? Danach ein Rückblick auf eine namenlose Zweitklässlerin, die gerade ihr Seepferdchen gemacht hat und ihre erste Schwimmerfahrung in einem See unternimmt. In einer Vorausdeutung wird bereits auf die Gefahr des Wassers hingewiesen. Man ahnt bereits Schlimmes. Was wird diesem Mädchen widerfahren? Und wie hängen die Ereignisse zusammen? Das sind die zentralen Fragen, die man sich stellt, wenn man die Lektüre von „Totgespritzt“ von Sopie Scarlett zu lesen beginnt. Und hinzu kommt noch ein weiterer Blickwinkel, der etwas später auftaucht: Ein sechsjähriger Junge erlebt hautnah den erbitterten Rosenkrieg zwischen seinen Eltern mit, die sich trennen. Die Mutter verhält sich ihm gegenüber regelrecht psychotisch. Handelt es sich bei diesem Jungen etwa um den Täter?


Vor unserem inneren Auge werden alle Facetten von Polizeiarbeit ausgebreitet: Die Spurensicherung, die rechtsmedizinische Untersuchung des Leichnams, die Informierung der nächsten Angehörigen über den Todesfall, Zeugenbefragungen und die Vernehmungen von Verdächtigen. Und wir lernen eine charismatische Ermittlerin kennen, die unter Panikattacken leidet: Johanna Baro. Es gibt viele Textstellen, die heftig unter die Haut gehen. Das Geschriebene kann oft emotionale Betroffenheit erzeugen. Das hat mir richtig gut gefallen. Auch der klare Schreibstil der Autorin überzeugt über weite Strecken und kann fesseln. Darüber hinaus wird den Figuren durch Rückblicke eine psychologische Tiefe verliehen. Das ist geglückt. Der Thriller offenbart viele gute Ansätze: So hat mir auch gefallen, wie Handlungsstränge parallel entwickelt werden und zusammen kulminieren (die Entwicklung des Täters auf der einen Seite, der Fortgang der Ermittlungen auf der anderen Seite). Später ist es dann die zeitgleiche Befragung von Zeugen durch die beiden polizeilichen Ermittler, die mich überzeugt hat. Beide Vernehmungen greifen gut ineinander und sind durch flotte Perspektivwechsel gut aufeinander abgestimmt. Die packendste Stelle war für mich, als wir nah am Täter drin sind und geschildert wird, wie dieser seine Tat plant und ausführt. Diese Passagen habe ich mich hoher innerer Anspannung gelesen. Das innere Erleben der Figuren ist oft nachvollziehbar und anschaulich greifbar. Eine atmosphärisch dichte Beschreibung, die treffend zur Situation passt, wird ebenfalls stellenweise gut deutlich. Der Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsebene ist vor allem in der ersten Hälfte des Buchs gut durchdacht. Kurzum: Die Autorin macht in ihrem Debut vieles richtig. 

Montag, 6. Oktober 2025

Robotham, Michael - Die weiße Krähe



Der Ringer




Philomena McCarthy entdeckt auf Streife die fünfjährige Daisy allein auf der Straße. Die Kleine meint, dass die Mutter in der Küche sitzt und nicht aufwachen will. Philomena geht der Sache nach und will Daisy nach Hause bringen. Dort kann sie dann nur noch den Tod der Mutter feststellen…


In einer anderen Perspektive wird uns parallel das Schicksal von Daisys Vater (Russell Kemp-Lowe) vor Augen geführt. Er ist Juwelier, wurde entführt und sitzt nun gefesselt auf einem Stuhl, versehen mit Plastiksprengstoff. Er wurde Opfer eines brutalen Raubüberfalls und muss fürchten, in die Luft gesprengt zu werden. Die Polizei bemüht sich darum, ihn zu befreien…


Der Auftakt ist also furios, man ist schnell drin im Geschehen und das Schicksal der kleinen Daisy erzeugt direkt emotionale Betroffenheit. Das ist gelungen arrangiert. Philomena wird für die Daisy nach der Tat zu einer wichtigen Bezugsperson.


