Über die schwierige Selbstverwirklichung einer alleinerziehenden Mutter
Die alleinerziehende Wanda lebt mit ihrer 5-jährigen Tochter Karlie in einem Plattenbau in Berlin und schlägt sich so durch, mehr schlecht als recht. Ab und zu nimmt sie an Castings teil, weil sie auf einen Durchbruch als Schauspielerin hofft. Sie erfährt aber regelmäßig eine Abfuhr nach der nächsten (die Schauspielschule hat sie nie abgeschlossen). Das Leben bietet ihr wenig Chancen. Sie muss sich mit ihrem armutsgefährdeten Dasein arrangieren, gibt aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann daraus auszubrechen. Sie sehnt sich nach einer Form von Selbstverwirklichung und wirkt dabei sehr selbstreflektiert. Ihrem Umfeld in der „Platte“ fühlt sie sich nicht wirklich zugehörig.
Zu Beginn des Romans wird deutlich, wie sie die Betreuung von Karlie sehr in Anspruch nimmt, die an einer hartnäckigen Mittelohrentzündung laboriert. Sie denkt viel über ihre eigene Rolle als Mutter nach und stellt fest, dass sich durch die Geburt ihrer Tochter Prioritäten verschoben haben. Der Männerwelt, die in diesem Roman an vielen Stellen in keinem sehr guten Licht erscheint, hat sie fürs erste abgeschworen. Was ebenfalls auffällt: Die triste häusliche Umgebung wird gut eingefangen. Wanda und die anderen benachbarten Mütter haben stets ein wachsames Auge auf ihre Kinder, wenn diese im Hof spielen.
Eines Tages wird Wanda wieder einmal zu einem Vorsprechen eingeladen, auf das sie sich gewissenhaft vorbereitet. Und nach langer Zeit des Misserfolgs hat sie endlich Glück. Sie bekommt die Rolle, für die sie vorgesprochen hat. Und nicht nur das: Sie lernt auch ihren Filmpartner Adam kennen, zu dem sie sich hingezogen fühlt und der eine wichtige Stütze für sie wird. Er ist in der Schauspielwelt kein Unbekannter und erfolgreich.
Doch leider hält das berufliche Glück nicht lange an und wird durch private Sorgen belastet: Karlies Gesundheitszustand verschlechtert sich. Ihre Schmerzen werden stärker und Wanda sucht Ärzte auf, die sich allesamt wenig empathisch verhalten. Die Fürsorge für Karlie nimmt Wanda völlig in Beschlag. Die Verantwortung für ihre Tochter drängt die mögliche Verwirklichung ihrer beruflichen Chance völlig in den Hintergrund. Und weil Wanda irgendwann nicht mehr weiterweiß und Angst um ihre Tochter hat, landet sie schließlich in der Notaufnahme. Und auch dort nimmt man sie nicht wirklich ernst. Das Personal wirkt überfordert und bringt wenig Mitgefühl auf. Als Leser ist man emotional berührt und nimmt Anteil am Geschehen, v.a. als man bei Karlie endlich den Verdacht auf eine Gehirnhautentzündung diagnostiziert und Wanda Todesängste ausstehen muss.
Wie wird es mit Mutter und Tochter nun weitergehen? Wird Wanda in einer rauen, harten und empathielosen Welt noch beruflich erfolgreich und „die Platte“ hinter sich lassen? Wird Karlie wieder auf die Beine kommen und sich erholen? Und wie wird sich die Beziehung zu Adam weiterentwickeln? Das sind die zentralen Fragen, die man sich ab diesem Zeitpunkt stellt. Ohne zu viel zu verraten, kann ich zumindest vorwegnehmen, dass Wanda ab einem gewissen Punkt in eine gefährliche Abwärtsspirale gerät. Immer wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, ereignet sich das nächste Unglück. Und man erhält einen Einblick in das harte Business des Filmgeschäfts. Die Nöte einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein krankes Kind kümmern muss, werden gut deutlich.
Abschließend noch ein wenig Kritik: Ich hätte gern noch mehr über Karlies Vater erfahren. Es stellt sich die Frage, was zwischen ihm und Wanda schiefgelaufen ist und was er für ein Mensch ist. Warum hat sie sich von ihm getrennt? Zu alldem hätte ich gern noch mehr gewusst. Stellenweise fand ich die Figurengestaltung und gewisse Handlungselemente etwas klischeehaft (aber nicht so, dass es mich gestört hätte. Es ist mir nur aufgefallen). Auch das Ende war für mich nicht ganz rund. Ich hätte mir einen anderen, härteren und weniger versöhnlichen Abschluss gewünscht (nach allem, was Wanda und Karlie durchgemacht haben).
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