Zwischen Lüge und Wahrheit
Sylvia Robinson rettet einer fremden Frau, die in einem Diner einen Erstickungsanfall erleidet, das Leben. Doch dann entwickelt sich die Situation anders als erwartet. Die Frau bedankt sich nicht, sondern sie macht Sylvia schwere Vorwürfe. Sie will die Polizei und einen Krankenwagen rufen, weil sie sich durch Sylvias Eingreifen angeblich an der Lunge verletzt hat. Erst als ein Zeuge sich einmischt (Adam Barnett) und Sylvia unterstützt, wendet sich die Sache wieder zum Guten. Was für ein kurioser Einstieg!
Nach dem Vorfall unterbreitet Adam Sylvia ein verlockendes Jobangebot. Er möchte, dass Sylvia seiner kranken Frau Victoria tagsüber Gesellschaft leistet. Sie sei viel allein. Für die Ausübung des Jobs soll Sylvia sogar bei Adam und Victoria einziehen. Die Bezahlung, die Adam ihr in Aussicht stellt, ist sehr gut und verschlägt Sylvia den Atem. Obwohl sie kein gutes Bauchgefühl bei der Sache hat, nimmt sie den Job an (auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wie genau es um den Gesundheitszustand von Victoria bestellt ist). Die Konditionen sind einfach zu gut…
Adam Barnett arbeitet als Schriftsteller und ist überaus erfolgreich. Er hat bereits mehrere Bestseller verfasst. Das Anwesen, in dem er und Victoria leben, ist luxuriös, aber auch abgelegen. Und als es zur ersten Begegnung von Sylvia und Victoria kommt, erfahren wir mehr über Victorias Zustand. Sie ist die Treppe hinuntergestürzt und hat dabei schwere Verletzungen erlitten. Ihr Gesicht ist durch Narben entstellt. Ihr Sprachzentrum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Sie spricht nur selten und äußert nur wenige undeutliche Worte. Ihr Blick wirkt ausdruckslos. Sie kann keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen und muss gefüttert werden. Anfangs ist sie Sylvia unheimlich…
Am ersten Arbeitstag fordert Victoria Sylvia dazu auf, ein Tagebuch aus einer Schublade hervorzuholen. Sie nimmt es mit auf ihr Zimmer, um es zu lesen. Fortan erhalten wir als Leser einen Einblick in das (frühere) Innenleben von Victoria und erfahren mehr über ihre Beziehung zu Adam und wie sich diese Beziehung entwickelt hat. Sie beschreibt u.a., wie sie Adam kennengelernt hat. Es wird deutlich, dass Victoria glaubt, mit Adam einen guten Fang gemacht zu haben. Doch die anfängliche Harmonie bleibt nicht von Dauer. Mit der Zeit lernen wir andere Seiten von Adam kennen. V.a. als beide zusammenziehen, zeigen sich erste Risse. Adam wird mit der Zeit immer dominanter und besitzergreifender. Später überschreitet er Grenzen. Allerdings sollte man als Leser im Hinterkopf behalten, dass es sich bei den Tagebuchnotizen um Victorias Version der Geschehnisse handelt. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich bei Victoria um eine unzuverlässige Erzählerin handelt.
Eine gute Verrätselung des Inhalts entsteht dadurch, dass Victoria hin und wieder spricht und undeutliche Worte äußert. Sylvia ist sich oft unsicher, was Victoria ihr mitteilen will. Und auch als Leser rätselt man mit, was es mit den Äußerungen von Victoria auf sich hat. Das ist geschickt arrangiert. Auch über Sylvia erfahren wir im weiteren Handlungsverlauf mehr. Sie ist bereits im Alter von 16 Jahren schwanger geworden und hat ihr Kind verloren. Von ihrem damaligen Freund Freddy hat sie sich getrennt, doch er nimmt immer wieder Kontakt zu ihr auf und möchte gerne zu ihr zurückkehren (sie vermisst ihn manchmal immer noch). Sylvia findet Adam attraktiv und hebt seine Qualitäten als perfekter Ehemann hervor. Ihre Sicht auf Adam ist als Kontrast zu den Schilderungen von Victoria angelegt. Doch je mehr Sylvia im Tagebuch von Victoria liest, desto größer werden ihre Zweifel, was Adam betrifft. Am Ende wartet das Buch wieder mit zahlreichen Wendungen auf (die in sich schlüssig sind), von denen mich allerdings dieses Mal nicht jede überrascht hat.
Querverweise:
McFadden, Freida: Wenn Sie wüsste (Millie 1, 2023)
McFadden, Freida: Sie kann dich hören (Millie 2, 2024)
McFadden, Freida: Sie wird dich finden (Millie 3, 2024)
McFadden, Freida: Weil sie dich kennt (2025)
McFadden, Freida: Die Kollegin (2025)
McFadden, Freida: Der Lehrer (2025)
McFadden, Freida: Der Freund (2025)
Sehr ähnliches Buch: Sophie Stava "Eine falsche Lüge" (2025)

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