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Freitag, 13. Februar 2026

Wassjakina, Oxana - Die Steppe




Reflexion einer problematischen Vater-Tochter-Beziehung




Eine Ich-Erzählerin begleitet ihren Vater, der als Fernfahrer arbeitet, auf seinen LKW-Touren. Gemeinsam legen sie lange Wege durch die Steppe zurück, transportieren u.a. Rohre von A nach B und müssen viel Zeit zum Warten mitbringen. Gefühle von Road-Romantik kommen stellenweise auf. Aber auch der beschwerliche Arbeitsalltag kommt gut zum Ausdruck. Und darüber hinaus wird die Atmosphäre der Steppe bildhaft und anschaulich sowie unter Einbezug der Beschreibung verschiedener Sinneseindrücke treffend eingefangen.


Verschiedene (autofiktionale) Erinnerungsepisoden wechseln einander ab. Die Ich-Erzählerin reflektiert v.a. ihre Beziehung zu ihrem Vater, aber auch Gedanken an ihren Urgroßvater und ihre Mutter kommen vor. Und es wird rasch deutlich, dass es sich bei dem Vater um eine gebrochene Figur handelt. Er weist einen selbstzerstörerischen Charakter auf und verkehrt immer mal wieder mit dubiosen Figuren. Er konsumiert Heroin und trinkt zu viel. Er nimmt sich immer wieder Auszeiten, um rauschhafte Zustände zu erleben. Dabei wirkt der Vater oft wie ausgewechselt. Wenn er sich betrinkt, kann er liebevoll sein, aber auch brutal agieren. Des Weiteren zeigt sich, dass der Vater eine kriminelle Vergangenheit aufweist. Er war Teil einer Bande und saß auch für längere Zeit im Gefängnis. Im weiteren Handlungsverlauf eröffnet uns die Erzählerin, dass ihr Vater an Aids verstorben ist (im jungen Alter von nur 47 Jahren).


Der Handlungsaufbau ist fragmentarisch-sprunghaft. Die Erinnerungsepisoden folgen keiner Chronologie. Es gibt keinen roten Faden. Die Gedankenführung ist oft assoziativ. (vgl. dazu auch meine Rezension zum Werk „Die Wunde“, das Ähnlichkeiten aufweist). Im Zentrum steht aber die Reflexion der Beziehung zum Vater sowie die Verarbeitung seines Verlusts. Die Ich-Erzählerin denkt viel über ihre eigene Familiengeschichte und das Aufwachsen innerhalb ihrer zerrütteten Familienverhältnisse nach. Nicht nur die Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater verlief krisenhaft, auch das Verhältnis zu ihrem Vater wird wiederholt von Krisen geprägt. Auch der Tod des Vaters, seine Krankheit und die Beisetzung werden thematisiert. So erinnert sich die Erzählerin z.B. an einen Aufenthalt in Astrachan, wo sie dem Grund für den Tod des Vaters herausfinden wollte. Eingeschoben werden aber auch mehrfach Erinnerungen an die gemeinsamen LKW-Fahrten mit dem Vater. Eine weitere interessante biographische Station, die sie beleuchtet: Der Besuch des Vaters in Moskau, wo sie am Literaturinstitut studierte. Letztlich zeigt sich, dass die Gefühle der Ich-Erzählerin dem Vater gegenüber äußerst ambivalent sind. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Nähe und Ablehnung. Stellenweise wirkt die Beziehung innig, dann wieder distanziert. 


Was auch auffällt: Es gibt im Text immer mal wieder intermediale Verweise auf russische Sänger, Lieder, Autoren und Werke, deren genaue Einordnung landeskundliches Wissen voraussetzt. Hier hätte ich mir die ein oder andere erläuternde Fußnote gewünscht. Eine tiefere Sinnebene ergibt sich durch den Handlungsort der Steppe. Deren Leere kann sinnbildlich für das problematische Vater-Tochter-Beziehungsverhältnis stehen. Auch spiegelt sie den inneren Zustand der Ich-Erzählerin wider. Im Vergleich zu „Die Wunde“ ist der Text nicht ganz so experimentierfreudig gestaltet worden. So gibt es z.B. keine lyrischen Passagen. Das Poetisch-Bildhafte tritt in diesem Werk spürbar zurück. Eine auffällige Parallele zu „Die Wunde“ ist aber u.a., dass punktuell wieder direkte Schilderungen von (v.a. weiblicher) Sexualität vorkommen. Während sich die Erzählerin in "Die Wunde" den Erinnerungen an die Mutter widmet, steht nun der Vater im Zentrum der Aufmerksamkeit. Beide Werke fügen sich zu einem familiären Gesamtbild zusammen.


Querverweise:
Wassjakina, Oxana: Die Wunde


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