Gefängnis-Thriller
Anna Salomon tritt ihre neue Stelle als Psychologin in der JVA Weyer an. Dabei handelt es sich um ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem solche Täter einsitzen, die die schlimmsten Verbrechen begangen haben, die man sich vorstellen kann. Für Anna ist es die erste Anstellung in einer JVA. Sie will sich an ihrem ersten Arbeitstag keine Nervosität und Unsicherheit anmerken lassen. Bei einem Rundgang mit ihrem Vorgesetzten werden uns die therapeutischen Abläufe in der JVA nähergebracht. Anna wird künftig v.a. viele Einzel- und Gruppengespräche mit den hochmanipulativen Tätern führen. Besonders brisant: Als junge Frau mit noch wenig Berufserfahrung wird sie es mit Sexualstraftätern zu tun haben.
In einem weiteren Blickwechsel lernen wir den Sachbearbeiter Leon kennen. Er arbeitet bei einer Versicherung und muss einen verärgerten Klienten beruhigen. Eingestreute Erinnerungen und Tagebucheinträge verleihen den Figuren dabei mehr Tiefe. So erfahren wir, dass Leon eine problematische Kindheit hatte und das Verhältnis zu seinen Eltern schwer belastet war. Sein Vater misshandelte ihn und die Mutter schützte ihren Sohn nicht. Leons Verhalten ist auffällig und lässt ihn schon zu Beginn des Buchs verdächtig erscheinen: Er entwickelt eine Obsession für eine Kundin, die er stalkt. Er wünscht sich, dass er ihr Partner wäre, und hofft auf eine Beziehung mit ihr.
Während der gesamten Lektüre hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sehr, sehr gut recherchiert hat und auch mit eigener Expertise punkten kann (Sarah Bestgen hat selbst als Psychologin gearbeitet). Die Schilderungen wirken realistisch und authentisch. Das wird v.a. daran deutlich, wie der therapeutische Alltag in der JVA beschrieben wird. Im weiteren Handlungsverlauf wohnen wir immer mal wieder Gesprächen bei, die Anna mit den Insassen führt. Sie versucht dabei keine Schwächen zu zeigen und souverän sowie selbstsicher aufzutreten. Die Häftlinge testen ihre Grenzen aus und provozieren die Psychologin. Diese muss sich immer mal wieder behaupten. Es entwickeln sich subtile Machtspiele zwischen den Insassen und Anna. Sie wittern deren Schwachstellen und versuchen, diese für sich ausnutzen.
Insgesamt ist der Fall im Buch gut verrätselt. Im weiteren Handlungsverlauf erfahren wir, dass Anna einen geheimen Plan verfolgt. Sie will den Mörder ihrer Schwester ausfindig machen. Doch ihr Treiben bleibt nicht unentdeckt. Eines Tages erhält sie Nachrichten mit Drohungen. Sie wird dazu aufgefordert, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch wer steckt dahinter? Und was weiß die Person über Annas Pläne? Und was genau, ist in der Vergangenheit passiert? Die Beantwortung dieser Fragen regt zum Weiterlesen an und entfacht Neugier. Und nach meinem Eindruck konnte man während der Lektüre gut miträtseln. Es werden viele Figuren als mögliche Verdächtige präsentiert. Die Autorin versteht es hervorragend, immer mal wieder Verdachtsmomente zu kreieren. Gleichzeitig erleben wir mit, wie sich Anna selbst überfordert. Sie ist noch immer von dem Tod ihrer Schwester traumatisiert. Immer wieder schweifen ihre Gedanken ab und kreisen um etwas anderes als ihren Job.
Was man noch wissen sollte: Das Tempo des Thrillers ist nicht sehr hoch. Die Erzählweise ist eher ruhig und ausführlich. Der Thriller nimmt sich Zeit für die Figurenzeichnung, für die Ausgestaltung von Details und für die Schilderung von psychotherapeutischen Gesprächen mit den Insassen. Doch die Autorin schafft es nach meinem Gefühl dennoch, die Spannung durchgängig aufrechtzuerhalten. Und am Ende spitzen sich die Ereignisse auch gut zu. Die Spannung zieht noch einmal spürbar an. Die Auflösung am Ende fand ich gelungen. Mir erschien alles schlüssig.. Nur über eine Kleinigkeit bin ich gestolpert (Vorsicht Spoiler): Die Hintergründe des Messerangriffs auf Jonathan blieben mir unklar. Insgesamt ein gelungenes Werk. Ich bin durchgängig an den Zeilen haften geblieben.
Querverweis:
Ein weiterer Gefängnis-Thriller mit einem ähnlichen Setting: "The Institution" von Helen Fields

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen