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Montag, 9. Februar 2026

Bronsky, Alina - Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche



Bitterböse



Eines Tages berichtet Sulfia ihrer Mutter davon, dass sie schwanger ist, ohne zu wissen, wer der Vater ist. Daraufhin sinkt sie im Ansehen der Mutter mehr als sowieso schon. Die Mutter hat kein gutes Bild von ihr, das merkt man sofort – schon auf den ersten Seiten des Buchs. Und der Einstieg ins Werk ist böse (nah an der Grenze, den guten Geschmack zu verletzen): Die Mutter versucht in Eigenregie, das Kind von Sulfia abzutreiben. Doch der Versuch misslingt. 1978 erblickt Aminat das Licht der Welt.


Was die Betreuung und Erziehung von Aminat betrifft, so versagt Sulfia in den Augen ihrer Mutter kläglich. Prompt stellt sie das Kinderbettchen in ihr eigenes Schlafzimmer und kümmert sich fortan selbst um ihre Enkelin. Die Großmutter, die in diesem Buch als Ich-Erzählerin auftritt, ist stolz und herrisch – eine absolut unsympathische Figur. Sie kreist nur um sich selbst und ist mit einer großen Portion Selbstgefälligkeit ausgestattet. Andere verurteilt sie oft vorschnell und abschätzig. V.a. ihre eigene Tochter beurteilt sie schlecht.


Doch eines Tages ist es Sulfia zu viel. Sie zieht mit Aminat zu Hause aus und wünscht, in Ruhe gelassen zu werden. Doch so schnell gibt die Großmutter nicht auf. Sie verfolgt ihre Tochter, kriegt raus, wo sie wohnt, verschafft sich Zutritt zur Wohnung und entführt Aminat. Und das im Brustton der Überzeugung, dass sie das Richtige tut, weil sie Sulfia für unfähig hält. Wie wird sich die Mutter-Tochter-Enkelin-Beziehung nun weiterentwickeln? Eines kann ich jedenfalls versprechen: Das Leben der Protagonisten entwickelt sich ereignisreich weiter. Es kommt keine Langeweile auf und es wird immer aberwitziger…


In diesem Buch wird das Bild der dominanten Großmutter, die sich in die Erziehung und Haushaltsführung der eigenen Tochter einmischt, satirisch auf die Schippe genommen und bitterböse karikiert. Über die Bitten der Tochter, in Ruhe gelassen zu werden, setzt sich die Oma gekonnt hinweg und ignoriert sie. Auch zeigt sich, dass die Großmutter überall Defizite erkennt und dem Optimierungswahn verfällt. Nichts ist vor ihrer Einflussnahme sicher. Grenzen von Mitmenschen interessieren sie nicht. Sie verhält sich übergriffig und besserwisserisch. Noch dazu ist sie oft egoistisch, empathielos und berechnend. An vielen Stellen merkt man, dass es der Oma vor allem um sich selbst geht. Selbstzweifel kennt sie nicht. Sie will in jeder Situation die Kontrolle behalten und ordnet alles dem Erfolg unter. Dafür ist sie auch bereit, das Glück anderer zu opfern. Hin und wieder arbeitet sie mit dem Prinzip der emotionalen Erpressung. 


Gleichzeitig wird am Beispiel der Großmutter auch der Typus des sog. „homo sovieticus“ überzeichnet. Sie ist eine engagierte, unermüdliche Kämpferin, die mit den Widrigkeiten des Sowjetsystems umzugehen weiß und sich darin behaupten kann. Sie weiß genau, an den richtigen Stellschrauben zu drehen, um eigene Interessen und Ziele zu verfolgen. Musste man etwa so gestrickt sein, um in der damaligen Sowjetunion zurechtzukommen? Um einen amüsanten Effekt zu erzeugen, wird häufig auf die Schilderung von Klischees zurückgegriffen. Darauf sollte man sich einlassen können. Kleiner Kritikpunkt: Mit Dieter als Figur schießt die Autorin in meinen Augen etwas übers Ziel hinaus.


Querverweise:
Bronsky, Alina: Scherbenpark
Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina: Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina: Das Geschenk
Bronsky, Alina: Schallplattensommer
Bronsky, Alina: Pi mal Daumen


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