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Montag, 1. Januar 2024

Leibig, Timo - Reaktor




4 von 5 Sternen



Packend, kreativ und bereichernd


Wow, was für ein Auftakt. Wir sind sofort mittendrin im Geschehen und werden mitgerissen. Ein Atomkraftwerk wird hochgefahren und dabei kommt es zu einer Katastrophe. Doch was genau vor sich gefallen ist, das lässt Timo Leibig in seinem Thriller „Reaktor“ (2022) zunächst in der Schwebe. Das ist spannend arrangiert. Man fragt sich sofort, was passiert ist und ob bzw. wie die Katastrophe noch eingedämmt werden kann. Die Neugier ist geweckt. Und nach dem Einstieg folgt ein Schwenk zu Jonathan, der im Auftrag der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) auffällige Messwerte an der Grenze zur Schweiz untersuchen soll. Er ist Ermittler im Außendienst. Gibt es hier einen Zusammenhang? Soll der GAU etwa vertuscht werden? Warum weiß niemand etwas von dem GAU? Was wird Jonathan herausfinden?

 

Bei dem Kerneaktor, bei dem es zu einer Katastrophe kam, handelt es sich um einen Thorium-Flüssigsalz-Reaktor. Gekühlt wird in dieser Anlage mit Flüssigsalz statt mit Wasser, so dass bei einer Kernschmelze die Explosionsgefahr gering ist. Es bildet sich nämlich kein gefährlicher Wasserstoff. Doch wie konnte dann spaltbares Material nach außen dringen? Können die erhöhten Messwerte, die Jonathan untersuchen soll, überhaupt von dem Flüssigsalz-Reaktor stammen? Das sind weitere Fragen, die man sich während der Lektüre zu Beginn stellt.

 

Nebenbei werden auch noch interessante Fakten zu den Atomkatastrophen in Tschernobyl und in Fukushima sowie Argumente für und gegen die Nutzung von Atomkraft in die Handlung in Form von Gesprächsinhalten mit eingebaut. Auch über die mögliche Beseitigung von Atommüll und über die Sicherheitsvorkehrungen von Kraftwerken habe ich etwas dazugelernt (z.B. zu der Terrorismus-Abwehr). Ich konnte mich beim Lesen also auch noch weiterbilden. So etwas mag ich! Und was ich ebenfalls gut finde: Der Autor selbst lässt nicht erkennen, welche Position er bevorzugt. Er überlässt es den Leser:innen, seine bzw. ihre Schlussfolgerungen aus dem Gelesenen zu ziehen.

 

Auch menschliche und tierische Schicksale, die unter den Folgen der Katastrophe leiden und mit denen wir mitfühlen können, werden geschildert: So lernen wir z.B. den Franzosen Alain kennen, der in Grenoble ein strahlenbelastetes Wildschwein erlegt und daraufhin die Strahlenkrankheit erleidet. Schrecklich! Man möchte sich nicht vorstellen, dass es in Europa jemals zu einem GAU kommt. Mir kamen bei der Lektüre Assoziationen zu „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang in den Sinn.

 

Jonathans Untersuchungen werden im weiteren Handlungsverlauf immer mysteriöser, so dass sich der Inhalt noch in eine weitere, unvorhersehbare Richtung entwickelt. Es gehen merkwürdige Dinge vor sich, die er sich nicht erklären kann. So wird er z.B. von erschreckend realistischen Alpträumen heimgesucht. Doch ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Hier nur so viel: Es werden auch interessante Theorien aus der Kosmologie integriert. Ich habe die Geschehnisse auf jeden Fall bis zu einem gewissen Punkt mit großem Interesse gelesen und hatte Freude daran, was der Autor sich hat einfallen lassen. Leider konnte ich ab einem gewissen Punkt dann aber nicht mehr mitgehen. Da wurde es mir dann doch zu weit hergeholt.

 

Fazit: Leibig schreibt abwechslungs- und ereignisreich. Es wird nie langatmig, das Tempo ist ebenfalls hoch. Der Thriller ist spannend, die Spannungsbögen werden immer wieder geschickt unterbrochen, und das Werk weist viele Verrätselungen auf. Während der Lektüre hat man viele offene Fragen im Kopf. Das alles ist richtig, richtig gut! Das einzige, was ich etwas schade fand und warum ich keine 5 Sterne geben kann: Die Auflösung des Ganzen kam mir zu früh. Dann war bei mir die Luft heraus, zumal es mir dann auch insgesamt zu unrealistisch wurde. Der Handlungsstrang um die Frage, ob die Katastrophe hätte vereitelt werden können, hat mich dann gar nicht mehr gepackt und mitgerissen. Kurzum: Zwei Drittel waren top, das letzte Drittel konnte nicht mit dem Beginn mithalten.

2 Kommentare:

Volker Kaiser hat gesagt…

Wie du sicher weist, bin ich kein Freund von SiFi. Aber was du schreibst, klingt richtig spannend und gar nicht so unnatürlich. VG

Tobias hat gesagt…

Es ist schon Science-Fiction, ich konnte nicht zu viel spoilern, sonst hätte ich zu viel verraten. Ab einem gewissen Punkt ist es dann schon phantastisch. In China wird allerdings tatsächlich ein solcher Flüssigsalzreaktor hochgezogen. VG

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