Dieses Blog durchsuchen

Freitag, 12. Juni 2026

Schmitt, Caroline - Monstergott



Sexualität als Sünde



Zu Beginn des Buchs erleben wir mit, wie an Ben eine rituelle Reinigung vollzogen wird. Er wird auf diese Weise von seinen Sünden reingewaschen und er hofft, Vergebung zu finden. Ben ist sehr gläubig. Die Bibel ist sein ständiger Begleiter. Er brennt für Jesus und die Liebe Gottes erfüllt ihn. Er ist Mitglied in einer Freikirche. In dieser wird das Gemeinschaftsgefühl großgeschrieben und es gibt strenge Verhaltensregeln, an die man sich halten muss. Das Leben der Gemeinschaft im Einklang mit Gott wird gut eingefangen.


Und auch Bens Schwester Esther gehört zur Gemeinde der Freikirche. Sie lernen wir in einem weiteren Blickwinkel kennen. Die Perspektiven der Geschwister wechseln einander von Kapitel zu Kapitel ab. Esther und Ben leben in einer WG zusammen. Was Esther auszeichnet: Sie sehnt sich danach, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Doch als Frau muss sie zurückstecken. V.a. der Pastor bremst sie aus und meint, sie solle weniger Forderungen stellen. Seiner Meinung nach hat sie eine dem Mann untergeordnete Position einzunehmen. Schließlich sei Adam noch vor Eva von Gott geschaffen worden. Esther vertritt da eine andere Auffassung und gerät in Konflikt mit dem Pastor (dieser erscheint im weiteren Handlungsverlauf in einem immer schlechteren Licht). Sie hadert mehr mit den Regeln der Freikirche als ihr Bruder…


Von Ben erfahren wir, dass er ein großes Problem mit seiner eigenen Sexualität hat. Er legt regelmäßig Hand an sich selbst an und danach überkommt ihn Reue. Heimlich besucht er einen Therapeuten, der v.a. christliche Patienten behandelt. Ben hofft, seine „Störung“ zu überwinden. Der Therapeut animiert Ben schließlich dazu, an einem Seminar teilzunehmen, in dem er ein striktes Programm durchläuft, um seine Sucht in den Griff zu bekommen. Als Leser begleiten wir Ben bei dem Besuch dieses „Heilungsseminars“. Dem therapeutischen Ansatz konnte ich während der Lektüre nur mit Kopfschütteln begegnen…


Esther erscheint dem Leser längst nicht so verklemmt wie ihr Bruder, aber auch sie hat keinen entspannten Umgang mit Sexualität. Einerseits unterhält sie sich offen mit einer Freundin über sexuelle Themen und gibt ihr Ratschläge, was das Führen einer Ehe betrifft. Andererseits ist ihre Beziehung zu ihrem damaligen Freund Paul wegen der vielen Regeln gescheitert, die die Kirche damals beiden auferlegt hat. Sie ist immer noch in Paul verliebt, findet aber keinen Weg, um mit ihm glücklich zu werden. Zu sehr plagt sie ein schlechtes Gewissen.


Überhaupt werden die Themen „Sexualität“ und „(gläubige) Gestaltung von Mann-Frau-Beziehungen“ immer wieder im Buch angesprochen. Die Kirche achtet sehr darauf, ihren Mitgliedern die korrekten Verhaltensregeln zu vermitteln. Auf Dauer ist diese streng religiöse Gedankenwelt, die man durch Esther und Ben während der Lektüre vermittelt bekommt, aber sehr anstrengend und ermüdend zu lesen. Die Gedanken, Gefühle und Dialoge kreisen sehr stark um die oben genannten Themen und das immer wieder auf Neue. Inwieweit hier auch Klischees bedient werden, kann ich nicht beurteilen. Dafür sind mir die Regeln des Zusammenlebens, wie sie von der Freikirche vorgeschrieben werden, zu unbekannt (aber die Doppelmoral des Pastors wirkt sehr stereotyp). Der Plot erschien mir phasenweise etwas ziellos. Ich wusste nicht immer, auf was das Ganze hinauslaufen soll. Für mich hätten die inneren Konflikte, in denen sich die Figuren befinden, insgesamt noch greifbarer werden müssen. Mein Urteil: Ein mittelprächtiges Buch. Was aber wieder deutlich wird, die Autorin schreckt abermals nicht davor zurück, ein "heißes Eisen" anzufassen. Das zeigte sich schon bei ihrem Debut (den Wechsel des Verlags kann ich übrigens absolut nachvollziehen).


Querverweis:

Schmitt, Caroline: Liebewesen


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen