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Montag, 31. August 2026

Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer




Trendy!




Bali


Vor ihrem Umzug nach Berlin macht Samara zum ersten Mal alleine Urlaub, und zwar auf der Insel Bali. Samara ist eine Freundin von Ida, so dass eine lose inhaltliche Verbindung zu den ersten beiden Büchern der Autorin besteht. Auf Bali fühlt sich Samara allerdings nicht wohl. Sie wird belagert von Einheimischen, die ihr Souvenirs verkaufen wollen und die sie immer nur schwer loswird. Das Klima ist ihr zuwider. Und ins Wasser geht sie auch nicht, schließlich könnte sie von einem Hai attackiert werden. Mit dem Scooter baut sie regelmäßig kleinere Unfälle und wird von der Rezeption mit Pflastern versorgt. Noch dazu übernachtet sie in einem Achtbettzimmer, was sich als schlimmer herausstellt, als sie im Vorfeld gedacht hat. Die Zimmergenossen und die ständigen Konversationen nerven sie. Kurzum: Ein Menschenfreund ist die Protagonistin nicht gerade. Sie beschwert sich über viele Dinge, scheut den engeren Kontakt zu anderen Urlaubern und fühlt sich als Außenseiterin, die nirgendwo dazugehört. Ihr sind nur wenige positive Erfahrungen auf Bali vergönnt: So genießt sie die Sonnenuntergänge und mit der Rezeptionistin Mulan freundet sie sich sogar ein wenig an. In gewisser Weise ist der Urlaub eine Flucht vor ihren Pflichten, die ihr bevorstehen. Sie wird bald umziehen und in Berlin in einer PR-Agentur beginnen.
Der erste Teil des Buchs besteht aus der ausführlichen Schilderung von Selbstreflexion und ähnelt einem Erlebnisbericht. Samara kreist viel um sich selbst und wirkt orientierungslos. Sie weiß nicht so recht, was sie mit ihrer Zukunft anfangen will. Der Schreibstil ist lebendig und klar sowie direkt. Auch zeigt sich große Lebensweltnähe. So wird regelmäßig deutlich, was Samara so auf Social-Media-Kanälen konsumiert und was sie davon hält.


Berlin


In der PR-Agentur, in der sie arbeitet, betreut Samara Künstler. Wir erhalten einen Einblick in ihre Aufgabenbereiche und lernen etwas über die Welt von Influencern So wird stets überlegt, welche Themen „gepusht“ werden sollen. Die Mechanismen von Social-Media werden gut offengelegt (eine für mich fremdartige Welt). Die Angestellten der Agentur atmen in ihren Meinungen und Ansichten den typischen Zeitgeist. Ihre Gespräche drehen sich mantraartig um nichts anderes als die typischen Influencer-Themen, die auch auf den Kanälen immer wieder gepostet werden: toxische Männlichkeit, feministische Inhalte, Bodyshaming, Lebenscoaching, Carshaming, Nachhaltigkeit etc. Die Trends werden von außen vorgegeben und gezielt gesetzt. Influencer werden gezielt aufgebaut und engagiert, um die entsprechenden Botschaften zu verbreiten. Schließlich entschließt sich Samara dazu, ihren Job zu kündigen und in die Allgäuer Alpen zu fahren. Für mich wurde die Welt von Influencern in diesem zweiten Erzählabschnitt gehörig auf die Schippe genommen, hat mir gut gefallen.


Allgäu


Die Autofahrten der Protagonistin werden sehr humorvoll beschrieben. Es geht vorbei an Kempten direkt nach Oberstdorf. Dort genießt sie die Idylle und die Gastfreundschaft in einem Gasthof. Doch sie beginnt im Kontakt mit den Menschen unehrlich zu werden und falsche Identitäten vorzugeben (vielleicht eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung :-). Sie denkt sich Geschichten über sich selbst aus. Im Gasthof gibt sie sich als Lena aus, die Medizin studiert hat und von Rügen stammt. Und ich fand amüsant zu lesen, wie sich Samara selbst in Teufels Küche begibt mit ihren kleinen Lügen. Sie ist immer kurz davor aufzufliegen und kann sich immer noch gerade so aus Situationen herauswinden. V.a. kritische Nachfragen bringen sie jedes Mal gehörig ins Straucheln. Und bevor es für sie zu unangenehm wird, fährt sie weiter nach St. Moritz. Dort gibt sie sich als Künstlerin aus. Sie beobachtet den Reichtum und die gut betuchten Menschen im Ort. Sie hat Spaß daran, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich Hintergrundgeschichten zu ihnen auszudenken, was auf eine starke Imaginationsfähigkeit und Kreativität hindeutet. Ihre Rollen spielt Samara sehr glaubwürdig und zieht sie konsequent durch. Bei vielen hinterlässt sie bleibenden Eindruck (doch es gibt auch ein paar wenige Menschen, die sie zu durchschauen scheinen). Es kommt sogar soweit, dass ihr angeboten wird, ihre Fotos bei einer Ausstellung zum Kauf anzubieten. Wird sie dort auffliegen? Was mir gut gefallen hat, waren die eingebauten intermedialen Bezüge, die immer mal wieder einfließen. So wird hin und wieder auf Romane, Filme oder Serien verwiesen, die Samara konsumiert.


Fritz


Samara hat Fritz schon in Berlin zum ersten Mal gesehen und fand ihn direkt sympathisch. Er stellt ihr später seine Wohnung in St. Moritz zur Verfügung, wo sie günstig unterkommt. Später besucht er sie dort. Zwischen beiden funkt es. Und natürlich weiß er, dass sie eine falsche Identität vorgibt. Doch es stört ihn nicht. Problem bei der Beziehung zwischen beiden: Fritz ist schon vergeben und Vater einer vierjährigen Tochter. Kann aus beiden trotzdem etwas werden? Zum Ende erreicht die Liebesgeschichte ihren Höhepunkt…


Hochstapler-Motiv 


Warum tritt die Protagonistin als Hochstaplerin auf? Diese Frage habe ich mir während des Hörens häufiger gestellt. Ist es wirklich nur eine Nachwirkung ihrer PR-Agentur-Erfahrung? Oder steckt mehr dahinter? Es fällt auf, dass Samara Schwierigkeiten damit hat, Nähe zuzulassen. Will sie sich schützen und hinter den vorgegaukelten Identitäten verstecken? Und eine Erklärung wird im Buch selbst vorgegeben: Samara möchte nicht sie selbst sein, sondern lieber jemand anderes. Und nur auf diese Weise gelingt es ihr ja, Kontakt zu den wohl situierten Menschen herzustellen. Auch das könnte eine gute Erklärung sein. Wer mag kann auch noch intertextuelle Bezüge zu anderen Hochstapler-Geschichten herstellen (v.a. zu Felix Krull von Thomas Mann, was ich leider nie gelesen habe) oder sich zum Motiv selbst genauer informieren (vgl. z.B. Frenzel: Motive der Weltliteratur). Auf diese Weise erhält das Buch noch eine tiefere Sinnebene. Mein Fazit: Ich habe das Buch gern gehört, fand es kurzweilig und trendy.


Querverweise:

Weitere Bücher der Autorin: 



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