Spannend, aber mit Luft nach oben
Anna arbeitet als Kindermädchen bei den Westrups, einer reichen Familie, und kümmert sich in ihrer Freizeit um ihren kleinen siebenjährigen Bruder und die depressive Mutter. Doch eines Tages teilt ihr Henri, der Vater der Familie, mit, dass ihre Dienste nicht länger benötigt werden. Als Grund führt er die familiären Umstände von Anna an. Ihre Schwester Juli gilt seit mehr als einem Jahr als vermisst, ihr Vater ist Tatverdächtiger und sitzt in Untersuchungshaft. Eine Leiche wurde aber bisher nicht gefunden. Dies alles mache seiner Tochter Angst, so Henri. Das erste Kapitel endet dann mit einem Cliffhanger. Zum Abschied entwendet Anna den Haustürschlüssel der Westrups. Was hat sie vor?
Danach folgt ein Blickwinkelwechsel zu Katharina Engels. Sie ist Ermittlerin und spricht im Gefängnis mit einem Insassen, der behauptet, etwas über Juli zu wissen. Der verdächtige Vater habe ihm die Tat gestanden. Die Polizei informiert Anna und deren Mutter daraufhin, dass sie neue Hinweise erhalten hat. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und das Leid der Familie beginnt erneut. Sie quälen sich seit dem Verschwinden von Juli mit dem Gedanken, was ihr passiert sein könnte. Die Ungewissheit belastet sie. Nur Anna ist stark genug, die Familie noch zusammenzuhalten, und das Schicksal von Juli nicht zu nah an sich heranzulassen. Ihre Mutter ist labil und psychisch am Ende. Das kommt gut zum Ausdruck. Und die Hinweise des Insassen bewahrheiten sich. Im Keller der Familie findet man menschliche Überreste. Handelt es sich etwa um Juli?
Hinzu kommt die belastende Situation mit dem Vater, der seinerseits behauptet, nichts mit dem Tod von Juli zu tun zu haben. Er versichert Anna, jemand wolle ihm etwas anhängen. Und sie glaubt ihm. Doch für die Ermittler ist klar, dass die Familie etwas zu verbergen hat und der Vater auf jeden Fall schuldig ist. Seltsam! Wer jetzt allerdings glaubt, dass die Schuld des Vaters ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, der irrt. Der Handlungsstrang um den Vater steht nicht allzu sehr im Vordergrund. Über ihn erfahren wir insgesamt wenig. Der Thriller schlägt eine andere Richtung ein. Trotzdem habe ich mich während der gesamten Lektüre gefragt, auf Grundlage welcher Beweise der Vater eigentlich in Haft ist. Dies bleibt leider eine ungelöste Frage. Schade!
Insgesamt wird der Thriller spannend, ereignisreich und packend erzählt. Am Ende spitzt sich die Situation gut zu. Die Konturen der Figuren sind klar erkennbar. Der Fall ist gut verrätselt. Ich hatte viele offene Fragen im Kopf, die ich beantwortet wissen wollte. Der Schreibstil ist eingängig und gelungen. Das alles hat mich klar überzeugt. Nur über die etwas groteske Ausgangssituation muss man hinwegsehen: Da verliert eine Familie ihre Tochter und meldet sie als vermisst. Und der Polizei fällt nichts Besseres ein, als die Familie selbst zu verdächtigen. Schon merkwürdig, oder nicht?!
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, die Spannung ist über das ganze Buch hinweg deutlich spürbar, was v.a. auch den sehr gut platzierten Cliffhangern liegt. Zwischendurch hatte ich punktuell aber auch mal Irritationen, was die inhaltliche Ausgestaltung des Plots angeht (Vorsicht Spoiler: Warum wird Anna überhaupt von den Westrups eingestellt? Warum geben die Ermittler im Verhör mit Anna so viel Täterwissen preis?). Meine Kritik betrifft aber die Auflösung am Ende. Diese konnte mich (leider) nicht „abholen“. Manches geht sehr abrupt vonstatten und entsteht unvermittelt aus dem Nichts. Und dann bricht die Handlung kurz nach der Auflösung einfach ab und es folgt der Epilog. Auch ist mir nicht alles klar geworden (Vorsicht Spoiler: Wessen Überreste hat man jetzt im Keller gefunden?). Bezeichnend finde ich eine Aussage der Autorin im Nachwort. Dort schreibt sie, dass sie zu Beginn des Schreibens auch nicht wusste, wer am Ende schuld sein wird. Das merkt man (leider)…

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen