„Hast du Tollkraut gegessen?“
Ein Jahr vor ihrem Abitur reist Fritzi Prager in den Sommerferien nach Italien. Dort stürzt sie sich in eine Liebesnacht mit einem älteren Mann, der ihr Avancen macht. Und kurze Zeit später, schon auf der Rückreise in ihre Heimat, stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Sie entscheidet sich dafür, das Kind zur Welt zur bringen und einige Monate später wird Hannes geboren. Im Mehrbettzimmer im Krankenhaus lernt sie Günes mit ihrer kleinen Tochter Polina kennen. Beide jungen Mütter freunden sich an. Es wird eine langjährige Freundschaft daraus entstehen, wie uns die Erzählerinstanz Wissen lässt.
Aufgrund einer angespannten Beziehung zu ihren Eltern zieht Fritzi bald aus, landet in einer kleinen Einzimmerwohnung mit Kochnische und geht in einem Supermarkt putzen. Als ein Nachbar übergriffig wird, zieht sie abermals um. Dabei lernt sie Heinrich Hildebrand kennen, der aufgrund von Geldknappheit einen Untermieter sucht und sie bei sich in seiner Villa aufnimmt. Der kauzige Hildebrand hat Mitleid mit der jungen Mutter und kann sich für ihre kecke und charmante Art erwärmen. Er verschafft ihr sogar eine neue Arbeit. Sie wird seine Assistentin.
Fritzi und ihrem Sohn fehlt es an nichts, sie sind glücklich. Günes und die aufgeweckte Polina besuchen sie häufig. Lediglich die Entwicklung von Hannes bereitet Fritzi Sorge. Der Junge ist zu ruhig und verträumt. Er schreit so gut wie gar nicht. Ärzte geben ihr den Rat, für das Kind Reize zu finden, die es aus seiner Lethargie wecken. Dank Hildebrand kommt Hannes schon früh mit Musik in Berührung. Er spielt dem Jungen zum Einschlafen klassische Musik vor. Und bald blitzt Hannes Talent auf. Was musikalische Dinge betrifft, hat er eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe (seine Lehrer in der Schule halten ihn übrigens für zurückgeblieben). Hildebrand fördert den Jungen, lässt sein altes Klavier in Stand setzen und unterrichtet ihn.
Die Handlung wird gerafft vorangetrieben, die Jahre ziehen vorbei. Hannes wird älter und er verbringt viel Zeit mit Polina, die als Kontrastfigur zu ihm angelegt ist. Sie verlieben sich ineinander. Gleichzeitig wird Hannes neugieriger, was seine Vergangenheit betrifft. Er will seinen Vater kennen lernen. Fritzi nimmt schließlich Kontakt zu ihm auf und es kommt zu regelmäßigen Begegnungen von Hannes und seinem Vater, die holprig verlaufen. Vater und Sohn teilen keine gemeinsamen Interessen, doch auch er erkennt das besondere Talent von Hannes und will ihn fördern. Dann ereignet sich eine Wendung, die auch im Klappentext erwähnt wird. Fritzi verstirbt an den Folgen eines Arbeitsunfalls und es stellt sich die Frage, wie Hannes weiterer Lebensweg ohne sie verlaufen wird. Seine Trauer führt dazu, dass er das Klavierspiel aufgibt. Auch trennen sich Polinas und Hannes Wege (vgl. dazu auch den Klappentext). Wie wird es mit Hannes weitergehen? Werden er und Polina irgendwann wieder zusammenfinden? Wird Hannes sein Talent eines Tages nutzen und die Anerkennung erhalten, die ihm gebührt?
Eines kann ich jedenfalls versprechen: Man nimmt bei der Lektüre Anteil an dem Schicksal von Hannes und hofft darauf, dass sein Leben sich irgendwann wieder glücklich fügen wird. Ich habe mit Neugier verfolgt, wie sich die verschiedenen Beziehungsverhältnisse weiterentwickeln: Hannes Beziehungen zu seinem Vater, zu Hildebrand, zu Polina und zu Günes. Auch tritt mit dem Arbeitskollegen Bosch eine weitere interessante Figur hinzu, die tiefgründiger ist, als sein bärenhafter Körperbau es vermuten lässt. Der Schreibstil ist bildhaft, kreativ und warmherzig, mit Blick für ausgefallene Details (teils amüsant). Das Buch liest sich richtig rund und flüssig. 5 Sterne von mir!
Querverweis:
Würger, Takis: Unschuld

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