Hinzu kommt ein weiterer Blickwinkel um Philomenas Vater (Edward McCarthy), in dem das Geschehen in der Londoner Unterwelt beleuchtet wird. Edward McCarthy bezeichnet sich selbst zwar als Immobilienentwickler, agiert in Wirklichkeit aber dubios. Zusammen mit seinen zwielichtigen Brüdern Daragh, Finbar und Clifton, die teilweise im Knast saßen, dreht er allerlei krumme Geschäfte und ist in Geldwäscheangelegenheiten verstrickt. Er bekommt es mit einem neuen mächtigen Gegner zu tun, dem sog. Ringer, der ihm das Geschäft zerstören und es übernehmen will. Als Edward erfährt, dass Russell Kemp-Lowe überfallen wurde, glaubt er, dass ein weiterer Anschlag auf ihn und sein Vermögen stattgefunden hat. Denn Russell hat etwas für Edward aufbewahrt…


Bei den Ermittlungen der Polizei stellt sich heraus, dass bei dem Überfall auf die Kemp-Lowes Profis am Werk gewesen sein müssen. Der leitende Ermittler DCI Brendan Keegan vermutet, dass das organisierte Verbrechen dahintersteckt. Irgendwann vermutet er sogar, dass Philomena etwas mit den Geschehnissen zu tun hat. Sie gerät ins Fadenkreuz. Der Ruf ihrer Familie lastet schwer auf ihr. Kann sie sich aus dieser Situation befreien und ihre Unschuld beweisen? Die Handlung läuft auf zwei Ebenen parallel auf einen Showdown zu. Einerseits will die Polizei wissen, wer den Raubüberfall ausgeführt hat, und zieht ihre Schlussfolgerungen aus den Ermittlungsergebnissen. Andererseits kommt es in der Londoner Unterwelt zu einem Machtkampf zwischen der McCarthy-Familie und den neuen Konkurrenten um den Ringer. Wer wird sich am Ende durchsetzen? Und wie hängt alles miteinander zusammen?


Der Fall ist insgesamt vertrackt. Die Ermittlungen führen immer wieder in verschiedene Richtungen. Viele verschiedene Figuren könnten ein Motiv für den Anschlag auf die Kemp-Lowes gehabt haben. Nichts ist eindeutig. Das hielt meine Neugier über das gesamte Buch hinweg aufrecht. Ich war sehr auf die Auflösung gespannt und wurde nicht enttäuscht. Das Agieren der Polizei sorgte bei mir häufiger für Kopfschütteln. Eine Textstelle verdeutlicht das Problem der Ermittlungen gut: „In Wahrheit arbeitet die Polizei eher mit einer Schuldvermutung als mit einer Unschuldsvermutung. Von dem Moment an, in dem sie einen Hauptverdächtigen ausgemacht hat, werden sämtliche Mittel darauf konzentriert, seine Schuld zu beweisen, nicht seine Unschuld“ (S. 358). 


Kritikpunkte: Zwischendurch hat das Buch auch seine Längen, manchmal hätte ich mir eine stringentere Entwicklung der Handlung gewünscht (was bei einem Umfang von 538 Seiten nicht verwunderlich ist). Seine Stärke hat der Thriller in meinen Augen ganz klar, wenn Edward McCarthy und der Ringer direkt aufeinandertreffen. Da begegnen sich einfach zwei eigenwillige Typen, die auch für unterschiedliche Stile stehen. Auf der einen Seite McCarthy als Gangster alter Schule und auf der anderen Seite der brutale, erbarmungslose Herausforderer, der McCarthy in die Ecke treibt. Aber leider kommt es nur selten zu solchen Konfrontationen. Ich komme auf 4 Sterne. Mich störte einfach, dass zwischendurch immer wieder Tempo aus der Handlung herausgenommen wurde. Dafür ist die Figurenzeichnung wiederum sehr gelungen. Der Vorgänger ("Wenn du mir gehörst") gefiel mir besser. 

