Spannend, originell und wendungsreich
Amanda ist verzweifelt und wütend. Sie hat ihre sechsjährige Tochter Jess und ihren Mann Luis verloren. Die kleine Jess wurde ermordet und kurz darauf hat sich ihr Mann Luis selbst getötet. Den potentiellen Mörder (Wallace Crone), der wegen des Mangels an Beweisen nie verurteilt wurde, will sie eigenhändig zur Rechenschaft ziehen. Sie will ihn in der Bahn erschießen. Doch kurz bevor sie ihre Tat durchführen kann, wird sie von ihm erkannt und anschließend von der Polizei verhaftet. Amanda hat (wieder einmal) gegen die Auflage einer einstweiligen Verfügung verstoßen (eigentlich darf sie sich Crone nicht nähern). Ihr Fall wird verhandelt und ihr wird der Besuch einer Trauma-Therapie auferlegt. Dort lernt sie Wendy kennen, die ebenfalls einen schweren Verlust erlebt hat und auf Rache sinnt. Beide Frauen freunden sich an, trösten sich gegenseitig und schließen einen Pakt. Sie wollen die verdächtigen Männer, die sie des Mordes für schuldig halten, töten und ihre Morde tauschen. So wollen sie sich gleichzeitig ein wasserdichtes Alibi verschaffen…
In einem weiteren Blickwinkel lernen wir Ruth und ihren Mann Scott kennen. Ruth ist Immobilienmaklerin, Scott ist Staatsanwalt. Beide hegen einen Kinderwunsch und wollen eine Familie gründen. Eines Abends geht Scott mit Freunden aus und Ruth bleibt allein zu Hause. Nachts wird sie von einem Geräusch geweckt. Sie will nachsehen, ob ihr Mann zurück ist und wird dabei von einem Einbrecher überrascht und schwer verletzt. Sie überlebt nur knapp und mit viel Glück. Als sie im Krankenhaus erwacht, steht sie unter Schock. Sie erfährt, dass sie an der Gebärmutter verletzt wurde und keine Kinder mehr zur Welt bringen kann. Ruths Leben ist zerstört. Sie leidet und ist nicht mehr dieselbe. Sie kann kein normales Leben mehr führen und sie nimmt Beruhigungsmittel, um das Trauma zu bewältigen. Ihr Mann Scott fühlt sich schuldig und machtlos. Er will ihr irgendwie helfen. Bei einem Restaurantbesuch glaubt Ruth eines Abends am Nebentisch den Täter zu erkennen. Dreht sie nun völlig durch? Spielt ihr ihre Wahrnehmung einen Streich?
Dieser Thriller hat mich gefesselt, und zwar von Anfang bis Ende. Das kommt bei mir selten vor. Leider gibt es nach meiner Leseerfahrung auf dem Markt nur wenige Thriller, die das schaffen. Zu viele Thriller bedienen sich (leider, leider) immer wieder gleichartiger Muster und sind wenig originell konzipiert. Ich habe kein Interesse mehr daran, das x-te Team von Ermittlern zu begleiten. Zu oft wurde ich in der Vergangenheit enttäuscht, so dass ich inzwischen seltener zu diesem Genre greife (v.a. zu den klassischen Ermittlungs-Thrillern). Doch bei Cavanagh ist das anders. Der Plot ist durchdacht und wendungsreich. Auch das Ende hat mich überrascht. Wie die beide Handlungsstränge ineinandergreifen, das fand ich kreativ gelöst. Und die Einbindung der Opfer- und Täterpsychologie fand ich ebenfalls gelungen. Noch dazu steht die Perspektive der Ermittler glücklicherweise nicht so sehr im Vordergrund. Kurzum: Der Autor hat mich wieder einmal begeistert. Das haben auch schon viele Bücher aus der Serie um Eddie Flynn geschafft. Cavanagh weiß einfach, wie man an der Spannungskurve dreht. Es gab einige Passagen, in denen ich förmlich den Atem angehalten habe. Für mich ein Buch, das aus der schieren Masse an Thrillern herausragt. Das Einzige, was man bemängeln könnte, ist der Umstand, dass die Handlung stellenweise etwas weit hergeholt wirkt. Das hat mich erstaunlicherweise aber überhaupt nicht gestört, weil die Spannungskurve so überzeugend gestaltet war. Wer aber auf sehr realistische Thriller Wert legt, in dem es keinen unwahrscheinlichen Zufall zu viel geben darf, der könnte auch bei diesem Buch etwas auszusetzen haben.
Querverweise:
Cavanagh, Steve: Fifty-fifty (Band 5/2022)
Cavanagh, Steve: Zu wenig Zeit zum Sterben (Band 1/2023)
Cavanagh, Steve: Gegen alle Regeln (Band 2/2023)
Cavanagh, Steve: Liar (Band 3/2023)
Cavanagh, Steve: Seven Days (Band 6/2024)
Cavanagh, Steve: Die Komplizin (Band 7/2025)

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