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Freitag, 2. Januar 2026

Schoeters, Gaea - Trophäe

 


„Big Six“




Der Investmentbanker Hunter White macht seinem Namen alle Ehre. Als Weißer in Afrika hat er eine Jagdlizenz für ein Spitzmaulnashorn erworben und begibt sich in Begleitung seines Gastgebers van Heeren auf Safari. Van Heeren ist Jagdleiter und Berufsjäger und Hunter will die sog. „Big Five“ zur Vollendung bringen. So werden die bekanntesten und gefährlichsten Großwildarten genannt: Löwe, Leopard, afrikanischer Elefant, Nashorn und afrikanischer Büffel. Sie sind besonders schwer zu erlegen und stellen ein großes Risiko für den Jäger dar…


In freudiger Erwartung und mit großer Anspannung erwarten beide den nächsten Tag und hoffen auf ein Abenteuer. Sie wollen sich zusammen mit zwei einheimischen Fährtenlesern auf die Pirsch begeben. Doch es kommt anders als geplant: Wilderer funken White und van Heeren dazwischen und töten noch vor den Jägern ein Nashorn. Hunter ist außer sich vor Wut, denn nun ist seine Trophäe in Gefahr und er hat viel Geld dafür bezahlt, ein Tier zu erlegen…


Die atmosphärische und emotionale Schilderung der Jagd ist dicht und gut spürbar. Auch Wissen um Jagdlizenzen und Naturschutzzuchtprogramm fließt beiläufig mit ein. Illegale Wilderei ist ein großes Problem. Die Art von Jagd, die Hunter betreibt, ist detailliert reguliert und verfolgt einen anderen Zweck. Das entsprechende Jagdwild wird vorher ausgewählt und zum Abschuss freigegeben. Das „Abenteuer“ läuft streng reglementiert ab. Durch die Anwesenheit des Jagdleiters van Heeren und der Fährtenleser ist das Risiko der Jagd minimiert. Unannehmlichkeiten und Entbehrungen halten sich in Grenzen. Kein Vergleich zur Jagd während der Kolonialzeit. Ginge es nach Hunter, würde er gern ein größeres Risiko eingehen. Das gibt ihm den besonderen „Kick“…


Der Blickwinkel von Hunter wirkt auf die Leserinnen und Leser vermutlich befremdlich. Er hat eine andere Sicht auf die Dinge. Er sieht seine potentielle Beute als Besitz an. Für ihn ist die Jagd ein Kräftemessen zwischen Mensch und Tier. Er möchte so wenig Hilfsmittel wie möglich in Anspruch nehmen, um seine Beute Auge in Auge zu erlegen. Er möchte Todesangst und einen Adrenalinrausch spüren. Dadurch erlebt er seinen Triumph noch intensiver. Auch ist die Jagd für ihn die Fortführung einer Familientradition. Schon sein Großvater war Jäger und hat ihn in der Kunst des Tötens unterwiesen. Das wird immer mal wieder in Rückblicken deutlich. Hunters Denken basiert auf einem archaischen Wertesystem. Sein Gefühlsleben wird uns nachvollziehbar und gut nähergebracht.


Um die Frustration seines zahlenden Kunden abzumildern, macht van Heeren White nach der missglückten Jagd auf das Nashorn ein unmoralisches Angebot. Er erzählt ihm von den „Big Six“, der Jagd auf einen Menschen. Als potentielle Opfer bringt er Buschmänner ins Spiel, die ein ziemlich rechtloses Dasein im korrupten Afrika fristen (wir erfahren dabei auch einige Hintergründe zu den entrechteten Stämmen). Zunächst wirkt selbst Hunter von dem Angebot verstört und abgeschreckt. Doch zugleich fasziniert ihn die Vorstellung. Schließlich lässt sich Hunter auf die Big Six ein und fordert, dass sein potentielles Opfer ebenfalls bewaffnet ist. Mehr möchte ich nicht verraten. Es kommt zu einer Jagd auf Leben und Tod, bei der Hunter alles abverlangt wird. Wer wird am Ende siegen? Und am Ende wird das Geschehen durch eine unvorhersehbare Wendung noch einmal in eine neue Richtung gelenkt.


Insgesamt liest sich das Buch durchgängig sehr fesselnd. Das Thema der Jagd sorgt für eine permanente Bedrohungssituation und Dynamik. Hinzu kommt die Frage der Moral, die den Leserinnen und Lesern einiges abverlangt. Für mich ein interessantes Buch, das ich mit Anspannung gelesen habe, das Interpretationsspielräume eröffnet und das mich zum Nachdenken angeregt hat. 5 Sterne!