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Montag, 2. Mai 2022

McCreight, Kimberly - Freunde. Für immer.


4 von 5 Sternen


Differenziert angelegtes Figurenensemble

Der Thriller „Freunde. Für immer.“ von Kimberly McCreight besticht nach meinem Dafürhalten vor allem durch ein sehr differenziert angelegtes Figurentableau, wie ich es selten in anderen Thrillern gefunden habe. Im Zentrum stehen die Freunde Jonathan, Derrick, Keith, Stephanie und Maeve, die sich an einem Wochenende zu einem Junggesellenabschied treffen. Es geht um die Rekonstruktion eines tragischen Vorfalls, der sich im Rahmen dieses Aufeinandertreffens ereignet: Keith und Derrick sind plötzlich spurlos verschwunden und die Polizei findet eine nicht identifizierbare Leiche. Und bei der Vernehmung durch Detective Julia Scutt rückt dann auch ein Geheimnis aus der Vergangenheit wieder ins Bewusstsein der Gruppe, das alle Beteiligten zu verschleiern versuchen. Das alles wird äußerst spannend erzählt.

Hohe Spannungsintensität

Es dauert zwar etwas, bis man alle Figuren kennen gelernt hat und man einen Überblick über die Gruppe bekommt, doch dann schafft es die Autorin den Leser bis zum Schluss zu fesseln. Ich war unheimlich neugierig darauf, zu erfahren, was sich nun beim Junggesellenabschied genau ereignet hat und welches Geheimnis die Freunde zu bewahren versuchen. Das treibt die Handlung voran.

Unerwartete Wendungen und ein schlüssiges Ende

In „Freunde. Für immer“ gibt es am Schluss eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hätte. Das ist gelungen. Auch wird die Handlung so schlüssig beendet, dass am Ende nichts offen bleibt, und die Handlungsfäden werden plausibel aufgelöst. Auch das ist lobenswert. Nicht jeder Thriller, den ich gelesen habe, schafft das. 

Facettenreich gestaltete Figuren

Das ist ganz klar die Stärke dieses Thrillers. Wir haben die fünf Freunde, die sehr facettenreich und mit einer eigenen Charakteristik und Vergangenheit herausgearbeitet wurden. Die Autorin geht bei jeder Figur sehr ins Detail und vermag auch die Beziehungsverhältnisse zwischen den Charakteren sehr differenziert und tiefgründig zu gestalten. Für einen Thriller ist das absolut außergewöhnlich. Besonders interessant fand ich Keith und sein Drogenproblem. Auf diese Weise erhält man einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt eines Abhängigen. Und auch der unterschiedliche Umgang der Gruppe mit dem Geheimnis in der Vergangenheit ist lesenswert. Jeder hat seinen ganz eigenen Blick auf die Geschehnisse. Deutlich werden auch die Verlogenheit und falsche Loyalitäten innerhalb der Gruppe.

Hinzu kommt eine Ermittlerin, die auch gut ausgearbeitet wurde: Detective Julia Scutt. Was bei ihr gut zum Ausdruck kommt, ist die Rivalität zu ihrem Vorgesetzten. Und was ihrer Figur ebenfalls einen besonderen Reiz verleiht: Sie lebt mit einem traumatischen Erlebnis, dem Verlust ihrer Schwester Jane. Auch dazu werden interessante Hintergründe in die Handlung integriert. Besonders gefallen haben mir die geschilderten Verhöre. Scutt weiß mehr, als sie sagt, und die fünf Freunde geben nicht immer Antworten, die zu ihrem Hintergrundwissen passen. Sie hat durch die Ermittlungen einen Informationsvorsprung, von dem die Freunde wiederum nichts wissen. Das ist schon gut gestaltet. Spannend ist auch, wie sie die Front der Gruppe zum Zusammenbrechen bringen will, indem sie einen Keil zwischen die Freunde treibt. 

Dynamische erzählerische und sprachliche Gestaltung

Positiv hervorzuheben, ist die geschickte mehrperspektivische Gestaltung. Die Perspektiven der fünf Freunde und von Julia Scutt werden im Wechsel dargeboten, wie es bei vielen mehrperspektivischen Thriller der Fall ist. Hinzu kommt noch eine weitere Perspektive, über die ich aber an dieser Stelle nicht zu viel verraten will. Und die Autorin versteht ihr Handwerk, die Blickwinkeländerungen sind geschickt platziert und man erlebt ein- und dieselbe Situation teilweise aus mehreren Perspektiven und erhält so einen guten Überblick über das Geschehen.

Was gibt es zu bemängeln? In meinen Augen fast nichts. Die Figuren sind allesamt sehr realistisch und lebensecht gestaltet worden, man ist beim Lesen lediglich stark gefordert. Es dauert etwas um in die Handlung hineinzufinden. Zu Beginn hinterlassen die vielen Figuren und Perspektivwechsel einen etwas unübersichtlichen und unstrukturierten Eindruck auf mich. Man wird von den vielen Details und Zeitsprüngen etwas erschlagen. Aber vielleicht geht das nur mir so. Nach meiner Einschätzung sollte man bei der Lektüre schon aufmerksam sein, damit man alle Zusammenhänge versteht. Das hat meinen Lesegenuss schon etwas getrübt, so dass ich dem Thriller deswegen nicht die volle Anzahl von Sternen gebe. Es ist ein sehr guter Thriller, aber kein herausragender. Und das „innovative Element“ fehlt mir auch.

Fazit

Ein sehr guter Thriller, der seine Stärke vor allem in der differenzierten Darstellung der Figuren und Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren zeigt. Es dauert etwas, um in die Handlung hineinzufinden. Die Lektüre fordert die Aufmerksamkeit des Lesers. Aus diesem Grund gebe ich nur vier Sterne, spreche aber trotzdem eine Leseempfehlung aus!


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