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Prödel, Kurt - Klapper



Der Axe-Effekt




Im Jahr 2025 reaktiviert der Protagonist (genannt Klapper) seinen Counter-Strike-Account und stöbert durch seine alte Freundesliste. Erinnerungen an eine vergangene Zeit werden wach. Danach folgt ein Rückblick ins Jahr 2011. Der 15-jährige Klapper (richtiger Name: Thomas) sitzt in seinem Zimmer und hängt (wie so oft) schon seit Stunden vor dem Monitor. Er ist mehr so der Typ „Stubenhocker“. Die Umgebung und das Lebensgefühl des Pubertierenden werden dabei gut eingefangen. Seine Ferien verbringt er mit Zocken. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, v.a. die zu seinem Vater (Ralph). Am Abendbrottisch führt Klapper kultivierte Gespräche mit Ralph, die aufgesetzt und erzwungen wirken. Von der Mutter erfahren wir nur, dass sie aufgrund ihrer Medikamente oft früh ins Bett geht und häufig einen leeren Blick aufweist. Hin und wieder verlässt sie das Haus unvermittelt, um einen Spaziergang zu machen. In der Schule ist Klapper Außenseiter. Mitschüler machen sich über seine Statur und das Knacken seiner Knochen und Gelenke lustig (daher auch sein Spitzname „Klapper“).


Nach dem Ende der Ferien begibt sich Klapper widerwillig wieder in die Schule. Er wirkt äußerst unsicher und wenig selbstbewusst. Mit Vivi-Marie wird der Klasse eine neue Mitschülerin vorgestellt. Sie ist das Gegenteil von Klapper. Sie wirkt sehr souverän, strahlt eine stoische Ruhe aus und hinterlässt einen burschikosen Eindruck. Sie wird die neue Sitznachbarin von Klapper und möchte von ihm „Bär“ genannt werden. In ihrer Gegenwart zeigt sich Klapper ziemlich nervös. Er hofft darauf, dass mehr aus ihm und Bär wird. Sie fasziniert ihn. Und als das Thema auf Counter-Strike kommt, merken beide, dass sie ein gemeinsames Interesse verbindet. Sie verabreden sich zum Zocken und nähern sich an. Doch aus Bärs Verhalten wird man nicht so richtig schlau. Sie wirkt immer etwas distanziert und übt auch keinen guten Einfluss auf Klapper aus. Er lässt sich ziemlich leicht von ihr lenken... 


Der Schreibstil gefällt mir sehr, sehr gut. Das Buch liest sich angenehm flott und flüssig. Es finden sich viele kreative, teils ironische Beschreibungen. Viel Witz ist zwischen und in den Zeilen erkennbar. Die Rückblicke ins Jahr 2011 nehmen deutlich mehr Raum ein als die Gegenwartsebene, was auch gut zum Geschehen passt. 2025 denkt Klapper, inzwischen IT-Fachkraft in einer Firma, an Vivi zurück, will sich aber auch nicht zu sehr seiner Erinnerung hingeben. Für ihn ist das Kapitel abgeschlossen. Irgendetwas muss damals passiert sein. Doch was? Das erfahren wir erst nach und nach. Das erzeugt ein gutes Maß an Neugier. Von mir gibt es 4,5 Sterne. Ich fühlte mich super unterhalten und habe das Buch sehr gern gelesen. Ich hätte mir lediglich noch ein paar mehr Informationen zu den Eltern von Bär und Klapper gewünscht.

Edenhofer, Ralph - Antarer. Besuch aus dem All



Erstkontakt



Bei einer Messstation für Gravitationswellen ereignet sich eine ungewöhnliche Signalstörung, die sich die leitende Technikerin Tony nicht erklären kann. Und ein Anruf in einem anderen Observatorium ergibt, dass auch dort das Signal empfangen wurde. Ein Messfehler wird ausgeschlossen. Die Quelle des Signals stammt irgendwo aus der Nähe des Sterns Antares. Die Forscher zerbrechen sich den Kopf darüber, womit sie es zu tun haben. Nach eingehender Analyse der Daten kommen sie zu dem Schluss, dass sich ein Objekt mit fünffacher Lichtgeschwindigkeit der Erde genähert und an ihr vorbeigerast sein muss. Kurz vor der Erde hat es gestoppt, bevor es dann weitergeflogen ist. Und kurze Zeit später stellt man fest, dass ein weiteres Objekt im Anflug auf die Erde ist. Das ist das Ausgangssetting des Romans und natürlich erwartet man nun die Schilderung eines sog. Erstkontakts.


