Der Mann mit dem roten Regenschirm
Der erste Mord
Die 14-jährige Lucy arbeitet bei ihrem verwitweten Nachbarn Alex als Babysitterin für die kleine Sophie, um ihr Taschengeld aufzubessern. Alex hat seine Frau vor zwei Jahren verloren und muss oft lange arbeiten. Lucy fühlt sich mit dem Job überfordert, weil Alex oft sein Trauergefühle bei ihr ausschüttet und mit seinen ausgedehnten Arbeitszeiten wenig Rücksicht darauf nimmt, dass sie noch zur Schule geht und früh raus muss.
Als Lucy mal wieder länger auf Sophie aufpassen muss, geht ihre alleinerziehende Mutter schon mal ins Bett. In dieser Nacht wird sie dann grausam ermordet. Lucy merkt erst am nächsten Morgen, dass etwas nicht stimmt und steht unter Schock, als sie ihre Mutter bestialisch zugerichtet auffindet. Ihr linker Unterschenkel wurde abgetrennt und der Täter hat eine geschnitzte Knochenfigur hinterlassen.
Nils Trojan und Carlotta Weiss werden zum Tatort gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Schon bald stoßen sie auf einen Cold Case, der zehn Jahre zurückliegt und eine Verbindung zum aktuellen Fall aufweist. Derweil gibt der Killer keine Ruhe und steigert sich regelrecht in einen Blutrausch. Viele weitere Opfer folgen. Die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Und das Muster hinter den Morden bleibt stets das gleiche…
Weitere Perspektiven
In unregelmäßigen Abständen werden auch Kapitel eines Unbekannten eingestreut, der sich selbst als Diener bezeichnet. Er führt ein unterwürfiges Leben und ist einem Herrn zu Diensten, den er unterhält, indem er singt und tanzt. Für seinen Herrn ist er sogar bereit, einen Mord zu begehen, wie er die Leser wissen lässt…
Ein weiterer Blickwinkel betrifft einen kleinen Jungen, der aus nächster Nähe miterlebt, wie seine Mutter umgebracht wird. Er versteckt sich in einem Schrank und fürchtet um sein Leben. Er hofft, dass er vom Täter nicht entdeckt wird…
Nils Trojan und Carlotta Weiss
Das Private von Carlotta und Nils spielt in diesem Thriller nur punktuell mal eine Rolle, v.a. zu Beginn und am Ende des Buchs. So erfahren wir, dass Carlotta sich oft einsam fühlt und sich in One-Night-Stands flüchtet, obwohl sie eigentlich ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat. Sie verbietet sich aber selbst, die Beziehung zu Nils zu vertiefen, damit ihre professionelle Arbeitsbeziehung nicht darunter leidet. Auch wird deutlich, dass Carlotta im Zwischenmenschlichen Schwierigkeiten hat. Sie erscheint als Einzelgängerin, die nur ungern Nähe zulässt. Um Distanz zu wahren, verhält sie sich oft abweisend. Über Trojan erfahren wir, dass seine Tochter womöglich in seine beruflichen Fußstapfen treten möchte. Sie spielt mit dem Gedanken, ebenfalls Kommissarin zu werden. Ich finde es gut, dass das Privatleben der Ermittler keinen allzu großen Raum einnimmt. So wird das Geschehen nicht zu sehr "ausgebremst".
Leseeindruck
Das Tempo des Thrillers ist außerordentlich hoch. Es passiert ständig etwas Neues. Ein Ereignis jagt das nächste. Langeweile muss man also nicht befürchten. Eine hohe Dialoghaftigkeit sorgt für Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Das alles überzeugt.
Im Zentrum des Geschehens steht ein Serienmörder, der sein Unwesen treibt (das kennt man auch bereits von vergangenen Bänden aus der Reihe). Die Schilderung der Morde ist auch deshalb von einer gewissen Formelhaftigkeit geprägt. Bei Bentow weiß man, was man bekommt. Wie man das findet, muss jede und jeder selbst für sich bewerten. Da es mein fünftes Buch von Bentow ist, kann ich behaupten, dass seine Thriller stets einem ähnlichen Muster folgen und etwas schematisch konstruiert sind. Das sollte man mögen. Sonderlich innovativ ist das nicht, aber spannend bleibt es trotzdem. Einmal im Jahr lese ich das ganz gern, muss ich zugeben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Autor inhaltlich auch mal etwas anderes ausprobiert.
Nun zur psychologisch-psychiatrischen Ausgestaltung der Täterpsyche: Es ist mal wieder so, dass eine psychologische Störung zu Gewalttätigkeit führt. Nun ja... Insgesamt hinterließ die Darstellung des psychischen Zustands des Killers bei mir einen unrealistischen Eindruck (aber ich bin auch kein Experte). Auch wird (wie so oft in Thrillern) mal wieder das Klischee bedient, dass psychische Störungen mit großer Gefahr und Unberechenbarkeit verbunden sind - aber nun gut, es handelt sich schließlich nicht um eine reale psychiatrische Fallstudie. Für das Genre braucht es dramatische Zuspitzung. Da ist Realismus immer so eine Sache. Man sollte sich einfach klar machen, dass es sich bei der psychologischen Gestaltung um ein fiktives Element handelt.
Querverweise:
Bentow, Max: Engelsmädchen (2023)
Bentow, Max: Eulenschrei (2024)
Bentow, Max: Rabenland (2025)
Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:
Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Geßner, Eva: Seelenkalt
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer

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