„Machtgier und Verantwortungsflucht sind die
beiden wichtigsten Eigenschaften des russischen Bürokraten. So rechtfertigt der
einfache Staatsdiener sein Handeln ausschließlich mit dem Willen eines Abteilungsleiters
oder Departementdirektors, stellvertretende Minister berufen sich auf die Anweisungen
ihres Ministers – und dieser wiederum auf Putins Befehle. Die Folge: Niemand
übernimmt Verantwortung für irgendwas, und jeder hat über sich einen Chef, ‚dem
man nicht widerspricht‘. (S. 48)
„Wenn ein junger Mann mit gerade mal 27
Jahren einen leitenden Posten übernehmen darf, erwartet man von ihm, dass er
als Gegenleistung die ‚richtigen‘ Dokumente unterzeichnet und Entscheidungen
trifft – natürlich im Interesse derer, die ihm diesen Posten verschafft haben.
Mit anderen Worten: Obwohl sein Status eigentlich unabhängiges Handeln nicht
nur zulässt, sondern sogar erfordert, ist ihm dies völlig unmöglich: Er muss
die Erwartungen seiner ‚Paten‘ erfüllen und darf sich keine ‚Eigeninitiative‘ leisten.“
(S. 80)
„Hast du einmal das Außenministerium verklagt, kannst du deine Sachen packen. Trittst du für deine Rechte ein und weigerst dich, Ungerechtigkeit zu akzeptieren, bist du für die russländische Diplomatie nicht mehr zu gebrauchen. An dieser Stelle greift die berüchtigte ‚negative Selektion‘. Oder wie eine literarische Figur der Brüder Strugatzki sagt: ‚Kluge Leuten brauche wir nicht. Wir brauchen Gläubige.‘ (S. 119).
Weitere Russlandbücher:
Adler, Sabine: Was wird aus Russland?
Dornblüth, Gesine und Thomas Franke: Jenseits von Putin
Esipov, Vladimir: Die russische Tragödie
Fritsch, Rüdiger von: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen
Kostjutschenko, Jelena: Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben

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