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Donnerstag, 28. Mai 2026

Kvensler, Ulf - Die Klippe




Psychologisch und wendungsreich




Marcus war einst erfolgreicher Schriftsteller, arbeitet nun aber schon seit längerem als Postbote. Nach einigen Jahren Funkstille meldet sich Ernst wieder bei ihm, den er damals in einer Autorenschule kennen gelernt hat, die beide besuchten. Zu dieser Zeit haben sie sich gut verstanden. Ernst lobte Marcus stets für das, was er zu Papier gebracht hat, auch wenn Ernst sich eher als Außenseiter fühlte und für untalentiert hielt.


Nach ihrer gemeinsamen Zeit hat Ernst einen anderen Weg als Marcus eingeschlagen. Während Marcus einen kommerziellen Weg ging und dabei (wie erwähnt) auch Erfolge feiern konnte, ist Ernst in einer Kulturredaktion als Literaturkritiker gelandet und schreibt anspruchsvolle Texte für einen kleineren Leserkreis. Am Telefon wünscht sich Ernst ein Treffen mit Marcus, um ihn um etwas zu bitten…


Ernst eröffnet Marcus, dass er einen Spannungsroman geschrieben hat, den er aber unter einem Pseudonym veröffentlichen möchte. Er bittet Marcus darum, das Manuskript seiner Literaturagentin zuzuspielen, um ein Feedback zu erhalten. Marcus willigt ein und wenig später zeigt sich die Agentin begeistert. Neugierig liest auch Marcus ins Manuskript hinein und ist sehr angetan vom Text.


Fälschlicherweise geht die Agentin davon aus, dass Marcus das Manuskript geschrieben hat. Und Marcus lässt viele Gelegenheiten aus, um die Sache eindeutig aufzuklären. Die Sache verselbstständigt sich und letztlich einigen sich Marcus und Ernst darauf, dass das Buch unter Marcus Namen erscheinen soll. Ernst will mit dem Buch nicht in Verbindung gebracht werden, weil er um den Verlust seines Rufs fürchtet. Marcus soll auch die Vermarktung und den Vertrieb übernehmen (Lesungen, Interviews und Veranstaltungen). Beide verständigen sich darauf, dass Marcus mit 25% an den Einnahmen beteiligt wird, und sie behalten ihre Vereinbarung für sich. Die Agentin und den Verleger lässt Marcus in dem Glauben, dass das Buch von ihm ist. Sogar seiner Frau gegenüber gibt sich Marcus als Autor des Buchs aus. Der Konflikt ist vorprogrammiert…


Das Buch wird sehr erfolgreich und verkauft sich blendend. Doch die Situation mit Ernst gerät im weiteren Handlungsverlauf zunehmend außer Kontrolle. Ernst bombardiert Marcus mit Anrufen, macht Druck bei den Geldüberweisungen und taucht eines Tages sogar bei einer Lesung auf und stellt unangenehme Fragen zum Buch. Ernst scheint seine Entscheidung zu bereuen. Er muss mitansehen, wie Marcus gefeiert wird. Und Marcus hat sich in die Abhängigkeit von Ernst begeben. Zu spät wird ihm klar, was er für ein Risiko eingegangen ist. Für Marcus steht alles auf dem Spiel und er entwickelt große Ängste. Und als Leser stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie sich das Verhältnis der beiden Autoren weiter entwickeln wird. Kommt es zu einem Streit? Und wird die Lüge auffliegen? Und falls ja, welche Folgen wird das für beide haben?


Eingeflochten werden immer mal wieder auch Rückblicke in die Vergangenheit, auf einzelne Figuren und Geschehnisse. Sie verleihen der Handlung mehr Tiefe. So erhalten wir einen Einblick in die Zeit, als Ernst und Marcus gemeinsam die Autorenschule besuchten. Darüber hinaus erfahren wir auch, wie Marcus einst seine Agentin kennen gelernt hat und wie er sich als Schriftsteller entwickelte (u.a. wird auch geschildert, wie seine Romane rezensiert und rezipiert wurden). Seine Agentin war stets eine wichtige Stütze für ihn.


Das Buch liest sich insgesamt wieder sehr flüssig (wie auch die anderen beiden Bücher des Autors). Kvensler schreibt toll (bzw. die Übersetzung ist hervorragend gelungen). Die Psychologie der Figuren wird toll eingefangen und der Thriller entwickelt sich wendungs- und ereignisreich sowie überraschend (und das auf natürliche Art und Weise). Man kann sich sehr, sehr gut in die Lage von Marcus hineinversetzen. Er ist Ernst völlig ausgeliefert. Ich war emotional am Geschehen beteiligt und fand das Buch insgesamt äußerst spannend. Auch die Auflösung ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich und kreativ. Und zum Ende hin nimmt die Intensität an Spannung nochmal zu und der Plot entwickelt sich in eine unvorhergesehene Richtung. Ein tolles Buch, das Kvensler hier abgeliefert hat. Hat mir auch wieder besser gefallen als „die Insel“.


Querverweise:

Kvensler, Ulf: Der Ausflug
Kvensler, Ulf: Die Insel


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