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Montag, 12. Januar 2026

Melle, Thomas - Haus zur Sonne




Eine Krankheitsgeschichte




Der autofiktionale Erzähler berichtet uns zu Beginn davon, wie ihn die letzte Manie, die er durchlebt hat, ruinierte. Zwei Jahre hat sie gedauert, Freundschaften wurden zerstört, Geld verpulvert, Straftaten begangen und der Ruf hat gelitten. Die Krankheit überrollte ihn wie eine Welle. Er war machtlos. Auch Medikamente schützten ihn nicht davor. Das Loch, in das er fiel, war tief, sehr tief. Nach den zwei Jahren Manie folgten zwei Jahre schwerster Depression. Eine Zeit von Lethargie, Lähmung, Leere, Einsamkeit und Suizidgedanken. Das Leben als Last!


Die einzige Vertrauensperson, die sich hin und wieder um ihn kümmert, ihn stützt und Anteil an seinem Leben nimmt, ist Ella. Doch von seinen suizidalen Gedanken erzählt er ihr nichts (auch um sie zu schützen). Und es wird deutlich, dass die Beziehung zwischen beiden aufgrund der Erkrankung gestört ist. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Und der Erzähler hat Angst, dass er ihr nicht guttut.


Und inmitten dieser Phase, in der sich der Erzähler selbst den Tod herbeiwünscht, erreicht ihn ein Brief vom Haus zur Sonne. Dabei handelt es sich um ein Modellprojekt, staatlich finanziert. Ein Sanatorium, in dem den Klienten mit virtuellen Simulationen Wünsche erfüllt werden, bevor sie begleiteten Suizid begehen (die Schilderung der Simulationen sorgt für Abwechslung im Handlungsverlauf). Die Einrichtung ist luxuriös ausgestattet. Es fehlt dort nicht an Annehmlichkeiten, kulturellen Veranstaltungen und Wellness-Angeboten. Das Personal liest den Klienten dort jeden Wunsch von den Augen ab. Der lebensmüde Erzähler hofft, dass ihm der Aufenthalt dort wieder Struktur im Leben verleiht, er einige Glücksmomente durchlebt und er seinem Leid dann endlich ein Ende setzen kann. Wird er sich am Ende wirklich töten (lassen)? Oder gewinnt er neuen Lebensmut? Das sind die Fragen, die ich mir während der Lektüre stellte.


Die innere Leere, Anhedonie, die Lethargie und der fehlende Antrieb des Protagonisten werden gut eingefangen. Die Symptome der Erkrankung werden nachvollziehbar. Es wird klar, dass der Erzähler sich aufgegeben hat und nicht mehr weiter gegen die zermürbende Krankheit ankämpfen will. Vor dem Rückfall in die Manie und Depression durchlebte er eine 10-jährige Phase von Stabilität. Er gesundete, fühlte sich gut. Doch die Krankheit schlägt trotz der Medikamente mit erbarmungsloser Härte erneut zu (Auslöser dafür war Stress durch konfrontative Kommunikation in den sozialen Medien). Infolgedessen gerät sein Leben wieder aus der Bahn und sein Leid beginnt von vorn. Zu seinem krisenhaften Zustand kommt Mittellosigkeit dazu. Ein Teufelskreis.


Im Haus zur Sonne angekommen, fällt es ihm schwer, überhaupt Wünsche zu äußern und Befriedigung aus den Simulationen zu ziehen. Und gerade das verdeutlicht das Ausmaß der Krankheit! Und was sich auch zeigt: Er lügt Ella an, was seinen Zustand betrifft. So schreibt er ihr aus dem Sanatorium, ist aber niemals ehrlich, wie es ihm wirklich geht. Im Haus zur Sonne trifft der Erzähler auch auf andere Klienten bzw. Leidensgenossen (so z.B. auf Vera). Doch tiefgründe Beziehungen entstehen dort nicht. Wohl auch eine Folge der Erkrankung. 


Was den ein oder anderen Leser bei der Lektüre belasten könnte, ist das Thema des Suizids. So geht der Protagonist in Gedanken immer wieder seinen Tod durch, wägt das Für und Wider eines Freitods ab und ringt mit sich, was seine Entscheidungsfindung angeht. Mit dieser Thematik sollte man umgehen können. Letztlich gelingt es dem Autor mit diesem Buch, ein Bild von der Krankheit und den damit verbundenen Symptomen zu vermitteln, und das auf eine sehr eindringliche Art und Weise. Es wird sehr deutlich, dass der Erzähler stark leidet. Hier wird Empathieförderung betrieben. Der Autor findet immer wieder neue und treffende Worte, um die Erkrankung erfahrbar zu machen. Gerade für Betroffene, die sich in den Beschreibungen wiederfinden und auf diese Weise nicht allein fühlen möchten oder für Angehörige, die sich in den Gemütszustand eines Erkrankten hineinversetzen wollen, kann dieses Buch eine große Hilfe sein. Nur hoffnungsfroh ist der Inhalt leider nicht. Das könnte den ein oder anderen enttäuscht zurücklassen. Das Ende des Buchs ist offen und lädt zur Interpretation ein. Das finde ich gelungen. Abschließend: Für mich hätte dieses Werk den deutschen Buchpreis verdient gehabt. Ich konnte ihm persönlich mehr abgewinnen als dem Titel, der tatsächlich ausgezeichnet wurde. Ich hätte der Jury mehr Mut gewünscht...


Querverweise:
Weitere Bücher, in den psychische Erkrankungen eine Rolle spielen: 

Rönne, Ronja von: Ende in Sicht (Suizid, Depression)
Usami, Rin: Idol in Flammen, (Depression)
Burnett, Frances H.: Der geheime Garten, (Depression)
Gutsch, Jochen und Maxim Leo: Frankie, (Depression)
Bjerg, Bov: Auerhaus (Suizid, Depression)
Spit, Lize: Ich bin nicht da (Psychose)


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