Interessant ist, dass die Fremden kein Interesse an einer Kontaktaufnahme haben. Und das Objekt, das schließlich im Orbit der Erde verharrt, ist nur 5cm groß. Natürlich kommen bei der Lektüre typische Erstkontakt-Fragen in den Sinn: Was wollen die Aliens? Welche Absichten verfolgen sie? Wie sind sie beschaffen? Etc. Und da die Kontaktaufnahme lange hinausgezögert wird, verbleibt der Spannungsbogen über lange Zeit hinweg auf einem hohen Niveau. Man stößt auch auf klassische Elemente, die einen Roman mit einer solchen Thematik auszeichnen (z.B. das vorsichtige Militär, das eine Bedrohung vermutet, und die neugierige Wissenschaft, die an Erkenntnisgewinnen interessiert sind). Und die technologische Überlegenheit der Besucher sorgt auch dafür, dass ein Teil der Menschheit Angst entwickelt und sich unterlegen fühlt.


Das Thema „Erstkontakt“ ist ein klassisches Thema von Science-Fiction-Literatur. Es gibt zahlreiche Romane, die sich inhaltlich damit auseinandersetzen (vgl. hierzu zum Beispiel das Lexikon der deutschen Science-Fiction-Literatur 1988: S. 81 ff.). Ich denke dabei sofort an „Krieg der Welten“ von H.G. Wells aus dem Jahr 1898. Spannung entsteht v.a. dadurch, dass die ganze Zeit Ungewissheit über den Fortgang der Handlung entsteht. Es entsteht eine bedrohliche Atmosphäre. Die bereits genannten Fragen, die bei der Lektüre entstehen, erzeugen Neugier. Man ist gespannt, zu erfahren, ob es zu einem Konflikt oder zu einer Annäherung kommt. Auch will man wissen, wie die Kontaktaufnahme erfolgt und ob die Kommunikation gelingt.


Das Buch zeichnet sich durch eine angenehme Präsenz von „science“ aus. Es ist nicht nur „fiction“. Die den Menschen bekannten Gesetze der Physik werden auf den Prüfstand gestellt. Überlichtgeschwindigkeit, Warpblasen und Gravitationswellen spielen eine Rolle. Später ist es dann die Biologie, der Bedeutung zukommt (der Autor verweist im Nachwort auf ein Buch von Peter Wohlleben, von dem er sich inspirieren lassen hat: „Das geheime Leben der Bäume“). Die Forscher entdecken, dass es bei Bäumen zu Mutationen kommt, die auf ein Eingreifen der Besucher zurückgeführt werden. Wollen die Aliens etwa die irdische Umwelt verändern und den Planeten terraformen? Welche Maßnahmen ergreifen die Forscher, um die Ausbreitung der invasiven Mutation einzudämmen? Hier musste ich wieder an den Roman „Krieg der Welten“ von H.G. Wells denken, wo sich eine rote Pflanze auf der Erde ausbreitet. 


Was mir noch positiv aufgefallen ist: Der Schreibstil ist angenehm, das Buch liest sich flüssig. Die Gruppendynamik innerhalb des Forschungsteams wird gut eingefangen, die handelnden Figuren haben ein klar erkennbares Profil. Und immer dann, wenn es droht, zu langatmig zu werden, kriegt das Geschehen gerade noch die Kurve (u.a. durch einen Zeitsprung von 16 Jahren). Lediglich der Inhalt der Privatgespräche der Figuren konnten bei mir nicht immer Begeisterung hervorrufen. Oft stand mir das Liebesleben zu sehr im Vordergrund. Und ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Darstellung der Kommunikation mit den Fremden. Wie das funktioniert, konnte ich mir nicht so richtig vorstellen.