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Sonntag, 10. Mai 2026

Harpman, Jacqueline - Ich, die ich Männer nicht kannte




Feministische Parabel




Eine Ich-Erzählerin hält in einem Bericht ihre Erinnerungen an ihre Gefangenschaft fest. Zusammen mit 39 anderen Frauen wird sie in einem Käfig unter der Erde festgehalten und von männlichen Wärtern mit Peitschen beaufsichtigt. Sie ist das jüngste Mitglied der Gruppe. Zwischen beiden Geschlechtern herrscht absolute Kommunikationslosigkeit. Die Männer reden nicht mit den Frauen (und zwar über das ganze Buch hinweg). In ihrer Fantasie flüchtet sich die Ich-Erzählerin in amouröse Abenteuer mit einem der Aufseher, behält diese intimen Gedanken aber für sich. Ihr gefallen die Empfindungen, die sie dabei verspürt. Später ereignet sich eine überraschende Wendung. Die Männer ergreifen eines Tages die Flucht und verschwinden. Die Frauen bleiben allein mit einem Schlüsselbund zurück. Sie befreien sich und lernen erstmals die Welt außerhalb des Käfigs kennen. Dabei werden sie von der permanenten Angst vor einer Rückkehr der Wärter begleitet. Doch von den Männern fehlt jede Spur. Fortan müssen die Frauen allein zurechtkommen und man fragt sich, wie es mit ihnen weitergehen wird und was sie entdecken werden.


Der Kontext des Ganzen bleibt nebulös. Das Wissen der Ich-Erzählerin ist auf das Hier und Jetzt und einen kleinen Handlungsspielraum beschränkt. Und als Leser wissen wir genau so wenig wie die Protagonistin. Man weiß nicht, warum die Frauen gefangen sind, wie es dazu kam und warum es gerade ausschließlich Männer sind, die sie überwachen. Auch weiß man nicht, warum die Männer eines Tages die Flucht ergreifen und wohin sie verschwunden sind. Das alles eröffnet jede Menge Interpretationsspielräume. Leider gibt der Text selbst aber kaum Hinweise, um den Inhalt in eine bestimmte Richtung zu deuten, was ich schade finde (oder leben die Frauen etwa auf einem anderen Planeten, wie sie selbst oft mutmaßen?). Dadurch bleibt der Interpretationsspielraum, was den Kontext des Geschehens betrifft, ungewöhnlich groß. 


Das Buch ist vermutlich als Parabel zu verstehen. Dahinter steckt (unter anderem, aber nicht nur) die feministische Idee, dass Frauen in einer von Männern dominierten Welt nur Gefangene sind, die überwacht und kontrolliert werden. Die Männer machen die Regeln, die Frauen haben diese zu befolgen und werden unterdrückt. Die Frauen sind nur vom Wohlwollen der Männer abhängig und können nicht selbstbestimmt leben. Das Patriarchat lässt grüßen. Doch auch das Fehlen der Männer führt nicht zu einem glücklichen Zustand der Frauen. Fortan irren sie ziellos durch die Welt und sind auf der Suche nach ihrem Lebenssinn und sich selbst. Für mich eine undifferenzierte Sichtweise, was das Patriarchat betrifft, aber nun gut. Die komplexen gesellschaftlichen Machtverhältnisse werden hier auf zu vereinfachende Weise und zu schematisch heruntergebrochen. Vielleicht bin ich aber auch der falsche Adressat und verstehe einfach zu wenig von den feministischen und philosophischen Ideen, die in diesem Buch stecken und die ich übersehen habe (Stichwort: Platonische Höhle, Existenzialismus etc.)


Zu Beginn erwartet die Leserinnen und Leser ein ausufernder Erzähler(innen)bericht mit vielen (öden) Beschreibungen zu Alltagsverrichtungen. Spannung kommt nicht auf. Die Frauen leben unter widrigen Umständen. Die hygienischen Zustände sind miserabel. Ihr Dasein ist völlig sinnentleert. Die Abläufe der Tage sind monoton und ähneln einander. Sie leben unter permanenter Beobachtung und Kontrolle. Es herrscht Zeitlosigkeit. Die Frauen wissen weder, wie spät es ist, noch wissen sie, wie viel Zeit bereits vergangen ist oder welcher Tag oder Monat ist. Insgesamt verläuft die Handlung ereignisarm. Stattdessen liest man viel innere Handlung. Erst die Wendung, als die Männer verschwinden, bringt etwas Schwung ins Buch. Die Frauen entschließen sich, die Umgebung zu erkunden. Sie packen Proviant ein und hoffen, anderen Menschen zu treffen und mehr über sich und ihr Dasein zu erfahren (und als Leser hofft man ebenfalls darauf).


Nach dem Aufbruch der Frauen werden zahlreiche existenzielle Fragen aufgeworfen (wo komme ich her, wer bin ich, warum bin ich hier etc.). Und der Tod wird zum ständigen Begleiter. Die Jahre vergehen und nach und nach versterben immer mehr der ehemaligen Gefangenen (teils natürlich, teils durch Suizid). Doch auf Dauer liest sich auch dieser Teil des Buchs über weite Strecken öde. Der Inhalt wiederholt sich oft, die innere Handlung dreht sich häufig im Kreis. Es passiert wenig. Das Geschehen stagniert. Ereignisarmut prägt den Plot. Schon gar nicht darf man darauf hoffen, dass man irgendeine Antwort auf eine der vielen Fragen erhält, die man als Leser bei der Lektüre mit sich herumträgt. Aber das ist ja bewusst so gestaltet (Stichwort: Parabel). Stattdessen liest man viel distanzierten Erzähler(innen)bericht mit viel (philosophischer) Selbstreflexion der Ich-Erzählerin. Und darüber hinaus: Thematisierung von Vergänglichkeit, Schilderung von Alterungsprozessen und Sterbebegleitung, Darstellung von körperlichem Verfall. Kurzum: Das Buch konnte mich inhaltlich nicht abholen und spannend war es leider auch nicht. Die feministische Lesart, die vom Buch eröffnet wird, bleibt mir zu symbolisch und ist nicht differenziert gesellschaftsanalytisch. Und der kreierte Interpretationsspielraum zum Kontext des Geschehens bleibt mir insgesamt zu offen und zu unbestimmt.


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