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Samstag, 15. August 2026

Geßner, Eva - Verlorene Seelen

 


Der Fall „Aschenputtel“




Betty lebt seit kurzem auf der Straße und schlägt sich so durch. Sie lebt von finanziellen Reserven, stellt sich aber schon darauf ein, bald betteln zu gehen. Ihren Mann, einen Rechtsanwalt, hat sie verlassen, weil sie häusliche Gewalt erlebt hat. Für Betty wäre es ein Albtraum, zu ihm zurückkehren zu müssen. Und es wird nur allzu deutlich, dass sie als obdachlose Frau ein großes Risiko für Leib und Leben auf sich nehmen muss. Die Gefahr von sexuellen Übergriffen ist allgegenwärtig. Begleitet wird sie von einem Hund, der ihr Gesellschaft leistet und sie beschützt. Das Leben am Rande der Gesellschaft wird insgesamt sehr gut eingefangen.


Gleichzeitig begleiten wir als Leser die Ermittlerin Franziska, deren 16-jährige Tochter sich in Kanada aufhält und dort kurz vor Ausbreitung der Corona-Epidemie neue Lebenserfahrungen sammelt. Von ihrem Mann Heiner hat sie sich erst kürzlich getrennt. Und sie fühlt sich bereits zu einem neuen Mann hingezogen, auch wenn die Trennung noch nicht lange zurückliegt. Die Tochter weiß von der Trennung der Eltern noch nichts. Schon bald wird Franziska zu einem Tatort gerufen. Man hat ein weibliches Opfer gefunden, dem ein Fuß abgetrennt und teure Unterwäsche sowie hochhackige Schuhe angezogen wurden. Bei der Klärung der Identität des Opfers stellt sich heraus, dass es sich um die 21-jährige Obdachlose namens Lina handelt, die schon länger auf der Straße lebte und drogenabhängig war. Sie ist bereits im Alter von 12 Jahren von zu Hause ausgerissen, weil sie dort Missbrauch erleben musste. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Beamten schon bald auf ähnliche Mordfälle in der Vergangenheit. Die Cold Cases werden neu aufgerollt. Schon bald wird vermutet, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt…


Eingeflochten werden punktuell auch Blickwinkel des Täters. Bei ihm wird ein zutiefst sadistischer Charakter deutlich. Er erfreut sich daran, seine Opfer zu quälen. Bei den weiteren Ermittlungen der Polizei tritt auch Betty wieder auf den Plan. Sie hält ihren Mann, den sie verlassen hat, für einen möglichen Mörder und traut ihm eine solche Gewalttat, wie sie an Lina ausgeführt wurde, ohne weiteres zu. Wird sich ihr Verdacht bestätigen?


Insgesamt ist der Schreibstil packend. Ich blieb an den Zeilen durchweg haften. Die Spannung ist hoch. Nur das Tempo ließ mir zu wünschen übrig. Das Privatleben von Franziska nahm mir zu viel Raum ein (inkl. Friseurbesuch und Typveränderung). Aber das ist meiner persönlichen Lesevorliebe geschuldet. Grundsätzlich steht in diesem Thriller viel Ermittlungsarbeit im Zentrum. Wir erleben Recherchearbeit und polizeiliche Team-Besprechungen mit. Weiterhin wird die rechtsmedizinische Begutachtung des Opfers geschildert. Hinzu kommt die Schilderung von sadistischen Gewaltphantasien des Täters und entsprechende Folterszenen. Das ist nichts für zarte Gemüter. Und auch die widrigen Lebensumstände auf der Straße kommen gut zum Ausdruck. Obdachlose werden oft Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Die Schicksale der Figuren haben mich emotionalisiert. Es ist heftig zu lesen, wie tief ein Mensch fallen kann und welcher Grad an Verwahrlosung möglich ist. Und es kann jede(n) treffen…


Was mich bei der Lektüre überzeugt hat, war die Wahl des Settings und der Schreibstil. Man merkt, dass die Autorin zum Leben auf der Straße sehr gut recherchiert hat. Die Darstellung wirkt realistisch und authentisch. Und wie die Autorin selbst im Nachwort festhält, ist die Wahl der Perspektive einer obdachlosen Frau eher ungewöhnlich und selten in Thrillern zu finden. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem. Es wird deutlich, dass hinter jedem Schicksal eine Geschichte steckt! Insgesamt also eine runde Sache. Am Ende zieht die Spannung auch nochmal deutlich an. Das Buch ist für solche Leser geeignet, die die Darstellung von Ermittlungsarbeit mögen und dabei nicht so viel Wert auf hohes Tempo legen (Stichwort: Privatleben). Auch sollte man sich für die Themen „Obdachlosigkeit“ und „Serienmörder“ begeistern können.


Querverweise:

Ein weitere Thriller von Eva Geßner: Seelenkalt

Weitere "Serienmörder"-Thriller, die ich rezensiert habe:

Bentow, Max: Engelsmädchen 
Bentow, Max: Eulenschrei 
Bentow, Max: Rabenland 
Bentow, Max: Puppenherz
Carter, Chris: Der Totenarzt
Carter, Chris: Blutige Stufen
Katzenbach, John: Die Komplizen
King, Stephen: Mr. Mercedes
Piskulla, Christian: Pacific Crest Trail Killer 

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