Selbstfindung
Marlene hat große Schwierigkeiten damit, zu entspannen und eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen. Im Urlaub weiß sie nichts mit sich anzufangen. Freizeit kann sie nichts abgewinnen. Sie muss das Gefühl haben, gefordert zu werden. Die Arbeit geht ihr über alles. Dem beruflichen Erfolg ordnet sie ihr restliches Leben unter. Produktivität und Effizienz sind für sie von Bedeutung. Und wenn es um die Quartalszahlen geht, ist sie überaus erfolgreich. Nur die Personalführung bereitet ihr Probleme. Ihr fehlt es an sozialer Kompetenz. Sie verhält sich ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber distanziert und agiert unsensibel. Es fällt ihr schwer, sie zu motivieren. Mit Lob ist sie zu sparsam. Kurzum: Zwischenmenschliches fällt ihr schwer.
Als ihr Chef Marlene in Aussicht stellt, die Unternehmensführung als CEO der Aviola zu übernehmen, sobald er in den Ruhestand geht, knüpft er das Angebot an eine Bedingung. Sie soll ein Achtsamkeits-Coaching absolvieren, um ihr „Problemfeld“ der Personalführung zu bearbeiten. Er verlangt von ihr, dass sie die Sache ernst nimmt und sich darauf einlässt. Doch man merkt, dass sie der Angelegenheit mit vielen Vorbehalten begegnet. Mental Health und Lifestyle-Themen steht sie skeptisch gegenüber.
In einem weiteren Blickwinkel wird uns die Perspektive des Unternehmens-Coaches Alex vermittelt (die Blickwinkel von Alex und Marlene werden im Wechsel präsentiert). Er schult Führungskräfte, doch seine Firma schreibt rote Zahlen. Grund dafür ist, dass ihm seine positive Energie und Begeisterung abhandengekommen ist. So erfahren wir, dass er zwar schon bekannte Persönlichkeiten betreut hat, doch bei allem Erfolg musste er auch persönliche Krisen überstehen. Er fiel schon mehrfach in ein Loch mit dunklen Gedanken, aus dem er sich mühsam herauskämpfen musste. Kurzum: Seine Coaching-Seminare laufen nicht mehr so erfolgreich wie früher. Marlene ist für ihn eine große Chance. Sollte er erfolgreich mit ihr arbeiten, winkt eine lukrative und langfristige Zusammenarbeit mit der Aviola.
Der Erzählton ist zu Beginn humorvoll. Marlenes Seltsamkeiten werden auf amüsante Art und Weise geschildert. Und schon das erste Zusammentreffen von Alex und Marlene wird herrlich konfrontativ eingefangen (Marlene entpuppt sich als äußerst schlagfertig und widerspenstig). Und als Leser stellte ich mir folgende Fragen: Wird sich Marlene auf die Inhalte des zweiwöchigen Intensivkurses einlassen? Und (wie) wird sie sich ändern? Was wird sie während ihres Coachings erleben? Wird Alex zu alter Form zurückfinden?
Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir dann, welchen Wandel Marlene durchläuft. Anfangs fällt es ihr schwer, sich zu öffnen. Sie sieht keine Notwendigkeit darin, an sich zu arbeiten. Sie will sich nicht ändern müssen. Doch eine existenzielle Notsituation führt dazu, dass sie beginnt, erlernte Muster in Frage zu stellen. Die Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit führt dazu, dass Marlene Vertrauen fasst und sich mitteilt. Doch mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Der Ton wird nach meinem Gefühl ernsthafter. Wir lernen eine andere Seite von Marlene kennen. Und der Autor lässt sich darüber hinaus noch einiges einfallen, um die Handlung abwechslungsreich zu gestalten (vgl. Klappentext: „ein schüchterner Hausmeister“ und „ein dreizehnjähriges Mädchen“). Alex lernen wir im Folgenden als sehr fürsorglichen, warmherzigen und hilfsbereiten Menschen kennen, der sich gern um andere kümmert und ihnen in schwierigen Lebensphasen zur Seite steht. Und wir begleiten ihn bei der Bewältigung eines Gewissenskonflikts. Einerseits soll er Marlene dabei helfen, zu sich selbst zu finden, andererseits riskiert er damit seine potentielle Zusammenarbeit mit der Aviola.
Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen (wie auch schon andere Bücher des Autors). Maxim Leos Schreibstil liest sich wie gewohnt angenehm und flüssig. Und ich finde toll, dass Leo nach „Der Held von Bahnhof Friedrichstraße“ und „Wir werden jung sein“ wieder eine neue inhaltliche Richtung einschlägt. Das Einzige, was ich bemängeln könnte, ist der Umstand, dass die Wandlung von Marlene zu glatt, zu schnell und mit zu wenig Reibung vonstattengeht.
Querverweise:
Leo, Maxim: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße (2022)Leo, Maxim: Frankie (zusammen mit Jochen Gutsch/2023)
Leo, Maxim: Wir werden jung sein (2024)
Leo, Maxim: Junge aus West-Berlin (2024)

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