Lebensentwürfe
Marko hat erst kürzlich sein Abitur abgelegt (das beste Abitur seines Jahrgangs) und träumt von einem Medizin-Studium. Zu Beginn des Buchs wohnen wir den Feierlichkeiten der Abiturentlassung bei. Dabei lernen wir auch Claire kennen, die Freundin von Marko, mit der er schon seit der 7. Klasse zusammen ist, sowie Markos Vater, der emotional immer etwas unbeholfen wirkt. Seine Mutter hat Marko schon früh verloren. Er denkt noch oft an sie und vermisst sie.
Marko ist ein Arbeiterkind und stammt anders als Claire nicht aus einem Elternhaus, das mit viel Geld gesegnet ist. Während sie ein Studium in München plant und sich auf Papas Kontakte verlassen kann, muss Marko hoffen, dass er überhaupt einen Studienplatz erhält (ohne zu wissen, wo er überhaupt landen wird). Und Claire zeigt sich kompromisslos. Sie will unbedingt nach München, unabhängig davon, ob Marko mitkommt oder nicht. Dabei sollte ihr klar sein, dass ein Leben in München Markos finanzielle Möglichkeiten deutlich übersteigen dürfte. Claires und Markos Lebensentwürfe sind völlig unterschiedlich. Claire kann viel befreiter und sorgenloser agieren. Pierre Bourdieu lässt grüßen!
Zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Studienplatz absolviert Marko ein Praktikum im medizinischen Bereich. Sein privates Glück muss zurückstehen. Zunächst einmal muss er einen Studienplatz bekommen, egal wo. Regelmäßig wirft er einen Blick ins Bewerbungs-Portal, um zu erfahren, ob sich sein Wunsch eines Medizinstudiums erfüllt. Wenig später erfahren wir, dass Marko sich von seinen Plänen verabschieden kann. Und das trotz seiner Bestnoten! Er erhält nur Absagen. Doch Markos Vater will nicht aufgeben und ermuntert seinen Sohn dazu, nach Budapest zu gehen, um dort zu studieren. Für die Finanzierung des Studiums will er auf das ausgezahlte Geld der Lebensversicherung von Markos Mutter zurückgreifen. Widerwillig lässt Marko sich schließlich darauf ein. Es ist zwar nicht das, was er sich gewünscht hat, aber besser als nichts. Letztlich wird hier auch eine Kritik an der Studienplatzvergabe deutlich. Als junger Mensch muss man teils harte Kompromisse eingehen und Opfer bringen…
Die Wege von Marko und Claire trennen sich. Marko folgt nicht seinem Herzen. Und wenig später wird klar, dass Claire die Trennung und die Lebensveränderung nicht gut verkraftet. Sie entwickelt eine Psychose und findet Hilfe in der Psychiatrie. Sie muss den Beginn ihres Studiums verschieben. Fortan ist sie auf Medikamente angewiesen, die ihr Leben stabilisieren. Und Marko geht ungeachtet dieser Geschehnisse nach Budapest. Und wir begleiten seinen weiteren Lebensweg. Claire rückt in den Hintergrund und wir erfahren nur punktuell durch Telefonate und durch kurze Heimaturlaube von Marko etwas über sie (u.a. erlebt sie eine zweite Krise und muss in die Tagesklinik). Stattdessen erfahren wir, wie Marko sich in Budapest einlebt und dort sein Studium bestreitet. Für ihn geht der Alltag weiter. Er kann nur aus der Distanz verfolgen, was mit Claire passiert. Er nimmt zwar Anteil an ihrem Schicksal, kann aber wenig machen. Seine universitären Pflichten haben für ihn Priorität. Die Erkrankung von Claire wird relativ knapp und nicht aus der Betroffenensicht thematisiert, sondern eher punktuell aus der Außenperspektive von Marko. Ich hätte gern noch mehr über die Einschränkungen erfahren, die Claires Erkrankung mit sich bringt. Auch finde ich die Darstellung der Ursache für ihre Psychose als zu knapp abgehandelt.
Marko erscheint uns als Einzelgänger. Auf Partys ist er derjenige, der abseitssteht. In sozialen Situationen mit vielen Menschen fühlt er sich unwohl. Und auch die Beziehung zu seinem Vater ist eine Betrachtung wert. Die Kommunikation zwischen beiden verläuft unbeholfen und nicht offen genug. Das sorgt im weiteren Handlungsverlauf für Probleme. Der Vater gesteht Marko gegenüber nicht ein, dass ihn finanzielle Sorgen plagen. Später zeigt Marko Leistungseinbrüche. Unbewusst scheinen ihn doch mehr Dinge zu belasten, als er selbst erkennt. Der Druck, der von verschiedenen Seiten auf Marko lastet, scheint zu hoch. Und irgendwann streikt dann Markos Gesundheit und sein Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Bei ihm wird Diabetes Typ I diagnostiziert. Er kehrt nach Deutschland zurück.
Und von diesem Zeitpunkt an verschieben sich Markos Prioritäten komplett. Er muss lernen, mit der Krankheit zu leben und einen Weg finden, damit umzugehen. Hier wird nun eine Betroffenensicht deutlich. Und das auf eindrückliche Art und Weise. Symptome und Einschränkungen kommen sehr, sehr gut zum Ausdruck. Marko hat Schwierigkeiten damit, Akzeptanz gegenüber der Diagnose zu entwickeln. Seine Lebensqualität ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Ein Klinikaufenthalt und Besuche bei einem Diabetologen helfen ihm dabei, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Trotzdem muss er Rückschläge verkraften und zahlreiche Ängste überwinden. Was ich hier nicht verraten möchte: Finden Claire und Marko wieder zueinander? Kommt es zwischen beiden zu einer Aussprache? Eines ist jedenfalls klar. Ihr Leben hat sich völlig anders entwickelt, als beide gedacht hätten. Was ich mir zusätzlich noch gewünscht hätte: Klarere Konturen beim Handlungsort Budapest. Abschließend: Ich halte „Salto“ für eine geeignete Schullektüre (z.B. für die Einführungsphase). Dieses Buch bietet viele Themen, die Heranwachsende interessieren könnten. Es knüpft in meinen Augen sehr gut an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern an und fördert die Empathie-Entwicklung.
Ein weiteres Buch von Kurt Prödel: Klapper

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