Mädchen ohne Vergangenheit
Eine Ich-Erzählerin wacht verletzt und erinnerungslos in einem Straßengraben auf. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert ist, und wird rein zufällig von einem Polizisten aufgelesen. Auch an ihren Namen kann sie sich nicht erinnern. Die Suche des Gesetzeshüters in einer Vermisstenkartei führt zu keinem Ergebnis. Und noch während er versucht, die Sache aufzuklären, erscheint ein Mann im Polizeirevier, der seine Tochter sucht und behauptet, dass das verletzte Mädchen zu ihm gehört. Sie heiße Mary Boone. Seine Identität beweist er u.a. damit, dass er alte Fotos von ihr auf seinem Handy hat. Er will dem Beamten auch die Geburtsurkunde und den Sozialversicherungsnachweis vorlegen, wenn er die beiden nach Hause begleitet (was er auch tut). Alles wirkt plausibel und glaubhaft. Der Beamte hat keinen Zweifel daran, dass es sich um den Vater des Mädchens handelt. Doch die Ich-Erzählerin erinnert sich nicht an ihn. Sie hat ein ungutes Gefühl und es fällt ihr schwer, Vertrauen zu fassen. Ihre Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Verunsicherung werden gut greifbar. Doch sie will ihrem Vater glauben. Sein Verhalten gibt zunächst keinen Anlass zur Sorge (bis auf die Tatsache, dass er nicht mit ihr ins Krankenhaus fährt?!). Er verhält sich fürsorglich und freundlich. Doch ohne zu viel zu verraten: Das wird nicht so bleiben. Schon bald wird Mary misstrauisch. Sagt ihr Vater wirklich die Wahrheit?
In einem weiteren Blickwechsel lernen wir Drew kennen, dessen Freundin Lola seit fünf Wochen als vermisst gilt. Verzweifelt verteilt er Flyer in der Stadt, in der Hoffnung die Polizei bei der Suche nach ihr zu unterstützen. Nach seiner Ansicht ergreifen die Gesetzeshüter keine ausreichende Initiative. Sie halten Lola bereits für tot und glauben sogar, dass Drew etwas mit dem Verschwinden von Lola zu tun hat. Sie gehen davon aus, dass zwischen beiden etwas vorgefallen ist, das Drew verheimlicht. Sie machen ihm Vorwürfe, weil er Lola nach einem Treffen allein nach Hause gehen lassen hat und sich erst am nächsten Tag danach erkundigt hat, ob sie sicher zu Hause angekommen ist. Auf genau diesem Rückweg ist sie verschwunden. Er macht sich selbst große Vorwürfe deswegen, aber die Anschuldigungen belasten ihn. Auch andere Leute in der Stadt halten ihn für schuldig, u.a. auch Lolas beste Freundin mit Namen Autumn. Drew fühlt sich falsch behandelt. So wird ihm vorgehalten, dass er nicht genügend mit der Polizei kooperiert. Er selbst weiß, dass er kein Mörder ist, aber viele halten ihn dafür. Verheimlicht er wirklich etwas? Oder liegt die Polizei mit ihren Verdächtigungen falsch?
Was mir gut an diesem Thriller gefallen hat: Das Urteil zu den Figuren wird mit allerlei erzählerischen Kniffen gut gelenkt. Man fragt sich irgendwann, wer die Wahrheit sagt und wer lügt – und das bei beiden Erzählperspektiven. Darüber hinaus will man erfahren, wie die beiden Handlungsstränge zusammenhängen. Die Spannungskurve flacht kaum ab und nimmt am Ende sogar noch an Intensität zu. Ich war während der gesamten Lektüre neugierig auf die Auflösung. Die Sprache ist klar und direkt. Der Text leicht zugänglich. Das Tempo hoch. Die Auflösung raffiniert. Was man noch wissen sollte: Es handelt sich um einen Jugendthriller. Das merkt man v.a. daran, dass es sich bei den Protagonisten um Jugendliche handelt und die Themen eher an jugendlichen Lesern ausgerichtet sind (Coming-of-Age-Merkmale).
Abschließend zwei Kritikpunkte (Spoilergefahr!): Stellenweise wirkt die Handlung auf mich auch mal zu weit hergeholt (z.B. Drews Einbruch bei der Polizei und sein anschließendes Eingeständnis) oder doch zu vorhersehbar (warum bringt Wayne seine Tochter nicht ins Krankenhaus?). Aber dennoch insgesamt eine runde Sache, das Buch.
Querverweise:
Weitere Thriller mit Amnesie-Motiv, die ich rezensiert habe:
Nisi, Sarah: Haltlos
Poznanski, Ursula: Aquila

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