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Donnerstag, 12. März 2026

Kessler, Verena - Gym

 

Fitnesstraining als krankhafte Obsession



Die Ich-Erzählerin arbeitet in einem Fitnessstudio, schenkt Protein-Shakes aus und ist sich ihrer weiblichen Reize durchaus bewusst. Sie liebt ihren Job. In einem Rückblick erfahren wir mehr über das Vorstellungsgespräch. Darin muss sie auf eine Notlüge zurückgreifen, als der Chef des Studios (Ferhat) ihr äußerliches Erscheinungsbild bemängelt. Sie strahle nicht das aus, was das MEGA-GYM verkörpere. Daraufhin erfindet sie die Ausrede, dass sie gerade erst entbunden hat. Sie sei alleinerziehend. Ferhat gibt sich als Feminist zu erkennen und zeigt sich gnädig. Er stellt sie ein.


Im weiteren Handlungsverlauf wird uns dann die (Persönlichkeits-)Entwicklung der Protagonisten nähergebracht, angefangen vom ersten Arbeitstag bis hin zur beliebten Stammkraft hinter dem Tresen. Wir lernen ihren Arbeitsalltag, ihre Aufgaben, ihre Kolleginnen und ihr Umfeld kennen (dazu zählt z.B. auch eine Fitness-Influencerin, die herrlich durch den Kakao gezogen wird). Sie gewöhnt sich schnell ein (auch daran, wieder unter Menschen zu sein) und lässt ihren „Sofa-Couch-Körper“ hinter sich. Mit den neuen Arbeitsaufgaben fühlt sie sich rundum wohl. Sie lernt ihre Kundschaft kennen und mustert diese sorgfältig.


Doch schon bald ergeben sich peinliche Situationen, wenn die Protagonistin auf ihren Nachwuchs angesprochen wird. Damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt, lässt sie sich einiges einfallen. So schließt sie sich regelmäßig im Büro ihres Chefs ein und tut so, als ob sie Milch abpumpt. Sie zieht die Show konsequent durch und verstrickt sich immer mehr in ein Lügengebilde. Und sie gerät immer dann in die Bredouille, wenn sie sich nicht sicher ist, wie sie die an sie gerichteten Fragen zu ihrem Kind beantworten soll. Wird ihr Konstrukt noch auffliegen?


Im weiteren Handlungsverlauf wird die Protagonistin von Ferhat dazu ermuntert, ins Fitnesstraining einzusteigen. Er arbeitet für sie ein passendes Programm aus und was anfangs harmlos beginnt, wird später zu einer Obsession. Die Ich-Erzählerin entwickelt einen sehr starken Ehrgeiz und setzt sich immer neue Ziele. Dabei agiert sie sehr diszipliniert und engagiert. Ihr Selbstbewusstsein wächst zusehends. Später stellt sie auch ihre Ernährung um. Sie verfällt völlig dem Fitnesswahn.


Irgendwann beobachtet sie die durchtrainierte und äußerst muskulöse Vick beim Training. Sie ist völlig fasziniert von ihr. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stellt man sich als Leser die Frage, wie weit die Ich-Erzählerin ihren Fitnesswahn noch betreiben wird. Vick scheint für sie zu einem Vorbild zu werden, dem sie nacheifern möchte, ja das sie sogar übertrumpfen möchte. Dabei überschreitet sie bald Grenzen und geht ein großes gesundheitliches Risiko ein, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern…


Das Buch ist humorvoll und mit einem Augenzwinkern erzählt, thematisiert aber bei aller Ironie auch einen ernsten Hintergrund. Angeprangert wird der exzessiv betriebene Körperkult, bei dem die eigene Gesundheit teils auch aufs Spiel gesetzt wird. Der Selbstoptimierungswahn kennt keine Grenzen und kann schlimme Folgen haben. All das wird in diesem Buch aufgezeigt. Was als harmloses Training beginnt, kann sich zu einem krankhaften Wahn auswachsen. Am Beispiel der Ich-Erzählerin wird ein solches Schicksal verdeutlicht. Ein interessantes Buch, mit einem ausgefallenen Setting, das ich gerne gelesen habe. Der Schreibstil ist flüssig, der Erzählton kreativ.



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