Sehr verschachtelt und mit großer Offenheit
Bei dem Thriller „Thanatopia“ handelt es sich um den dritten Teil einer Reihe aus der sog. Hologrammatica-Welt. Die Lektüre setzt einige Vorkenntnisse voraus und kann in meinen Augen nicht unabhängig von Band 1 und 2 gelesen werden (vgl. dazu frühere Rezensionen, die einen Einstieg in die Werke erleichtern dürfte). Die Erzählweise ist zudem vielschichtig und verlangt konzentriertes Lesen (so habe ich es zumindest empfunden). Man muss ein wenig Geduld aufbringen, um die verschiedenen Handlungsstränge kennenzulernen und zu überblicken. Das geht (leider, leider) auf Kosten der Spannung, aber dafür bietet das Buch einfach einen fantastisch-kreativen futuristischen Weltenentwurf, der nicht nur durchdacht, sondern auch facettenreich daherkommt. Im Folgenden stelle ich die verschiedenen Handlungsebenen vor, verrate aber nicht, worauf sie hinauslaufen werden oder wie sie zusammenhängen. Das möge jede und jeder selbst während der Lektüre herausfinden.
Percy Singh
Zu Beginn erleben wir mit, wie
Percy Singh, (der Bruder von Galahad Singh, den wir noch als Quästor aus Band 1 kennen), mit seinem Vater eine kleine griechische
Insel in der Nähe des Lichtdoms besucht. Geheimnisvolles geht dort vor sich und Percy versteht nicht recht, was sein Vater dort treibt. Er stellt aber fest, dass
sich das Verhalten seines Vaters auf merkwürdige Weise verändert. Was steckt
dahinter?
Wenzel Landauer
Der altersmüde, fast 75 Jahre
alte und damit dienstälteste Kommissar Wenzel Landauer, der einen
ausschweifenden Lebensstil pflegt und etwas zu viel auf den Rippen hat, findet
in Wien eine Wasserleiche. Bei den Ermittlungen zeigt sich, dass bereits zwei
Tage zuvor eine Leiche aufgetaucht ist, die dieselbe DNA aufweist. Es drängt
sich der Verdacht auf, dass es sich um Klone handelt. Doch welches Opfer ist
Original, welches ist Fälschung? Oder
handelt es sich gar um zwei nicht-registrierte Klone? Wenzel macht sich auf die
Suche nach dem Täter und will klären, ob es einen Stammkörper zu den Opfern
gibt. Was wird er herausfinden?
Sahana Kapoor
Die Physiker-Professorin Sahana
muss den Vergleich mit Albert Einstein nicht scheuen. Sie ist 86 Jahre alt und
stellt das kosmologische Weltbild mit ihren Forschungen auf den Kopf. Sie
besucht einen Kongress und wird anschließend in einen Autounfall mit einem sog.
„Crasher“ verwickelt. Wird sie überleben?
Stasja Tschernow
Bei Stasja handelt es sich um
eine sog. Thanatonautin, die mehr über den Tod und ein mögliches Leben danach
erfahren möchte und ein exzessiv-rauschhaftes Leben führt. Sie erforscht v.a.
die Grenzregion zwischen dem „Nicht-mehr-leben“ und dem „Noch-nicht-tot-sein“. Die
Prozedur, die sie durchläuft, um sich selbst zu töten, nennt man „Deathtrip“.
Für das Verfahren nutzt sie Klonkörper, aus denen sie ihr Bewusstsein
anschließend immer wieder neu herunterlädt, um mögliche Erkenntniszugewinne zu
sichern und für weitere Trips verfügbar zu halten. Wird sie es schaffen, das Rätsel
um den Tod zu lösen?
Carprentras Skyes
Skyes arbeitet bei der Behörde
UNANPAI, die sich darum kümmert, kriminelle Nutzung von Künstlicher Intelligenz
zu überwachen und auch einzudämmen. Carprentras zentrale Aufgabe ist es, den
wiederaufgetauchten Galahad Singh zu verhören, der als erster und einziger die
sog. Knossos-Anomalie (= Lichtdom) betreten hat. Was wird Singh berichten?
Abschließend ein paar kritische Worte: Für mich bleibt wieder einiges offen. So
hätte ich mir v.a. noch mehr Informationen zu dem Rätsel um den Lichtdom
gewünscht. Die Hardlights finden nur am Rande einmal Erwähnung, es wird ihnen
aber kein großer Raum zugestanden. Von Perrotte fehlt noch jede Spur, auch sie
wird nur punktuell einmal erwähnt. Diese Offenheit erinnert mich sehr, sehr stark
an Band 2 („Qube“), habe ich sie doch da schon bemängelt. Positiv gesehen,
bedeutet das, dass es (hoffentlich bald?) noch eine Fortsetzung geben wird.
Negativ betrachtet, finde ich es schade, dass man als Leser so auf die Folter
gespannt wird und immer wieder aufs Neue enttäuscht wird, nicht mehr zu
erfahren. Ich bin kein Freund davon. Die Komplexität der Reihe macht es mir als
Leser auch nicht leicht, einen zügigen Einstieg zu finden und alles im Kopf zu
behalten. Das finde ich etwas schade. Manchmal ist weniger mehr. Ich bin mir unschlüssig, ob ich die Reihe noch weiterverfolgen werden. Dürfte ich mir
etwas wünschen, so würde ich dem Autor zu einem raschen Abschluss der Reihe
raten und das Hologrammatica-Universum mit anderen (weniger verschachtelten?)
Geschichten weiter auszubauen. Denn die vielen Ideen, die Hillenbrand zündet,
sind es wert, noch weiter erzählt zu werden.